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Das Sammeln aus psychologischer Perspektive


von Dieter Frey

Von allen Motiven, die Menschen im Innersten bewegen und handeln lassen, gibt es kaum eins, das nicht seine Ursache im Sammeln hat. Durch das Anhäufen und Demonstrieren von Dingen unterschiedlichster Art gewinnen Menschen Orientierung, leben ihre Leidenschaft, aber auch ihre Eitelkeit und ihren Machttrieb aus.

Das Sammeln aus psychologischer Perspektive© Jeannot Olivet - iStockphoto.comSammeln hat aus psychologischer Perspektive viele Gründe: Wissenschaftler zum Beispiel sammeln, um Erkenntnisse zu gewinnen und Theorien abzuleiten
Es gibt vermutlich kein Objekt, das nicht von irgendwelchen Menschen auf dieser Welt "gesammelt" wird: Briefmarken, Träume, Fotos, Autos, Zitate, Lebensweisheiten, Kalender, kluge und dumme Sprüche, Zeitungsausschnitte, Geburtstage, Erinnerungsbilder, Fotos von Urlaubsreisen. Oder es werden Objekte wie Möbelstücke, wertvolle Bilder, Silberbesteck, Taschen, Fußbälle, Insekten und Kleidungsstücke angehäuft.
Die Menschheit würde nicht überlebt haben, ohne zu sammeln. Durch das Sammeln persönlicher Erfahrungen erhalten Menschen erst eine Orientierung darüber, was richtig oder falsch, gefährlich oder ungefährlich, positiv oder negativ ist. Bei jeder Entscheidung geht es darum, zwischen Pro und Contra des gesammelten Erfahrungsschatzes abzuwägen. Man muss sich erinnern an positive und negative Episoden, die man selbst erlebt oder bei anderen beobachtet hat.

Von allen menschlichen Motiven gibt es kaum eins, das nicht seine zentrale Ursache im Sammeln hat. Natürlich gibt es auch krankhafte Züge des Sammelns: Jeder kennt Menschen, die alles sammeln, Kassenbons, Plastiktüten, quasi alles, was ihnen in die Hände kommt, und die nichts wegwerfen können: das sogenannte "Messie-Syndrom".

Externe Anreize

Oft werden Dinge gesammelt, weil man sich dadurch finanzielle, materielle Vorteile oder andere Gratifikationen verspricht, zum Beispiel langfristige existenzielle Absicherung, eine Wertanlage aufgrund des Knappheitsprinzips oder der Wertentwicklung der gesammelten Objekte. In der protestantischen Ethik beschreibt Max Weber, dass für viele Menschen das erfolgreiche Sammeln bzw. Anhäufen materieller Güter auch ein Indikator dafür war, ob sie von Gott auserwählt waren. Früher stellten Fürsten ihre Macht durch den Besitz herausragender Sammlungen von Literatur und Kunst zur Schau. Dieses Prinzip der Machtdemonstration (Dominanztrieb) ist nach wie vor ein starkes Motiv von Sammlern. Eitelkeit und Narzissmus spielen auch eine Rolle, wenn es gilt, die besten Briefmarken, Medaillen, Uhren zu haben und dies auch der Welt zu zeigen. Man möchte bewundert werden. Sammeln ist aber oft auch eine stark sozial geprägte Aktivität. Die besten Freunde und Bekannte sammeln, also beteiligt man sich und wird von der entsprechenden Gemeinschaft akzeptiert. Dort, wo Sammlungen öffentlich werden, verlieren sie ihren "egoistischen" Charakter und werden zu etwas Gemeinnützigem.

Das Anhäufen von Dingen kann aber auch ein Zeichen von Ängsten sein, die damit kompensiert werden. Dies ist insbesondere bei Menschen der Fall, die in der Kindheit Mangelerlebnisse hatten, zum Beispiel in der Nachkriegszeit. Aber auch das Bedürfnis nach Absicherung und Kontrolle bewirkt bei vielen Menschen, dass man zum Beispiel Belege und Beweise sammelt, um nicht angreifbar zu sein. Nach Adler neigen Menschen mit "Organminderwertigkeiten" oder auch anderen Schwächen, seien sie nun subjektiver und/oder objektiver Art, dazu, Höchstleistungen anzustreben, um Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren. Das Sammeln kann in diesem Fall von gewissen Mängeln und Schwächen ablenken.

