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Büffeln ohne Ende

VON JULIA NOLTE

Fernstudien sind beliebt - doch warum werden sie so oft abgebrochen?


Büffeln ohne Ende© view7 - Photocase.comRund die Hälfte aller Fernstudierenden in Deutschland ist an der FernUniversität Hagen eingeschrieben
Der Postbeamte kannte sie irgendwann. »Ach, wieder was zu lernen?«, fragte er, wenn Franziska Heinz ihre Sendungen am Schalter abholte, weil sie wie so oft nicht durch den Briefkastenschlitz gepasst hatten: Stapel von bedrucktem Papier, eingeschweißt in Plastik, versehen mit dem Logo der Fernuniversität Hagen. Sechs Jahre lang ließ sie sich die Kursunterlagen für Jura schicken. Sie las, lernte, löste Aufgaben und schickte sie ein, ging zu Vorbereitungskursen, schrieb Klausuren - abends, nachts und an den Wochenenden. Tagsüber arbeitete die ehemalige Leistungssportlerin als Handballtrainerin. Als sie nach dem Bachelor auch den Master fast abgeschlossen hatte, fing sie in der Rechtsabteilung einer Sparkasse an. Nebenbei schrieb sie noch ihre Masterarbeit. Mittlerweile ist sie 37 Jahre alt - und in Wirtschaftswissenschaften eingeschrieben. »Man kann aus dem Fernstudieren ein richtiges Hobby machen«, sagt Franziska Heinz. »Man kann sich damit infizieren.«

Die Zahl der Fernstudenten ist in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen, zuletzt um 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Noch nie hat es in Deutschland so viele von ihnen gegeben: 104 750 laut Fernunterrichtsstatistik 2009. 32 Prozent der Fernstudenten lernen an privaten Fernhochschulen, 18 Prozent nutzen die Fernstudienangebote von herkömmlichen Hochschulen. Rund die Hälfte ist an der Fernuniversität Hagen eingeschrieben, sodass sie die bisherigen Spitzenreiter, die Ludwig-Maximilians-Universität in München und die Universität zu Köln, überrundet hat und nun Deutschlands größte Uni ist. Das rasante Wachstum der Fern-Uni macht ihren Rektor stolz, weil es zeige, »dass wir etwas bieten, was nachgefragt wird«. Was Helmut Hoyer ärgert, ist die Diskussion um Abbrecherquoten: Die Fernuniversität Hagen hat zwar mehr als 50 000 Studenten. Doch nur die wenigsten von ihnen bleiben wie Franziska Heinz über Jahre dran und schließen ihr Studium auch ab. Hoyer scheint das nicht zu stören. Er sagt: »Es gibt Phasen des Lernens, die zum Abschluss führen können, aber nicht müssen.«

Die Hagener Fernuniversität schätzt ihre Abbrecherquote auf 70 Prozent

Im Jahr 1992 stellte der Wissenschaftsrat in einem Gutachten über das Fernstudium fest, dass der Studienerfolg an der Fernuniversität Hagen »nicht befriedigen « könne. Nicht einmal 10 Prozent der Studenten machten damals einen Abschluss - zu wenig, befanden die Gutachter. Eine erneute Untersuchung durch den Wissenschaftsrat hat es bisher nicht gegeben. Hoyer selbst schätzt die Abschlussquote in Hagen heute auf etwa 30 Prozent und führt die Steigerung vor allem auf die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen zurück. Verglichen mit den privaten Fernhochschulen, ist der Anteil der Aussteiger damit allerdings immer noch extrem hoch: Sieben von zehn Studenten geben auf.

