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Burn-out an Hochschulen - ein Interview

Von Stephan A. Jansen

Im fragmentierten Bologna-Lehr- und Prüfungssystem sind sowohl Wissenschaftler als auch Studierende gefährdet, den Belastungen nicht standzuhalten. Können sich Universitäten dem atemlosen Zeitgeist entziehen? Das Phänomen Burn-out aus der Perspektive eines Universitätspräsidenten.

Psychische Gesundheit an Hochschulen - ein Interview© Zeppelin UniversitätStephan A. Jansen ist Präsident der Zeppelin Universität in Friedrichshafen
Forschung & Lehre: Sie sind nach Studium und Promotion an der Universität Witten/Herdecke mit Stationen in Tokio, New York, an der Stanford University und der Harvard Business School nun Hochschullehrer und haben schon mit 31 Jahren die Zeppelin Universität gegründet, die Sie als Präsident leiten. Sind Sie bei Ihrem wissenschaftlichen Werdegang schon einmal selbst an die Grenzen Ihrer Belastbarkeit gestoßen?

Stephan A. Jansen: Ja, die Grenzen habe ich immer ausgetestet - aber nicht der Belastbarkeit, sondern der Belustbarkeit. Grenzen sind tatsächlich im engeren Sinne des Wortes grenz-wertig. Man sollte sie in ihrem Wert zu schätzen wissen. Und das muss ich auch, da ich neurotisch begeisterungsfähig und ein ewiger Anfänger bin. In die Entwicklung anderer verliebt arbeite ich zu gern als chronischer Ermöglicher. Aber dies ermöglichte eben auch eine Vielzahl an Erfahrungen, ob als DJ, studentischer Gründer eines Forschungsinstituts oder Unternehmer. Und 2002 - nach dem globalen Krisenjahr 2001 - kam dann auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Depression hinzu - auch als Mitinitiator einer interdisziplinären Depressionskonferenz oder Beirat des "Depressionsbarometer Deutschland". Da Bildung und Wissenschaft regenerative Energien sind, achte ich immer wieder auf die Akkufunktion bei meinen Projekten, die zu einem Zeitpunkt bewusst sehr unterschiedlich sind, und die immer der puren Lustverprobung und einer strengen biorhythmischen Kontrolle unterstehen. Zwei Krisen in den Gründungen haben mich jedoch aus dem geübten Modus "Schönwettermanagement" herausgebracht. Da war eine Erkenntnis zentral, die ich auch in der Depressionsforschung wiedergefunden habe: wenn ich keinen Abstand zu meinen Durchhalteparolen finde, dann werde ich die Krise nicht durchhalten. Ich habe das für mich als "lässige Leistungskultur" bezeichnet. Es hat ganz gut geklappt, und wenn alles schief läuft, dann läuft der Plattenspieler an.

F&L: Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen Hochschullehrer der wachsenden Belastung nicht standgehalten haben? Gibt es Zahlen zu Burn-out an Hochschulen?

Stephan A. Jansen: Ich bin kein Psychiater, sondern nur geistes- und sozialwissenschaftlich affiner Ökonom und daher kein wirklicher Experte: Interessanterweise kenne ich - neben natürlich bemerkenswerten Wissenschafts- wie Depressionskarrieren herausragender Wissenschaftler - tatsächlich keine aktuellen und einschlägigen Studien zu psychischen Erkrankungen von Wissenschaftlern. Sie stellen mit Ihrer Frage interessanterweise auf den Hochschullehrer ab, den ich tatsächlich ungefährdeter einschätzen würde. Sicherlich leiden auch Hochschullehrer unter einer fehlenden Informations- und Kommunikationsdiät durch das Paradigma der Dauer- Erreichbarkeit, wenngleich gerade Professoren sich ja durch Humboldtsche Einsamkeit und Unerreichbarkeit durchaus auszeichnen. Ein Privileg - auch in einem globalisierten Forschungsmanagement und fragmentierten Bologna-Lehr- und Prüfungssystem. Die bisherigen Forschungen konzentrieren sich eher auf klassische und neue Patienten: Mittelbau und Bachelor-Studierende. Prekär beschäftigte Promovenden und Habilitanden - heute der Regelfall - sind tatsächlich in hohem Maße betroffen, wie eine Studie der TU Berlin zu belegen weiß. Ebenso kann konstatiert werden, dass der lobenswerte Ausbau der psychologischen Beratungsstellen für Studierende an immer mehr Hochschulen auf eine bedenkenswerte Überlastungstendenz zurückzuführen ist. Die Begründungen sind aber tatsächlich immer die gleichen: Unsichere Beschäftigungssituationen während und nach den Qualifikationsarbeiten, Vereinsamung und entgrenzte Arbeitszeiten.

F&L: Auf den Webseiten von "uniprotokolle.de" findet sich über das studentische Bewerbungsverfahren an der Zeppelin Universität das Zitat "Ich war bei deren Aufnahmetest und die haben mich fürs Leben geschädigt". Ist schon bei der Auswahl der Studierenden der Leistungsdruck zu hoch?

