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"Open Access löst das Kostenproblem nicht" - Contra Open Access

von Guido Herrmann

Es ist falsch, die Bedenken und Hinweise der Wissenschaftsverlage als Fundamentalopposition gegen Open Access auszulegen, meint Guido Herrmann.

Open Access löst das Kostenproblem nicht© Guido F. HerrmannOpen Access erlaubt Wissenschaftlern freien Zugang zu Fachzeitschriften, allerdings ist die Frage der Finanzierung bisher ungeklärt
Im Jahr 2014 eine glaubwürdige Stellungnahme gegen Open Access (OA) abzugeben, fällt schwer. Warum ist das so?

Erstens gibt es in Deutschland nach langen Diskussionen seit Januar einen ergänzenden Passus im Urheberrecht, der das Thema Green OA - also die Zweitveröffentlichung in Repositorien - regelt.1) Auch in Ländern wie England wurde das Thema ausführlich diskutiert.2)

Zweitens: Gold-OA-Veröffentlichungen - der Autor zahlt - bieten zahlreiche Wissenschaftsverlage seit vielen Jahren an. Einige neue Anbieter haben sich auf dieses Geschäftsmodell konzentriert - und sind erfolgreich damit.3) Für die Serviceangebote an die Autoren und die Publikationsgebühren haben sich Marktstandards etabliert. In der Chemie ist die Nachfrage für solche Angebote bisher sehr gering.

Drittens: Der weit gestreute Access zu wissenschaftlichen Inhalten ist der Daseinszweck von Wissenschaftsverlagen. Ohne bestmögliche Verbreitung der Inhalte wird kein Verlag langfristig überleben.

Daher ist "Access" kein Streitthema. Gerungen wird im Kern vielmehr um die Frage der Finanzierung. Kritische Anmerkungen zu den aktuellen Entwicklungen beim OA sind gleichwohl erlaubt.

Erstens: Das deutsche Urheberrecht stellt den Urheber in den Mittelpunkt des Geschehens. Das Urheberrecht ist ein Persönlichkeitsrecht wie das Eigentumsrecht. Die Politik ist gerade dabei, diese starke Position des Urhebers potenziell auszuhebeln (beispielsweise im Entwurf zum Hochschulrechtsänderungsgesetz in Baden-Württemberg).

Zweitens: Der Begriff "Access" wird zwangsläufig als positiv bewertet. Jedoch bedeutet Zugang zu Informationen noch nicht, dass auch Nutzen gestiftet wird. Die europäische Peer-Studie4) hat eines der größten Repositorien - mehr als 200 Fachzeitschriften und Tausende wissenschaftlicher Artikel - analysiert und ernüchternde Ergebnisse gebracht: In Europa bestand fast kein Interesse; die Hauptnutzer kamen aus Myanmar.

Drittens: Der Zugang zu Informationen erzeugt nur Nutzen, wenn diese Informationen auch zielgruppengerecht aufbereitet sind. Das heißt, wenn aus Informationen nutzerorientierte Inhalte werden. Dies ist eine Kernkompetenz der Verlage und Bibliotheken. Der Zugang zu Informationen ist nicht das Problem, sondern das zielgenaue Finden relevanter wissenschaftlicher Arbeiten für den individuellen Nutzer.

Meine Kernthese lautet aber: OA wird das Kostenproblem nicht lösen. Bei allen Anbietern haben sich Preise für Gold-OA-Artikel etabliert, die selbst bei einer theoretischen 100%igen Umschichtung auf OA keine Kostenentlastung bringen. Der Grund liegt darin, dass die Stückkosten für die Organisation von Peer Review, Redaktion, Layout, XML-Aufbereitung und Bereitstellung der Online-Plattformen unabhängig von der Publikationsform sind. Die steigenden Kosten sind vor allem auf die jährlich um etwa 3,5 % steigenden Zahlen der wissenschaftlichen Publikationen zurückzuführen: Zurzeit werden pro Jahr 1,8 bis 1,9 Millionen Arbeiten veröffentlicht. Die jährlichen Downloadzahlen liegen bei zirka 2,5 Mrd.5) Misstrauen und Polemik haben den nötigen Diskurs leider oft überlagert. Dies widerspricht der langen Tradition der Zusammenarbeit von Autoren, Förderorganisationen, Bibliotheken und Verlagen. Ohne diese Zusammenarbeit und Aufgabenteilung entstehen aber keine guten Lösungen für die Wissenschaftsgemeinde.

Literatur und Anmerkungen
1) "Der Urheber eines wissenschaftlichen Beitrags, der im Rahmen einer mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln geförderten Forschungstätigkeit ... erschienen ist, hat ... das Recht, den Beitrag nach Ablauf von zwölf Monaten seit der Erstveröffentlichung in der akzeptierten Manuskriptversion öffentlich zugänglich zu machen, soweit dies keinem gewerblichen Zweck dient. ..." (www.dejure.org/ gesetze/UrhG/38.html)
2) www.gov.uk/government/news/government-to-open-up-publicly-funded-research
3) Siehe zum Beispiel die Public Library of Science oder BioMedCentral
4) www.peerproject.eu
5) www.stm-assoc.org


Über den Autor
Guido F. Herrmann, ist Verlagsleiter Chemie beim Georg Thieme Verlag. Er ist Mitglied des Copyright Committee of the International Association of Scientific, Technical & Medical Publishers, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des FIZ Karlsruhe, Mitglied des Fachbeirats der TIB Hannover und Kurator der Nachrichten aus der Chemie.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Juli 2014

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