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CHE-Quest zeigt den Irrtum der Professoren auf

VON JAN-MARTIN WIARDA

CHE-Quest zeigt: Hochschullehrer haben falsche Vorstellungen vom typischen Studenten.

CHE-Quest zeigt den Irrtum der Professoren auf© Edyta Pawlowska - 123rf.comDer CHE-Quest zeigt: Professoren schätzen ihre Studenten völlig falsch ein
Neulich entschied sich Jürgen Fohrmann dafür, Klartext zu sprechen. Er sei dagegen, »dass immer mehr Leute an Universitäten und Fachhochschulen gebracht werden«, verkündete der Bonner Uni-Rektor im Bonner General-Anzeiger. Dann legte er noch einen drauf: Es könne nicht das Ziel der Hochschulen sein, »zugunsten von hohen Aufnahmekapazitäten das wissenschaftliche Niveau abzusenken«.

Starke Worte in Zeiten eines Studentenansturms auf die Hochschulen, wie ihn Deutschland noch nicht gesehen hat: Mehr als 500 000 Erstsemester, so zeichnet sich nach ersten Rückmeldungen ab, werden dieses Jahr die Hörsäle bevölkern. Auf politischer Ebene sind sie hoch willkommen: Von einer »großartigen Chance« spricht Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). »Wir brauchen viele hoch qualifizierte Fachkräfte.« Die Mehrheit der Hochschullehrer dagegen scheint wie Fohrmann zu denken: Der Erstsemester-Boom, so ihre Angst, könnte die Qualität der Hochschulen gefährden.

In einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) gaben jetzt 44 Prozent der beteiligten Professoren zu Protokoll, dass sich die Arbeitseinstellung ihrer Studenten verschlechtert habe, nur acht Prozent waren der Meinung, die Leistungsbereitschaft habe zugenommen. Im Rahmen seines Hochschulrankings hat das CHE knapp 3500 Professoren aus ganz Deutschland befragt, außerdem 1600 Studenten. Deutlich wird in der Umfrage vor allem die folgende Diskrepanz: Während die Studenten finanzielle Schwierigkeiten und die schlechte Betreuung als Ursachen für einen Studienabbruch nennen, haben sie nach Meinung vieler Professoren ihr Scheitern sich selbst zuzuschreiben: Fehlende Grundlagenkenntnisse, ein mangelndes intellektuelles Vermögen, vor allem aber eine falsche Vorstellung davon, was das Studium tatsächlich ausmache, brächten die Studenten zu Fall.


Über CHE-Quest

Mit der Studierendenbefragung "CHE-QUEST" wählt CHE Consult einen in Deutschland methodisch völlig neuen Ansatz: Die Befragung erfasst den Grad der Adaption der Studierenden an die Anforderungen und Bedingungen eines Studiums und ermöglicht den Abgleich mit soziodemographischen Merkmalen. CHE-QUEST deckt auf, wo für bestimmte Gruppen von Studierenden die Stärken oder auch Defizite bei der Eingewöhnung in das Studium liegen und wo eine Adaption - im Sinne eines wechselseitigen Anpassungsprozesses zwischen den Studierenden und der Hochschule - gelingt und wo eher nicht. CHE-QUEST kann aufzeigen, wie bestimmte Gruppen im Vergleich zu den anderen Studierenden derselben oder anderer Hochschulen abschneiden. Das eröffnet Hochschulen die Möglichkeit, die Rahmenbedingungen des Studiums daraufhin zu überprüfen, wie sie derzeit diese Adaption erschweren oder erleichtern, und wie diese Bedingungen verändert werden können. Ziel ist es, das Studium als Prozess der wechselseitigen Anpassung gestalten zu können.

(Quelle: www.che-consult.de/DiversityManagement)

Ist das Szenario, vor dem der Bonner Rektor Fohrmann warnt, also schon eingetreten? Sind die Uni-Tore schon lange vor dem aktuellen Run so weit geöffnet worden, dass von einem anspruchsvollen Studium kaum mehr die Rede sein kann? Die Daten einer weiteren CHE-Erhebung sprechen auf den ersten Blick ebenfalls für diese These: Der Anteil jener Studenten, die zumindest von ihrer Herkunft und ihrem Auftreten her dem klassischen Erfolgsstudenten entsprechen, beträgt gerade noch 13 Prozent an der gesamten Studierendenschaft. Diesen Wert hat das CHE mithilfe einer Umfragetechnik aus den USA ermittelt, mit der sich sozialer Hintergrund, Einstellungen und auch Kompetenzen der heutigen Studentengeneration messen lassen. In einem Pilotprojekt haben die Forscher dazu 9000 Studenten an acht Hochschulen (unter anderem TU München und Universität Bremen) durchleuchtet.

»Wunschkandidat« hat das CHE diesen Studententypen genannt. Er entspricht, könnte man sagen, im Wesentlichen dem Bild, das die meisten Professoren von sich selbst haben. Der »Wunschkandidat« hat eine profunde Allgemeinbildung, bringt eine überdurchschnittliche Abiturnote mit und weiß, was das Studium von ihm verlangt. Er ist hoch motiviert, kann sich gut ausdrücken und sich auch gut selbst organisieren.

