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Britische Hochschulen als Konsumware oder öffentliches Gut?

Von Christopher Metcalf

Die britische Regierung vertritt eine pointiert ökonomistische Sicht auf Hochschulen und Wissenschaft. So betrachtet sie den Studenten der Zukunft als mündigen Konsumenten, der unter verschiedenen Angeboten das für ihn beste auswählt. Bildung wird so zur Konsumware. Aber ist sie nicht eher ein öffentliches Gut? Ein Bericht über die britische Bildungsdiskussion.

Britische Hochschulen als Konsumware oder öffentliches Gut?© John Woodworth - iStockphoto.comWie sieht die Zukunft englischer Hochschulen aus?
Der englische Hochschulminister David Willetts hatte es im vergangenen Jahr nicht leicht. Im Sommer wurde es unter Studenten und Professoren zur Mode, ihm symbolisch das Vertrauen zu entziehen. Den Anfang machte Oxford mit einem Beschluss des Universitätsparlaments im Juni. Natürlich ist Willetts nicht auf das "Vertrauen" der englischen Wissenschaftler angewiesen; zudem konnte er sich damit trösten, dass bei den Kollegen in Cambridge kurz darauf ein ähnliches Misstrauensvotum scheiterte. Doch das Signal war nicht zu überhören, auch in Deutschland wurde davon berichtet. Weniger Aufmerksamkeit erregte jedoch, dass dieselbe Universität in Oxford nur drei Monate zuvor ein Kernstück von Willetts' Hochschulreform - die Gebührenerhöhung auf neuntausend Pfund pro Jahr ab September - übernommen hatte. Was war in der Zwischenzeit geschehen?

Zwar gab es schon im Frühjahr lebhafte Debatten, doch die Lage an der Professorenfront blieb zunächst ruhig. Da die Regierung massiv an den Ausgaben für die Lehre kürzte, hatten die Universitäten kaum eine andere Wahl, als bei der Gebührenerhöhung mitzumachen. Den seit dem Sommer immer häufiger erhobenen Vorwurf der Unfähigkeit verdankt Willetts vor allem seinen unglaubwürdigen Bemühungen, die Finanzreform mit den sozialpolitischen Zielen der Regierung - und zwar vor allem der Liberaldemokraten - zu vereinbaren. Denn auch bei Gebühren von neuntausend Pfund hat die Regierung das Ziel ausgegeben, mit Studienkrediten und Stipendien den Weg an die Universität für ärmere Schichten freizuhalten. Im vergangenen Jahrzehnt haben es zwar immer mehr junge Menschen aus den ärmsten Gegenden des Landes bis zum Studium geschafft, an die anspruchsvollsten Universitäten kommen aber nach wie vor nur wenige. In der Vertrauensdebatte in Oxford wurde daher die jedem Engländer begreifliche Metapher von "Brideshead" - gemeint ist: die Universität als aristokratisches Elysium - als Schreckensbild heraufbeschworen: Daraus sprach die verbreitete Sorge unter Professoren, dass sich viele Bewerber wegen der drastisch erhöhten Gebühren gegen ein Studium entscheiden könnten, obwohl großzügige Staatskredite bereitstehen.

Bürokratische Kosmetik

Nach den Plänen der Regierung müssen jene Universitäten, die ihren Studenten Höchstpreise abverlangen wollen, einer speziellen Behörde nachweisen, dass sie sich um ärmere Bewerber bemühen. Der Sinn dieser Regelung liegt aber vor allem darin, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Denn am Ende entscheiden die Universitäten selbst, wen sie aufnehmen. Die Behörde kann nur beraten und unterstützen. Seinen liberaldemokratischen Koalitionspartnern zuliebe musste der Konservative Willetts dennoch so tun, als ließe sich mit dieser bürokratischen Kosmetik die soziale Ungleichheit entschärfen. Besonders misstrauisch stimmte auch ein im Sommer verkündeter Beschluss, nach dem die Universitäten zusätzliche Plätze für Bewerber schaffen dürfen, die ihre Gebühren ohne staatlichen Kredit bestreiten wollen. Die Regierung leugnet freilich, dass damit Studienplätze zum Verkauf freigegeben würden; garantieren kann sie das nicht.

