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Das ist auch ungerecht!

VON JAN-MARTIN WIARDA

Frauen werden bei Neueinstellungen bevorzugt. Junge Männer ziehen den Kürzeren. Eine Polemik.

Das ist auch ungerecht!© john krempl - Photocase.com"Frauen werden bei gleicher Eignung bevorzugt" - warum eigentlich?
Vor zwei Monaten hat die ZEIT eine Titelgeschichte zum lange überfälligen beruflichen Aufstieg der Frauen gebracht. Der, so hieß es da, könne sich selbst für die Männer als Segen erweisen: »Die Bildungserfolge der Frauen fallen in eine Phase, in der das Angebot an gut ausgebildeten Arbeitskräften in vier Jahren um 250 000 zurückgegangen ist und in der viele Männer gern kürzer und ein Großteil der Frauen länger arbeiten würde.« Überall Gewinner, nirgends Verlierer? Welch ein Ausblick.

Zwei Tage später traf ich mich mit einem guten Freund in einer Kneipe, Absolvent einer Journalistenschule, 32 Jahre alt, verheiratet, Vater einer kleinen Tochter. Er habe gerade den ZEIT-Titel gelesen, sagte er zur Begrüßung. Sonst nichts. Dieser Freund, nennen wir ihn Max, war jahrelang auf der Suche nach einem festen Job. Ohne Erfolg. Er kommt über die Runden, vor allem dank seiner Frau, die eine Anstellung als PR-Beraterin hat, er ist ein akribischer Recherchierer, er schreibt unterhaltsam, gelegentlich brillant. Was sein Problem ist? »Ich bin keine Frau«, sagt er.

Es gibt sie eben doch, die Verlierer des Aufstiegs der jungen Frauen. Es sind die jungen Männer, die jetzt für die Fehler der alten büßen müssen. Die Fehler der alten Männer, die immer noch in den Vorstandsetagen der Konzerne und Verwaltungsbehörden hocken, die das Geschick dieser Republik immer noch weitgehend unter sich ausmachen. Diese alten Männer haben zunehmend ein schlechtes Gewissen. Und weil sie sich und ihre buddies natürlich nicht selbst abschaffen wollen, konzentrieren sie ihren Ablasshandel auf die Generation der Berufseinsteiger. Und stellen mit einem Mal junge Frauen in Serie ein.

Jetzt als Mann eine Uni-Karriere anstreben? Riskant, sagt der Prof

Keine Frage: Solange sie weniger draufhaben als ihre Konkurrentinnen, geht es vollkommen in Ordnung, wenn die jungen Männer bei der Jobsuche den Kürzeren ziehen. Doch das allein ist es nicht. Schließlich gibt es kaum noch einen Konzern, der nicht ein besonderes Förderprogramm für Frauen aufgelegt hat, kaum einen Firmenchef, der jetzt nicht ernst macht mit dem allzu lange leeren Versprechen: »Frauen werden bei gleicher Eignung bevorzugt.« Und das werden sie - koste es, was es wolle. Der Frauen-Auswahlbutton sei mittlerweile die meistgenutzte Vorauswahlfunktion, berichtet der Betreiber einer Online-Jobbörse, bei dem Unternehmen gezielt nach Uni-Absolventen fahnden können. Einige Unternehmen gehen so weit, dass Frauen nach vergeigten Vorstellungsgesprächen eine zweite Chance gegeben wird, während sich Männer mit einem falschen Spruch herauskatapultieren können. Und der BWL-Professor einer süddeutschen Uni rät seinem Doktoranden von der Hochschullaufbahn ab mit dem Satz: »Die Unis müssen ihre Professorinnenquote massiv hochsetzen, als Mann hast du da in den nächsten Jahren kaum eine Chance.«

Auch die harten Statistiken sind teilweise frappierend: Im gehobenen Dienst der Bundesverwaltung beträgt der Frauenanteil unter den Berufseinsteigern bereits 58 Prozent (unter den älteren Führungskräften aber nur ein Sechstel); die Telekom wiederum rühmt sich, ihre neu eingestellten »Top-Nachwuchskräfte« seien mittlerweile zu 52 Prozent Frauen. Und die ZEIT? 65 Prozent der in den vergangenen fünf Jahren eingestellten Jungredakteure sind weiblich. Zum Vergleich: Der Frauenanteil unter den 137 Redakteuren beträgt ein gutes Drittel, in den Ressortleitungen gerade mal ein Sechstel - noch viel schlechtes Gewissen arrivierter Männer, das auf Linderung wartet. Mein Freund Max kannte diese Zahlen bis vergangene Woche nicht. Doch er spürt sie jeden Tag in seiner Karriereplanung. Dabei ist die Feststellung, dass an Frauen und Männer mittlerweile in vielen Berufen unterschiedliche Maßstäbe angelegt werden - und zwar zugunsten der Frauen -, so neu nicht.

