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Bologna 2.0 - zwischen update und remake

Von Dieter Lenzen

Sind Bologna-Reform und universitäre Bildung ein Widerspruch in sich, wie die Kritiker meinen? Oder tragen antiquierte Reaktionen eine Mitschuld an diesem Dissens? Was muss geändert oder wiederbelebt werden, damit das Angebot "bildender Begegnung" in der Universität wieder mit Leben erfüllt werden kann?

Bologna 2.0 - zwischen update und remake© view7 - Photocase.comBologna-Reform und universitäre Bildung - ein Widerspruch in sich?
Die nachfolgenden Überlegungen könnten wie eine Invektive gegen diejenigen erscheinen, die sich mehr als zehn Jahre bemüht haben, aus Bologna das Beste zu machen - sei es aus Überzeugung oder aus Verpflichtung. Ihnen, die darin sehr viel Lebenszeit investiert haben und die Überzeugung nicht verloren haben, dass Bildung durch Wissenschaft möglich und nötig ist, ist dieser Text gewidmet. Er ist zugleich Dank an sie und eine Anerkennung dessen, dass die Reform selbstverständlich auch sehr positive Seiten hatte, wenn sie Verbindlichkeit an die Stelle von egoistischer Beliebigkeit setzte.

Um dem Verdacht zu entgehen, nur die akademische Germania, das kontinentale Erbe des Universitätsdenkens, retten zu wollen, wo doch angeblich alle längst begriffen haben, dass die Zukunft der Welt angloamerikanisch ist, sei John Stuart Mill vom 1. Februar 1867 bemüht: Er fordert, dass eine Universität "nicht der Ort für berufsmäßige Erziehung sei", dass "Universitäten nicht dazu da seien, um ein Wissen zu lehren, welches erforderlich ist, um zu einer bestimmten Art des Broterwerbs zu befähigen". Er lehnt das "Studium der Berufswissenschaften" ab und äußert klar, dass universitäre Bildung da aufhöre, wo Bildung aufhöre, eine allgemeine zu sein. Jenseits der klassischen deutschen Universitätsidee existierte dieser Gedanke also durchaus einmal in jener nordatlantischen Welt, die es heute geschafft hat, ganz Europa dazu zu bringen, seine kontinentalen bildungstheoretischen Wurzeln zu vergessen und an ihre Stelle ein angeblich globalisierungsfähiges Konzept beruflicher Bildung im universitären Raum zu setzen.

Wer fragen muss, was allgemeine universitäre Bildung sei, setzt sich dem Verdacht aus, grundsätzlich keinen Zugang zu dem zu haben, was Bildung als Ermöglichungsraum ausmacht. Es ist ein semantisches Feld, dessen Grenzen dadurch bestimmt werden, dass man zumindest sagen kann, was Bildung nicht ist. Als wir 1997 vor der Aufgabe standen, für unser Buch über das Erziehungssystem einen Text für die vierte Umschlagsseite zu finden, und wir uns darüber unterhielten, durch welche Negativdefinitionen Bildung sich vielleicht noch bestimmen ließe, entschieden Niklas Luhmann und ich uns für eine Abgrenzung gegenüber "Erziehung". Deswegen steht dort: "Erziehung ist eine Zumutung, Bildung ist ein Angebot". - Je mehr wir universitäre Lehre determinieren, ihre Inhalte, die Methoden der Vermittlung und die Verfahren der Leistungsüberprüfung, desto mehr verlassen wir die Figuration des Angebots.

Bologna und die kontinentale Bildungstradition

Wenn wir zu dem Schluss kämen, dass es sich bei den neuen Studiengängen nicht um ein Angebot, sondern um eine Zumutung handelt, dann kann Bildung in ihnen nicht stattfinden. Dann wäre das universitäre Geschehen also von einer Bildungsveranstaltung zu einem Erziehungsprozess geworden.