»Mit einer Abbrecherquote von 70 Prozent könnte eine private Hochschule gar nicht überleben. Die wäre längst pleite«, sagt Martin Kurz, Präsident des Fachverbands Forum DistancE-Learning, bei dem 10 der 15 privaten Fernhochschulen in Deutschland Mitglied sind. An diesen Einrichtungen (insgesamt drei Universitäten und zwölf Fachhochschulen) brechen nach eigenen Angaben etwa 20 bis 35 Prozent der Studenten ab - höchstens halb so viele wie in Hagen. Woran mag das liegen? »Bei den privaten Anbietern ist die Betreuung besser und das Studium flexibler«, behauptet Kurz. Möglicherweise hätten es die Berufstätigen auch deshalb leichter an den privaten Fernhochschulen, weil das Studium dort anwendungsorientierter sei als in Hagen. Geisteswissenschaftliche Fächer wie Philosophie oder Geschichte werden von den Privaten nicht gelehrt. Die meisten sind immer noch auf BWL spezialisiert. »Vielleicht spielt auch der Preis eine Rolle«, vermutet der Hagener Rektor Hoyer. Die privaten Fernhochschulen verlangen zwischen 10 000 und 18 000 Euro für ein Studium. Ein Fernstudium in Hagen hingegen kostet zwischen 600 und 2500 Euro - da kommt es eventuell nicht so sehr darauf an, das Studium auch zu einem Abschluss zu bringen.

Anonymität ist der große Nachteil des Fernstudiums

Eine weitere Überlegung lautet in Hagen: Vielleicht wollen viele Studenten an der Fernuniversität von vornherein gar keinen Titel. Immerhin bringen fast 40 Prozent bereits einen ersten Hochschulabschluss mit (bei den Privaten sind es nach Angaben des Fachverbands maximal 20 Prozent, teilweise sogar nur 5 Prozent). Unter Umständen seien diese Leute nur daran interessiert, ihr Wissen zu erweitern. Sie würden eben nicht »für die Visitenkarte « studieren, wie es Studenten der privaten Fernhochschulen manchmal vorgeworfen wird. Bleibt zu fragen: Was ist mit der Mehrheit, die keinen Abschluss mitbringt? Warum schreibt sie sich für ein Studium ein und unterbricht es dann oder bricht es ab, oft schon nach dem ersten Semester? Ist ihr Wissensdurst bereits gestillt? Von den Fernhochschulen, ob Universität oder Fachhochschule, kommt immer die gleiche Antwort: Ihre Umfragen hätten gezeigt, dass die Abbrecher das Studium nicht mit Beruf und Familie vereinbaren konnten. Ein neuer Job, ein wichtiges Projekt, das erste Kind, ein Hausbau - Fernstudenten stehen vor anderen Herausforderungen als jüngere Studierende an den Präsenzhochschulen (wo die Studienabbruchquote laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems HIS übrigens 21 Prozent beträgt).

Dennoch sind die Gründe für den Abbruch sicher nicht nur bei den Studenten, sondern auch an den Hochschulen und bei ihrer Lehrmethode zu suchen. Uwe Ploch, der Kanzler der Hamburger Fernhochschule, nennt es »den großen Nachteil des Fernstudiums«: die Anonymität. Das Fernstudium eröffnet zwar Freiheiten, was Lernzeit und Lernort betrifft, aber es verlangt auch ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Derjenige, der nur im stillen Kämmerlein vor sich hin studiere, neige dazu, aufzugeben, sagt Ploch. Deswegen unterhalten viele Fernhochschulen eigene Betreuungszentren in ganz Deutschland und betreiben virtuelle Lernplattformen, auf denen die Fernstudenten auch miteinander chatten und Fragen an Dozenten stellen können. Außerdem gibt es sogenannte Präsenzveranstaltungen, in denen der Stoff besprochen wird. Ihr Anteil am Studium kann je nach Anbieter bis zu 50 Prozent betragen. Und trotzdem: Letztlich sitzt der Student allein vor seinem Berg an Kursunterlagen. »Ich kriege den Lernstoff geballt. Wie ich ihn nutze, liegt an mir«, sagt zum Beispiel Lars Nennhaus. Seit zwei Jahren macht der 35 Jahre alte Wirtschaftsingenieur einen Master of Business Administration an der Hamburger Fernhochschule - »für die Karriere«, wie er sagt. Etwa 15 Stunden investiert er wöchentlich in sein Zweitstudium, da ist er konsequent, denn »wenn man in einer Woche nichts tut, sind es in der nächsten 30 Stunden«. Hauptberuflich arbeitet der Fernstudent als Terminalleiter im Hamburger Hafen. Nennhaus trägt einen dunklen Anzug, alle paar Minuten klingelt sein Blackberry. »Das Fernstudium ist eisenhart«, sagt er. »Aber ich breche nicht ab bei ein bisschen Gegenwind.«

Aus DIE ZEIT :: 22.12.2010

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