Sammeln kann auch eine Flucht bedeuten, vor allem, wenn Menschen sich im Chaos der Realität nicht behaupten können. Man findet so eine Insel oder Nische, auf die bzw. in die man sich zurückziehen kann. Im Extremfall wird man zum einsamen Sammler, so dass man einerseits seine Einzigartigkeit bewahren kann, vielleicht auch Bewunderung ernten kann, aber andererseits sämtliche anderen Realitäten des Lebens ausblendet.

Intrinsische Motive

Die Leidenschaft beim Sammeln kann aber auch ohne jegliche externe Anreize entstehen. Neugier und Wissensdurst sind hier die zentralen intrinsischen Motive. Diese Sammler sind meist erst zufrieden, wenn sie alle "Mosaiksteinchen eines Bildes" komplettiert haben. Hier spielen Spaß und Freude an der Tätigkeit eine große Rolle. Wer keine Erfüllung darin sieht, in der Wissenschaft Daten zu sammeln oder Briefmarken oder Bierdeckel, wird es nicht auf Dauer tun.

Systematisches und unsystematisches Sammeln

Der systematische Sammler sammelt sehr selektiv. Sein großes Ziel ist es, Ordnung zu schaffen. Bei ihm kann weniger mehr sein. Er will vor allem in die Tiefe gehen und Erkenntnisgewinne schaffen. Wissenschaftliches Sammeln oder Arbeiten zählt dazu. Der unsystematische Sammler sammelt dagegen aber nach dem Motto "je mehr umso besser", auch wenn er innerhalb einer Dimension oder eines bestimmten Objektbereichs bleibt. Er ist nicht fähig oder nicht motiviert zu kategorisieren und zu abstrahieren.

Wissenschaft als Paradebeispiel des Sammelns

Wissenschaftler und Forscher sind per se "Sammler": Ohne zu sammeln könnten sie kaum zu Generalisierungen kommen. Sammeln und der Entwurf von Hypothesen und Theorien hängen eng zusammen. Erkenntnisse werden akkumuliert und Theorien entwickelt. Nach Poppers kritischem Rationalismus folgt das Sammeln der abstrakten Idee. Auch Wissenschaftler können systematische oder unsystematische Sammler sein. In Überblicksreferaten werden oft wahllos Forschungsergebnisse zu einer Thematik gesammelt, aber es fehlt die ordnende Systematik bzw. der Versuch, aus dem Gesammelten eine Theorie abzuleiten. Diese Wissenschaftler bleiben im Detail stecken. Die Kunst systematischen Sammelns in der Wissenschaft besteht darin, Komplexität zu reduzieren, ohne dabei aber zu sehr zu vereinfachen. Jeder gute Forscher muss diesen Sammeltrieb haben, das heißt er muss Daten zusammentragen, sammeln, was seine Hypothese, seine Theorie unterstützt. Er wird deshalb auch immer selektiv arbeiten.

Sammeln ist häufig mit Anstrengung und nicht sichtbarer Arbeit verbunden, führt jedoch zu wichtigen Erkenntnissen. Schon Goethe sagte, Genie beruhe vor allem auf Fleiß, und von Albert Einstein stammt das Zitat: "Genie ist 90 Prozent Transpiration und zehn Prozent Inspiration". Der Fortschritt wurde mit Sicherheit auch dadurch erreicht, dass es Menschen gibt, gerade in der Wissenschaft und Kultur, die umtriebig sind und die Leidenschaft haben, Dinge zu sammeln.


Über den Autor
Dieter Frey ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität München, Leiter des LMU Centers for Leadership & People Management, Akademischer Leiter der Bayerischen EliteAkademie und Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Aus Forschung & Lehre :: April 2004

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