"Der Student als Kern des Systems"

Die Gebührenreform zielt aber nicht allein auf die Finanzierung der Hochschulen ab, sondern auch auf ihr Selbstverständnis: Students at the heart of the system ("Der Student als Kern des Systems") heißt die zentrale Programmschrift der Regierung. Den Studenten der Zukunft betrachtet Willetts als mündigen Konsumenten, der unter verschiedenen Bildungsangeboten das beste auswählt; der Konkurrenzdruck soll die Universitäten anstacheln, ihre Lehre an den Wünschen ihrer zahlenden Kunden auszurichten. Allerdings hat die Regierung offenbar nirgends darüber nachgedacht, ob sich das Supermarktmodell des freien Wettbewerbs wirklich auf ein Bildungssystem übertragen läßt. Ist es klug, die Finanzierung der universitäten Lehre so stark von den Wünschen halbgebildeter Schulabgänger abhängig zu machen? Hier setzt die grundsätzliche Kritik jenseits technischer Einzelheiten an. Eine breite Front von Wissenschaftlern und Studentenvertretern hat im September eine eigene Programmschrift (In defence of public higher education) herausgebracht, die der marktwirtschaftlichen Rhetorik der Regierung widersprechen will.

Die Kritik

Das Kernargument der Kritiker lautet, dass universitäre Bildung keine Konsumware, sondern ein öffentliches Gut sein müsse. Ein Studium solle mehr bieten als nur eine Durchgangsstation zu einem hoffentlich gutbezahlten Job. Die Regierung zitiert dagegen Statistiken, nach denen es fast allen Bewerbern auf einen Studienplatz genau darum gehe - wenn auch nicht ausschließlich. Mit Vorliebe berufen sich die Verfasser der Anti-Programmschrift auf die sechziger Jahre, auf die viele Professoren wie auf ein vergangenes goldenes Zeitalter zurückzublicken scheinen. Allerdings müssten auch sie sich fragen, ob ihr Verständnis von "Universität" nach Jahrzehnten der immer weiter fortschreitenden Bildungsexpansion zeitgemäß ist. Das Bestreben der Regierung, diesen Titel immer freihändiger zu vergeben, verdient sicherlich Kritik. Die Politiker wissen genau, dass sie der Öffentlichkeit mit dem Begriff der "Universität" etwas vorgaukeln, denn den historischen Anspruch einer universitas der Gelehrten werden nur wenige erhalten können. In England fällt schon heute sehr viel unter die Definition einer university, in Zukunft wird das Feld noch weniger übersichtlich sein. Ob alles, was dort gelehrt wird, auch öffentliche Förderung verdient, ist keine unberechtigte Frage.

Widerstand kommt aber nicht nur von den Verfechtern öffentlicher Bildung. Manche Wissenschaftler, darunter der frühere Oxforder Tutor des Hochschulministers in Ökonomie, haben für eine Privatisierung zumindest der führenden Universitäten argumentiert, um der Regulierungswut der Regierung zu entgehen. Die aktuelle politische Konstellation dürfte aber erst einmal keine grundsätzlichen Kurswechsel nach links oder rechts zulassen - es sei denn, dass die Finanzierung aus dem Ruder läuft. Ein Ausschuss des Parlaments hat im November festgehalten, dass die Regierung ein "beispielloses Maß an Unsicherheit" in die Hochschulfinanzierung gebracht habe. Denn nach wie vor soll jeder, der studieren will, Anspruch auf einen günstigen staatlichen Kredit haben. Die Last dieser Kredite beträgt nun schon 35 Milliarden Pfund: Das Wirtschaftsministerium überlegt sogar, diesen Schuldenberg, der bis zum Jahr 2017/2018 auf das doppelte anwachsen soll, an private Investoren zu verkaufen. Im Kern der Reform liegen also viele unbekannte Variablen, denn höhere Gebühren bedeuten höhere Studienkredite, von denen niemand wissen kann, ob sie je zurückgezahlt werden. Diese Wette auf die Zukunft wird den Universitäten in England - jenseits aller Definitionsfragen - noch sehr zu schaffen machen.


Über den Autor
Christopher Metcalf ist Doktorand in Altphilologie am Balliol College, Oxford.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2012

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