Mit einem gewissen Interesse an Prozessen der Systementwicklung wirft man dabei gern die Frage auf, wie das geschehen konnte, warum die kontinentale und insbesondere auch deutsche Bildungstradition so schwach war, dass sie von einem institutionellen Imperialismus des Globalisierungsprozesses im dritten Sektor überrollt werden konnte. Stieß der Bologna-Prozess in ein Vakuum an Bewertungsgemeinsamkeiten, das durch die quantitative Explosion des tertiären Sektors entstanden war, und versprach er, viele Probleme auf einmal zu lösen: die unzureichende Mobilität innerhalb Europas und darüber hinaus, die Beliebigkeit der Curriculum-Inhalte der Hochschullehrpläne, die vermeintlich fehlende Berufsorientierung des Studiums, die scheinbar politisch motivierten, faktisch aber nicht selten auf Anstrengungsvermeidung von Lehrenden zurückgehende Liberalität im Umgang mit Qualitätserwartungen, Prüfungsleistungen und Verbindlichkeiten?

In der Herkunftskultur des Bachelor-Master-Systems und des neuen Universitätstypus wurden übrigens die gleichen Probleme identifiziert und auch erfolgreich bearbeitet. So hat Hans Weiler unlängst darauf hingewiesen, dass das amerikanische Universitätssystem sehr wohl die "Chance der persönlichen Entfaltung durch Bildung" fokussiert habe, dass es darauf verzichte, einen standardisierten "Normaltypus" des oder der Studierenden vor Augen zu haben und deswegen viel stärker differenziere, auch institutionell, dass das US-amerikanische System die Zugangswege zum Studium längst wesentlich verbreitert habe, dass Beratung und Betreuung eine Selbstverständlichkeit sind und dass zum Beispiel zwischen Studiengängen mit mehr Praxisoder mehr Forschungsbezug unterschieden werde.

Berufsfähigkeit nicht einziges Ziel

Die Umsetzung des Bologna-Prozesses muss also nicht zwangsläufig dazu führen, dass aus einer Bildungsstätte eine Erziehungsanstalt wird, wenn man an dem Gedanken festhält, dass Wissenschaft in der Universität nicht allein dazu da ist, Menschen berufsfähig zu machen, sondern ihnen Plätze in ihrer Stellung zur Welt zu öffnen, ihnen, die sie - immer jünger werdend zumal - im Vertrauen auf uns solche Plätze gezeigt bekommen möchten.

Irgendwie haben wir nach den zurückliegenden Jahren aber alle begriffen, dass es so nicht weitergehen kann. Aber statt uns auf die Inhalte zu konzentrieren, auf die Erwartung an Hochschullehrer, Vorbilder der leidenschaftlichen Wahrheitssuche und des Bekenntnisses zu werden, reagieren wir vielleicht zu schnell mit Instrumenten des Dienstleistungsbetriebes: "Qualitätssicherung". Ihre Einführung ist eine typische pfadabhängige Entscheidung, die auf eine weiter zurückliegende konsequent folgt. Diese Maßnahme könnte überflüssig sein, wenn die Universität eine Bildungseinrichtung wäre, denn gebildete Menschen brauchen weder sozialpädagogische Betreuung noch brauchen sie Coaches und Ratschläge für ihre immer dicker werdenden Bewerbungsmappen. Qualität müsste eigentlich eine Frage der Haltung und nicht des Managements sein.

Als Student habe ich in den Ferien gelegentlich in einer Pralinenfabrik gearbeitet. Weil wir fanden, dass wir schlecht bezahlt wurden, zerschlugen wir ab und an mit einem Hämmerchen an der Verpackungsstraße die frisch eingefüllten Pralinen, bevor wir den Deckel über die Schachtel streiften, und besonders Übermütige unter uns brachten tote Mäuse mit, die sie in einzelne Schachteln steckten, nachdem sie die Pralinen verzehrt hatten. Ein Qualitätsmanagementsystem machte dem Treiben ein Ende. Wir müssen uns also die Frage stellen: Welche toten Mäuse haben die Universitäten in ihren Curricula verpackt, in ihrem akademischen Unterricht, so dass es notwendig wurde, Qualitätsmanagement einzuführen? Wir alle kennen diese Kadaver. Ihre bloß instrumentelle Bekämpfung führt uns vor Polaritäten von Lohn und Strafe, von Besserwisserei und Ahnungslosigkeit, von Eitelkeit und Verwahrlosung, von Übereifer und Schlendrian.

