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Das individuelle Denken befeuern

Von Andrea Westermann

Mathematik gilt im besonderen Maß als einsame Tätigkeit. Einen Mathematikerkongress scheint demnach ein Widerspruch in sich selbst, ja ein "Sprung ins Dunkle". Das empfanden auch die Organisatoren des ersten Mathematikerkongresses in Zürich.

Das individuelle Denken befeuern© goegi - Photocase.comMathematiker - die Einsiedler unter den Wissenschaftlern?
Der "erste internationale Mathematiker-Kongress" fand 1897 am Polytechnikum Zürich statt - der heutigen ETH. Die Konferenzsprachen waren deutsch und französisch. Das Treffen ermöglichte persönlichen Austausch sowohl auf professioneller Ebene wie auch im geselligen Rahmen. Die Teilnehmer präsentierten und bestätigten einander ein bestimmtes Bild des Mathematikers und Forschers. Sie arbeiteten im Namen der Allgemeingültigkeit wissenschaftlichen Wissens an der internationalen Vereinheitlichung ihrer Terminologie und strichen zugleich die nationalen Forschungsbeiträge heraus. In der Gründungsgeschichte dieses Forums finden sich mithin die typischen Strukturmerkmale wissenschaftlicher Konferenzen wieder.

Konferenztage als "Festtage"

Unter der Federführung des Mathematikers Carl Friedrich Geiser machten sich die Zürcher daran, den Plan eines internationalen Mathematikerkongresses zu verwirklichen. Die geografische Lage Zürichs "im Kreuzungspunkte der großen Linien von Paris nach Wien und von Berlin nach Rom" schien sich für ein erstes Treffen anzubieten. Das international besetzte Organisationskomitee verschickte ein halbes Jahr später Einladungen an 2000 Mathematiker in Europa und den USA. 242 Mathematiker aus 16 Ländern, darunter 38 Mathematikerinnen, saßen schließlich in der Aula, als Geiser in der Eröffnungsrede die Gründe und Ziele des Treffens noch einmal erläuterte. Wie viele seiner Nachredner begriff Geiser die Konferenztage als "Festtage", er nahm die Tagung also nicht zuletzt als Gesellschaftsereignis von eigenem Erinnerungswert wahr: "Wir legten die Festtage in eine Zeit, in welcher die Schweiz ohnehin ein Hauptsammelplatz derjenigen ist, welche Ruhe und Erholung nach gethaner, Mut und Kraft zu neuer Arbeit suchen. So wird auch für Sie die Gelegenheit verlockend sein, nach den Anstrengungen gemeinschaftlicher Arbeit noch einige Tage oder Wochen in der belebenden Nähe unserer stürzenden Bäche und rauschenden Tannen, im stillen Anblicke unserer blauen Seen und grünen Alpen oder mitten unter den wilden Felsen und kalten Gletschern unserer Hochgebirgswelt zu verweilen" (Ferdinand Rudio (Hg.) 1898).

Die in den Verhandlungen des Kongresses abgedruckte Überlegung zum Veranstaltungsdatum wirft ein Schlaglicht auf das Selbstbild der versammelten Wissenschaftler. Das Ferienland Schweiz belohnte die angereisten Konferenzteilnehmer mit der Möglichkeit touristischer Ausflüge. Im lang eingeübten Gelehrtenhabitus konvergierten Arbeits- und Lebensform. Wissenschaftler und Universitätsprofessoren verfolgten selbst gesteckte Ziele, deren Erreichung auch zur Entwicklung der eigenen Forscherpersönlichkeit beitrug. Dabei schmälerte sich das Arbeitspensum bekanntlich nie. Vor diesem Hintergrund lag es nahe, Freizeit und Arbeitszeit nicht als Gegensatz zu begreifen, sondern sich kleine Auszeiten an fremden Dienstorten zu nehmen und sie als Erholung und alternatives Bildungsangebot zu betrachten.

