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Das Ende der Großzügigkeit

Von Jan-Martin Wiarda

Auch die deutschen Bildungsstiftungen hat die Finanzkrise kalt erwischt. Die Auswirkungen spüren vor allem Kindergärten, Schulen und Universitäten.

Das Ende der Großzügigkeit: Auswirkungen Finanzkrise© Michael Möller - Fotolia.com
Der Griff in die Floskelkiste war tief. Die Landesstiftung Baden-Württemberg, schwärm te Günther Oettinger (CDU) tapfer schwammig, bleibe "ein Schrittmacher bei der gesellschaftlichen Entwicklung", natürlich ganz im Sinne der "guten Chancen der nachfolgenden Generationen". Die Zahlen, die er wenige Tage nach der Lehman-Pleite der Öffentlichkeit vorstellte, sprachen indes eine andere Sprache: 25 Millionen Euro soll die landeseigene Stiftung 2009 für Bildung, Forschung und Kultur ausgeben, 50 Prozent weniger als im Vorjahr. Ein gewaltiger Einbruch. Umso mehr beeilte sich Ministerpräsident Oettinger, der qua Amt den Aufsichtsrat der landeseigenen Stiftung leitet, in einem weiteren Anfall von Zweckoptimismus hinterherzuschieben: Wenn es gut laufe, könnten es natürlich auch noch ein paar Millionen mehr werden.

Wahrscheinlicher ist, dass sich in den kommenden Monaten die Aufsichtsratsvorsitzenden etlicher Stiftungen überall im Land in einer ähnlich misslichen Lage wiederfinden werden wie Günther Oettinger. Sie müssen eine Entwicklung erklären, die sie in ihrem Ausmaß und ihrer Rasanz selbst kaum verstehen. Die Finanzkrise hat nicht nur Banken, Unternehmen und Privatleuten existenzbedrohende Verluste beschert, der Absturz hat auch Milliarden und Abermilliarden gemeinnützigen Kapitals vernichtet. Was allein noch nicht so schlimm wäre, denn Aktien können sich erholen. Dramatischer ist, dass sich die Kapitalerträge, über die sich die Stiftungen zu einem guten Teil finanzieren (siehe Ende des Artikels), ebenfalls im freien Fall befinden. Mit weitreichenden Folgen: Um ihr langfristiges Überleben zu sichern, haben einzelne Förderorganisationen ihre Aktivitäten bereits radikal zurückgefahren. Milliarden an Projektmitteln stehen fast von einem Tag auf den anderen zur Disposition. "Die Krise ist für das deutsche Stiftungswesen schon jetzt ernster, als es der Zusammenbruch der New Economy gewesen ist", sagt Peter Anders vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, der die Vermögen Hunderter kleinerer Stiftungen verwaltet. Besonders betroffen ist offenbar der Bildungs- und Forschungsbereich, der in den vergangenen Jahren stark vom Boom des Stiftungswesens profitiert hat.

Als Horrorbeispiel schlechthin gilt das Schicksal der Stiftung Industrieforschung, die ihr gesamtes Kapital in zehn Millionen Aktien der Deutschen Industriebank (IKB) angelegt hat. Seit der Bei naheplei te der Bank ist der Wert ihrer Anteile ins Bodenlose gefallen, die Dividende ist schon 2007 vollständig ausgeblieben. Die Stiftung, die sich auf die Unterstützung praxisnaher Forschung für den Mittelstand spezialisiert hat, kann nur noch die begonnenen Programme zu Ende fördern, darunter Projekte zur weiteren Erforschung des Aids-Virus, zum Einsatz von Laserstrahlen beim Schweißen oder zur Optimierung von Verpackungsmaschinen. Neue Anträge bearbeitet sie seit Monaten nicht mehr, auch ihr äußerst erfolgreiches Stipendiatenprogramm für Jungingenieure lässt sie auslaufen. "Der IKB-Aktienkurs müsste von derzeit rund 1,50 auf 20 Euro steigen, damit wir auch nur in Ansätzen weiter so fördern könnten wie vor der Krise. Anders ausgedrückt: Da ist etwas Luft nach oben", sagt Stiftungsvorstand Wolfgang Lerch in einem Anflug von Galgenhumor.

