Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Brauchen wir einen Pluralismus-Kodex?

von Arne Heise und Ruediger Bachmann

Ist die Wissenschaftsfreiheit bedroht durch wissenschaftlichen Mainstream? Arne Heise und Ruediger Bachmann fassen ihre Pro- und Contraargumente zusammen.

Brauchen wir einen Pluralismus-Kodex?© markusspiske - photocase.de Wie sinnvoll ist ein Pluralismus-Kodex zum Schutz der Wissenschaftsfreiheit?

Pro

Die Canadian Association of University Teachers (CAUT) hat eine Untersuchungskommission eingesetzt, um zu prüfen, ob am Department of Economics der University of Manitoba die Freiheit der Wissenschaft gefährdet ist. Es geht hierbei nicht um staatliche Eingriffe in den akademischen Betrieb, sondern um Vorgänge am Department of Economics, die den dort bislang herrschenden Wissenschaftspluralismus einzuschränken drohen und die Stellung der verbliebenen heterodoxen Ökonomen durch eine einseitige Bevorzugung der Mainstream-Ökonomen unterminieren.

Bemerkenswert ist daran nicht nur der affirmative Befund einer Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit durch die aus Nicht-Volkswirten bestehende Kommission, sondern die Ausdehnung des Begriffs über die reine Schutzfunktion des individuellen Abwehrrechts hinaus. Wissenschaftsfreiheit umfasst nämlich auch die Norm, dass der Staat - bzw. dessen autonome Vertreter - Wissenschaft so zu organisieren hat, dass die Teilnahme daran für alle Wissenschaftler diskriminierungsfrei ermöglicht werden muss. Die Kommission der CAUT überträgt in ihrem Report diese Verantwortung - die eigentlich selbstverständlich sein sollte - der disziplingebundenen ,Scientific Community' und konstatiert, dass eine Teilmenge dieser ,Scientific Community' - der so genannte Mainstream - wissenschaftliche Standards festlegt, die eine andere Teilmenge dieser Wissenschaftlergemeinschaft - die so genannten heterodoxen Ökonomen - zunehmend vom Wissenschaftsbetrieb ausschließt: Heterodoxe Ökonomen finden bei der Rekrutierung zunehmend weniger Berücksichtigung, das verwandelt ein einst plural besetztes Department immer mehr in ein homogen am Mainstream ausgerichtetes Department.

Bei der Organisation des Lehr- und Forschungsbetriebs, z.B. die Teilnahme an der Graduiertenschule und mithin die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses, werden sie ausgeschlossen, bekommen leitende Funktionen nicht mehr übertragen oder werden vom Angebot bestimmter Kurse abgehalten. Eine ähnliche Entwicklung erleben wir in Deutschland: In einem früheren Beitrag für dies Forschung & Lehre (,Aus dem Gleichgewicht' in F&L 5/2015) berichtete ich von der zunehmenden Entpluralisierung der Wirtschaftswissenschaften an deutschen Universitäten und der Marginalisierung der heterodoxen Ökonomik. Dieser Prozess - der nach der jüngsten Weltfinanzkrise und der blamablen Rolle, die die Mainstream-Ökonomik bei deren Vorhersage, Erklärung und Überwindung gespielt hat, zu einer kritischen Reflexion über den Zustand der Wirtschaftswissenschaften geführt hat - wäre dann insgesamt unproblematisch, wenn er das Ergebnis wissenschaftstheoretischer Reflexionen und eines streng wettbewerblichen Auswahlverfahrens gewesen wäre. Wenn sich also wissenschaftstheoretisch zeigen ließe, dass die Wirtschaftswissenschaft als jene Sozialwissenschaft auf der Suche nach der einzig richtigen Gegenstandserklärung (,Wahrheit') nur monistisch (,monoparadigmatisch') zu betreiben ist und der gegenwärtige Mainstream sich aufgrund der besseren Realitätserklärung als ,Normalwissenschaft' gegen alternative Paradigmen durchgesetzt hätte, wäre der Entpluralisierungsprozess nur das zwangsläufige und wünschenswerte Ergebnis einer reifenden Wissenschaft und die Vorgänge am Department of Economics der University of Manitoba (und an vielen Universitäten in Deutschland und anderswo) wären deren zwangsläufige administrative Umsetzung.

