Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Das Heidelberger Eliteinstitut "European Molecular Biology Laboratory"

Von Martin Spiewak

Internationalität ohne Konkurrenzdruck: Das Heidelberger Eliteinstitut EMBL hat ein europäisches Erfolgsrezept.

Man könnte durch die Labors streifen und die jungen, konzentrierten Gesichter beobachten. Man könnte die Namen der Wissenschaftler einer beliebigen Forschungsgruppe studieren und feststellen, dass es unter ihnen kaum zwei gibt, die aus demselben Land stammen. Auch ein Gang zu den technischen Apparaturen würde helfen zu verstehen, was dieses Institut zu den ersten Adressen der Biowissenschaften macht. Ob die Elektronenmikroskope oder die grauen Maschinen zur Entschlüsselung des Erbguts - die gesamte Technik hier ist auf dem neuesten Stand der Ingenieurkunst.

Doch wenn Jochen Wittbrodt das Erfolgsgeheimnis des European Molecular Biology Laboratory (EMBL) erklären will, nimmt er Besucher am liebsten mit in die Cafeteria. "Das ist das Zentrum des Instituts. Hier werden die meisten wissenschaftlichen Probleme gelöst", sagt der Entwicklungsbiologe. Vier bis fünf seiner größeren Forschungsprojekte seien an diesem Ort geboren worden. Man verabredet sich, "eine kurze E-Mail reicht", sagt Wittbrodt, und wenig später sitze man beim Cappuccino zusammen, und die Ideen flögen hin und her.

Mitunter reicht eine zufällige Begegnung in der Schlange vor der Kasse, damit der wissenschaftliche Fortschritt einen kleinen Sprung macht. Da erzählte Wittbrodt einem Kollegen von der neuen Möglichkeit, Tierembryonen unter dem Mikroskop in 3-D zu betrachten. Noch besser wäre es, sinnierte er, wenn das mit lebenden Organismen möglich wäre. "Als wir mit dem Bezahlen dran waren, war das Problem gelöst", erinnert sich Wittbrodt. Denn sein Kollege, der Biophysiker Ernst Stelzer, hatte exakt diese optische Apparatur als Blaupause in der Schublade - nur hatte sich bislang niemand dafür interessiert. Aus dem Gespräch wurde ein Projekt, aus dem Projekt ein Patent sowie diverse wissenschaftliche Publikationen, unter anderem in Science.

Am EMBL sind solche Zusammentreffen häufig. Dafür sorgt schon der Ort selbst. Auf einer waldigen Anhöhe oberhalb von Heidelberg arbeiten in einem verwinkelten Gebäudekomplex gut 500 Forscher aus Europa und dem Rest der Welt an den wichtigsten Fragen der Biowissenschaft - eine Art Zauberberg der Wissenschaft, den außer zum Schlafen niemand verlassen müsste. Das Essen ist gut, die technische Ausstattung samt Unterstützungspersonal hervorragend. Und wer einmal ein neues Gesicht sehen will, hört sich den Vortrag von einem der Gastwissenschaftler an, die jeden Monat zu Dutzenden hier heraufpilgern. Denn das EMBL gehört zu den weltweit angesehensten Forschungseinrichtungen der Molekularbiologie. Gegründet Mitte der siebziger Jahre, um die Vorherrschaft der Amerikaner auf diesem dynamischen Erkenntnisfeld zu brechen, kann es heute mit den großen Namen - Harvard, Stanford oder dem Biozentrum von Cold Spring Harbour - durchaus konkurrieren. Ein Paradebeispiel dafür, was in Europa möglich ist, wenn Länder die nationalen Eitelkeiten zurückstellen und ihre Kräfte bündeln. Auf dem Kontinent kann kein anderes Institut auf mehr Publikationen in den Lebenswissenschaften verweisen.