»Wir gefährden das Niveau an den Universitäten«

Die übrigen Studenten, geschlagene 87 Prozent im sogenannten »CHE-Quest«, sind genau jene Studenten, mit deren Unzulänglichkeiten Professorenverbände öffentlich hadern. So bekräftigt auch der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), Bernhard Kempen, das wichtigste Mittel zur Qualitätssicherung an deutschen Universitäten sei und bleibe die Bestenauswahl. »Wir gefährden das wissenschaftliche Niveau an den Universitäten, wenn wir jetzt einfach alle Schleusen aufmachen.«

Doch ganz so eindeutig ist die Sache mit der professoralen Gleichung von mehr Masse gleich weniger Klasse dann doch nicht. Die Gefahr für die wissenschaftliche Qualität, sagt Christian Berthold vom CHE, sei nämlich nicht eine vielfältiger werdende Studierendenschaft. Das Problem seien diejenigen Professoren, die diese neue Vielfalt als Defizit sehen. So merken sie womöglich nicht, dass der türkischstämmige Student kluge Sätze sagen kann, weil sie nicht in perfektem Deutsch vorgetragen sind. Das Potenzial, so Berthold, sei da. Um es zu zeigen, hat das CHE die Studenten in acht Typen eingeteilt. Da ist zum Beispiel der »Lonesome Rider«, der sich kaum ins Hochschulleben integriert hat und nur selten auf dem Campus anzutreffen ist. Oder der »Ernüchterte«, der sich sein Studium irgendwie anders vorgestellt hat, der mit seinen Noten kämpft und das Gefühl hat, sich nicht richtig entfalten zu können. Der »Mitschwimmer«, der schon in der Schule ein bisschen hinterher war, häufig noch bei seinen Eltern wohnt und auch außerhalb der Hochschule wenige Aktivitäten entwickelt. Oder auch der »Unterstützungsbedürftige«. Überdurchschnittlich häufig ist er Migrant oder stammt aus schwierigen familiären Verhältnissen. Er glaubt selbst kaum daran, dass er sein Studium erfolgreich abschließen wird - dabei hätte er Einsatzwillen und auch die Fähigkeit dazu: Schon in der Schule hat er sich durchgebissen.

Christoph Berthold ist sich sicher: Mit der richtigen Förderung könnten auch diese 87 Prozent Nicht-Wunschkandidaten zu guten, ja herausragenden Hochschulabsolventen werden. Ulrike Senger vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Universität Hamburg, sieht das genauso: »Künftig wird es darauf ankommen, dass die Professoren an ihren Studenten auch diejenigen Eigenschaften schätzen lernen, die sie selber nicht haben - und sie sogar als persönliche und wissenschaftliche Bereicherung entdecken.« Ein Gedanke müsse sich weiter verankern: »Es kommt nicht nur darauf an, die vermeintlich besten Studienanfänger zu haben, sondern die besten Absolventen vorweisen zu können. Und diese in ihrer Entwicklung zu fördern wie zu fordern liegt in den Händen der Professoren.«

Handelt es sich also bei den Klagen über akademische Qualitätsverluste nur um ein großes Missverständnis? Haben sich viele Professoren bislang nur nicht genug bemüht, auch in jenen Studenten Potenzial zu erkennen und zu fördern, die nicht ihrem Wunschbild entsprechen? Hochschulverbandspräsident Kempen glaubt, dass seine Kollegen längst weiter seien, als das CHE suggeriere. »Es kann ja sein, dass viele noch den alten Wunschkandidaten im Kopf haben. Doch es ist sicher nicht so, dass die meisten danach handeln.« In der CHE-Umfrage allerdings lassen die meisten Professoren wenig Selbstkritik erkennen. »Mangelndes intellektuelles Vermögen« ihrer Studenten nennen fast 69 Prozent als wichtigen Grund für einen Studienabbruch, schlechte Betreuung dagegen nur gut 24 Prozent. Selber schuld, scheinen viele Professoren zu denken. Was in manchen Fällen ja stimmt - oft aber auch, siehe oben, Folge eines großen Missverständnisses sein kann.

Gute Lehre bedeutet, vielfältige Angebote zu entwickeln

Es bleibt die Schlussfolgerung: Auch weil die Hochschullehrer ihre eigenen Studenten offenbar noch nicht gut genug kennen, bleibt Deutschland in Sachen guter Lehre zurück. Das jahrelange Lamentieren über diesen Umstand hat zu wenig gebracht - bis auf paar gut gemeinte Wettbewerbe und zuletzt den Qualitätspakt Lehre, über den bis 2020 zwei Milliarden Euro in neue Konzepte fließen sollen. Denn während vielerorts vielversprechende Ideen umgesetzt werden, verharrt die öffentliche Diskussion viel zu oft im theoretisch Abgehobenen - oder in obrigkeitlich verordneten Teillösungen, die am Ende möglicherweise die Stigmatisierung noch verstärken und wenig zur akademischen Qualitätssteigerung beitragen: Projekte für Studierende mit Kind zum Beispiel, für Behinderte oder auch für Migranten. Indem man diese Gruppen aus der normalen Lehre ausgliedert, bekräftigt man gleichzeitig die veraltete Illusion, es gäbe »Normalstudenten«.

CHE-Forscher Berthold erwartet: Sofern man die Anreize klug setzte, fingen die Hochschulen von selbst an, vielfältigere Angebote zu entwickeln und jeweils die zu ihren Studiengängen passenden Studierenden auszuwählen. Es ist genau jene Frage, die künftig über die wissenschaftliche Qualität an den Hochschulen entscheiden dürfte: Kann das Studium flexibel genug für die unterschiedlichsten Lebensentwürfe werden? So flexibel, dass sich - im Exremfall - nicht nur besagte 13 Prozent gefördert fühlen? Endgültige Antworten haben auch die Hochschulforscher nicht. Das CHE immerhin hofft, mithilfe der Studententypisierung und der »CHE-Quest«-Methode den Bewusstseinswandel anzuregen - und das möglichst auf der Ebene einzelner Hochschulen. Darum sollen diese die Umfragemethode künftig auf Wunsch kostenlos bei sich einsetzen können.

Aus DIE ZEIT :: 22.09.2011

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