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Bürokratisches Wissenschaftsideal

von Klaus Fischer

2005 gab die Europäische Kommission die Europäische Charta für Forscher* heraus. Neben ihrem wesentlichen Ziel, die Lage der Wissenschaftler in der Union zu verbessern, geht es dort auch um die Forschung selbst. Kritische Anmerkungen zu der in der Charta formulierten Wissenschaftsauffassung.

Bürokratisches Wissenschaftsideal© tuulijumala - Fotolia.comDie Europäische Charta für Forscher will die Situation der Wissenschaftler in Europa verbessern
Die Kommission der Europäischen Gemeinschaft hat im Jahr 2005 die Formulierung einer Europäischen Charta für Forscher sowie eines Verhaltenskodex für die Einstellung von Forschern unter Verweis auf den Lissabon-Gipfel mit dem Ziel begründet, die "Gemeinschaft bis zum Jahr 2010 zur wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft in der Welt" zu machen. Die Kommission empfahl auf der Basis ihres zentralen Zieles, alles zu tun, um "ein günstiges Forschungsumfeld und eine der Forschung zuträgliche Arbeitskultur auf(zu)bauen und aufrecht(zu)erhalten, dank derer Einzelne und Forschungsgruppen geschätzt, gefördert und unterstützt sowie mit dem notwendigen Material ausgestattet werden und nicht materielle (sic! - K.F.) Unterstützung erhalten, das bzw. die es ihnen erlaubt, ihre Ziele und Aufgaben zu erfüllen". Insgesamt kann man dem Regelwerk ein hohes Problembewusstsein und das ehrliche Bemühen um eine Verbesserung der Lage von Forschern im Bereich der Union bescheinigen. Aber es geht nicht nur um die Karrieren der Forschenden, sondern auch um das Produkt, das heißt um die Ergebnisse der Forschung. Gelingt es der Charta, beide Ziele zu optimieren?

"Gesellschaftliche Relevanz"

Unter "Berufsverantwortung" wird in der Charta postuliert: "Forscher sollten alles daran setzen zu gewährleisten, dass ihre Forschung für die Gesellschaft relevant ist und in Bezug auf anderswo bereits durchgeführte Forschung keine Doppelarbeit darstellt." Wenn diese Forderung implizieren soll, dass Forschung gesellschaftlich relevant sein muss, um wissenschaftlich bedeutsam zu sein, so wird sie von der Wissenschaftsgeschichte falsifiziert. Es ist eine tragische Ironie der Geschichte, dass politische Systeme, die die "gesellschaftliche Relevanz" zum Kriterium der Forschungsbewertung machten, in der Vergangenheit früher oder später gescheitert, bzw. von offeneren Systemen geschlagen oder überholt wurden. Praktisch gesehen wurde über "gesellschaftliche Relevanz" stets in der Sphäre politischer Programme, kultureller Werte oder sozialer Ideologien entschieden. Die Wissenschaft und die Erfordernisse ihrer dynamischen Entfaltung kamen dabei allenfalls durch die Hintertür oder durch den Druck externer Kräfte ins Spiel.

Ungeachtet der Tatsache, dass viele zentrale Innovationen der Wissenschaft zu ihrer Zeit nicht einsehbar "gesellschaftlich relevant" waren, stellen sie heute - wie etwa die Quantentheorie - die geistige Basis unserer technischen Kultur dar. Ist dieses Beispiel atypisch? Nein, es bezeichnet den Normalfall. Wie gesellschaftlich relevant sind Fächer und Spezialgebiete wie Paläoanthropologie, Archäologie, Kosmologie, Stringtheorie, in denen es um praktisch so sinnlose Fragen wie die Abstammung des Menschen, die Entwicklung ausgestorbener Arten, die Ursprünge und Entwicklung untergegangener Kulturen oder die Entstehung und Entwicklung des Kosmos und seiner Strukturen geht? Wollten wir einen Extremfall anführen, so genügte es, auf die (nichtangewandte) Mathematik zu verweisen, die in der Vergangenheit - ohne dies zu beabsichtigen oder zu wissen - die grundlegenden Instrumente für viele andere Wissenschaften bereitgestellt hat. Gesellschaftliche Relevanz, verstanden als Kriterium der Förderungswürdigkeit von Forschung und Wissenschaft, legt die Wissenschaft in ein Korsett wissenschaftsfremder Maßstäbe. Dies konterkariert die abstrakte Bejahung eines "Anspruchs auf Gedankenfreiheit" und gefährdet die (im Rahmen von Gesetz und Ethik) ungehinderte Entfaltung und Vertiefung des Wissens. Damit steht diese Forderung in latentem Konflikt mit dem o.g. zentralen Ziel der Charta!

Rechenschaftspflicht und Evaluation

Die angeführten Argumente treffen auch auf die angemahnte "Rechenschaftspflicht" zu. Im Abschnitt "Beurteilungssysteme" wird gefordert, dass "für alle Forscher" Beurteilungssysteme eingeführt werden sollen, "um ihre berufliche Leistung regelmäßig und auf transparente Weise [...] zu bewerten". Rechenschaftspflicht kann in der wissenschaftlich-technologischen Grundlagenforschung kaum mehr bedeuten als den Nachweis, dass die verfügbaren Mittel nicht wissenschafts- und forschungsfremd eingesetzt wurden. Wer sich dagegen für jeden Fehlschlag rechtfertigen soll, wird bald vor riskanten (das heißt die Grenzen des bisherigen Wissens überschreitenden, also innovativen) Projekten zurückschrecken und nur noch auf "sichere Erträge" auf der Basis konsensbasierter Methoden und Konzepte setzen. Leider bedeutet auch dies wieder eine Kollision mit dem zentralen Ziel der Charta, denn der gegenwärtige Konsens ist in der Wissenschaft oft nichts anderes als der gerade kursierende Irrtum.