Tatsächlich aber ist der Wissenschaftspluralismus - insbesondere verstanden als Paradigmen-, Methoden- und Theorienpluralismus und damit dem herrschenden Paradigmenmonismus und Methodenabsolutismus entgegengesetzt - die einzig akzeptable Konzeption für eine Sozialwissenschaft, die mit zahlreichen ontologischen Beschränkungen konfrontiert ist. Pluralismus ist also keine Fairnessnorm, der man zustimmen kann oder auch nicht, sondern ein wissenschaftstheoretischer Imperativ. Und die Einschränkung des Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften ist genau dann als Verstoß gegen die (in Deutschland grundgesetzlich geschützte) Wissenschaftsfreiheit zu werten, wenn sie nicht ausschließlich das Ergebnis eines angewandten positivistischen Fallibilismus ist, d.h. wenn das ,Vermutungs-Wissen' der heterodoxen Ökonomik nicht durch empirische Falsifikation oder den Nachweis mangelnder deduktiver Rigorosität (z.B. durch die Mainstream-Ökonomen) verworfen werden konnte. Eine derartig wissenschaftsimmanente Selektion aber gibt es schon deshalb nicht, weil sich der Mainstream mit der Heterodoxie gar nicht erst auseinander setzt, sondern seine ablehnende Haltung - was dann nicht als wissenschaftliche Selektion, sondern nur als wertende Diskriminierung begriffen werden kann - ausschließlich an Sekundärkriterien (wie z.B. der mangelnden Attraktionsfähigkeit von Drittmitteln bei reputationsübertragenden Institutionen wie der DFG oder der geringen Publikationsfähigkeit in Benchmark-Journalen wie dem American Economic Review oder dem Journal of Political Economy) festmacht. Diese Sekundärkriterien können die heterodoxen Ökonomen gar nicht erfüllen, weil z.B. die Fachgremien der DFG fast ausschließlich mit Mainstream-Ökonomen besetzt und die ,Benchmark-Journals' nachweislich nicht für heterodoxe Beiträge offen sind (,die sollen doch in ihren eigenen Journals publizieren'): Lässt man fünf Füchse und einen Hasen darüber entscheiden, was es zum Mittagessen gibt, ist klar, wer auf der Strecke bleibt.

Unter diesen Bedingungen müssen die Entpluralisierungs- und Marginalisierungsprozesse, wie sie allgemein in der deutschen Universitätslandschaft, ganz konkret aber auch an der University of Manitoba zu beobachten sind, als Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit begriffen werden, wie es die CAUT-Untersuchungskommission auch konsequenterweise bewertet hat. Darunter leiden die betroffenen Wissenschaftler und deren wissenschaftlicher Nachwuchs, aber auch die Wissenschaft und die sie finanzierende Gesellschaft. Es wäre wünschenswert, wenn sich auch in Deutschland Wissenschaftsorganisationen wie z.B. der Deutsche Hochschulverband und die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder auch der Verein für Socialpolitik mit dieser Thematik beschäftigen und in genauso unvoreingenommener Weise wie die CAUT-Kommission darüber nachdenken würden, mit welchen Regulierungen dem Versagen des ,Marktes für wirtschaftswissenschaftliche Ideen' beizukommen ist. Zu denken wäre beispielsweise an einen Pluralismus-Kodex (ähnlich den Kodizes zur Einhaltung guter wissenschaftlicher Praxis) oder die Einführung von ,Pluralismus-Beauftragten' (ähnlich den Gleichstellungsbeauftragten), womit ein gewisser Anteil an heterodox besetzten Lehrstühlen an allen wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereichen gesichert werden könnte - das Department of Economics an der University of Massachusetts at Amherst beispielweise hat mit einer vergleichbaren Praxis gute Erfahrungen gemacht. Oder es könnten finanzielle Anreize gesetzt werden, indem z.B. die DFG einen Fonds für heterodoxe Forschungsprojekte bereitstellt, über deren Vergabe Fachausschüsse entscheiden, in denen mehrheitlich heterodoxe Ökonomen sitzen. Es ginge also um die Schaffung eines ordnungspolitischen Rahmens, der die Chancengleichheit wiederherstellt, die Wissenschaftsfreiheit schützt und den Ideenwettbewerb belebt, ohne Qualitätsstandards aufgeben zu müssen. Eine Fortschreibung des gegenwärtigen Zustands jedenfalls ist keine Option.

