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Contra: Bedeuten E-Mail und Co. das Ende der Briefkultur?

"Nein", sagt Renate Stauf, Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der TU Braunschweig.

Bedeuten E-Mail und Co. das Ende der Briefkultur?© flobox - Photocase.comDer postalische Brief besitzt einen Grad von Authentizität, der in den elektronischen Medien so weder erfahren noch simuliert werden kann
Die Kunst behauptet ihr Daseinsrecht auch im "Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit" (Walter Benjamin). Ein Untergang des Buchs ist trotz Erfindung des E-Books nicht in Sicht. Die Schallplatte wurde durch CD und MP3-Player nur vorübergehend vom Musikmarkt verdrängt und erlebt derzeit eine regelrechte Renaissance. Ähnliches könnte dem postalischen Brief im 21. Jahrhundert passieren, dessen Ende vielen unabwendbar scheint. Adorno bereits schreibt in seinem Kommentar zu den Briefen Walter Benjamins: "Einstweilen sieht es aus, als entzöge die Technik den Briefen ihre Voraussetzung. Weil Briefe, angesichts der prompteren Möglichkeiten der Kommunikation, der Schrumpfung zeiträumlicher Distanzen, nicht mehr notwendig sind, zergeht auch ihre Substanz an sich".

Natürlich ist diese pessimistische Kulturdiagnose nicht ganz falsch. Der Brief ist ein Medium und steht somit nicht außerhalb der technischen und medialen Entwicklungen. Mit dem Aufbau eines dichten und regelmäßigen Post- und Verkehrsnetzes zu Beginn der Neuzeit tritt die Briefkultur in ganz Europa ihren Siegeszug an. Im 18. Jahrhundert erlebt sie eine Blüte, die das geistige Leben der westlichen Welt fast ganz als ein Erzeugnis von Briefen erscheinen lässt, wohingegen im 19. Jahrhundert in der Tat bereits das Ende des Briefzeitalters eingeläutet wird.

Die Literatur imaginiert den Niedergang des Briefs in Geschichten über ein versagendes Postsystem und über verwirrte Briefschreiber. Briefe erweisen sich als unzustellbar (Herman Melville, Bartleby) oder werden nicht zugestellt (Ingeborg Bachmann, Malina). Sie werden nicht abgeschickt (Kafkas Brief an den Vater) oder kommen nicht an (Edgar Allen Poe, Der entwendete Brief). Sie werden raffiniert gefälscht (Edmond Rostand, Cyrano de Bergerac) oder fantasievoll erfunden (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit).

Durch das Telefon und die elektronische Post scheint der Brief in seiner alten Form vollends ins Hintertreffen zu geraten. Die Handschrift scheint als Körperdokument vor den neuen Möglichkeiten einer maschinellen Abbildung und Re-Produktion von Körpern in Fotographie, Ton und Film immer mehr zu verblassen. Doch dieser Eindruck könnte trügen. Je mehr sich die alte Form des Briefs von seinen neuen elektronischen Substituten unterscheidet, umso attraktiver, weil exklusiver, könnte das Briefschreiben mit Papier und Tinte wieder werden. Natürlich wird dies in der modernen globalisierten Geschäftskommunikation weniger der Fall sein als im Bereich der privaten und intimen Korrespondenz.

Hier vor allem wird deutlich, dass das digitale Kommunikationsnetz zu einem Massenmedium geworden ist, das allen Nutzern so ziemlich dasselbe verspricht: Es nährt die Illusion einer Identität von Körper und Zeichen, es bringt räumliche und zeitliche Distanzen anscheinend zum Verschwinden, und es simuliert eine permanente Erreichbarkeit. Die gesteigerten Möglichkeiten schlagen um in eine Verlusterfahrung. Eben dies wird dem handgeschriebenen Brief sein Überleben sichern. Vor allem wenn er private oder gar intime Botschaften zu überbringen hat. Das Ignorieren der Zeit, die eine Nachricht braucht, um anzukommen, lässt der Fantasie wenig Spielraum, wird doch die Antwort ebenso schnell erwartet.

Die durch SMS-, MMS oder E-Mail möglich werdende Simulation einer permanenten Anwesenheit in der Abwesenheit hat nicht selten auch etwas Zwanghaftes. Für manchen ist die Vorstellung, dass man nicht nur überall, sondern immer auch gleichzeitig verbunden ist, auf Dauer schlicht unerträglich. Die Liebesbriefkultur der letzten drei Jahrhunderte zumindest zeigt, dass die unhintergehbare Differenz zwischen Körper und Zeichen oft zur eigentlichen Inspirationsquelle für das Liebesgespräch wird. Gegenüber den neuen medientechnischen Möglichkeiten zwingt der postalische Brief dazu, das Ungleichzeitige, die Interferenzen zu kultivieren.

Der Offenbarungscharakter der Handschrift, Spuren oder Beilagen, die auf die Schreibszene zurückverweisen (im Fall von Liebesbriefen z.B. Tränen, Lippenabdrücke, Haarlocken etc.), die Wahl von Papier und Tinte, die Anschrift, der Stempel, die Marke - alles dies gibt dem postalischen Brief einen Grad von Authentizität, der in den elektronischen Medien so weder erfahren noch simuliert werden kann - egal ob die besagten Körperzeichen fingiert oder echt sind.

Aus Forschung und Lehre :: September 2010

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