Die Fördergelder könnten um zehn bis zwanzig Prozent zurückgehen

Zwar rechnet kaum jemand damit, dass es eine weitere Stiftung derart schwer erwischen könnte. Doch das Hauptproblem ist einmal mehr die Angst vor der Angst. "Keiner weiß im Moment, was als Nächstes kommt und wie schlimm die Lage auf den Finanzmärkten noch wird", sagt Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung. 2008 hat sie rund 115,5 Millionen Euro spendiert und lag damit auf Platz eins im Bildungsbereich wie auch aller deutschen Stiftungen insgesamt. Es ist eine brisante Gemengelage: Eigentlich hätten die meisten Stiftungen das Geld, um ihre Geschäfte die nächsten zwei, drei Jahre im gewohnten Umfang weiterlaufen zu lassen und so den Engpass möglicherweise zu überbrücken. Da sie jedoch nicht wissen, wie lange die Rezession dauern wird, fangen sie gleich zu Beginn der Krise mit dem Sparen an - obwohl ihr Geld gerade dann dringend gebraucht würde.
Genau darum will die VolkswagenStiftung ihre Ausgaben auch kommendes Jahr möglichst stabil halten. "Wir tragen eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, zumal absehbar ist, dass auch der Staat in der Bildung kürzen wird", sagt Wilhelm Krull. Die meisten Stiftungen jedoch, vor allem die kleineren, sind vorsichtiger und treten kräftig auf die Bremse. Experten rechnen bereits jetzt mit einem durchschnittlichen Rückgang der Fördersummen um zehn bis 20 Prozent.

Angesichts von rund 17 Milliarden Euro, die allein die Stiftungen bürgerlichen Rechts pro Jahr in gemeinnützige Zwecke investieren, könnte die Krise damit Kürzungen in Milliardenhöhe nach sich ziehen. Wie viel davon Bildung und Forschung betreffen werden, ist noch unklar. Das vorzeitige Ende ganzer Programme dürfte immerhin die Ausnahme bleiben. Anders als in den USA legen deutsche Stiftungen meistens schon mit Beginn der Förderung genug Geld zurück, um sie auf jeden Fall zu Ende führen zu können. Was umgekehrt aber auch heißt: In der Krise ist kaum noch Platz für neue Ideen.
Beispiel Landesstiftung. Ihr wichtigstes Programm heißt "Sag mal was" und hat seit 2003 mehr als 80.000 Vorschulkinder in Hunderten von Kindergärten im Südwesten erreicht. Jedes geförderte Kind erhält mindestens 120 Sprachstunden in einer Kleingruppe, inklusive einer Sprachstandserhebung zu Beginn und des Aufstellens eines individuellen Entwicklungsplans.

Jahr für Jahr hat die Landesstiftung mehr Geld für das Projekt aufgewendet, das zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Frühförderung in Baden-Württemberg geworden ist. 2009 werden es acht Millionen Euro sein - ein Drittel des gesamten Haushaltes der gebeutelten Stiftung. "Wir setzen unsere Prioritäten ganz eindeutig", sagt Geschäftsführer Herbert Moser. "Das erfordert natürlich Opfer bei den Neuanträgen. Was da unterm Strich steht, hat leider derzeit keine Chance mehr auf Unterstützung."

Glücklich schätzen können sich derzeit die Fördergesellschaften, deren Vermögen nicht breit angelegt ist, sondern allein in denjenigen Unternehmen steckt, die ihnen den Namen geben. So gehören der Bertelsmann Stiftung gut drei Viertel der Bertelsmann-Aktien, die Robert Bosch Stiftung hält 92 Prozent des Bosch-Stammkapitals. Entsprechend loyal verhalten sich die Konzerne auch in der Krise und werden ihre jährlichen Zahlungen an ihre Stiftungen aller Voraussicht nach nicht zurückfahren. Bertelsmann wie Bosch zählen zu den Top Ten unter den deutschen Bildungsstiftungen und finanzieren jedes Jahr mit vielen Millionen unzählige Projekte, von der frühkindlichen Bildung über die Arbeit mit Schulabbrechern bis hin zu internationalen Austauschprogrammen.