Über den Autor
Arne Heise ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg.


Contra

Die Pluralisierungsforderungen an die akademische Ökonomik, die in den letzten Jahren von Journalisten und engagierten Studenten immer lauter vorgebracht wurden, basieren meist auf Fehldarstellungen der modernen akademischen Ökonomik sowie auf einer Reihe von Fehlschlüssen und Nonsequiturs. Das Standardnarrativ geht so: die moderne Mainstreamökonomik sei ein Hochamt auf den freien Markt mit dem Staat als Satan, gehalten von einer mächtigen Priesterkaste, die mit empirisch unhaltbaren Annahmen - Egoismus, unbeschränkt rationalen Erwartungen, kompetitivem und stabilem Marktgleichgewicht - nur libertäre Ideologien verbreitet, aber empirisch versagt hat - die Finanzkrise wurde nicht vorhergesagt! -, und im schlimmsten Fall sogar gesellschaftszersetzend wirkt. Diese Priesterkaste bestrafe Abweichungen von der reinen Lehre unnachgiebig, so dass nicht nur viele gute ökonomische Ideen nicht aufgegriffen, vor allem aber den Studenten vorenthalten würden, sondern auch viele gute, unterwerfungsunwillige Ökonomen zu einem akademischen Schattendasein verdammt seien.

Dieses Narrativ ist, jedenfalls für die international orientierte, akademische Ökonomik, einfach durch einen Besuch von Konferenzen und die Lektüre von Fachzeitschriften zu widerlegen. Dass mancher politikberatender TV-Ökonom gerne ein solcher Priester wäre, steht auf einem anderen Blatt. Akademische Karrieren werden aber nicht dadurch gemacht, dass man das oben etwas verkürzt skizzierte Modell mit Hyperrationalität und perfektem Markt immer weiter analysiert. Warum auch? Das ist schon gut verstanden. Dass Studenten in den Einführungen weiter mit diesem Modell konfrontiert werden, gehört zur Pädagogik der Ökonomik, über die man gerne diskutieren kann. Akademische Karriere macht man jedenfalls damit, immer feinere und realitätsnähere Alternativen zum simplen Modell theoretisch und empirisch zu erforschen. Die empirischen Verfahren umfassen dabei neben den klassischen statistisch-ökonometrischen Methoden auch von der Psychologie inspirierte Experimente sowie von der Soziologie und den Politikwissenschaften angeeignete Umfragetechniken.

Die reflektierteren Pluralismusforderungen erkennen diese Vielfalt in der Ökonomik inzwischen zwar an, wollen aber noch andere Paradigmen akademisch repräsentiert sehen. Gleichgültig, wie man die semantische Frage, was ein Paradigma ist und ob die Mainstreamökonomik überhaupt ein paradigmatischer Monolith ist, beantwortet, kann man jedenfalls festhalten, dass Ideen aus diversen Orthodoxien bereits fruchtbar in den Mainstream integriert wurden: die Verfassungs- und Institutionenökonomik des Ordoliberalismus werden als mechanism design-Probleme reformuliert, die den Marxismus und Postkeynesianismus interessierenden Machtfragen werden in der neueren politischen Ökonomik diskutiert, Themen der feministischen Ökonomik werden in der Arbeitsmarkt-, Bevölkerungs- und Makroökonomik erforscht. Was von den Heterodoxien dann noch rein übrigbleibt, sieht oft gerade nicht nach blühenden Paradigmen aus, sondern nach sonderlingshaftem akademischem Sektierertum. Und das Internet, das offensichtlich die Kosten für dieses Sektieren gesenkt und seine Reichweite erhöht hat, es also präsenter als früher erscheinen lässt, macht es nicht besser.