Der Wunsch nach Überblick

Nun galt die Mathematik im besonderen Maß als einsame Tätigkeit, ein Topos, der auch in Zürich bemüht wurde. Einen Mathematikerkongress zu organisieren, musste als unkalkulierbares Wagnis erscheinen, es handele sich nach Ansicht der Organisatoren um "eine Art von Sprung ins Dunkle." Der Tübinger Professor Alexander von Brill hatte im Vorfeld geargwöhnt, ob es überhaupt möglich sei, "die schwerflüssige Masse einsiedlerischer Mathematiker zur Teilnahme an einem erstmaligen internationalen Kongress zu bewegen" (Rudio 1898, 58). Wenn es so vieler Anreize bedurfte und solche Hürden zu nehmen waren, um Mathematiker miteinander ins Gespräch zu bringen, warum dann überhaupt einen Kongress zusammenrufen?

Die verdichtete Kommunikation auf Konferenzen befeuere das individuelle Denken und steigere die Wahrscheinlichkeit gemeinsamer Lösungen, so die Veranstalter in ihrem Reglementsentwurf für den Kongress. Bei einem umfassenden Programm und der repräsentativen Auswahl der Redner werde zugleich der gegenwärtige Stand einzelner Wissensgebiete ermittelt (Rudio 1898, 33). Mit der beschlossenen regelmäßigen Ausrichtung eines internationalen Mathematikerkongresses vertrat die Gründungsversammlung sogar den Anspruch, die Mathematik insgesamt zu überblicken und zu organisieren. Am Ende der Zürcher Konferenz war die Einsicht in die Notwendigkeit zur Koordination größer denn je. Der Göttinger Mathematiker Felix Klein zeigte sich überwältigt von "der Mannigfaltigkeit mathematischer Auffassungen und Interessen, die eine Bezugnahme von Mathematiker zu Mathematiker außerordentlich erschwert. Die Verschiedenheit der Sprache tritt fast zurück hinter der Verschiedenheit der mathematischen Denkweise" (Rudio 1898, 300).

Im Laufe der Konferenz war vor allem eine fortlaufende, dauernd aktualisierte internationale Bibliografie angemahnt worden, nicht zuletzt um, noch einmal in den Worten Kleins, "die Geltung unserer Wissenschaft nach außen hin zu sichern". Voraussetzung dafür war eine anerkannte Klassifikation der mathematischen Subdisziplinen. "Eine solche allgemein und von allen Fachgenossen adoptierte Klassifikation besitzen wir auf mathematischem Gebiete leider noch nicht", hatte der Zürcher Mathematikprofessor Ferdinand Rudio, zugleich Oberbibliothekar des Polytechnikums, schon bei der Kongresseröffnung konstatiert. "Wohl haben wir eine Reihe von Klassifikationen, die alle in ihrer Art Vortreffliches leisten.

Ich erinnere an die Klassifikation des Pariser bibliographischen Kongresses, der 1889 unter dem Vorsitze des Herrn Poincaré ... tagte, ich erinnere an die Klassifikation des von Herrn Lampe herausgegebenen Jahrbuchs über die Fortschritte der Mathematik, an diejenige des universell angelegten Dewey'schen Dezimalsystems und so manche andere" (Rudio 1898, 35-36). Eine ganze Sektion widmete sich im Anschluss dem Thema und bereitete eine Resolution vor, nach der bis zur nächsten Konferenz 1900 in Paris - auf diese Daten hatte man sich schon geeinigt - eine Expertise über die Klassifikationsfragen und Kooperationsmöglichkeiten mit bereits begonnenen bibliografischen Projekten in Auftrag gegeben werden sollte.

Die Idee der weltumspannenden Gelehrtenrepublik

Die angestrebte Standardisierung der Terminologie arbeitete dem Ideal zu, nach dem wissenschaftliche Erkenntnis universell gültig ist. Mit dem Engagement für die eigene Disziplin erwerbe man sich jenseits politischer Zugehörigkeiten ein "geistiges Bürgerrecht in einem Reiche von unendlicher Ausdehnung: Es ist das Reich der Wissenschaft" (Rudio 1898, 28). Auf nationale Helden bei der Fachgeschichtsschreibung musste trotz der identitätsstiftenden Idee einer weltumspannenden Gelehrtenrepublik nicht verzichtet werden. Im Zuge des Beschlusses, den mathematischen Kanon zu stabilisieren und Klassikerausgaben zu produzieren, wurde etwa von Schweizer Seite der Plan vorgetragen, die Werke des Baslers Leonhard Eulers zu edieren. Auch die Festkarte des Kongresses illustrierte den schweizerischen Beitrag zur internationalen Mathematik.

Aus Forschung und Lehre :: November 2010

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