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Bügelsex und Bügelfalten

VON ANDREAS UNGER

Wo lernen die Modeschöpfer von morgen ihr Handwerk? An Fachhochschulen!

Bügelsex und Bügelfalten© mickmorley - Photocase.com
Svenja Knoppik tritt nach vorn, eine burschikose Modedesignstudentin mit scharf geschnittenen Augen, Tattoo hinterm Ohr und schwarzer Achtziger-Jahre-Lederjacke. Es ist die erste Woche des Semesters, und schon steht die erste Prüfung an, um elf Uhr sine tempore. Ein Dutzend Studenten sind in den großen, hellen Raum des Fachbereichs Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld gekommen. Die einen erzählen, was sie während ihrer sechsmonatigen Praktika erlebt haben, die anderen hören neugierig zu. Und am Ende gibt es für die Vortragenden eine Note. Auf den Tischen liegen Coffee-to-go-Becher, Plastikwasserflaschen, Kopfhörer, MacBooks.

Svenja Knoppik fängt an zu erzählen. Sie hat sechs Monate lang bei zwei Designern in London und Paris gearbeitet und war bei einem Videodreh des Designers Gareth Pugh dabei, für dessen Herbst-Winter-Kollektion. Zwei Wochen ihres Praktikums brachte sie damit zu, goldfarbene Aluplättchen millimetergenau zu Dreiecken zuzuschneiden und auf ein experimentelles Kleid zu kleben. Bis die Finger taub waren. »Aber nach Weihnachten waren sie wieder heil«, sagt sie, lacht und macht nicht den Eindruck, als wolle sie demnächst vor ein Arbeitsgericht ziehen. Außerdem hat sie Entwürfe genäht und ist der Schnittmacherin zur Hand gegangen. Pugh habe fast jeden Tag im Studio geschlafen, die Praktikanten weckten ihn morgens, wenn sie zur Arbeit kamen. Eine Stechuhr gab es nicht, immerhin eine Mittagspause gegen 15 Uhr, wobei niemand gezwungen wurde, sie sich auch zu nehmen. Pause machte man, wann man wollte, wobei man besser nicht zu oft wollen sollte. »Es ist schon krass anstrengend, aber es ist eben auch eine Ehre, ein Praktikum bei Gareth Pugh zu machen. Ich darf sogar weiter für ihn arbeiten!«, berichtet sie begeistert. »Hoffentlich für Geld?«, fragt Prüfer Kai Dünhölter, Professor für Modedesign. Svenja bleibt die Antwort schuldig. Das hier ist keine Mitgliederversammlung der GDL.

Artikel zum Thema »Leidenschaft kommt von 'Leiden' und 'schaffen'«, kommentiert Dünhölter und gibt ihr eine 1,0 - das war sie auch schon, die Prüfung. Dünhölter trägt einen blauen Kapuzenpullover, um dessen Kragen ein breiter weißer Schnürsenkel führt. Keine der Prèt-à-porter-Schauen sei ohne Praktikanten zu stemmen, Einstiegsgehälter von 1500 Euro brutto seien keine Seltenheit. Das aber sei der Preis dafür, seine Kreativität auszuleben. Wobei offenbleibt, wie gut das Svenja im Praktikum gelungen ist. Mode zu schöpfen, das ist das Ziel der Studenten. Sie müssen es gegen eine Wirklichkeit verteidigen, in der sie ihre Kreativität gegen Profaneres behaupten: Wie viel Arbeitszeit hängt an diesem Schnitt? Was kostet jener Stoff im Einkauf? Welche Farbe ist im Augenblick gefragt, wie lang trägt man in New York die Ärmel, wie eng die Kragen? Verkäuflichkeit ist eine mindestens genauso harte Währung wie Originalität. Da kann es auch mal vorkommen, dass ein Kleid seinem Käufer besser gefällt als seinem Schöpfer. In kaum einer Branche liegen Kreativität und Kommerz so eng beisammen, begrenzen, befeuern und bedingen einander. Wie eng, das hat Sabrina Wettstein erlebt, die als Nächstes mit ihrer Praxisprüfung dran ist. Sie berichtet von ihrem Praktikum in einer Modeagentur.

Dorthin kommen Einzelhändler und Einkäufer von Handelsketten, um sich die neuesten Kollektionen zeigen zu lassen. Sabrina hat look books mit Fotos von den Outfits herumgereicht, Kunden betreut und order sheets für die Agentur ausgefüllt. Ihr Beispiel zeigt: Der Arbeitsmarkt im Modedesign mag hart umkämpft sein, aber er bietet viele Nischen, etwa im Marketing. Einige Absolventen entwerfen Filmkostüme oder arbeiten als Stylisten in der Werbung. Manche werden Einkäufer und gehen für Kaufhausketten auf die Suche nach Produkten, die ins Angebot aufgenommen werden sollen. Auch die Chefredakteurin von Elle ist Absolventin der FH Bielefeld. Und es gibt Spezialisten, die dafür sorgen, dass Kleider möglichst verkaufsfördernd in Showrooms und Kaufhäusern auf die Kleiderbügel kommen: Stimmen Beleuchtung, hängen die Kleider entsprechend ihrer Farbe? Dann hat die Ware »Bügelsex«.