Es wird auch nie sauber begründet, warum paradigmatische Vielfalt in der Ökonomik notwendig oder zumindest wünschenswert ist. Goethes Farbenlehre spielt in der Optik ja auch keine Rolle mehr. Die Ökonomik sei keine Naturwissenschaft, heißt es dann oft. Warum daraus aber notwendig paradigmatische Vielfalt folgt, wird bestenfalls mit Schlagworten wie "Reflexivität" beantwortet. Zum einen gibt es aber bereits reflexive Elemente in der Mainstreamökonomik - die sogenannte Lucas-Kritik an Helmut Schmidts Irrtum, niedrigere Arbeitslosenzahlen mit höherer Inflation kaufen zu können, oder das Theorem der Unvorhersagbarkeit von Finanzkrisen, - zum anderen kann man es mit Reflexivität auch übertreiben: sinkende Handelsbarrieren werden wahrscheinlich den Welthandel ankurbeln. Manchmal ist es auch im Sozialen ganz einfach und unreflexiv; das spannende ist hier doch eher das Ausmaß der Handelsexpansion, also eine quantitative Frage.

Ein weiteres Non-sequitur: Vielfalt gleich anything goes oder genauer: Vielfalt gleich "meine Hobbyheterodoxie muss auch dabei sein". In der Vergangenheit war vieles mal Ökonomik: brauchen die Physiokratie, die scholastische Schule von Salamanca oder die völkische Nationalökonomik der Nazis heute auch eine akademische Repräsentanz? Die meisten heutigen Heterodoxien erscheinen doch eher als unfruchtbar gewordene wissenschaftliche Sackgassen. Die Beweislast, dass dem nicht so ist, läge ohnehin bei den Vertretern dieser Heterodoxien, und zwar grundgesetzgemäß gegenüber den Vertretern der akademischen Ökonomik, nicht gegenüber Ministerialbürokratien, was sich mancher Pluralisierer wohl gerne wünschen würde. Dieser Beweis ist selbst in den letzten zehn Jahren, also in der Zeit der größten Wahrnehmungskrise der Mainstreamökonomik, nicht geglückt.

Ein letztes Non-sequitur, oft als Reaktion auf den Unfruchtbarkeitsvorwurf vorgebracht: der Mainstream diskriminiert gegen uns in Journalen und Berufungsverfahren, und ohne Lehrstühle und andere Ressourcen kann man nicht fruchtbar sein. Es ist aber ein Trugschluss, vom faktischen Fehlen von Ressourcen auf Diskriminierung zu schließen. Das ist genau so falsch, wie die Lohnlücke von Frauen gegenüber Männern ausschließlich mit Geschlechterdiskriminierung erklären zu wollen.

Zum Schluss noch ein kurzer Blick in die Geschichte der deutschen Ökonomik, die ja Negativbeispiele von politisch initiierter Zwangspluralisierung kennt und jeden hyperaktiven Wissenschaftspolitiker nachdenken lassen sollte: die Wirtschaftswissenschaften an der Reformuniversität Bremen sowie die Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg. Beider wissenschaftlicher Einfluss war und ist begrenzt, das Bremer Experiment wurde beendet. Umgekehrt wurde an meiner eigenen Fakultät in Notre Dame vor zehn Jahren ein heillos zerstrittenes, keine anschlussfähige akademische Forschung produzierendes und Studenten verlierendes heterodoxes Department in ein blühendes Main - stream department umgewandelt, das Teil der internationalen wissenschaftlichen Gemeinde geworden ist und wieder Studenten anzieht.

Was allerdings wichtig ist: studentische Nachfrage. Wenn es mehr studentische Nachfrage etwa nach Wirtschafts- oder Dogmengeschichte in der ökonomischen Ausbildung geben sollte, dann muss man darauf reagieren. Dabei macht es wenig Sinn, an jeder zweiten Fakultät einen wirtschafts- oder dogmenhistorischen Lehrstuhl einzurichten. Ressourcenbündelung ist im deutschen System von Kleinstfachbereichen besser, und wenn das gegenwärtige Experiment an der Siegener wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät mit einer stärkeren Orientierung hin zu Nichtmainstreamthemen in der Lehre erfolgreich ist, dann wäre das zu begrüßen. Auf diese Art von Pluralisierung durch Spezialisierung und Abstimmung der Studenten mit den Füßen lasse ich mich ein.

Über den Autor
Ruediger Bachmann ist Associate Professor am Department of Economics an der University of Notre Dame, USA.

Aus Forschung & Lehre :: Juli 2016

Ausgewählte Stellenangebote