Den Erfolg verdankt das Institut einigen Besonderheiten. Jeder, der ans EMBL kommt, weiß von vornherein, dass er spätestens nach neun Jahren wieder gehen muss. Nur ganz wenige erhalten eine Lebensstelle. Der Rest kehrt - ausgestattet mit erstem Forschungsruhm und exzellenten Kontakten - zurück in seine Heimat oder in ein anderes Land der Gemeinschaft. "Wir sind eine Service-Einrichtung", sagt Institutsdirektor Iain Mattaj mit britischem Understatement. "Wir entwickeln für unsere Mitgliedsländer die Stars von morgen."

Solche einzigartige institutionelle Bescheidenheit hat dazu geführt, dass außerhalb der Biomedizin nur wenige etwas mit dem Kürzel EMBL anfangen können. Kaum jemand weiß, dass die einzige deutsche Medizinnobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard hier auf dem Boxberg jene grundlegenden Studien zur Genetik betrieb, für die sie später international geehrt wurde. Oder dass 25 Direktoren eines Max-Planck-Instituts ihre wissenschaftliche Karriere hier begannen.
Nicht nur Deutschland, auch andere Länder haben von dem Heidelberger Institut profitiert. Zum Beispiel Spanien: Der Ausrichter der diesjährigen ESOF-Konferenz stellte vor einigen Jahren überproportional viele Mitarbeiter am EMBL. Heute sind die ehemaligen Institutsmitarbeiter in gehobenen Positionen in Barcelona, Madrid oder Valencia an der wissenschaftlichen Aufholjagd beteiligt, zu der das Land vor einigen Jahren aufgebrochen ist.

Jochen Wittbrodt kam - bereits habilitiert - vom Göttinger Max-Planck-Institut nach Heidelberg. Verrückt sei er, sagten Freunde: Statt einer sicheren Stellung an einer Universität seine produktivsten Jahre mit einem befristeten Vertrag außerhalb des deutschen Wissenschaftssystems zu verbringen! Er tat es dennoch und hat es nicht bereut. Zwar ist sein Arbeitsplatz nur ein winziger mit Glasfenstern abgetrennter Verschlag in der Ecke seines Labors, und eine Sekretärin, wie sie Universitätsprofessoren haben, hat er auch nicht.

Dafür fand Wittbrodt am EMBL eine "einmalige Arbeitsatmosphäre", die fast ohne hemmende Bürokratie, Hierarchiedenken und Eifersüchteleien auskommt. Da das Institut keine Dauerstellen zu vergeben hat, verstehen sich die Forscher nicht als Konkurrenten. "Niemand braucht sich eine Hausmacht aufzubauen", sagt Wittbrodt. Dieser Teamgeist ist auch für EMBL-Chef Iain Mattaj der größte Trumpf. "In den USA arbeiten viele Wissenschaftler gegeneinander. Da werden auch schon einmal Kenntnisse für sich behalten", sagt Mattaj. So etwas käme am EMBL kaum vor.

Das allgegenwärtige Du, die englische Sprache, die gemeinsam genutzte technische Infrastruktur: Alles ist auf Kooperation geeicht. Auch die Doktoranden lernen von Beginn an, dass Zusammenarbeit der Treibstoff der modernen Forschung ist. Um potenzielle Partner zu gewinnen, müssen sie in ihren ersten Wochen am Institut verschiedene Arbeitsgruppen durchlaufen - selbst wenn ihr Thema auf den ersten Blick mit den Forschungsfragen der Kollegen wenig zu tun hat.

Rund 800 Nachwuchswissenschaftler bewerben sich jedes Jahr auf die 40 Doktorandenplätze. Mani Arumugam hat es vor zwei Jahren geschafft, in das begehrte Programm aufgenommen zu werden. Bachelorabschluss am Madras-College, Master an der Saint Louis University in Washington: Der Inder ist einer jener typischen Wanderarbeiter der Wissenschaft, auf die die Forschung immer stärker angewiesen ist. Weniger typisch ist, dass der Bioinformatiker nicht in den USA blieb, sondern nach Europa weiterzog, obwohl es an amerikanischen Angeboten nicht mangelte.

