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Das "Mainzer Modell"- Qualitätssicherung und
-entwicklung durch Systemakkreditierung

VON Georg Krausch

Seit einigen Jahren besteht für die Hochschulen die Möglichkeit, nicht mehr einzelne Studiengänge an einer Universität begutachten zu lassen, sondern ein Qualitätssicherungssystem an der Hochschule zu entwickeln und dieses akkreditieren zu lassen. Diese neue Form der Systemakkreditierung hat die Universität Mainz erfolgreich umgesetzt.

Das "Mainzer Modell"© DOC RABE Media - Fotolia.comDie Systemakkreditierung hat die Qualitätssicherung an der JGU Mainz gestärkt
Die Qualitätssicherung in Hochschulen hat in der vergangenen Dekade an Bedeutung gewonnen. So geht mit der wachsenden Hochschulautonomie auch eine wachsende Verpflichtung zur öffentlichen Rechenschaftslegung einher. Dies betrifft insbesondere die Akkreditierung von Studiengängen. Ferner sind die Hochschulen selbst auf eine funktionale interne Qualitätssicherung angewiesen, da die Steuerung von Hochschulen valide Daten aus empirischen Untersuchungen voraussetzt. Qualitätssicherung ist demnach das konsequente Komplementär zur Hochschulautonomie im Hinblick auf interne Steuerungsprozesse und auf externe Legitimitätsanforderungen.

Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) erlangte im Jahre 2011 als erste deutsche Hochschule das Siegel der Systemakkreditierung. Vorausgegangen war ein zweijähriges Modellprojekt, das nicht unerheblich zur Entwicklung des Ende 2008 implementierten Verfahrens der Systemakkreditierung beigetragen hat. Ausgangspunkte des Modellversuchs waren die sehr unterschiedliche Verfahrensqualität der Programmakkreditierungen, die damit verbundene heterogene Interpretation von Akkreditierungsstandards sowie die fehlende Bindung der Verfahren an den strukturellen Kontext. Insbesondere fehlte eine systematische Koppelung der Verfahren an Fragen der Profilbildung im Bereich der Forschung oder der Nachwuchsförderung.

Langjährige Tradition der Qualitätssicherung

Der Modellversuch und die Systemakkreditierung knüpfen an eine langjährige Tradition der Qualitätssicherung an der JGU an. Bereits Anfang der 1990er Jahre wurde ein umfassendes Programm zur Qualitätsverbesserung in Studium und Lehre initiiert und wissenschaftlich begleitet. Seit Mitte der 1990er Jahre gewann das Instrument der Evaluation mit anschließender Zielvereinbarung in Forschung, Studium und Lehre an Bedeutung. Mit dem Einbezug der Forschung ging die JGU frühzeitig einen spezifischen Weg, indem beide Kernaufgaben der Universität gleichgewichtig Gegenstand der Qualitätssicherung wurden. Darüber hinaus wurden durch die Einführung eines umfassenden Reorganisationsprozesses im Bereich der zentralen Verwaltung ("Neues Steuerungsmodell") vielfältige Qualitätssicherungsprozesse im Wissenschaftsmanagement eingeleitet, die u.a. zur Auszeichnung als best practice-Hochschule beigetragen haben. Die gemeinsame Betrachtung von Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement hat als "Mainzer Modell" Eingang in die derzeitige Diskussion zur Qualitätssicherung gefunden.

Für die Wahrnehmung der Qualitätssicherung implementierte der Senat der JGU 1999 das Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ) als fachübergreifende wissenschaftliche Einrichtung. Dabei ist das ZQ in gleicher Weise den Fächern und Fachbereichen wie auch der Hochschulleitung verpflichtet. Ausdruck hierfür ist, dass dem ZQ ein Senatsausschuss zur Seite gestellt wurde, der für Grundsatzfragen der Qualitätssicherung verantwortlich zeichnete. 2011 wurde der Ausschuss durch einen Beirat mit Entscheidungskompetenz ersetzt, der aus hochschulinternen und -externen Mitgliedern besteht. Hiermit wurde die relative Unabhängigkeit des ZQ in Fragen der internen Akkreditierung nochmals betont. Entscheidend ist ferner das grundlegende Verständnis, dass sich Qualitätssicherung nicht auf die Beschreibung von Stärken und Schwächen beschränken sollte, sondern wissenschaftlich fundierte Erklärungen bieten muss, die Grundlage für Veränderungsprozesse sind. Der dazu nötige Austausch zwischen Qualitätssicherung und Hochschulforschung findet bislang in der deutschen Hochschullandschaft noch zu wenig Beachtung.

