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Bologna tut not - ein Plädoyer

Von Peter Gaehtgens

Die Etablierung eines europäischen Hochschulraumes ist ohne Zweifel ein ambitioniertes Unterfangen. Dass Reformen, die diesem Ziel dienen sollen, nicht sogleich aus einem Guss sein können, ist nach Ansicht ihrer Verfechter kein Zeichen für den kompletten Misserfolg. Ein Plädoyer für die Fortführung mit Nachbesserungen.

Bologna tut not - ein Plädoyer© Emrah Turudu - iStockphoto.com
Erst seit etwa vier Jahren gibt es die neu strukturierten Bologna-Studiengänge, die Zahl der BA/MA-Absolventen ist noch überschaubar, die Kinderkrankheiten der Umstrukturierung keineswegs ausgeheilt, und doch wird die Bolognareform insgesamt schon heftig verurteilt. Wissenschaftlich seriös ist das nicht: Mehrere Jahrgänge von Absolventen müssten ihr Studium beendet haben und sorgfältige Analysen über die Effekte der Reform vorliegen, um ein verlässliches Urteil zu ermöglichen - das ist bisher nicht der Fall. Vorschnell sind daher die Behauptungen von zurückgehender internationaler Mobilität der Studierenden, von weiterhin hohen Abbrecherzahlen, von mangelnder Anerkennung von Studienabschlüssen im Ausland. Damit aber ist niemandem gedient.

Ansprüche der Gesellschaft

Was sagte der Wissenschaftsrat in seinen jüngsten Empfehlungen zur Lehre? "..Unter Professoren an Universitäten ist immer noch ein berufliches Selbstverständnis verbreitet, nach dem die Lehre in erster Linie die Darstellung der disziplinären Wissensgrundlagen und aktuellen Forschungsergebnisse sei. Eine systematische Ausrichtung der Lehrangebote an den Erwartungen und Fähigkeiten der Studierenden sowie den Anforderungen des Arbeitsmarktes wird dagegen häufig als nachrangig betrachtet. Ein Aufgaben- und Berufsverständnis, das sich in erster Linie an der Heranbildung des Forschernachwuchses ausrichtet, steht dem allgemeinen Ausbildungsauftrag der Universitäten entgegen..." (Wissenschaftsrat 2008, S. 44 f.)

Dies ist ein wichtiger Kern des Umsetzungsproblems der Bolognareform in Deutschland. Ohnehin ist "..insbesondere an Universitäten...die Anerkennung für ein Engagement in der Lehre systematisch niedriger als für ein Engagement in der Forschung.." (dito, S. 40) Aber die Bologna-Ziele sind tatsächlich für das deutsche Hochschulsystem eine stärkere Herausforderung als für Universitäten in Großbritannien, Holland oder Skandinavien. Denn sie fordern von der deutschen Universität vor allem eine stärkere Außenorientierung. Die Gesellschaft formuliert ihre Ansprüche an die Universität als Ausbildungs- und Bildungsstätte der jungen Generation und erwartet nicht nur Verteidigung der Tradition: Die Welt, in die die Hochschulen ihre Absolventen entlassen, hat sich verändert.

Es ist wichtig, dass die Universität auf diese neuen Herausforderungen angemessen reagiert. Das erfreulich hohe Interesse junger Menschen, das in den weiterhin steigenden Zahlen von Studienbewerbern zum Ausdruck kommt, belegt, dass die Universität in der Breite der Gesellschaft als eine für die kulturelle, soziale, technologische und ökonomische Entwicklung des Landes eminent wichtige Institution wahrgenommen und eine Hochschulausbildung als für den Lebenserfolg unverzichtbar anerkannt wird. Darauf kann die Universität stolz sein, muss sich aber bemühen, sich diesen Zuspruch weiterhin zu verdienen. Die weitaus größte Zahl der Studierenden aber strebt eine Tätigkeit in der nicht-akademischen, jedoch zunehmend wissenschaftlich geprägten Arbeitswelt an. Die Herausforderung an die Universitäten besteht daher darin, den Qualifizierungsanforderungen für die sich immer schneller verändernde Arbeitswelt zu entsprechen und den Prozess wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung und Wissensprüfung sowie die Vermittlung wissenschaftlicher Grundlagen damit zu verknüpfen.

