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Chance vertan

Von Jan-Martin Wiarda

Das Nationale Stipendienprogramm wurde diskreditiert.

Chance vertan© kallejipp - Photocase.comDie Umsetzung des neuen Stipendienprogramms gleicht einer Katastrophe: Von den anfangs geplanten 110.000 Studenten sollen im Jahr 2011 lediglich 6000 Studenten gefördert werden
Wer ein Beispiel dafür braucht, wie man eine an sich gute Idee herunterwirtschaftet, der wird beim Thema Nationales Stipendienprogramm fündig. Erinnern wir uns: Acht Prozent aller Studenten wollte die schwarz-gelbe Bundesregierung mit 300 Euro im Monat fördern, finanziert je zur Hälfte vom Staat und von privaten Mäzenen. Von einer neuen Spendenkultur war die Rede, von der Mobilisierung der Zivilgesellschaft. Richtige und wichtige Sätze.

Doch die Umsetzung? Eine Katastrophe. Es ging damit los, dass die Bundesregierung die Einwerbung der privaten Stipendiengelder auf die Hochschulen abwälzen wollte. So sei es in Nordrhein-Westfalen vorgemacht worden, wo man sich das Stipendiensystem abgeguckt hat. Es gibt jedoch einen gewaltigen Unterschied: Die Zahl der im Bundesprogramm vorgesehenen Stipendien pro Hochschule liegt 27-mal so hoch. Das hätte man trotz der regional stark unterschiedlichen Wirtschaftskraft vielleicht noch stemmen können - wenn Schavan sich bereit erklärt hätte, den Hochschulen das Personal für die aufwendige Akquise zu zahlen. Angesichts von 300 Millionen Euro, die das Programm im Endausbau jährlich kosten sollte, wäre wohl auch das noch drin gewesen. Außerdem hätte es wirklich mal den Einstieg in eine neue Spendenkultur bedeutet, nämlich den Aufbau schlagkräftiger Fundraising-Abteilungen an den Hochschulen. Chance vertan.

Nachdem die Rektoren frustriert waren, stellte sich wenig später heraus, dass auch die Ministerpräsidenten nicht gerade scharf auf das Programm zu sein schienen. Den ihnen zugedachten Kostenanteil zahlen wollten sie zumindest nicht. Um die Totalpleite im Bundesrat zu verhindern, übernahm Schavan kurzerhand die Ländermillionen - und trug sich den Vorwurf des Stimmenkaufs ein. Weitere wichtige Unterstützer verlor das Programm, weil es von der Koalition durchgedrückt wurde, während die gleichzeitig vorgesehene Bafög-Erhöhung im Bundesrat vorerst scheiterte. Fehlte noch der vorläufig letzte Akt im Stipendiendrama. Der folgte jetzt: Statt der anfangs geplanten 110 000 Studenten sollen 2011 nur 6000 gefördert werden, bestätigt Schavans Ministerium, 2012 statt 160 000 nur 12 000. Das immer noch großartige, aber längst nur noch theoretische Ziel von acht Prozent Stipendiaten würde bei diesem Tempo erst in einem Vierteljahrhundert erreicht. Bis dahin bleiben ein bis zur Unkenntlichkeit geschrumpftes Programm und ein ins kaum noch Tragbare gewachsener politischer Schaden.

Aus DIE ZEIT :: 05.08.2010

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