Gehört hatte er vom EMBL schon früh. In den USA gilt das Institut in Anlehnung an die berühmte technische Eliteuniversität in Boston als das "europäische MIT der Biowissenschaften". Am Ende überzeugten ihn die Interdisziplinarität und das Völkergemisch am Institut. Fragt man ihn, woher seine Freunde stammen, dauert es eine Weile, bis er antwortet: "Aus - äh - Polen, Spanien, Indien, den USA und auch Deutschland." Die Herkunft scheint im Alltag der jungen Forscher keine Rolle zu spielen. Mancher merkte erst bei der Europameisterschaft, woher sein Kollege stammt.

Dass er nicht am Sonntag in einem Heidelberger Supermarkt einkaufen kann, findet der 26-Jährige immer noch befremdlich. Fasziniert ist Arumugam dagegen wie so viele, die aus Asien, Lateinamerika oder den USA nach Europa kommen, von der großen Vielfalt des Kontinents. "Wenn ich in den USA 1000 Kilometer weit reise, bin ich immer noch in den USA. Hier habe ich auf der gleichen Strecke drei Nationen durchquert ", sagt der Inder.
Angesichts der Erfolge des EMBL stellt sich die Frage, warum es nicht ähnliche Institute für andere Disziplinen gibt, für Mathematik oder Chemie, aber auch für Geschichte oder Soziologie. Forschungseinrichtungen europäischen Zuschnitts kennt sonst nur die Physik mit dem Teilchenbeschleuniger Cern in Genf oder der europäischen Sternwarte in Chile als bekannte Beispiele. Gegründet wurden sie alle bereits vor Jahrzehnten. "Damals war der europäische Geist in der Wissenschaft größer als heute", sagt EMBL-Chef Mattaj bedauernd.

Die Europäische Union ist bislang tatsächlich an überhaupt keinem Institut beteiligt. Auch das EMBL ist keine EU-Einrichtung, sondern wird von 20 einzelnen Staaten getragen, inklusive Israel und der Schweiz. Erst 2006 hat die EU einen ernsthaften Anlauf unternommen und 34 Großforschungseinrichtungen - vom Forschungsschiff bis zum Elektronenlaser - definiert, die Europa braucht, um international wettbewerbsfähig zu sein. Ob sie jemals Wirklichkeit werden, ist unklar.

Noch immer glauben die meisten Mitgliedsländer und ihre nationalen Forschungseinrichtungen, sie könnten allein am besten zurechtkommen. Besonders gut konnte man dies lange Zeit nur wenige Kilometer vom EMBL entfernt beobachten. Bis vor wenigen Jahren hielt man an der ehrwürdigen Universität Heidelberg nämlich wenig vom internationalen Institut oben auf dem Berg.

Gern ließ man deutsche EMBL-Forscher, die es wagten, sich zur Habilitation an der Uni anzumelden, durchfallen. Hans Schöler, dem wohl berühmtesten deutschen Stammzellforscher war diese Demütigung Mitte der neunziger Jahre widerfahren.

Solche Arroganz gehört der Vergangenheit an. Hochschule und EMBL kooperieren mittlerweile in einigen Projekten. Die Exzellenzinitiative hat beide Institutionen enger zusammengeführt. Und auch Jochen Wittbrodt hat jetzt an der Universität angeheuert.

Aus dem EMBL will er möglichst viel von dem mitnehmen, was ihn in den neun Jahren auf dem Berg beflügelt hat: die flachen Hierarchien, die Personalauswahl nach dem Bestenprinzip, das Vertrauen in den Nachwuchs. Man könnte ihn als europäischen Entwicklungshelfer bezeichnen. Aber das würde er niemals so sagen.

Aus DIE ZEIT :: 24.07.2008

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote