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»Das Foto lenkt ab«

Das Gespräch führte SILKE WEBER

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle über Vorteile anonymer Verfahren.

»Das Foto lenkt ab«© ADSChristine Lüders ist Pädagogin und leitet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes
DIE ZEIT: Frau Lüders, warum sollten Bewerbungen anonymisiert werden, der Arbeitgeber will den Kandidaten doch kennenlernen?

Christine Lüders: Der Bewerber muss zunächst einmal in die erste Auswahlrunde kommen. Aus der Forschung wissen wir, dass sich Personalverantwortliche nicht länger als zwei Minuten mit einer Bewerbung beschäftigen. In der klassischen Bewerbung lenken dafür zu viele Daten von der Qualifikation ab. Vor allem das Foto verführt stark, jemanden vorschnell zu beurteilen.

ZEIT: Das heißt, auch Unternehmen profitieren von einer anonymen Bewerbung?

Lüders: Aber ja. Sie verschaffen sich ein fortschrittliches Image, indem sie signalisieren, dass sie für Vielfalt sind. Firmen, in denen Junge und Alte zusammenarbeiten, in denen die interkulturelle Kompetenz von Einwanderern klug genutzt wird und Mütter Förderung und Unterstützung erfahren, sind produktiver als andere. Der Vorteil ist auch, dass Unternehmen sich eine neue Bewerberklientel erschließen. Nämlich jene Kandidaten, die vorher dachten, sie hätten keine Chance.

ZEIT: Auch wenn erste öffentliche Ausschreibungen anonymisiert laufen, in der Wirtschaft hat sich das Verfahren bisher nicht durchgesetzt.

Lüders: Wir stehen ja auch noch ganz am Anfang! Wir wollen Unternehmen nicht vorschreiben, wo und wann sie anonymisiert ausschreiben. Ich würde so auch keine Vorstände aussuchen. Dafür gibt es Headhunter, die gezielt Personen anfragen. Generell ist das anonymisierte Verfahren aber effizienter, weil Sie vom Bewerbenden genau abfragen können, was Sie interessiert.

ZEIT: Wie wählen andere Länder Bewerber aus?

Lüders: Die meisten europäischen Länder haben Erfahrungen mit der anonymisierten Bewerbung. Belgien schreibt im öffentlichen Sektor nur so aus. Frankreich hat Herkunft und Adresse aus den Bewerbungen verbannt. In den USA werden seit den sechziger Jahren Bewerbungen ohne Bild und ohne Angabe von Alter und Geschlecht eingereicht. Deutschland hinkt dem internationalen Standard hinterher. Aber aktuell wird mehr über Diskriminierung diskutiert. Viele Bundesländer wollen das Verfahren ausprobieren: Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben damit 2013 begonnen, sieben weitere Bundesländer wollen es von diesem Jahr an testen.

Aus DIE ZEIT :: 09.01.2014

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