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Das E-Mail-Biest

Von Felix Grigat

- und wie man es (vielleicht) im Zaum hält.

Das E-Mail-Biest© Dan Wilton - iStockphoto.comJeder Schreibtischmensch bekommt durchschnittlich 74 E-Mails pro Tag
Sie kennen einen Akademiker? Dann haben Sie ein Problem. Schon seine Vorfahren waren nicht gerade die Typen, die man einladen würde. Thales zum Beispiel fiel bekanntlich in einen Brunnen, weil er zwar meinte, die Sterne betrachten aber nicht auf seinen Weg achten zu müssen. Und Sokrates blieb manchmal stundenlang nur auf einer Stelle stehen und war nicht ansprechbar. Der Akademiker liebt es eben, abwesend zu sein, sich einzukapseln, weil er - so behauptet er jedenfalls - sich konzentriert. Das Wichtigste: Auf keinen Fall stören! Es gibt keine Ausnahmen von der Regel! Also: Bitte nicht anrufen oder gar ansprechen, sonst wird es sehr ungemütlich.

Doch dann meldet sich die Stimme des Versuchers: Wie wäre es mit einer E-Mail? Was ist so schlimm an einer E-Mail? Mogelt sie sich doch lautlos auf seinen Schreibtisch, schiebt sich gleichsam unaufdringlich unter seine Papiere, gewinnt erst nach und nach Präsenz, dringt recht spät in sein Unter- und dann in sein Bewusstsein. Dies meldet dann vorsichtig, dass da etwas Neues lauert. Und an diesem Punkt geschieht mit diesem elektronischen Etwas Merkwürdiges: Nichtbeachten hilft nämlich nicht. So wird man es nicht los, ja, es wächst, je weniger man es beachtet. Man muss es anklicken und schauen, was dahinter steckt. Und spätestens jetzt ist es um die Ruhe unseres Schreibtischhelden geschehen.

Beantworten? Sofort? Später? Gar nicht? Egal, was er nun tut, wünscht er sich oft, es nicht getan zu haben. Die E-Mail ist für ihn eine Katastrophe und die kann selbst der Akademiker nicht vermeiden. Dennoch, und das gehört zu dieser fatalen Dialektik, liebt er die E-Mail auch - irgendwie. Er schätzt es ja, dass er seine Kollegen mal eben etwas fragen oder mitteilen kann - ob diese nun in Adelaide oder auf der anderen Seite des Flurs an ihren Schreibtischen sitzen. Das ist nützlich, aber deshalb auch ein Problem. Denn leider haben dies auch die Kollegen erkannt - und die Verwaltung, die Freunde und die Studenten. Und deshalb wiederum hat für ihn die E-Mail ihre Unschuld verloren und ist zu einem richtigen Biest mutiert. Es lässt sich nicht abwimmeln, hat einen großen Appetit und frisst Zeit und Aufmerksamkeit. So bekommt jeder Schreibtischmensch durchschnittlich 74 E-Mails pro Tag (davon 61 "erwünschte" und 13 Spam-E-Mails).

Er verschickt im Schnitt 36 pro Tag. Gefühlt sind es oft viel mehr. Nimmt man durchschnittlich eine Minute als Zeitaufwand pro E-Mail, macht das 110 Minuten pro Tag. Und ist man mal einen Tag nicht im Büro, sind es schon doppelt so viele - E-Mails und Minuten. Weil aber das Büro mittlerweile überall ist, ist das schon wieder Schnee von gestern. Mit Smartphones gibt es ja keine Pausen mehr, was schon zu ersten Ambulanzen für Internetsüchtige geführt hat. Man nennt das Krankheitsbild "digitale Erschöpfung" und erzählt, wie Buchautor Christoph Koch, erschütternde Szenen von Managern auf dem Krankenbett, denen man mit Gewalt das Blackberry entreißen musste. Als Koch als Experiment 40 Tage auf Handy und Internet verzichtete, habe er in der ersten Woche Entzugserscheinungen, Kopfschmerzen, ständige Unruhe und Nervosität verspürt. Ja, selbst das Phantomvibrieren fehlte nicht.

Der "unmittelbaren Zugang" ("immediate access") ist eben heute alles, ja, so schrieb unlängst eine amerikanische Autorin, es sei die neue kulturelle Norm. Das gelte gerade für Studenten und Professoren: Die formalen Grenzen zwischen ihnen seien gefallen und keine neue Etikette sei an ihrer Stelle getreten. Dies klingt ein wenig nach Revolution, auch wenn es sich meist eher um die Simulation von niedrigen Hierarchien, von Pseudo-Authentizität und Mündlichkeit handelt. Es bleibt dabei: Die Studenten erwarten sofortige Antwort und wollen sich nicht an Bürozeiten halten.

Nun hat ein tapferer Hochschullehrer an der Universität Paderborn den Kampf aufgenommen und will mit einer kleinen E-Mail-Etikette Grenzen setzen. So mahnt er seine Studenten, dass jede erste Kontaktaufnahme via E-Mail, wie ein Brief, mit einer Anrede beginnen müsse. Anreden wie "Hallo Prof!", "Moin Moin!", "Mahlzeit!" oder gar "Hallöchen, der Axel hier!" (alle nicht ausgedacht!) müssten allerdings vermieden werden. "Derartige E-Mails lesen und beantworten wir nicht", heißt es lapidar. Auch Fragen nach den Öffnungszeiten der Bibliothek würden nicht beantwortet - unzuständigkeitshalber. Aber was nützt dies, wenn die elektronische Post trotzdem den elektronischen Briefkasten überschwemmt? Die E-Mail-List im Kleinen muss helfen: Nicht sofort antworten, sondern innerhalb von 24 Stunden. Oder auf der Homepage sog. FAQs notieren. Die E-Mails nur dreimal täglich abrufen. Oder einfach immer öfter "Nein" sagen - das mag das Biest überhaupt nicht.

Aus Forschung und Lehre :: September 2010

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