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Buch vorm Kopf

VON ANANT AGARWALA

Jahrelang studiert und trotzdem nichts kapiert: An den Universitäten wird falsch gelernt und falsch gelehrt. Sie müssen sich verändern.

Buch vorm Kopf© cYx - photocase.deViel gelernt und nichts behalten - warum Absolventen keine Ahnung haben
Du hast Internationale Beziehungen studiert? Wow, interessant! - Fand ich auch, ja. Leider hab ich alles wieder vergessen. Kommunikationswissenschaft, wie war das so? - Na ja, so mittel, nach dem Bachelor hatte ich keine Ahnung, was ich damit machen soll. Sag mal, kannst du mir als VWLer eigentlich erklären, wieso es zur Finanzkrise kam? - Öhm. Diese Gespräche mit neuen Arbeitskollegen, unter Bekannten, wer kennt sie nicht. Man redet über die Zeit an der Uni, denkt über früher nach (»früher«, das kann auch nur ein Jahr beziehungsweise zwei Semester her sein) und staunt, wie wenig hängen geblieben ist vom Wissen (und wie viel vom Gefühl; schön war es). Selbst die Antworten aus den Hörsälen, an die man sich noch erinnert, scheinen nur leidlich zu den Fragen aus dem Arbeitsalltag zu passen. Es wirkt, als sei die Zeit an der Uni nur lose mit der Zeit nach der Uni verbunden. Zwei Verwandte, die sich selten über den Weg laufen und dann nur flüchtig grüßen.

Zugegeben, das ist etwas polemisch. Es gilt längst nicht für alle Studenten und nicht für alle Fächer. Aber oft ist es erschreckend wahr: Wir lernen falsch an den Universitäten. Fakten, Fakten, Fakten. Schnell vor der Klausur reingeprügelt, kontextfrei. Das wird erst belohnt, mit guten Noten. Und dann bestraft: Denn so vergessen wir vieles vom Gelernten wieder oder wissen später nichts damit anzufangen. Und auch über das, was wir lernen, kann man durchaus streiten. Bei Schülern prüft und vergleicht man schon lange ihre Fähigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen. Die Kompetenzen von Studenten hat die empirische Forschung dagegen erst vor Kurzem als Thema entdeckt. Deshalb weiß man nur wenig darüber, was Studenten wirklich draufhaben, wenn sie »fertig ausgebildet« von der Uni abgehen. Die Wissenschaftler Olga Troitschanskaia und Hans Anand Pant wollen das ändern. Sie leiten seit 2011 ein mit circa 25 Millionen Euro vom Bundesbildungsministerium gefördertes Forschungsprojekt namens KoKoHs (Kompetenzmodellierung und Kompetenzerfassung im Hochschulsektor), das die Inhalte, die Lehre und die Prüfungsformen an Hochschulen untersucht.

Klar: Die entscheidenden Kompetenzen von Studenten sind viel komplexer als bloß Lesenschreibenrechnen: kritisch denken, Zusammenhänge verstehen, Probleme lösen. Die Fähigkeiten fürs 21. Jahrhundert. Wie soll man die messen, am besten in Verbindung mit dem spezifischen Wissen aus dem jeweiligen Fach? Zumindest nicht mit jenen Klausuren, die momentan geschrieben werden. Die laut KoKoHs beliebtesten Formate, Multiple-Choice-Tests oder Fragen zum Vorlesungsskript, begünstigen Auswendiglerner und messen oft nur das Faktenwissen, das ein Student zum Zeitpunkt x gerade hat. Das ist zwar auch wichtig, reicht aber nicht aus. Mündliche Prüfungen wiederum werden stark von Faktoren beeinflusst, die nichts mit dem zu tun haben, was eigentlich geprüft wird: Sympathie, Präsentationstalent, sprachliche Fähigkeiten. Manchmal gibt es für Frauen oder Migranten negative Effekte, etwa bei schriftlichen Prüfungen in den Mint-Fächern. Vor allem aber lautet das Urteil der Forscher: Die Handlungskompetenzen kommen in den Prüfungen zu kurz. Genau das sollten sie aber auch leisten: zu testen, ob die Studenten abstraktes Wissen praxisnah anwenden können. All das führt dazu, dass Uni-Zeugnisse und Abschlussnoten nicht viel aussagen. Eine Studie aus dem Forschungsprojekt von Troitschanskaia und Pant zeigt beispielsweise, dass es bei Absolventen der Wirtschaftswissenschaft oft keinen Zusammenhang zwischen ihrem ökonomischen Fachwissen aus dem Studium und den Abschlussnoten an ihren Hochschulen gibt. Anders gesagt: Ob jemand die entscheidenden Inhalte verstanden hat oder nicht, kann man nicht unbedingt an der Note erkennen. Keine Ahnung? Ganz egal!

Keine Ahnung? Ganz egal! Nicht immer hängen Fachwissen und Note zusammen

Das erscheint umso dramatischer, weil zwei banale Ziffern - 1,1 oder 2,7 oder 3,9 - noch immer der wichtigste Code dafür sind, um zugelassen zu werden: zum Masterstudium, zur renommierten Uni, zum Bewerbungsgespräch. Immerhin auf dem Arbeitsmarkt lässt die Notenhörigkeit nach. Die Zahl der Unternehmen, die selbst aufwendige Assessment-Center betreiben, steigt: weil die den Abschlusszeugnissen nicht mehr vertrauen. Und dann stellen die Firmen fest, dass die Bewerber nicht unbedingt das mitbringen, was sie sich erhoffen. Eine Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags etwa zeigt, dass nur knapp die Hälfte der Unternehmen zufrieden mit den Fähigkeiten der Bachelorabsolventen ist. Die größten Kritikpunkte: Sie könnten ihr Wissen aus dem Studium nicht anwenden, ihnen fehlten methodische Kompetenzen. 2011 waren noch fast zwei Drittel der Unternehmen zufrieden - das Problem scheint also eher zu wachsen.