Wir stehen vor einer unangenehmen Frage: Sollen wir mit Methoden des Mentorings den Verlust der "bildenden Begegnung" im akademischen Unterricht kompensieren? Sollen wir das Qualitätsmanagement an die Stelle der Hingabe an die Sache (Schleiermacher, Horkheimer) stellen? Und sollen wir dem einzelnen Absolventen die Verantwortung für sein eigenes Leben abnehmen und ihn auch noch in die ersten Berufspositionen hieven? All das kostet unglaublich viel Kraft, Geld und Verdruss, in der das Personal inzwischen tiefe Spuren von Burnout zeigt. Müssen wir nicht stattdessen dafür optieren, die verbleibenden Kräfte darauf zu richten, mit Bologna so zu leben, dass wir uns um die Formalitäten nur im Rahmen des unbedingt Notwendigen kümmern und zu erkennen geben, dass wir um die Unmöglichkeit wissen, Qualität arithmetisch zu erfassen?

Was macht eine Bildungsstätte aus?

Sollten wir nicht unsere Kräfte darauf richten, den wissenschaftlichen Nachwuchs für eine Bildungsstätte auszubilden und das vorhandene Personal darin zu ermutigen, seine Fachlichkeit unter den Anspruch des Allgemeinen zu stellen? Wäre das eine akademische Lehre, - die "problem-based" und "inquirybased" agiert, zwei Methoden, die im Herkunftsland des BA/MA-Konzepts Selbstverständlichkeit sind, - die jungen Menschen hilft zu lernen, unsere und ihre Probleme zu identifizieren und zu antizipieren und vor allem Lösungen zu bieten, - die von der Selbstlerntätigkeit des menschlichen Gehirns ausgeht statt von dessen Belehrung? Wäre das ein Studienbetrieb, in dem studentischer Unterricht einen festen Platz hat? Wären das Entscheidungsprozesse, die deshalb zu erfolgreichen Resultaten führen, weil an der Generierung von Lösungen diejenigen beteiligt waren, die von ihnen betroffen sind? Wären das Curriculuminhalte, die allgemein genug sind, dass sie Bildung ermöglichen und speziell genug, dass sie bloßes Geschwätz unterbinden? Und wären das Leistungsüberprüfungen, die wirklich Auskunft geben über die Persönlichkeit des Studierenden in seiner ganzen Breite, statt über seine Fähigkeit, Tests und Klausuren zu überstehen?

Vielleicht wäre das eine Universität der nachhaltigen Zukunft, die ihr Ziel darin sieht, der Welt nicht mehr zu entnehmen, als sie ihr zurückgibt. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass eine solche Bewegung sich gegen die Intentionen der zurückliegenden 15 Jahre richten muss, die ja grundsätzlich mit dem Ziel der Bildung zum Weltbürgertum vereinbar sind, ja, vielleicht sogar ein Versuch von dessen Realisierung. Bei dieser Überlegung sollten wir uns nicht ängstigen lassen vom Menetekel des Untergangs. Allerdings dürfen solche Reflexionen auch nicht denen Platz einräumen, die hinter dem Ziel der Verwirklichung von Bildung wegen deren Indefiniertheit die Idee von "anything goes" wiederbeleben möchten, die im Zweifelsfall keine regulative Idee, sondern nur die Symptomatik von Faulheit und Dummheit wäre. Bologna 2.0 muss nicht nur ein "update" sein, sondern auch ein Stück "remake" von Bildung.

Gekürzte und überarbeitete Version eines Vortrags», der anlässlich der ZEIT-Konferenz "Hochschule und Bildung" am 9. Juli 2010 vom Autor gehalten wurde.


Über den Autor
Professor Dieter Lenzen ist Professor für Bildungsphilosophie. Seit 2010 ist er Präsident der Universität Hamburg. Darüber hinaus ist er Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz und Mitglied des Councils der European Universities Association.


Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2010

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