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C4* oder Hartz IV - Ringen um eine Professur

anonym

Im Berufungsverfahren geht es nicht allein um das Erringen der Professur. Die wirtschaftliche Existenz steht auf dem Spiel. Ein Erfahrungsbericht.

C4* oder Hartz IV - Ringen um eine Professur© olly - Fotolia.comWer im Berufungsverfahren den Kampf für sich entscheiden will, braucht Ausdauer, Durchhaltevermögen - und Glück
Sicher, ich muss um meine Berufung kämpfen, bin wohl eher keiner dieser Nachwuchsstars, gehöre nicht zu den Genies und Spitzenreitern. Auch wenn mein Hirsch-Index nahe der 15 ist und meine Zitationen jenseits der 500, bin ich wohl eher einer dieser Arbeiter. Dennoch, eigentlich alles gut, will man meinen, die Mehrheit der etablierten C4-Kollegen meines Faches hat keine besseren Kennzahlen vorzuweisen. Also frisch beworben, die objektiven Daten sprechen für dich: Publikationsleistung, internationale Sichtbarkeit, Lehrevaluation, Drittmittelaktivität, Gremientätigkeit, Auslandserfahrung, Gendermainstreaming, Nachwuchsförderung, auch Vernetzung, alles auf grün.

Um es gleich vorweg zu sagen, die wirtschaftliche Existenz steht hier auf dem Spiel. Um nichts Geringeres geht es. "Du hast ja auch nichts anderes gelernt", höre ich die innere Stimme immer wieder sagen. Und: "Du hast es vorher gewusst!" Alles kognitive Umstrukturieren hilft da wenig, der psychologische Berater beisst sich die Zähne aus. Nicht therapierbar. Die Konsequenz ist chronischer Stress, Überlastung, burn out, erlernte Hilflosigkeit, Hospitalismus usw. Nach einem guten halben Dutzend Bewerbungen wird deutlich: Gesamte Lebensläufe müssen in idiosynkratische Tabellenformate gebracht werden. Natürlich für jede Stelle etwas anders, aber jedes Mal sehr aufwendig. Kommissionen machen ihre Recherche und Statistik ungern selbst. Da werden Konzeptionen für die Lehre, die Forschung, die Einbindung in lokale Strukturen angefordert. Gelesen hat sie dann doch kaum jemand.

"Du musst jemanden in der Kommission kennen, der Dich brieft." Ja sicher, diesen gut gemeinten Rat nehme ich gerne an. Nur was tun, wenn man gerade niemanden kennt; oder, noch schlimmer, die bekannte Person keinen Einfluss, keine Ahnung oder beides nicht hat? Gut, wenn man dann einmal zum Vorsingen eingeladen wird.

Es gibt diese Verfahren in vielen Varianten. Wenn man Glück hat, erfährt man vorher, dass der Wunschkandidat längst feststeht, das Verfahren nur Staffage und man als Statist geladen ist. Es ist nun einmal gesetzlich vorgeschrieben, ein ordentliches Berufungsverfahren nach transparenten, für alle geltenden Regeln durchzuführen. Dann machen wir das auch so. Nur eben das halt das Ergebnis vorher schon feststeht, und bei durchschnittlichem Geschick der Kommission auch erreicht wird. Will man ja auch niemandem verübeln, machen ja (fast) alle so, weiß ja auch jeder. Wie will man auch sonst seine Leute unterbringen? Wie gesagt, wenn ich es vorher weiß, kein Problem. Ich will ja (auch) nach den Regeln spielen. Kann mir dann vorher überlegen, ob ich versuchen soll, mir dort einen Listenplatz abzuholen oder mich diesmal eventuell lieber nicht verheizen lassen möchte.

Schwieriger wird die Sache, wenn man blind (siehe oben: kein Einfluss, keine Ahnung) in ein abgekartetes Verfahren geht. Dann kann fachlich eigentlich unbegründete Kritik, von einem Mitglied der Kommission geäußert, um den eigenen Kandidaten zu schützen, schon mal am Ego nagen, selbstkonzeptwirksam werden. Besonders schön wird es dann, wenn einem im Nachgang noch "gutgemeinte" Ratschläge zuteil werden. Ich will solchen Kommissionsmitgliedern gerne zugute halten, dass sie selber vergessen haben, dass sie ein unfaires Spiel spielen, und die Tipps quasi von Herzen kamen, aber irgendwo sollte es dann doch eine Grenze geben. Oder es werden für bekannte, bestens etablierte, ja geradezu klassische Professuren neue, lustige (Doppel-)Denominationen entwickelt. Gerne innovativ und transdisziplinär. Kombiniert mit einem überspezifischen, schön durchgegenderten Ausschreibungstext ist dann für den Wunschkandidaten der Weg frei, der Pfad geebnet, alles klar. Auch nicht die feine Art? Wenn's keiner bemängelt ... legal? Wenn keiner klagt.

Wenn ich vor dem Bemühen um eine Dauerstelle mit Professurgeschmack gewusst hätte, was da auf mich zukommt, dann hätte ich wahrscheinlich gekniffen. Nein: ganz sicher hätte ich gekniffen. Zwischendrin hat mich nur meine haftende Persönlichkeit davor bewahrt aufzugeben. Für meine Gesundheit wäre dies besser gewesen, und von Lebensqualität redet eh keiner. Letztere würde ohnehin nur die Work-Work-Balance stören. Aber nun, da es vollbracht, das Projekt Lebenszeitprofessur erfolgreich abgeschlossen ist, habe ich ja 25 Jahre Zeit, mich wieder zu erholen. Und die brauche ich dringend, denn für das Pensionsalter möchte ich dann schon wieder fit sein.

Halt. Dann war da ja noch die Sache mit der Befristung. Hiervon war zwar in der Stellenausschreibung und während der Bewerbungsgespräche nicht die Rede, die zwischenzeitlich erfolgte Gesetzesänderung hat sie dann aber doch erzwungen. "Zunächst befristet", überhaupt kein Problem, mach ich, klar. "Schön. Ist ja dann auch alles nur noch eine Formalie".

Druck gemacht wurde dann doch, und natürlich gründlich evaluiert. Welche Aufgabe lehnt man ab, wenn nicht klar ist, wer einen womöglich abschießen will; wenn man keine Idee hat, auf welchem Wege dies passieren kann? Also habe ich alles gemacht. Ist doch selbstverständlich. Nur keine Forschung. Das ging eben nicht mehr. Die Berufbarkeit ist damit dahin? Vielleicht. Entfristet wurde ich dann übrigens an dem Tag vor dem Tag, an dem ich zum Dekan gewählt wurde.
Werden dann noch knapp 20 Jahre für die Regeneration bleiben. Die müssen reichen.

* Dem Autor (der anonym bleiben will) ist bekannt, dass mit Umsetzung des Professorenbesoldungsreformgesetzes nach Besoldungsordnung C bewertete Ämter nicht mehr vergeben werden. Nur eignet sich W3 oder Hartz IV nicht so gut als Titel, dessen Formulierung ohnehin auf jemand anderen zurückgeht.

Aus Forschung & Lehre :: März 2013

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