Die Charta ignoriert die unaufhebbare Ambivalenz der Forschung. Sie insinuiert, dass der Appell an soziale Relevanz, die Einführung von Evaluationsverfahren und die Institutionalisierung einer Rechenschaftspflicht die Forschung in den gewünschten Bahnen halten wird. Dies ist ein gefährlicher Irrtum - gefährlich, weil er ein Wissen über die Zukunft voraussetzt, das weder die Forscher noch die Evaluateure haben. Wissenschaft ist per se ein Risiko für gesellschaftlich verwurzelte und politisch legitimierte Wirklichkeitsdefinitionen. Wissenschaftlicher Fortschritt ist nicht immer nützlich oder konstruktiv, er bringt oft nicht jene wohlfeilen und stromlinienförmigen Lösungen hervor, die sich Politik und Öffentlichkeit wünschen. Die westlichen Gesellschaften definierten sich bis heute dadurch, dass sie der Aufklärung über neue Phänomene, der Entdeckung neuer Wissenskontinente in aller Regel - trotz mancher Widerstände - den Vorzug vor der Bewahrung des sozialen Konsenses, und im Zweifel auch des sozialen Friedens, gaben. Es ist diese Eigenschaft westlicher Kultur, in der Universalismus über Partikularismus, Offenheit über Sicherheit und Wahrheit über Mehrheit geht, die von dem sozialen Relevanzkriterium, an das die Charta appelliert, zur Disposition gestellt wird.

Genormte Wissenschaft?

Die Charta kultiviert ein bürokratisches Wissenschaftsideal, nach dem der Fortschritt in den Wissenschaften auf eine planbare, berechenbare, transparente und zeitnah evaluierbare Weise zustande kommt. Wäre dies so, dann könnte man in der Tat auf "Doppelforschung" verzichten, dann könnten nicht nur unerwünschte (sozial irrelevante oder schädliche) Innovationen verhindert, sondern auch die erwünschten Leistungen der Forscher exakt bewertet und in Karrierepunkte transformiert werden. Da es nicht so ist, werden "Beurteilungssysteme" nicht primär den wissenschaftlichen Fortschritt und die Forscherelite fördern, sondern hauptsächlich den aktuellen Konsens zum Ausdruck bringen und abweichendes (etwa innovatives) Denken bestrafen oder demotivieren. Dies ist nicht die Absicht der Charta - sie betont Kreativität, Selbstständigkeit und die Komplexität der Beurteilung von Forscherleistung - sondern die ungewollte Folge der zugrunde gelegten Wissenschaftsauffassung. Diese übersieht, dass Person und Karriere von Pionieren der Forschung, die neue Schneisen in unbekanntes Gelände schlagen und sich dabei auch manchmal verirren, sehr oft Eigenschaften aufweisen, die in einer Evaluation nicht unbedingt positiv zu Buch schlagen.

Die lobenswerte Absicht der Charta, die Lage des wissenschaftlichen Nachwuchses und benachteiligter Gruppen zu verbessern und die Karrieremöglichkeiten von Wissenschaftlern zu verstetigen, wird deshalb vermutlich in erster Linie den Angepassten und den auf der Welle des Zeitgeistes Surfenden zugute kommen. Wissenschaft braucht "normal science", aber sie lebt auch von den kritischen und eigensinnigen Geistern, den "Ketzern" und Abweichlern, die nicht an ihre temporären Dogmen (Paradigmen) glauben, sondern unabhängig von den Meinungen der Kollegen und Evaluateure ihren eigenen Weg abseits der ausgetretenen Pfade gehen und dabei so manche Preziose finden, die von den Planierraupen der Normalwissenschaft beiseite geräumt worden wäre. Neue Ideen entstehen in Individuen, auch wenn sie in Arbeitsgruppen und Netzwerke eingebunden sind. Sie vorzubringen erfordert Mut, und für diesen Mut sollte ein Forscher nicht abgestraft werden können, indem Vertreter des aktuellen Konsenses über seine Leistungen urteilen, denn er ist das Lebenselixier einer Forschung, die sich mit dem Erreichten niemals zufrieden gibt.

Diese Einsicht finden wir bereits bei Galileo Galilei, wenn er in den Briefen über Sonnenflecken Folgendes sagt: "In den Wissenschaften zählt ein kleiner Funken Vernunft in einem einzelnen Menschen mehr als die Autorität von Tausend Meinungen." Im "Saggiatore" findet man die passende Fortsetzung: "Deshalb halte ich es (...) für nicht besonders vernünftig, die Meinung eines Mannes nach der Zahl seiner Anhänger zu beurteilen."

*ec.europa.eu/eracareers/pdf/eur21620de-en.pdf»


Über den Autor
Klaus Fischer ist Professor für Philosophie an der Universität Trier. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a. Wissenschaftsgeschichte, Wissenschafts- und Wissenssoziologie und Naturphilosophie.

Aus Forschung & Lehre :: November 2012

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