In den neunziger Jahren wurden Tausende von Stiftungen gegründet

Im Vorteil sind jetzt auch jene Stiftungen, die seit ihrer Gründung ohne ein gewaltiges Guthaben auskommen mussten - und so nie vorrangig von den Kapitalerträgen leben konnten. "Aus einem bedauerlichen Nachteil wird plötzlich ein gehöriger Vorteil", sagt Heike Kahl von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Gerade mal sechs Millionen Euro hat sie auf der hohen Kante - im Vergleich zu beispielsweise 2,3 Milliarden bei der VolkswagenStiftung.

Dafür pflegt die DKJS Partnerschaften mit über hundert Unternehmen, Verbänden und Ministerien überall in Deutschland. Während das Stiftungskapital in guten Jahren rund eine Viertelmillion Euro abwirft, konnte die DKJS dank ihrer Netzwerke im vergangenen Jahr über 13 Millionen ausgeben. Ein Beispiel für ihre Arbeit ist die Youth Bank: Sie gibt Jugendlichen kleine Geldbeträge an die Hand, die sie selbst in förderungswürdige Projekte investieren können.

Wichtig ist dabei das Engagement der Mitarbeiter aus den fördernden Unternehmen, die den Jugendlichen beratend zur Seite stehen. Mit an Bord ist bei dem ungewöhnlichen Programm auch die Deutsche Bank Stiftung.

Projekte wie diese sind es, die den Stifterboom belegen. "Seit den Neunzigern ist eine wirklich erstaunliche neue Kultur in den Unternehmen gewachsen", sagt die Soziologin Jutta Allmendinger. "Sie fühlen sich verantwortlich, etwas für Wissenschaft und Forschung zu tun." Tausende Stiftungen wurden gegründet, die mit ihrem gemeinnützigen Kapital zahlreiche Programme förderten - mit zunehmender Dynamik. Die Gründerjahre seien jetzt zwar zu einem abrupten Ende gekommen, bange wird Allmendinger auf lange Sicht trotzdem nicht: "Der Mentalitätswandel bei den Spendern ist geschafft, das zählt."


Wenn nichts mehr sicher ist
Die deutschen Stiftungen haben einen langen Aufschwung hinter sich. Seit Ende der neunziger Jahre hat sich ihre Zahl laut Bundesverband deutscher Stiftungen auf fast 15 500 verdoppelt. Ihr Gesamtvermögen wird auf 70 Milliarden Euro geschätzt. Wie gut sie jetzt durch die Krise kommen, hängt davon ab, wie sie ihr Kapital angelegt haben. Haben sie ihr Geld wie die Bosch-Stiftung in einem Unternehmen, sind sie auf der sicheren Seite - solange es dem Unternehmen gut geht. Die Mehrheit der großen Stiftungen aber hat ihre Risiken verteilt: Rund die Hälfte ihres Geldes investierten sie in festverzinslichen Papieren und Anleihen, für die andere Hälfte erwarben sie Aktien, Immobilien oder Hedgefonds-Anteile. Hier ist der langfristige Gewinn höher, aber auch das kurzfristige Risiko. Was die Situation an den Finanzmärkten derzeit so brisant macht: Nicht nur die Aktienkurse und -dividenden fallen, auch die vermeintlich so berechenbaren Anleihen bringen teilweise weniger Zinsen. Bei vielen Stiftungen wird es schon eng, wenn der Gesamtertrag des Vermögens nur um ein oder zwei Prozentpunkte zurückgeht. Die Landesstiftung Baden-Württemberg erzielte mit ihren Anlagen zuletzt eine Rendite von 3,2 Prozent. Doch daraus muss sie nicht nur ihre Fördermittel bestreiten, sondern auch ihren Kapitalstock gegen die Inflation absichern. Maximal ein Drittel der Einnahmen darf sie dafür verwenden, der Rest muss sofort wieder in gemeinnützige Zwecke fließen.

Aus DIE ZEIT :: 06.11.2008

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