Über "Mindeststandards" hinausgehen

Mit der Auszeichnung des Qualitätsmanagements durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Heinz Nixdorf Stiftung wie auch durch den Prozess der Systemakkreditierung wurden Steuerungsprozesse stärker als zuvor in den Blick genommen. Die Systemakkreditierung erlaubt es der JGU, ihre Studienprogramme selbstständig zu akkreditieren - und sie bietet insbesondere die Chance, im Einklang mit den Kriterien des Akkreditierungsrates eigene Standards zu formulieren, die auf die strukturellen Besonderheiten an der JGU eingehen und über die so genannten "Mindeststandards" hinausgehen. Die Systemakkreditierung füllt mithin den Gedanken der Hochschulautonomie in besonderer Weise mit Leben. Die Definition von Zielen, Kriterien und Standards ist dabei ein kontinuierlicher Prozess. So diskutierte das Gutenberg Lehrkolleg der JGU (ein Expertengremium, das spezifische Fördermaßnahmen im Bereich von Studium und Lehre initiiert und die Hochschulleitung berät) kürzlich die der internen Akkreditierung zugrundeliegenden Kriterien. Die Möglichkeit zur Definition eigener Kriterien und deren hochschulinterne Erörterung lassen sich zweifellos als zentraler Gewinn der Systemakkreditierung benennen. Im Sinne eines umfassenden Qualitätsmanagements kommt damit der Steuerungsebene die Setzung von Zielen und Leitlinien zu, während Qualitätssicherung die richtigen Instrumente bereithalten muss, um die Erreichung der Ziele messen zu können.

Vorteile der Systemakkreditierung

Die jüngsten Erfahrungen der JGU zeigen als weitere wesentliche Vorteile der Systemakkreditierung die höhere Konsistenz der internen Akkreditierungsentscheidungen und die bessere Koppelung von Akkreditierung und Strukturentwicklung. Beispielhaft ist die gemeinsame Betrachtung der Forschungsschwerpunktbildung und der Einrichtung von entsprechenden Masterstudiengängen, die einen deutlich breiteren Fokus bietet, als dies eine einzig auf die Betrachtung von Studienprogrammen ausgerichtete Akkreditierung leisten könnte. Gleichzeitig hat die Systemakkreditierung die weitere Entwicklung des Qualitätsmanagements an der JGU von einer zunächst vornehmlich zentralen Ausrichtung zu einer Stärkung der Qualitätssicherungsprozesse in den Fächern und Fachbereichen geführt, wobei hierbei insbesondere Wert auf eine noch stärkere Maßnahmenorientierung im Anschluss an Qualitätssicherungsverfahren gelegt wird.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die erfolgreiche Systemakkreditierung an der JGU in erster Linie zu einem Mehr an gelebter Hochschulautonomie beigetragen hat. Wichtig ist hierbei sicherlich die lange Tradition einer wissenschaftsbasierten Qualitätssicherung innerhalb der Universität, die nicht nur Vertrauen in die handelnden Akteure und die Qualitätssicherungsverfahren erzeugt hat, sondern zudem sicherstellt, dass die Qualitätssicherungsverfahren nicht bloß Daten, sondern einen Erkenntnismehrwert erzeugen. Dies sind aus unserer Sicht die für den Erfolg des Qualitätsmanagements an der JGU wesentlichen Faktoren.


Über den Autor
Professor Dr. Georg Krausch ist Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2013

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