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Boni für die Besten

Von Ludger Wößmann

Gerade im Bildungssystem wären leistungsorientierte Gehälter sinnvoll. Denn eine besonders motivierte Lehrerschaft ist am Ende vor allem gut für die Schüler.

Boni für die Besten: IFO Bildungssystem© Dan Race - Fotolia.com
Seit ein paar Wochen fegt eine Medienlawine durchs Land. Neue Studie belegt: Wer ein schlechtes Abi hat, wird Lehrer! titelte etwa die Bild-Zeitung auf der ersten Seite. Den Stein ins Rollen gebracht hatten wohl - ganz unbeabsichtigt - einige Berechnungen, die ich am ifo Institut München zur deutschen Lehrerschaft angestellt hatte. Dabei sind diese Befunde nicht wirklich neu: Nur Gymnasiallehrer haben einen ähnlichen Abiturdurchschnitt wie andere Hochschulabsolventen; Grund-, Haupt- und Realschullehrer liegen um einiges darunter. Dies gilt nicht nur im Vergleich mit Universitätsabsolventen mit Diplom oder Staatsexamen, sondern auch im Vergleich mit Fachhochschulabsolventen. Nichts liegt mir ferner, als dem Ansehen des Lehrerberufs schaden zu wollen. Ganz im Gegenteil habe ich absolute Hochachtung vor jedem, der diesen für die Zukunft unserer Gesellschaft so wichtigen Beruf motiviert und kompetent ausführt. Die Qualität unserer Lehrerschaft ist, wie Forschungsergebnisse belegen, zentral für die Bildungsleistungen unserer Kinder. Gerade deshalb muss mehr darüber diskutiert werden, wie wichtig eine hochkarätige Lehrerschaft ist und wie wir sie bekommen.

Es gibt Lehrer mit Einser-Abitur, die ihren Schülern nichts vermitteln können

Die fachliche Kompetenz der Lehrer ist eines der ganz wenigen Merkmale, für die ein systematischer Zusammenhang mit den Lernleistungen der Schüler empirisch belegt ist. Ein grober Indikator dafür können in Deutschland die Abiturnoten sein. Natürlich genügt es nicht, sie als alleinigen Maßstab heranzuziehen: Es gibt schwache Abiturienten, die hervorragende Lehrer werden, und Einser-Abiturienten, die Schülern nichts vermitteln können. Aber dies sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Überhaupt ist es wichtig, nicht alle Lehrer über einen Kamm zu scheren, weil es eklatante Unterschiede in Leistung, Motivation und pädagogischen Fähigkeiten gibt. Die Schulnoten aber gar nicht anzuschauen wäre so abenteuerlich, wie sie als einziges Kriterium zu betrachten.

Nun aber werden verschiedene Befunde kontrovers diskutiert. So schrieb die ZEIT vor einigen Wochen: »Nicht die schlechten Abiturienten werden Pädagogen, sondern die motivierten« - und bezog sich damit auf eine Studie des Max-Planck- Instituts für Bildungsforschung. Interessanter weise bestätigt diese Untersuchung an baden-württembergischen Abiturienten genau meine oben genannten deutschlandweiten Befunde zu den Abiturnoten angehender Lehrer. Gleichzeitig macht sie darauf aufmerksam, dass sich Lehramtsstudenten gerade auch in ihren beruflichen Interessen von anderen Studierenden unterscheiden. So geben Nichtgymnasiallehramtsstudenten zwar ein geringes intellektuell-forschendes, aber ein ausgeprägtes soziales Interesse an. Allein wegen dieses sozialen Berufsinteresses aber sofort die rosarote Brille aufzusetzen ist leider keine gute Idee. Eine vom Hochschul-Informations-System durchgeführte, bundesweit repräsentative Befragung von Studienanfängern im Wintersemester 2007/08 zeigt, dass nur 44 Prozent der Lehramtsstudenten anstreben, in fachlicher Hinsicht Überdurchschnittliches leisten zu wollen, was unter den Studierenden aller Fächer (60 Prozent) mit Abstand am geringsten ist.

Umgekehrt ist der Anteil derer, die anstreben, viel Freizeit zu haben, unter den Lehramtsstudenten mit 41 Prozent mit Abstand am größten. Der einzige positive Aspekt besteht darin, dass 87 Prozent der Lehramtsstudenten viel mit Menschen umgehen wollen. Auch deuten erste Befunde einer erziehungswissenschaftlichen Längsschnittstudie, die baden-württembergische Lehramtsstudenten bis in den Beruf begleitet hat, an, dass ein großer Teil der Lehrer, die sich im Beruf überfordert fühlen, schon während des Studiums wenig motiviert war. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass dem mangelnden Engagement eines Teils der Lehramtskandidaten eine größere Bedeutung für die Qualität der Lehrerschaft zukommen dürfte als Burn-out-Effekten.