Wer Mode designen will, muss nicht nur kreativ sein und sich in Marketing und Vertrieb auskennen - auch das Handwerkliche darf nicht zu kurz kommen. An der Fachhochschule Trier etwa hat man sich auf Strickdesign spezialisiert. Was bedeutet, dass Studenten schon mal mit Nadel und Faden dasitzen und sich nicht gerade wie Modeschöpfer fühlen. »Aber das lesen wir nicht so gern in der Zeitung«, sagt eine Mitarbeiterin. Es soll nicht der Eindruck entstehen, die Ausbildung beschränke sich aufs Handwerkliche. Richtig daran sei, dass man sein Material kennen müsse, bevor man damit Mode mache. Und so beschäftigen sich die Studenten eben auch mit Wollarten und Nadelstärken, mit Bündchen und den vielen Möglichkeiten, rechte und linke Maschen zu kombinieren. Fachhochschulen in Bielefeld, Trier und Reutlingen - auf den ersten Blick wundert man sich darüber, wie viele Modedesign-Studiengänge es abseits der großen Städte gibt. Dazu kommen zahlreiche Privatschulen und artverwandte Ausbildungen wie Textiltechnik in Krefeld und Zwickau. Einer der wichtigsten Nachwuchs-Modedesigner-Preise wird am 9. April in Apolda verliehen werden - auch kein Ort, an den man denkt, wenn man »Haute Couture« hört. Kai Dünhölter versucht erst gar nicht, Bielefeld zum Modemekka auszurufen: »Klar findet man hier, wenn man vor die Haustür tritt, weniger spannende Streetwear als in London.« Es bedürfe auch eines höheren Aufwands, um den Bereich Gestaltung »über die Grenzen Ostwestfalen-Lippes hinaus bekannt zu machen«.

Auf den zweiten Blick haben Fachhochschulen in kleinen Städten Vorteile. So bemüht man sich in Bielefeld darum, dass sich die angehenden Modedesigner in Stilfragen nicht mit einem intuitiven »Find ich gut« begnügen, sondern Wissen in Sachen Modegeschichte an die Hand bekommen. Das soll ihnen neben Trendbewusstsein auch ein Gefühl für den Reichtum an Stoffen, Schnitten und Kombinationen vermitteln. Und zwar in möglichst kurzer Zeit. Verschulter Unterricht, Pflichtseminar in BWL, viele Prüfungen, knappe Regelstudienzeit - die Einführung von Bachelor und Master hat den kreativen Studiengängen nicht nur gutgetan. Dünhölter ist von der Hochschulleitung angehalten, seine Studenten in der Regelstudienzeit durch die Ausbildung zu schleusen - in der ist aber keine Zeit für ein Praktikum vorgesehen. Das Bologna-Ziel, Studenten für den Arbeitsmarkt fit zu machen, wird so ausgerechnet an den als praxisbezogen geltenden FHs konterkariert. Im Moment liege die Berufung einer weiteren Professorenstelle auf Eis, weil die Regelstudienzeit regelmäßig überschritten werde. »Das Dilemma ist: Wenn wir unsere Studenten durchs Studium pu shen, sind wir in den Augen der Politik eine erfolgreiche Hochschule. Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass sie möglichst reif und gut ausgebildet auf den Arbeitsmarkt gehen. Sie sollen eigenständige Designerpersönlichkeiten werden.«

Die Bielefelder wollen dem Modedesign, das sich gern glamourös präsentiert, Ernsthaftigkeit geben, wollen Verspieltheit mit Stringenz, Lässigkeit mit Disziplin paaren. Dünhölter sitzt am Computer und zeigt YouTube-Bilder von drei Studenten-Kollektionen des vergangenen Semesters, die ihm besonders gefallen haben. Er hat seine Studenten mit Denk- und Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts bekannt gemacht. Stephanie Höcker etwa hat sich mit Surrealismus beschäftigt. Sie hat zwei Models gleichzeitig auf den Laufsteg geschickt, mit jeweils zwei ähnlichen Outfits: einem klassisch geschnittenen und einem verzerrten, unförmigen. Durch einen Zerrspiegel betrachtet, erscheint plötzlich das klassisch geschnittene verzerrt und das verzerrte normal. Mit dieser Idee hat sie den European Fashion Award FASH 2011 gewonnen. Studentin Aline Flock hat sich mit Geschlechterrollen beschäftigt, indem sie an den Rücken jedes ihrer Männerhemden ein Frauenhemd genäht hat, das wie ein Umhang wirkt: Jeder trägt das andere Geschlecht mit sich herum, es ist sichtbar, hat aber scheinbar keine Funktion mehr. Clevere Idee. Leonie Barth hat sich vom Bauhaus inspirieren lassen und eine Kollektion entwickelt, deren Teile ausschließlich aus Rechtecken bestehen. Dass sie trotzdem gut aussehen, darin besteht ihre Kunst. »Die Franzosen bestechen durch Raffinesse, die Italiener durch Sexyness und die Deutschen durch Stringenz«, sagt Dünhölter. Vielleicht ist hier, abseits der Metropolen, nicht der schlechteste Ort für künftige Modedesigner, die Trends nicht nur erkennen, sondern schaffen wollen.

Aus DIE ZEIT :: 24.03.2011

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