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Brauchen wir die Universität noch?

von HEINZ-ELMAR TENORTH

Nicht unbedingt, sagt Heinz-Elmar Tenorth, Deutschlands führender Bildungshistoriker. Aber es lohnt sich trotzdem, um sie zu kämpfen.

Brauchen wir die Universität noch?© Doris PoklekowskiHeinz-Elmar Tenorth lehrte bis 2011 Bildungsgeschichte an der Humboldt-Universität
Über Universitäten spricht man in der Regel im Singular - aber »die Universität« gibt es nicht. Universitäten existieren nur in höchst variantenreicher Vielfalt. Sie wurden als Orte der Bildung von Söhnen reicher Oberitaliener erfunden, waren Einrichtungen von Professoren, Gemeinschaften von Lehrenden und Lernenden, Orte erst des Konfessionskampfes, dann der staatsabhängigen Beamtenrekrutierung, meist auch Instanzen der Zertifizierung und Prüfung; Anstalten der Beförderung des nationalen Reichtums; aber nur in der kürzesten Phase ihrer Geschichte auch Stätten der Forschung und zugleich akademisch orientierter Ausbildung und immer eine Lebensform eigener Art - Einheit, gar ein überzeitliches »Wesen« ist da nicht zu entdecken.

Die Dominanz des Singulars ist andererseits sehr verständlich; denn die Rede über »die Universität« ist seit dem späten 19. Jahrhundert in der Regel eine Rede über die »Idee der Universität«, meist verstanden als Form der Selbstbehauptung angesichts widriger Umwelten - dann spricht man von der »Idee« der Universität, manchmal auch nur von der Idee der deutschen Universität, die hierzulande in aller Bescheidenheit als das Modell der modernen Universität überhaupt verkauft wird. Aber die Rhetorik der Idee findet sich auch andernorts; die englischsprachige Welt zum Beispiel bemüht mit John Newman einen zum Katholizismus konvertierten und zu Kardinalsehren gekommenen ehemaligen Oxford-Gelehrten, der sich in Irland um Universitäten bemüht hat, und versucht seinem Erbe gerecht zu werden. Mit und an dieser »Idee« (selbst also im Plural präsent, aber als singulär stilisiert) wird die Geschichte der Universität retrospektiv vereinfacht, die Gegenwart des Hochschulsystems gemessen. Die Idee inspiriert Kritik und Visionen bis heute: Wer »unbedingte Universitäten« propagiert, fragt - natürlich im Singular: »Was ist Universität?«, und er findet zwischen französischen Philosophen, angelsächsischen Soziologen und deutschen Gelehrten, kritischer Theorie und sozialistischen Studenten dann immer noch die Antworten bei Fichte, Schleiermacher, Schelling oder Humboldt.

Eigenartig bleibt der Singular dennoch. Die seltsame Tatsache, dass die Universität sich, ungeachtet aller Differenzerfahrungen, permanent über diese Idee selbst beobachtet, provoziert die Frage, ob sie wirklich, für ihre Praxis (und nicht nur für ihr schlechtes Gewissen), diese Idee braucht? Sheldon Rothblatt, ein erfahrener Beobachter des Hochschulsystems, hat die Frage schon gestellt und auch gleich beantwortet: Man braucht die Idee nicht, jedenfalls nicht die reine, wie ein platonisches Ideal konzipierte Idee, immun gegen allen Wandel. Um ihre Identität auszubilden, wäre schon ein eindeutiger Ort im Wissenschaftssystem genug oder eine präzise Funktionszuschreibung. Warum ist dann die Idee von der notwendigen Idee der Universität dennoch so stabil und konstant präsent? Vielleicht gibt es ja keine Zukunft der Universität ohne die Tradition ihrer Idee? Ich will mich an der Frage versuchen, eine Zukunft jenseits der Idee zu finden. Mein Ergebnis, um es vorwegzunehmen, hat eine etwas unerwünschte, auch paradoxe Konsequenz: Es gibt nämlich überhaupt keine Notwendigkeit für die Universität, aber dennoch eine Vielfalt denkbarer Zukünfte, man muss nur wollen und wählen, und - natürlich: Dann kommt wieder die Idee ins Spiel. Zuerst aber: der Blick auf die Zukunft.

