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Bologneser Elegien. Aus dem Alltag eines bolognalen Sachbearbeiters

von ROLF-ULRICH KUNZE

Während die Hochschulpolitik die Bologna-Reform unermüdlich als Erfolgsmodell feiert und verteidigt, stellt sich Bologna in der Praxis für viele als pure Standardisierung des Studiums heraus. Polemische Anmerkungen eines Hochschullehrers aus den (Un-)Tiefen des Studienalltags.

Bologneser Elegien. Aus dem Alltag eines bolognalen Sachbearbeiters© scusi - Fotolia.comDie Geschichte von Hase und Igel: Hochschule gegen Hochschulpolitik
Hochschulpolitik ist das eine, universitärer Lehr- und Verwaltungsalltag das andere. Dabei geht es nur immer weniger um Selbstverwaltung, sondern um Zuarbeit für die bildungspolitische Planwirtschaft.

ECTS: Nischen in der Diktatur

Zu den besonders sichtbaren Veränderungen des Studienalltags durch die Bolognareform gehört die Einführung des ECTS, des European Credit Transfer Systems. Da die B.A./M.A.-Studiengänge nach KMK-Vorgaben nicht mehr in erster Linie durch Inhalte, sondern eine kybernetisch-hybride Kontrollstruktur bestimmt werden, ist die reakkreditierungsfeste Mess- und Steuerbarkeit aller Studienleistungen ihr Qualitätsmaßstab. ECTS ist eine Vision, die Dr. No alle Ehre gemacht und vor der Double 0-7 James Bond die Welt einmal mehr gerettet hätte: totale Vergleichbarkeit und damit Kontrolle von Studiengeschehen im Bologna-Herrschaftsraum! Was bislang noch nicht einmal im Kollegium einer Fakultät möglich war, soll nun, wenn schon in nicht in der Bologna-EU, dann zumindest dort Wirklichkeit werden, wo die KMK das Sagen hat.
Der Ansatzpunkt dafür ist interessant und erweist das ECTS als ein legitimes Kind tayloristischer Produktionsprozessoptimierung. Die ECTS-Punkte sind nichts anderes als ein Kontroll-System zur Normierung der Arbeitslast von Lern-Arbeitnehmern am Fließband modularisierter Studiengänge. Sie bewerten weder die intellektuelle Leistung im Sinne einer Notenskala noch den Zeitverbrauch - so ist das System lange missverstanden worden -, sondern sollen anzeigen, welchen Workload der einzelne Student geschultert und bewältigt hat. Das ist klug ausgedacht. Im Idealfall ist die Kontrolle total und begeistert die Rektorate, die Prüfungsämter der Universitäten und populistische Politiker, die endlich verkünden können, die volkswirtschaftliche Verschwendung des selbstentfaltungsorientierten Bummelstudententums ausgemerzt zu haben. Und in der Tat: Transparent ist dieses Vorgehen.

Schon die Nennung der Semesterzahl erlaubt der BaföGStelle, den Eltern und jedem, der es wissen will, den erforderlichen Studienfortschritt gemäß onlinegestellter Modulhandbücher zu überprüfen. Man könnte es auch Sowjetisierung nennen.
Auf die Leistung des Individuums oder solchen Luxus wie den persönlichen Gewinn in intellektueller Hinsicht, gar Bildung, kommt es nicht mehr wirklich an: nice to have, aber kein essential, wo nur die Punktzahl und die Regelstudienzeit wirklich zählen. Bleibt nur die Schwejksche Variante des augenzwinkernden Unterlaufens, z.B. bei den studienbegleitenden Leistungen als Zulassungsvoraussetzung für Modulprüfungen. Die Freiheit liegt in den Inhalten. Ich habe einmal angeboten, zum passenden Vorlesungsgegenstand ein von mir ausgesuchtes Gedicht schriftlich zu interpretieren, auswendig zu lernen, in meiner Sprechstunde vorzutragen und mit mir zu besprechen. Wie ich erwartet hatte, haben die ambitionierteren Studentinnen und Studenten von dem Angebot Gebrauch gemacht und so u.a. die Österreichische Kaiserhymne nicht nur gelernt, zusammengefasst und interpretiert, sondern am Ende des Semesters sogar freiwillig als gemischter Chor laut und falsch zu Gehör gebracht. "Gott erhalte Franz, den Kaiser!" Trotz Bologna.