"Outcome"-Orientierung

Eine der zentralen Forderungen von Bologna, die durchaus nicht der Universitätstradition in Deutschland entspricht, ist die konsequente Orientierung des Studienangebots an dem zu erreichenden Ergebnis ("outcome") einer Qualifizierung für eine Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt ("employability"), die schon mit dem ersten Studienabschluss, dem Bachelor oder Baccalaureus, verbunden sein muss. Das ist auch für die deutsche Universität kein unzumutbares Ziel, denn sie war immer auch der berufsqualifizierenden Ausbildung verpflichtet: Ärzte, Juristen, Lehrer, Pfarrer, Veterinäre, Ingenieure werden bis heute nach bindenden Regeln ausgebildet, die keineswegs von der Universität, sondern von Berufsorganisationen, vom Staat oder den Kirchen im Blick auf die Erfordernisse der Arbeits- und Berufswelt bestimmt werden.

Große Bildungsvielfalt

Ein wichtiges und im traditionellen Studiensystem nicht in gleicher Weise erreichbares Bologna-Ziel ist die Möglichkeit einer großen Vielfalt von Bildungs- und Qualifizierungslaufbahnen im Laufe einer Lebensspanne bis ins höhere Alter. Die gestufte Bologna-Studienarchitektur, die wechselnde, zeitlich begrenzte Ausbildungsphasen (Bachelor, Master, Promotion, postgraduale Weiterbildung) mit Unterbrechungen durch Phasen beruflicher Erfahrung in einem Prozess lebenslangen Lernens umfasst, wird den nicht mehr auf das übliche studentische Alter begrenzbaren Qualifizierungsanforderungen an die Menschen ungleich besser gerecht. Leider sind Hochschulen in Deutschland insbesondere im Bereich der Weiterbildung noch relativ wenig engagiert - auch in dieser Beziehung ist Bologna hierzulande noch nicht realisiert. Bologna begann als eine politische Vereinbarung mit dem Ziel, im zusammenwachsenden Europa Transparenz und Durchlässigkeit der Hochschulausbildung sowie Vergleichbarkeit der Abschlüsse herzustellen. Wenn die Mobilität junger Menschen ermöglicht, ihre weltläufige Kulturerfahrung gefördert und ihre Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit entwickelt werden soll, ist dies ein wichtiges Ziel. Ein Umbau zu einer klar definierten Studienstruktur mit einem an den Studierenden orientierten Leistungsanspruch ("workload"), der auch zur Studienzeitverkürzung beitragen kann, ist, wie der internationale Vergleich zeigt, nicht unvernünftig.

Zu restriktive Vorgaben

Aber noch ist einiges im Argen bei den gegenwärtigen Bologna-Bemühungen in Deutschland. Denn die Reform kam in einer Phase massiv gestiegener Studierendenzahlen, mit denen die finanzielle und daher auch personelle Ausstattung der Hochschulen nicht Schritt hielt. Die Reform aber - und nicht nur sie - verlangt im Interesse der Qualität der Lehre ein besseres Betreuungsverhältnis. Ihre Umsetzung erfolgte ferner in einer durch Vorgaben des Staates sehr restriktiven Weise, die der Intention der ursprünglichen Bologna-Beschlüsse nicht entsprach: Die strikte Definition von konsekutiven und nicht-konsekutiven MA-Programmen, die in einigen Bundesländer verordnete Begrenzung der BA-Studiengänge auf drei Jahre, die an einigen Universitäten nicht unmittelbar überzeugende Organisation des Prüfungswesens und andere Rahmenbedingungen der Reform brachten sie in Misskredit, was sie nicht verdient. Daher sind jetzt Nachbesserungen - wie aber bei jeder Reform diesen Umfangs und Anspruchs - erforderlich, die, sofern konsequent vollzogen, den Bolognaprozess erfolgreich machen werden. Hier gibt es den Zwang zum Erfolg, denn das deutsche Hochschulsystem kann und sollte sich der Entwicklung des europäischen Bildungsraums nicht entziehen.

Über den Autor
Peter Gaehtgens ist Professor emeritus für Physiologie der Freien Universität Berlin und seit 1996 Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). 1999 bis 2003 war er Präsident der FU, 2003 bis 2005 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und 2005 bis 2009 Board Member der European University Association. Seit 2008 ist er Vorsitzender des Universitätsrats Schleswig-Holstein.

Aus Forschung und Lehre :: Juni 2009

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