Damit ich mich dabei nicht verliere (und weil Historiker ja eher Spezialisten für »rückwärtsgewandte Prophetie« sind), setze ich zwei Prämissen meiner Überlegungen: Moderne Gesellschaften, so die erste Prämisse, sind darauf angewiesen, dass sie Wissen erzeugen, nicht nur über sich, sondern über die Welt, und dass sie dieses Wissen auch in seiner Geltung bewerten, sodass es nicht nur neues Wissen gibt, sondern auch Verschleiß - nennen wir dieses Bezugsproblem: Forschungsbedarf. Diese Gesellschaften, zweitens, sind für den Prozess ihrer eigenen Reproduktion auch auf die Erzeugung von Humankapital angewiesen - es gibt also auch Ausbildungsbedarf. Meine Frage ist: Brauchen moderne Gesellschaften Universitäten? Anders: Gibt es alternative Lösungen oder funktionale Äquivalente? So zu fragen heißt schon, dass selbst für den vermeintlichen Kernbereich der Universität - Forschung und Ausbildung - keineswegs die Form der Universität, also eine Einheitsform, zwingend ist.

Es gibt schon sehr lange gute Forschung ohne Lehre. Angesichts der Karriere der außeruniversitären Forschung seit der Gründung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1911 habe ich auch keine sehr großen Beweislasten für weitere funktionale Äquivalente. Auch an der Ressourcenverteilung in unserer Gesellschaft ist ablesbar, dass und wie andere Formen der Produktion neuen Wissens organisiert werden können: Heute werden in den öffentlichen Haushalten für die Hochschulen in Deutschland 12,7 Milliarden Euro ausgegeben, für die außeruniversitäre Forschung schon 7 Milliarden (2010). Von rund 20 Milliarden öffentlichem Forschungsgeld bekommen die Universitäten also noch knapp 65 Prozent - gegenüber mehr als 80 Prozent noch 1990, und diese Umschichtung vollzieht sich mit steigender Tendenz, weil die Etats der außeruniversitären Forschung seit 1990 kontinuierlich wachsen, während die Etats der Hochschulen bestenfalls stagnieren. Gesellschaften wie unsere, damit wir nüchtern denken, sind offenbar auf Universitäten im klassischen Sinne nicht angewiesen, zumindest nicht in der Forschung. Sie wissen sich anders zu helfen - durch funktionale Spezifikation, wie man sagen könnte, also ohne sich die Beschwernisse einzuhandeln, von denen Niklas Luhmann spricht, wenn er die Universität charakterisiert. »Daß Universitäten zugleich zur Forschung und zur Erziehung beitragen sollen, ist eher eine Anomalie«, sagt er, wenn er über die »Wissenschaft der Gesellschaft« schreibt.

Steht es mit dem Ausbildungsbedarf als Argument für die Universität besser? Braucht man zur Ausbildung in Gesellschaften wie unseren die Universität, also die Simultanpräsenz der Universitas Litterarum, der Gesamtheit der Disziplinen und Ausbildungsoptionen? Wohl kaum. Die Universitäten sind immer nur Teil eines sehr komplexen Ausbildungssystems gewesen, eingerichtet für spezifische Berufssegmente: klassische Professionen und ihre Derivate in den oberen Fakultäten, für den Eigenbedarf des Bildungssystems in allen Fakultäten, als wissenschaftlicher Nachwuchs oder als Lehrpersonen; schließlich für ein diffuses Feld von Tätigkeiten, die beim Zugang auf akademische Qualifikationen Wert legen, aber weder immer zu festen Berufen verstetigt sind noch tatsächlich den Berufszugang - anders als Ärzte oder Juristen, Hochschullehrer oder Fluglotsen - strikt an formale Qualifikationen koppeln, deshalb auch früher ohne die Universitäten bei der Ausbildung und Rekrutierung auskamen, wie die Kaufleute oder die Zahnärzte. Dieses Muster der Vernetzung von Studiengängen und Tätigkeitsmustern zeigt zum Teil sogar die Systemlogik unqualifizierter Arbeit: In den Medien oder in der Werbung zum Beispiel kann man als abgebrochener Student so gut Karriere machen wie mit einem Doktortitel.