Schlüsselqualifikationen ohne Schloss

Hätte man vor vierzig Jahren den Versuch unternommen, einem Hochschullehrer zu erläutern, was in unserer bolognal gepassten Universität unter Schlüsselqualifikationen verstanden wird, wäre seine Reaktion gewesen, dass dies ein überflüssiger Begriff für das ist, was man im Gymnasium lernt: vor allem Probleme in Texten und Sachverhalten zu analysieren, diese Analyse in einem eigenen Text zusammenzufassen und passabel mündlich vorzutragen. Nun kann man einwenden, das sei lange her. Aber die Sache ist aktueller als gedacht.
Die Wirtschaftsverbände beklagen seit Jahr und Tag die diesbezüglich schlechte Ausbildung ihrer Jungarbeitnehmerinnen und -nehmer. Es fehle an Problemanalysefähigkeit, mündlicher Kommunikationsfähigkeit und Stressresistenz bzw. Frustrationstoleranz. Die deutschen Bolognapolitiker haben verstanden. Sie legten fest, dass in deutschen Reformstudiengängen den Schlüsselkompetenzen -SQ- aufgrund ihrer angeblich berufsqualifizierenden Bedeutung eine Schlüsselstellung zufallen soll. Unser kritischer Hochschullehrer vor vierzig Jahren hätte hier vorgebracht, dass man wissenschaftliches Lesen, Schreiben und Reden ohnehin im seminaristischen Unterricht zumindest der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie des Studium Generale lernt, aber blenden wir auch das einmal als vorbolognal aus.

Die Bologna-Antwort auf das Problem besteht in einer institutionell zementierten Mischung aus küchenpsychologischer Lebenshilfe, Entspannungsgymnastik und Zwangsbeschulung in Powerpoint, präsentiert im motivationalen Kompetenz-Sprech der innerbetrieblichen Weiterbildung von vor dreißig Jahren. Das SQ-Schlüsselwort ist Kompetenz. Jede erbrachte Studienleistung muss einem vorab definierten Portfolio von Kompetenzen entsprechen, die in den Modulen inhaltsunabhängig zu vermitteln sind. In keiner Lehrveranstaltungsankündigung darf daher der Hinweis auf die dort zu erwerbenden Kompetenzen und ihre SQ-Relevanz fehlen. Wie auch immer: In jedem Seminarraum sollte ein kleiner SQ-Altar aufgestellt werden, an dem Dozenten und Studenten täglich Kerzen für Leadership, Teamfähigkeit, Selbstreflexionsfähigkeit und Bewerbungs- DEnglisch entzünden können. Spiritualität ist die Schlüsselqualifikation schlechthin: Gelobt sei Bologna. Praise the Lord! (2 ECTS-Pkte.).

100prozentige Referenzen

Die Wissenschaftspolitik aller Ebenen wird nicht müde, sich für die Einführung der 100prozentigen Selbstauswahl von Studierenden durch die Hochschulen selbst zu beglückwünschen. Was das in der Praxis konkret bedeutet, muss die Entscheider nicht kümmern, denn dafür sind die Länder und die Universitäten zuständig, außerdem entscheidet ihr Politikfeld keine Wahl. Nehmen wir das Beispiel des Übergangs vom B.A.- zum M.A.-Studium. In der experimentellen Wildwest-Phase der Bologna-Reform bestand für diese Frage noch keine gängige Praxis, da es erst wenige oder noch gar keine B.A.-Absolventen gab.
Als sich das änderte, tauchte das M.A.-Zulassungsproblem, von Kapazitäten ganz abgesehen, auch deshalb auf, weil aufgrund der Unbekanntheit des B.A.-Studienabschlusses ein Großteil der Bachelors of Despair einen Masterabschluss in der berechtigen Hoffnung anstrebte, wenigstens damit etwas anfangen zu können.

Mit den Jahren führten die Hochschulen ein in Grenzen variierendes Standardprocedere für den B.A./M.A.-Transit ein, zu dessen Bestandteilen häufig Referenzschreiben von Hochschullehrern gehören. Nun ist die deutsche Universität seit den tonnenideologischen Wissenschaftsreformen der 1970er Jahre eine erfahrene bürokratische Anstalt, deren Personal hohe Kompetenz in gelebter Ironie (leider auch: Schizophrenie) angehäuft hat, wie man den Anforderungen der politischen Bürokratie genügt und zugleich ein Minimum an akademischer Selbstachtung wahrt. Der systemische Overkill von Begutachtungen unabhängig vom Prüfungsgeschehen für diejenigen, die ein Masterstudium aufnehmen wollen, führte zwangsläufig zur Totalstandardisierung der Referenzen.
Die aufnehmenden Hochschulen begannen regelförmig nach der Bekanntheit mit den Bewerberinnen und Bewerbern aus Lehrveranstaltungen, den Leistungen dort sowie nach der Einordnung in die Gruppe der besten 5, 10 oder 20 Prozent der Studierenden zu fragen, so dass die Referenz kaum noch etwas anderes war als ein verbalisierter Notenspiegel mit Prognose im Stil des Arbeitszeugnisses.

Das ist die reale Welt der 100prozentigen Selbstauswahl der Studierenden, welche die Politik so lobt. Kein 5, 10 oder 20prozentiger Erfolg, ein 100prozentiger. Es ist nicht nur wie im realen Sozialismus, den in seinem Lauf weder Ochs noch Esel aufhielten. Ochs und Esel laufen in Zeiten der unternehmerischen Hochschulen immer um die beste Lösung um die Wette. Aber dafür passt eigentlich die Geschichte von Hase und Igel besser: Hochschule gegen Hochschulpolitik.

Über den Autor
Rolf-Ulrich Kunze lehrt Neuere und neueste Geschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Aus Forschung & Lehre :: April 2015

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