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Business School auf dem Weg nach oben

VON MALTE BUHSE

Eine kleine unbekannte Business School in der Provinz will nach oben.

Business School auf dem Weg nach oben© Magmell - German Graduate School of Management and Law (GGS)Die Heilbronner Business School will an die Spitze der Rankings
In einem guten Weinführer darf Heilbronn nicht fehlen. Gleich hinter der Stadtgrenze ziehen sich die grünen Reihen mit den Rebstöcken die Hänge hinauf. Jetzt im Spätsommer hängen alle bereits voller reifer Trauben. Besonders Trollinger und Riesling wachsen gut auf den kalkhaltigen Böden am Ufer des Neckars. In einem Ratgeber für Management-Studiengänge hingegen findet man nur selten ein Kapitel zu Heilbronn, obwohl es dort bereits seit neun Jahren eine Business School gibt. Nur, die kennt kaum jemand außerhalb der Region.

Dirk Zupancic will das ändern. »Wir wollen eine der renommiertesten Business Schools Deutschlands werden«, sagt der Präsident der German Graduate School of Management and Law (GGS) selbstbewusst. Und sein Kollege Markus Vodosek, der an der GGS den MBA-Studiengang betreut, setzt noch einen drauf: »Langfristig wollen wir an das Niveau von Top-Adressen wie Insead und Harvard herankommen.« Große Pläne für eine kleine Wirtschaftsschule, an der momentan rund 260 Studenten eingeschrieben sind. Und doch wollen sie es in Heilbronn mit den renommierten Branchengrößen aus Frankreich und den USA aufnehmen. Kann das klappen?

Auf den ersten Blick hat die 100.000-Einwohner-Stadt am Neckar wenig mit der schillernden Welt der Business Schools zu tun. Wo andere private Wirtschaftsunis mit dem Metropolenflair von London, Mailand oder Barcelona werben können, ist Heilbronn: eben Heilbronn. In der Festhalle Harmonie treten die Männer-Stripgruppe Chippendales und Hansi Hinterseer auf. Highlight des Jahres ist das große Weinfest im September. Auch architektonisch ist die Stadt, die im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe zu großen Teilen zerstört wurde, zumindest gewöhnungsbedürftig. Andererseits ist die Region um Heilbronn ein wirtschaftliches Kraftzentrum. In den umliegenden Städten sitzen erfolgreiche Mittelständler wie Layher, Weltmarktführer für Baugerüste, oder der Motorsägenhersteller Stihl. Auch die Autoindustrie ist hier zu Hause: Im benachbarten Neckarsulm baut Audi Kombis und Sportwagen, 60 Kilometer weiter in Sindelfingen steht das größte Werk von Daimler. Stuttgart mit seinen großen Automobilzulieferern wie Bosch und Mahle ist auch nicht weit weg. »Für eine Business School ist das ein enormes Potenzial«, sagt Dirk Zupancic.

In ihren ersten Jahren hat sich die Heilbronner GGS daher voll auf diese Zielgruppe konzentriert. Das Marketingteam zog von Unternehmen zu Unternehmen und erklärte den Personalchefs, was so ein Management-Studium ist, was ihre Mitarbeiter an einer Business School lernen können. »Der Abschluss ist in Deutschland noch längst nicht so akzeptiert wie in den USA«, sagt Markus Vodosek, der viele Jahre an den Universitäten Michigan und Utah gelehrt hat. Die Heilbronner bieten ausschließlich einen Teilzeit-MBA an, der sich an Berufstätige richtet. Die meisten Seminare finden am Wochenende statt, nur dreimal gibt es eine komplette Unterrichtswoche am Stück. 15 MBA-Jahrgänge hat die GGS seit 2006 bereits zusammenbekommen. Es sollen noch weitaus mehr werden.

Aus Cambridge werden Gastdozenten eingeflogen

Wie wollen sie das schaffen? Zuerst: Die anderen deutschen Business Schools angreifen. Zupancic hat seine Mitarbeiter einen Plan entwickeln lassen, mit konkreten Schritten, wie der Abstand zu den großen deutschen Business Schools, der ESMT in Berlin, der WHU - Otto Beisheim School of Management und der European Business School (EBS) verringert werden kann. »Der Wettbewerb zwischen den Business Schools ist hart«, sagt MBA-Leiter Vodosek. Doch die GGS ist gerüstet, denn sie hat nicht nur Ehrgeiz und Selbstbewusstsein, sondern vor allem: Geld.

Hinter der Heilbronner Privathochschule steckt die Stiftung des Lidl-Gründers Dieter Schwarz. Auf seine Initiative hin wurde die GGS 2005, damals noch unter dem Namen Heilbronn Business School, gegründet. Die Dieter-Schwarz-Stiftung finanziert seitdem rund zwei Drittel des Gesamtetats der Hochschule. Deswegen kann die GGS groß auffahren. Seit 2011 sitzt sie in einem schicken neuen Gebäude mit moderner Glas-Beton-Architektur auf einem eigens dafür gebauten »Bildungscampus« im Zentrum von Heilbronn. Es gibt eine große Bibliothek und Entspannungsräume mit Ledersesseln und künstlichem Kamin. In den langen Gängen finden Kunstausstellungen statt, und die Business School lädt ihre Studenten auch mal in ein Kloster ein, zu Podiumsdiskussionen über Ethik im Wirtschaftsleben. Vor allem aber fließt das Geld der Stiftung in großzügige Stipendien. Bei jedem MBA-Studenten, der an der GGS angenommen wird, übernimmt die Stiftung die Hälfte der Studiengebühren. Ohnehin ist der zweijährige Teilzeit-MBA mit 24.000 Euro im Vergleich zu anderen deutschen Business Schools und erst recht zu ausländischen Top-Unis günstig. Nimmt man das Stipendium hinzu, kommt ein Schnäppchenpreis heraus, mit dem die GGS versucht, den Konkurrenten gute Studenten abzuwerben.