Stephan A. Jansen: Die Zeppelin Universität hat wohl in der Tat ein schädigendes Bewerbungsverfahren, denn es stellt auf Nichtwissen ab und ist dabei konsequent subjektiv. Abiturnoten sowie sonstige Lebenslaufinszenierungen zählen nicht, sondern der Umgang mit Nichtwissen. Auf Nachfrage der übermotivierten Bewerber, wie man sich denn vorbereiten könne, gibt es nur eine Standard-Antwort, und die ist zugegebenermaßen hart: "Kommen Sie bitte persönlich!" Das Verfahren - es heißt: Pioneers Wanted! - beginnt mit zwölf nicht beantwortbaren Fragen. Unsere Entscheidung ist pure Lustbetonung, nämlich ob wir Freude an einem persönlichen Gespräch antizipieren. Dann werden die Bewerber eingeladen - nicht an die Universität, sondern dorthin, wo es brennt: Psychiatrien, Bahnhofsmissionen, Gefängnisse. Dort stehen Entscheider und skizzieren ein Problem, was sie selbst seit mindestens sechs Monaten lösungsfrei beschäftigt. Und dann werden in interdisziplinären Teams Überlegungen angestellt, bei denen wir die Bewerber beobachten. Wir glauben, dass das Überprüfbare, das Plagiierbare ein Paradigma war, als es noch kein ubiquitäres und digital reproduzierbares Wissen gab. Aber natürlich ist ein Auswahlverfahren, das auf Wissbares abstellt weniger schädigend für die Selbstinszenierung als ein Annahmeverfahren, dass sich auf Nicht-Wissbares konzentriert.

F&L: Zu den besonderen Anforderungen der Zeppelin Universität an ihre Studierenden gehören Individualität, Eigeninitiative, Flexibilität, Internationalität und vieles mehr. Hinzu kommt ein enormer Erfolgsdruck durch die hohen Studiengebühren von mehr als 3000 Euro pro Semester. Welche Strategien gibt es, einer Überforderung vorzubeugen?

Stephan A. Jansen: In der Tat sind die Anforderungen an Studierende generell schon beeindruckend - vor allem diejenigen, die sie sich selbst stellen. Das würde ja kein Professor von ihnen verlangen. Selbstüberforderungen, ein kaum rhythmisch individualisierbares Studium und Prüfungskorsett und der sonderlich wirkende antizipative Anpassungsdruck an Arbeitsmärkte sind Treiber der Überforderung. Außerdem müssen 70 Prozent unserer Studierenden ihr Studium auf eigenes Risiko vorfinanzieren, und sie sind einem produktiven wie auch unproduktiven peer pressure ausgesetzt. Dieser Umstand war uns bei der Gründung bewusst und wir haben eine Reihe von unaufgeregten, d.h. selbstverständlichen Strukturen und Instrumenten entwickelt - mit den Studierenden zusammen: (1) TandemCoaching: Einmal im Semester findet auf Basis von schriftlichen Selbstreflexionen sowohl ein Coaching mit einem Wissenschaftler als auch eines mit einem Praktiker statt. (2) Social Office: Wir haben eine professionelle psychologische Beratung für alle Themen wie Prüfungsängste, psychische Folgen von anderweitigen Erkrankungen oder auch familiären oder Beziehungsproblemen. (3) Student-Counseling: Die Studierenden haben darüber hinaus eine eigene Austauschplattform geschaffen. Ich bin dort auch selbst für Veranstaltungen eingebunden, und wir laden dazu Experten z.B. zu neuro enhancement ein oder auch Buchautoren wie Ines Geipel, mit der wir in ihrer letzten Publikation "Seelenriss" zusammengearbeitet haben. Vermutlich ist das Erfolgsgeheimnis eine Offenheit im Umgang an der Universität. Psychische Gesundheit ist nicht normal. Und deswegen sollten wir die Normalitäten in der Uni vorkommen lassen - alle menschlichen Probleme in einer sozialen Gemeinschaft. Wenn Erfolg nicht selten auch die Ausbeutung eines psychischen Defekts ist, dann erscheint es sogar hilfreich, sich mit diesem offen zu beschäftigen.

F&L: Ist das Vorkommen von Erschöpfungszuständen und Depressionen ein strukturelles Problem an Universitäten, oder sind die Universitäten damit nur ein Teil des allgemeinen atemlosen Zeitgeistes?

Stephan A. Jansen: Ja, es ist wohl ein strukturelles und finanzielles Problem, das mit der atemlosen und auch emotionsloseren Massenuniversität eingetreten ist. Aber es gibt auch eine prinzipiell gute Nachricht: Das Neue ist das einzig belastbare Anti-Depressivum - zumindest aus neurophysiologischer Sicht. Und daher müssen meines Erachtens Universitäten nicht zwingend ein Depressarium sein, die Arbeit in ihr und für die Wissenschaft kann genau das Therapeutikum sein.


Zur Person
Stephan A. Jansen ist Präsident der Zeppelin Universität in Friedrichshafen und hat dort den Lehrstuhl für Strategische Organisation und Finanzierung inne.


Aus Forschung und Lehre :: November 2011

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