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Strukturierter Wissenschaftsalltag

Von Grit Thümmel

Schneller ans Ziel: Die neuen Promotionsprogramme versprechen bessere Betreuung, sichere Finanzierung, kürzere Laufzeiten und vor allem internationalen Austausch. Zwei ausländische Promotionsstudenten erzählen, wie der neue Weg zum Doktor ankommt.

Strukturierter Wissenschaftsalltag"Es loht sich", sagt der 30-Jährige Kolumbianer Alexander Cerquera, sein Promotionsstudium in Deutschland sei eine wichtige Erfahrung für ihn.
academics: Sie beide haben sich für eine Promotion entschieden. Warum ist die Wahl gerade auf Deutschland gefallen?

Alexander Cerquera: Deutschland ist in Kolumbien sehr bekannt wegen seiner wirtschaftlichen Entwicklung. Das assoziiert man bei uns mit einem hohen Bildungsniveau. Außerdem gibt es einen Kooperationsvertrag mit dem DAAD, der es Dozenten meiner Heimatuniversität ermöglicht, ein Ph.D Programm in Deutschland zu machen.

Ana Sofia Morais: Ich bin wegen der Max Planck Research School nach Deutschland gekommen. In Portugal gab es zu dieser Zeit kein vergleichbares Programm.

academics: Bei der Vielzahl an Fakultäten und Instituten verliert man schnell den Überblick. Wie haben Sie das passende Forschungsprojekt gefunden?

Ana Sofia Morais: Den Tipp habe ich damals von einem deutschen Erasmusstudenten an der Uni in Lissabon bekommen. Der kam aus Berlin und erzählte mir von der Research School hier.

Alexander Cerquera ist seit 2007 Promotionsstudent am DFG-Graduiertenkolleg "Neurosensory Science and Systems" an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Er kommt aus Kolumbien, wo er seinen Master in Industrieller Automatisierung abschloss und anschließend als Dozent an der Antonio Narino Universität lehrte. Im Rahmen seiner Doktorarbeit beschäftigt er sich mit der Netzhaut von Schildkröten - das Ziel seiner Forschungsgruppe: retinale Kodierungsstrategien besser zu verstehen.
Alexander Cerquera: Ich dachte erst, dass es total schwer wird, in Deutschland eine Promotionsstelle zu finden. Aber wenn man eine gute Beratung bekommt und sich beispielsweise beim DAAD oder der DFG informiert und motiviert ist, dann findet man etwas. Ich habe viele E-Mails an Forschungsgruppen geschrieben, die in meinem Bereich arbeiten, und schließlich in Oldenburg das passende Projekt gefunden.

academics: Sie promovieren im Rahmen so genannter Promotionsprogramme. Wie sieht denn ein "strukturierter" Wissenschaftsalltag aus?

Ana Sofia Morais: Natürlich verbringe ich die meiste Zeit am Schreibtisch, aber es gibt eben auch Seminare, die besucht werden und vor allem: sehr viele Möglichkeiten zum Austausch mit anderen Doktoranden und den Professoren des Programms. Das ist sehr bereichernd. Und natürlich geht es nicht immer nur um die Arbeit. Aus einigen Kollegen sind inzwischen gute Freunde geworden.

Alexander Cerquera: Bei uns in Oldenburg sind neben der Arbeit an der Dissertation eine bestimmte Zahl an Credit Points zu erbringen. Das kann zum Beispiel eine Posterpräsentation des eigenen Projekts sein oder ein Artikel, der bei einem Wissenschaftsjournal einzureichen ist. Das finde ich sehr sinnvoll. Ein bis zweimal in der Woche nehme ich an Seminaren teil und dann gibt es regelmäßige Treffen der Forschungsgruppe, wo wir unsere Ergebnisse und Fortschritte diskutieren.

academics: Da bleibt aber kaum Zeit, um nebenbei noch Geld zu verdienen. Womit finanzieren Sie ihren Lebensunterhalt?

Ana Sofia Morais: Nein, einen Job neben der Promotion zu machen wäre für mich unmöglich. Es ist extrem wichtig, finanzielle Unterstützung zu bekommen. Die Max Planck Research School zahlt mir zwei Jahre lang 1.100 Euro pro Monat. Danach kann ich mich noch zweimal für eine Verlängerung um je ein Semester bewerben.

academics: Das hört sich kompliziert an.

Ana Sofia Morais: Die Idee dahinter ist ja, dass die Doktoranden ein gutes Zeitmanagement einhalten und sich selbst und ihre Arbeit reflektieren, Nur so ist es möglich, in drei Jahren die Promotion abzuschließen.

academics: Ist es denn realistisch in so kurzer Zeit zu promovieren?

Alexander Cerquera: Manchmal gibt es auch die Möglichkeit ein Stipendium zu verlängern, aber das kommt auf die Institution an. Ich persönlich finde es schwierig, die Dissertation in drei Jahren fertig zu stellen. Im meinem Fall sieht es so aus, dass ich meine Arbeit nach der Beendigung meines Stipendiums verteidigen werde.

Interview Doktoranden strukturierte Promotionsprogramme


Ana Sofia Morais lernt in ihrer Freizeit zwar Deutsch, aber ihre Arbeitssprache ist Englisch - für ein internationales Programm wie bei der Max Planck Research School "ein Muss", findet sie.

Die Portugiesin Ana Sofia Morais ist 27 Jahre alt. Nach ihrem Abschluss in Psychologie an der Universität in Lissabon hat sie über ein Jahr in einem Unternehmen im Bereich Konsumforschung gearbeitet. Seit 2006 ist sie Promotionsstudentin an der International Max Planck Research School "Life Course" in Berlin. Hier beschäftigt sie sich nun mit Struktur und Entwicklung des menschlichen Gedächtnisses.
Ana Sofia Morais: Ich denke, in einem Umfeld wie hier am Max-Planck Institut für Bildungsforschung kann man es in der kurzen Zeit schaffen. Wir bekommen viel Unterstützung. Ich glaube ich habe wirklich Glück gehabt. Im Vergleich zu Freunden, beispielsweise aus Portugal, werde ich sehr gut betreut und hoffe, ich werde in diesem Jahr fertig.

academics: Und dann? Gibt es schon Pläne für die Zukunft?

Alexander Cerquera: Mit der Antonio Narino Universität in Bogotá habe ich vereinbart, dass ich nach meinem Doktor zurückkomme, um mindestens sechs Jahre lang dort zu lehren und zu forschen. Dafür haben sie den Großteil meines Stipendiums finanziert. Ich freue mich darauf, weil es eine wirklich gute Arbeitstelle ist.

Ana Sofia Morais: Ich möchte noch ein Jahr als Postdoc in Berlin bleiben und mich dann für ein Stipendium in Portugal bewerben. Ich sehe mich auf jeden Fall in der nächsten Zukunft in der Forschung - vielleicht als Wissenschaftlerin an einer Uni in Deutschland, Portugal oder einem anderen Land.

academics :: Juni 2009

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