Wer also behauptet, alle Lehrer seien höchst kompetent, der lässt genauso viel Realitätssinn vermissen wie derjenige, der der Lehrerschaft pauschal Kompetenzen und Motivation abspricht. Wie kommen wir aber dahin, eine durchweg leistungsstarke Lehrerschaft zu bekommen? Die größte Aufmerksamkeit innerhalb dieser Dis kussion erhielt der Vorschlag von Bundesbildungsministerin Schavan, die Unternehmen sollten ihre besten Mitarbeiter für zwei Stunden pro Woche als Lehrer abstellen. Nichts gegen eine Ausrichtung der Schulen auf »die Welt da draußen«, aber an dem allgemeinen Problem der Lehrerschaft ändert ein solcher Vorschlag nichts. Auch Forderungen nach einem Numerus clausus für das Lehramt greifen zu kurz. Es liegt auch nicht am generellen Niveau des Gehalts: Wie ein weiterer Teil meiner Berechnungen zeigt, verdienen männliche Lehrer im Durchschnitt genauso viel wie andere Hochschulabsolventen, weibliche Lehrerinnen sogar erheblich mehr als ihre Kolleginnen. Interessanterweise liegt in Finnland, wo sich vielfach die Besten eines Jahrgangs um den Lehramtsberuf bewerben, das Lehrergehalt auf einem eher niedrigen Niveau.

Die Ausbildung geht an der Realität in den Klassenzimmern vorbei

Dennoch dürfte in der Gehaltsstruktur ein wichtiger Ansatzpunkt für eine leistungsfähigere Lehrerschaft liegen. Derzeit lassen die Gehälter jegliche Anreize vermissen, die leistungsbewusste Menschen in den Lehramtsberuf locken könnten. Lehrer haben so gut wie keine Aufstiegsmöglichkeiten. Außerhalb des Gymnasiums werden alle Lehrer automatisch in eine Besoldungsgruppe eingeordnet, an der sich im Laufe ihres Berufslebens nichts mehr ändert.

Eine leistungsorientierte Vergütung würde helfen, um die Besten in die Klassenzimmer zu holen. Wer seinen Schülern das meiste beibringt, sollte mit entsprechenden Boni belohnt werden. In Finnland gibt es diverse Zulagen für Lehrer, die sich zusätzlich engagieren, in benachteiligten Gebieten unterrichten oder besondere Leistungen in der Lehre erbringen. Es ist kein Zufall, dass der Lehrermangel in Deutschland gerade in den mathematisch- naturwissenschaftlichen Fächern besonders groß ist. Studierenden dieser Fächer stehen auf dem Arbeitsmarkt weit lukrativere Möglichkeiten offen - und die Leistungsorientiertesten unter ihnen werden sich eher nicht für den Lehramtsberuf entscheiden. In Deutschland ist Lehrer kein Beruf für diejenigen, die Leistung entlohnt sehen möchten. Wenn wir aber motivierten Menschen mehr materielle Anreize geben und durch Zugangsbeschränkungen zum Studium eine Auswahl der Besten anstreben, könnte dies ein klares Signal dafür sein, wie wichtig dieser Beruf für die Zukunft unseres Landes ist.

Schließlich sind für eine Qualitätsoffensive im Lehrerberuf nicht zuletzt Reformen in der Lehrerausbildung dringend notwendig. Das Gewinnen möglichst guter Kandidaten für den Lehrerberuf und die darauf aufbauende Ausbildung der Lehrer schließen sich nicht aus, sondern verfolgen das gleiche Ziel. Schon seit Jahrzehnten ist die in den meisten Bundesländern viel zu starre Aufteilung zwischen einer ersten Phase der theoretischen (und vielfach an der Realität in den Klassenzimmern vorbeigehenden) Ausbildung und einer zweiten Phase der praktischen Ausbildung als Problem erkannt. Zuständigkeitsgeplänkel zwischen Kultusministerien und Universitäten verhindern eine Lösung, die beide Phasen zeitlich und inhaltlich (in beide Richtungen) besser integriert. Ziel muss es sein, dass alle angehenden Lehrer die fachlichen und didaktischen Fähigkeiten erwerben, die sich empirisch als relevant für einen guten Unterricht erwiesen haben.

In den nächsten Jahren wird ein großer Anteil der Lehrer in Rente gehen und durch junge Pädagogen ersetzt werden müssen. Über 55 Prozent der Lehrer sind älter als 50 Jahre - bei den sonstigen Beschäftigten mit Hochschulabschluss sind es unter 33 Prozent. Dies hat mit der Bildungsexpansion in den siebziger und achtziger Jahren zu tun: Während 1984 weniger als ein Prozent der Lehrer älter als 60 war, sind es heute zwölf. Nur noch 20 Prozent sind heute zwischen 30 und 45 Jahre jung, damals waren es noch 70 Prozent. Die sich daraus ergebenden Veränderungen sind eine große Chance für unsere Schulen - aber auch ein großes Risiko. Je eher die Bildungspolitik sich daranmacht, Weichenstellungen für eine bessere Lehrerschaft vorzunehmen, desto besser.

Aus DIE ZEIT :: 08.04.2009

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