Dieser Titel erinnert aber daran, dass die Universitäten jenseits der tätigkeitsbezogenen Qualifizierung ihre genuine Rolle eher in der Zertifizierung hatten. Als Ort von Prüfungen, die teilweise sogar als Berechtigung interpretierbar waren, jedenfalls den Berufszugang regulierten, aber nicht allein, selbst nicht für akademische Staatstätigkeit. Dort wurden von der Ausbildung in den Universitäten nur basale wissenschaftliche Qualifikationen erwartet, die wirkliche Berufskompetenz aber wurde meist im Beruf selbst hergestellt. Die Referendariatszeit ist die staatskontrollierte Phase des Zugangs in den Staatsdienst, und dann gleichgewichtig Gesinnungs- wie Kompetenzprüfung. Da hat sich der Staat nicht auf die Universität und auf die symbolische Garantiefunktion der Zeugnisse verlassen, wie das ja auch die anderen Tätigkeitsfelder nicht tun, sonst bräuchte es die ganzen Assessment-Verfahren nicht, über die hier die Rekrutierung von akademisch geschulten Mitarbeitern organisiert wird. Nicht die Einheit von Qualifizierung, Rekrutierung und Zertifizierung macht also das Spezifikum der Universität beim Berufszugang aus - allenfalls die Zertifizierung. Nicht ohne Grund wollen die außeruniversitären Forschungseinrichtungen Zugang zu akademischen Graduierungsverfahren gewinnen, weil sie allein an diesem Punkt noch abhängig sind von den Universitäten und deren Zertifizierungsmonopol.

Vor diesem Hintergrund kann man auch - noch einmal im Blick auf Forschung - zwanglos eine Antwort auf die bisher offen gelassene Frage ergänzen, ob die Universitäten zur Bewertung von Wissen unentbehrlich sind. Das mag für Graduierungsverfahren noch gelten, ansonsten wohl kaum. Hier existieren, neben den Akademien, längst andere Instanzen der Bewertung von Wissen: Fachzeitschriften und ihre Begutachtungsverfahren, die Fachkollegien der DFG oder die themenbezogen eingerichteten Gutachterausschüsse an vielen Orten, zum Beispiel bei Ministerien oder in Stiftungen, selbst im Wissenschaftsrat, der darüber entscheidet, wer das Recht zur Graduierung bekommt. Die Universitäten sind hier längst nicht mehr exklusiv die begutachtenden Akteure, sondern selbst Objekte der Bewertung, auch wenn die meisten Gutachter Hochschullehrer sind. Für die Gutachterrolle ist das hilfreich, aber weder notwendig noch hinreichend. Im Wissenschaftsrat finden sich schon Industrie- oder Verbandsvertreter oder Gesandte von Fachgesellschaften, die bei der Rekrutierung ihrer Mitglieder nicht universitären Regeln folgen.

Man muss deshalb wohl auch für den Ausbildungsbedarf einer Gesellschaft und für die Modi der Bewertung von Wissen akzeptieren, dass Universitäten kein Alleinstellungsmerkmal haben, dass vielmehr andere, gelegentlich sogar effektivere Formen der Ausbildung auf wissenschaftlichem Niveau existieren - wie etwa Fach- und Spezialschulen aller Couleur. Die mit der (deutschen und Newmanschen) Idee der Universität verbundene These, dass Fachschulen Garanten für Fachidiotentum seien, wird durch die Realität nicht bestätigt, sondern erklärt sich nur durch den nationalen Affekt gegen alles Französische.

Was spricht dann aber noch für die Universitäten? Haben sie überhaupt eine Zukunft - jenseits der Beharrungskraft des Gegebenen, jenseits der Zahl und Größe der bereits vorhandenen Institutionen, jenseits der lokalen Traditionen und der damit verbundenen regionalpolitischen und standortspezifisch ökonomischen Funktionen und Leistungen, die Universitäten ohne Zweifel erbringen (was wären Tübingen oder Marburg ohne ihre Universität?) - ohne deshalb Humboldtsche Universitäten zu sein, die es bekanntlich nie gab, jedenfalls nicht in Deutschland.

Spricht nicht im Grunde wenig für die Universität? Ist es nicht erstaunlich, dass wir sie überhaupt noch haben, obwohl sie ineffektiv ist, nicht kontrollierbar, wenn auch begehrt? Warum tun wir uns das an, Forschung und Lehre zugleich und gleichzeitig in dieser erwiesenermaßen schwierigen Symbiose? Ist nicht das Wort von der Differenzierung im Hochschulsystem schon ein Indiz dafür, dass wir zwar ein Hochschulsystem brauchen, dass aber nicht alle Einrichtungen dieses Systems gleich sein oder gar der Idee der Universität entsprechen müssen - der Einheit von Forschung und Lehre und der Universitas Litterarum, sondern durchaus nur Fachschulen sein dürfen, auch Spezialhochschulen, also insgesamt in der Vielfalt »von institutionellen Selbstentwürfen und Schwerpunktsetzungen«, wie der Wissenschaftsrat 2010 gesagt hat?