Gleichzeitig werden die Noten immer besser. Bereits eine 1,7 in einer Klausur fühlt sich für viele Studenten an wie ein Tiefschlag. Alles unter »sehr gut« ist schlecht. Den Dozenten und Hochschulen liegt wenig daran, ihren Studenten schlechte Noten auszustellen. Könnte es doch bedeuten, dass ihre Lehre schlecht ist oder die Studenten nur Mittelmaß sind. »Durch die Noteninflation ist eine Parallelwelt entstanden, was die Kompetenzmessung angeht. Wir haben das Gefühl, super Absolventen auszubilden, aber wir wissen gar nicht, was sie wirklich können«, sagt Hans Anand Pant. Um das zu ändern, könnten die Hochschulen von der Arbeitswelt lernen. In guten Assessment-Centern von Unternehmen müssen die Bewerber Fallstudien lösen, die einerseits Fachwissen erfordern und andererseits die Fähigkeiten, komplexe Probleme zu lösen und Zusammenhänge im Blick zu behalten. Auch Uni-Prüfungen könnten so aussehen: Der Student bekommt Informationen vorgesetzt und Ziele, die er erreichen soll. Mithilfe seines Fachwissens und methodischer Fähigkeiten versucht er sich an einer Lösung, den Weg dorthin bestimmt er selbst. Das hätte für die Studierenden mehrere positive Auswirkungen: Sie würden verstehen, wozu ihr Fachwissen gut ist und wie sie es anwenden können. Sie würden das Gelernte besser behalten, als wenn sie es sich stumpf vor den Klausuren reinbimsen, um es in Form von Kreuzchen auf einem Fragebogen wieder auszuspucken. Und sie bekämen eine fairere Einschätzung ihrer Fähigkeiten.

Für die Hochschulen würde es vor allem eines bedeuten: bessere Absolventen. Klar, damit die Studenten in den Prüfungen nicht überfordert werden, muss sich auch die Lehre verbessern. Die Digitalisierung bietet in dieser Hinsicht riesige Chancen: Inverted Classrooms, bei denen die Studenten sich die Inhalte selbst aneignen und die Zeit mit dem Professor nutzen, um sie zu verstehen. Sofort-Feedback über spontane Quizze am Computer, die dem Dozenten zeigen, wo es bei den Studenten hakt. Praxissimulationen, wie Operationen am digitalen Herzen in der Medizin. Anstrengungen dazu gibt es seit Jahren, doch zu selten gehen sie von Hochschulleitungen aus, zu oft sind innovationsfreudige Dozenten Einzelkämpfer. Zu den methodischen Mängeln der Lehre gesellen sich bisweilen inhaltliche Zweifel. Seit der Finanzkrise gibt es etwa einen Richtungsstreit in der Volkswirtschaftslehre über das Curriculum. Wieso waren Ökonomen nicht in der Lage, die Krise vorherzusehen? Das Netzwerk Plurale Ökonomik, ein Zusammenschluss unzufriedener VWL-Studenten, hat die Lehrpläne deutscher Hochschulen untersucht und festgestellt: Die Theoriegeschichte der Wirtschaftswissenschaften werde wenig gelehrt, Denkschulen neben dem neoklassischen Mainstream kämen kaum vor, Rechnen sei wichtiger als Hinterfragen. Anders ausgedrückt: In der VWL versuche man nicht, die Erklärungsmodelle an die Wirklichkeit anzupassen, sondern die Wirklichkeit in die immer gleichen Modelle zu pressen.

Auch von den Juristen kennt man den Streit darüber, ob die Studenten sich nicht stärker mit den Konsequenzen ihres späteren beruflichen Handelns auseinandersetzen sollten. Das Fach Rechtsphilosophie hat einen schweren Stand, weil alles, was von den Tausenden auswendig zu lernenden Paragrafen ablenkt, kaum belegt wird. So versuchen dann Anwälte Gesetze anzuwenden, deren Fußnoten sie besser kennen als ihre Bedeutung für die Realität. Überhaupt gilt der Blick über die Grenzen des Klausurrelevanten hinaus fächerübergreifend als problematisch. Die Geschichtswissenschaften etwa leben vom Austausch: mit der Soziologie, den Literatur- oder Politikwissenschaften. Doch während im Magister drei, vier Fächer frei kombinierbar waren, studieren viele Studenten heute ohne Nebenfach. Weil es die Studienordnung nicht anders vorsieht oder die Regelstudienzeit mahnend tickt. Das große Forschungsprojekt von Troitschanskaia und Pant kann zum Motor für Veränderung werden. Es unterzieht die Innovationsphobiker (gemeinhin die Mehrheit der Rektoren und Professoren) in den Hochschulen einem Gegenwartscheck. Und wie es scheint, sieht es in etwa so aus, wie Außenstehende es schon immer zu wissen glaubten: Es läuft längst nicht alles so gut, wie die Hochschulen gern behaupten. Zeit, das zu ändern.

Aus DIE ZEIT :: 02.06.2016