Felix, 28, hat es schon vor zwei Jahren bei der Berliner Polizei erwischt. Trotz Einserexamens in Politologie. Er ist beim Einstellungstest die obligatorischen zwei Kilometer in 9:25 Minuten gerannt - und war draußen. Fünf Sekunden zu langsam. Eine Mitbewerberin, die sich anderthalb Minuten nach ihm ins Ziel schleppte, nicht: Für sie galt die Grenze von 11:20 Minuten. Als dann der Ausbilder ihn achselzuckend tröstete, so sei das eben, man müsse dringend die Zahl der Frauen erhöhen, war das zu viel für Felix. »Das ist doch alles großer Mist«, schimpfte er. Im Land Berlin hat der Anteil der Frauen unter den Beamtenanwärtern übrigens schon 53 Prozent erreicht - von den unter 30-Jährigen in Deutschland aber sind nicht einmal 49 Prozent weiblich.

Es ist eine Mär, dass Frauen die besseren Examensnoten hätten

Auch sonst sollte man keineswegs immer auf die magische 50-Prozent-Grenze schauen, denn selbst auf die Gefahr, dass es unsinnig und zunächst sogar chauvinistisch klingen mag: In einigen Branchen ist schon ein Frauenanteil von 20 Prozent zu hoch. Man schaue sich nur mal die Maschinenbau-Ingenieure an. Unter den Absolventen des Jahrgangs 2005 waren laut Hochschul-Informations-System 87 Prozent Männer und - leider, leider - nur 13 Prozent Frauen.

Wie aber ist es zu erklären, dass in einigen Autokonzernen über ein Fünftel der neu eingestellten Ingenieure Frauen sind? Denkbar ist, dass irgendwelche Zufälle dazu führen, dass sich die Elite der weiblichen Ingenieure ausschließlich dort konzentriert. Wahrscheinlicher ist die Annahme, dass es den Personalchefs gefällt, die Frauenquote zu pushen - auch wenn damit manch besserer Mann auf der Strecke bleibt. Vielleicht hat die Verve, mit der sie sich plötzlich auf die Frauenförderung stürzen, auch damit zu tun, dass Männer im Schnitt immer noch teurer sind - sie lassen sich seltener mit zu geringen Einstiegsgehältern abspeisen. »Na und«?, kann man einwenden, »es ist doch gut, dass Frauen endlich zum Zug kommen, das ist ausgleichende Gerechtigkeit für all die Lebenschancen, die ihnen in der Vergangenheit versagt geblieben sind!« Aber geht es wirklich in Ordnung, wenn man eine Ungerechtigkeit durch eine andere ersetzt? Denn dass es sich um eine Ungerechtigkeit handelt, dürfte spätestens in dem Augenblick klar sein, in dem man akzeptiert, dass es von der Begabung her keine systematischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt.

Akzeptieren müssen das übrigens auch jene Frauen, die die Mär aufrechterhalten, Frauen würden im Schnitt die besseren Examensnoten bekommen. Das ist nicht wahr, ebenso wenig wie es stimmt, dass die Gesellschaft als Ganzes von der Bevorzugung der jungen Frauen profitiert. Zwar ist in diesen Tagen viel von einem kommenden Fachkräftemangel die Rede, doch solange es auch nur einen Arbeitslosen mit Ausbildung oder Hochschulstudium gibt, muss die Devise gelten: Dem Besten oder der Besten gebührt der Job, alles andere ist eine Vergeudung von Talenten - und schadet am Ende allen. Auch den Frauen. Denkt man die Einseitigkeit bei den Neueinstellungen weiter, könnte es in Zukunft sogar zu einer neuen Schieflage auf dem Arbeitsmarkt kommen, die sich nicht wesentlich von der heutigen unterscheidet - mit dem Unterschied, dass dann Frauen die Mehrheit der festen Belegschaft stellen und die Spitzenposten unter sich ausmachen. Wäre das die Erfüllung der Träume von der Gleichberechtigung?

Natürlich wird es so weit nicht kommen. Der Fachkräftemangel wird schon in ein paar Jahren den meisten qualifizierten jungen Menschen eine Chance geben. Und die Netzwerke der alten Männer werden immer noch funktionieren. Der massenhafte Einstieg der Frauen - denn lediglich um den handelt es sich - bedeutet noch lange nicht deren massenhaften Aufstieg. Was man schon daran sieht, dass »Frauenquote« in den meisten Chefetagen nach wie vor ein Fremdwort ist. Und genau das ist der Punkt: Der Club der alten Männer, der oben thront, muss endlich anfangen, seine Macht zu teilen. Zu behaupten, es gebe nicht genug qualifizierte Frauen für die Spitzenjobs, ist genauso falsch, wie stattdessen die Benachteiligung der jungen Männer zu verteidigen.

Mein Freund Max hat sich übrigens mit seiner Situation arrangiert. Er lebt sein Leben als freier Journalist, wie es andere auch tun, Männer wie Frauen. Er versuche, sagt er, nicht zu oft daran zu denken, dass einige seiner Klassenkameradinnen aus der Journalistenschule jetzt beim Spiegel Reporterinnen sind oder als Auslandskorrespondentinnen in Asien die Zeitungen vollschreiben. Er freut sich über den beruflichen Erfolg seiner Frau und ist glücklich, viel Zeit für seine Tochter zu haben. »Nur«, sagt er, »dieses Leben hätte ich mir lieber freiwillig ausgesucht.«

Aus DIE ZEIT :: 11.11.2010

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