Und nur nebenbei: Auch aus dieser nüchternen Distanz ist das gegebene System - international gesehen - noch erstaunlich genug: circa 150 Hochschulen, ein Drittel durchaus ambitioniert Universitär, ein sehr gutes weiteres Drittel sehr viel einheitlicher in der Leistung als zum Beispiel das amerikanische Hochschulsystem. Deshalb: Das Gegebene sollte man nicht verachten, sondern kultivieren, das ist sogar die erste Zukunftsaufgabe, keineswegs selbstverständlich, man kann hier noch viel verlieren - auch wenn es nicht die Idee der Universität in Reinkultur darstellt.

Gibt es aber eine Zukunft für die Universität nach ihrer Idee? Kaum, jedenfalls nicht als Institution, also organisatorisch garantiert und auf Dauer gesetzt, sondern nur in der Praxis der Arbeit, nur dann, wenn wir sie im Alltag machen. Dann gilt zuerst - man muss sie wollen, die Universität nach ihrer emphatischen Idee: diese eigentümliche Mischung von Personen, Rollen und Funktionen, spannungsreichen Erwartungen, sehr stark personenabhängigen Leistungen; eine schwer kontrollierbare Realität, aber in glücklichen Fällen ein Ort singulärer Symbiose von Lehre und Forschung. Wer dieses Glück je genossen hat, wird für die kontinuierliche Neuerfindung der Universität in ihrer Tradition plädieren, nicht resignieren, aber natürlich sagen, dass dann auch andere Prämissen als der Ausbildungs- und Forschungsbedarf gegeben sein müssen, eine demokratische, zivilgesellschaftliche Ordnung zum Beispiel und ein bisschen Geld und Zeit und die richtige Verfassung der Universität.

An nichts anderes denken müssen, als der Beste für sein Thema zu werden

Was kann man dann versprechen und erwarten, jenseits des Alltags der akademischen Ausbildung und ordentlicher, normaler Forschung? Zuerst eine Lebensform eigener Art, autonom, von der societas magistrorum et scholarium, der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden, getragen, vom Forschungsimperativ bestimmt, über Themen und Methoden organisiert, so finanziert, grundfinanziert, dass man an nichts anderes denken muss, als der Beste für sein Thema zu werden. In ihrer Praxis ist das natürlich der Elfenbeinturm, eine intellektuelle Spielwiese und ein Ideenlabor, auch in den Geisteswissenschaften, in permanenter Konkurrenz und Kooperation mit anderen Stätten gleicher Art. Sie ist unverzichtbar für die Rekrutierung von Eliten aller Couleur, denn wir haben keinen Mangel an Experten, sondern an gebildeten Experten, solchen, die mit offenen Zukünften umgehen können und deshalb auch einer Auslese unterliegen müssen, die nur die höchsten Standards kennt. Es ist ein Lernort ohne Zeitzwänge, individualisiert und kollektiv zugleich organisiert, also im Grunde unmöglich. Oder: wie in Humboldts Texten, die ich jetzt zitieren könnte, eine Wirklichkeit zwischen Idee und Realität, in »Einsamkeit und Freiheit«.

Daher muss man auch realistisch sein: diese Universität wird es - als Institution - nicht geben, warum sollte ein Staat sie bezahlen? Es sei denn ein Staat, der weiß, dass es so etwas wie notwendigen Luxus geben muss, wenn man außergewöhnliche Erwartungen hat - vor allem in der Konstruktion reflektierter Experten, in Bildung durch Wissenschaft, aber auch in der Entdeckung des Neuen oder in der systematischen Nutzung der Generationendifferenz für die Kritik des Bekannten und gegen die Erstarrung der Alten. Diese Universität wird auch dann nur wirklich werden als regulative Idee im Alltag des Hochschulsystems, disziplinär, lokal, in konkreter Praxis, wenn Personen und Probleme, Ermöglichungsformen und Kontexte produktiv zusammenkommen, partisanenhaft, wenn man so will - wie 1810 in Berlin (sodass wir auch wissen, dass der Zauber nicht ewig anhält). Aber - man kann es versuchen, noch jetzt, im Seminar, in der Vorlesung, im Labor, schon der erste Schritt zählt.

Gekürzte Fassung eines Vortrags vor der Jungen Akademie der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Leopoldina.

Aus DIE ZEIT :: 19.07.2012

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