Durch die Stiftung im Rücken kann es sich die GGS auch leisten, für die MBA-Seminare Professoren von bekannten Business Schools aus dem Ausland einfliegen zu lassen, etwa aus Cambridge oder von der Cornell-Universität im Bundesstaat New York, ebenfalls eine Top-Adresse für ein MBA-Studium. Die Unterrichtssprache im gesamten MBA-Programm ist Englisch. »Dass so viele renommierte Dozenten aus dem Ausland hier unterrichten, war für mich einer der Hauptgründe, nach Heilbronn zu gehen«, sagt Frauke Graalfs, die im Verkauf bei dem Laborausrüster Thermo Fisher Scientific arbeitet und seit Februar im MBA-Jahrgang an der GGS studiert.

Auch die Jahrgänge selbst sind sehr international. Graalfs Kommilitone Carlos Esteban Aceves Ponce kommt aus Mexiko, wo er im Bachelor Ingenieurwissenschaften studiert hat. »Ich wollte unbedingt auf Englisch meinen MBA machen, obwohl ich inzwischen auch Deutsch spreche«, sagt er. Mit ihm und Frauke Graalfs studieren Chinesen, Vietnamesen, Inder, Brasilianer und Pakistaner an der GGS.

Zusätzlich den internationalen Gastdozenten baut die GGS momentan eine eigene Fakultät auf. Neun feste Professoren gibt es inzwischen, gerade hat Zupancic fünf neue Stellen ausgeschrieben. »Wir wollen da ausschließlich Professoren gewinnen, die auch an einer Universität genommen werden würden, die also auch ein Forschungsprofil haben«, sagt Zupancic. Deswegen will die Business School in naher Zukunft auch das Promotionsrecht beantragen. Dafür braucht sie eine positive Bewertung durch den Wissenschaftsrat. Eine starke Forschung sei nicht nur für die Wahrnehmung einer Hochschule wichtig, sondern helfe auch, Kooperationen mit Unternehmen zu schließen, sagt Zupancic.

»Wir wollen behutsam wachsen«, sagt der Präsident der Hochschule

Vor allem aber braucht die Business School die Forschung, um die entscheidende Feuerprobe auf dem Weg nach oben zu bestehen: in die großen Rankings der englischsprachigen Wirtschaftszeitungen, bei denen die Forschungsleistung der Professoren ein entscheidendes Kriterium ist. Vor allem in das berühmte MBA-Ranking der Financial Times.

Diese Rangliste ist für viele Studenten und Unternehmen der wichtigste Maßstab, wenn sie MBA-Programme vergleichen. Deutsche Business Schools tun sich hier seit Jahren schwer. Einzig die Mannheim Business School und die ESMT haben es bisher in das Global MBA Ranking geschafft, allerdings nur auf die Plätze 66 und 89. Dirk Zupancic will sie mit der GGS möglichst bald überholen. Dafür gibt es nur ein Mittel: wachsen, wachsen, wachsen.

Um für die Ranglisten überhaupt berücksichtigt zu werden, müssen Business Schools eine bestimmte Größe erreichen. Für das Ranking der Financial Times reicht es zum Beispiel nicht, einen Teilzeit-MBA anzubieten, man braucht zusätzlich ein Vollzeitprogramm. Pläne dafür gibt es laut Dirk Zupancic an der GGS in Heilbronn bereits, aber die kleine Hochschule will es auch nicht übertreiben.

Abschreckende Beispiele, wohin ein von den Rankings getriebener Wachstumswahn führen kann, gibt es schließlich genug. Viele deutsche Business Schools haben in den vergangenen Jahren versucht, mit immer größeren Fakultäten und immer neuen Studienangeboten zu der Weltspitze aufzuschließen - und sich damit finanziell verhoben. Oft endeten die hochfliegenden Pläne in den roten Zahlen, weil die privaten Unis am Ende nicht genügend Studenten für ihre Studiengänge zusammenbekamen. So häufte zum Beispiel die EBS jahrelang Millionenverluste an, auch die ESMT in Berlin musste viele Jahre von den sie tragenden Dax-Unternehmen mit durchgefüttert werden, bevor sie genügend zahlende Studenten gewinnen konnte. Die GISMA Business School in Hannover musste 2013 sogar Insolvenz anmelden.

Vom »Harvard am Neckar« spricht Dirk Zupancic daher lieber nicht. Er weiß, wie schwierig es ist, in Deutschland eine private Hochschule aufzubauen. »Die Bereitschaft für ein Studium viel Geld zu zahlen, ist in Deutschland nicht so hoch wie in anderen Ländern - selbst im Management-Bereich.« Vor sechs Jahren kam Zupancic von der Universität St. Gallen, einer der weltweiten Top-Adressen für ein MBA-Studium, seit 2011 ist er Präsident der GGS. Aus der Schweiz hat Dirk Zupancic auch das Bewusstsein mitgebracht, dass eine Portion Langsamkeit manchmal gesund sein kann. »Wir wollen behutsam wachsen«, sagt er. Um dann ganz groß zu werden.

Aus DIE ZEIT :: 25.09.2014

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