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Das System ist durchlässiger geworden


Forschung & Lehre im Interview mit VOLKER KRONENBERG

Eines der großen bildungspolitischen Schlagworte, das bei allen Parteien zu finden ist, ist "Aufstieg durch Bildung". Dabei geht es zugleich um die Durchlässigkeit des Bildungssystems und um "Chancengerechtigkeit". Worin gleichen, worin unterscheiden sich die Leitlinien der Parteien zu diesen Fragen? Wie ist es um die Bildung in der gegenwärtigen Gesellschaft bestellt? Fragen an einen Politikwissenschaftler.

Das System ist durchlässiger geworden© scavenger - photocase.comEntscheidende Fragen der Bildungspolitik sind im Bereich der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und der Einbeziehung der regionalen Schulplanung zu finden
Forschung & Lehre: Alle im Bundestag vertretenen Parteien propagieren die These des Aufstiegs durch Bildung, meist verbunden mit sozialer oder Chancengerechtigkeit. Gibt es hier Unterschiede zwischen Links, Mitte und Rechts?

Volker Kronenberg: Aufstieg durch Bildung, verbunden mit dem Ziel gesellschaftlicher Chancengleichheit, wollen alle etablierten Parteien über "Lagergrenzen" hinweg ermöglichen. In der Gewichtung der einzelnen Faktoren unterscheiden sich die Parteien jedoch. Die politischen Differenzen bestehen dort, wo es darum geht, wie Chancengleichheit zu erreichen ist. Grundsätzlich verlaufen die Konfliktlinien in der Politik vor allem entlang der Fragen, wie lange und auf welche Art die Schüler gemeinsam lernen bzw. wie die Schultypen auszudifferenzieren sind.

Dass diese Debatte in den letzten Jahren spürbar an Dynamik gewonnen hat, hängt nicht zuletzt mit den diskussionswürdigen Ergebnissen der Pisa-Studie aus dem Jahr 2000 zusammen. Denn der "Pisa-Schock", ob tatsächlich begründet oder nicht, hatte eine ähnlich stimulierende Wirkung wie die Mitte der 1960er Jahre vom Erziehungswissenschaftler Georg Picht vorgestellte These der nahenden "Bildungskatastrophe". Letztere beförderte gerade Anfang der 1970er Jahre Reformen in der Bildungspolitik wie die Einführung des BAföGs durch die SPD unter Willy Brandt oder die Etablierung von Gesamtschulen. Das "linke Lager" war in bildungspolitischen Fragen ohnehin über Jahrzehnte eine treibende Kraft und ist es in gewissem Maße auch heute noch.

F&L: Und die Rolle der CDU?

Volker Kronenberg: Die Union war dagegen lange Zeit auf den Status quo bedacht, was sich besonders am konsequenten Festhalten an der in der Bevölkerung recht unbeliebten Hauptschule zeigte. Durch den Schulfrieden in NRW von 2011 und die Initiative der Bundespartei ist jedoch auch die CDU in diesen Fragen - wie im Übrigen das gesamte "bürgerliche Lager" - merklich in Bewegung geraten. Folglich kann man heute konstatieren, dass die Unterschiede zwischen den politischen Lagern in der Bildungspolitik zwar immer weniger werden, ein wirklicher Grundkonsens jedoch noch fehlt. Dabei muss ebenso beachtet werden, dass die Grenzen zwischen Bildungs-, Familien- und Schulpolitik in der politischen Debatte um Chancengleichheit für Kinder durchaus fließend sind, wie sich nicht zuletzt mit Blick auf die Diskussion um die U3-Betreuung und das "Betreuungsgeld" zeigt.

F&L: Wird hier politisch eine gesellschaftliche Durchlässigkeit suggeriert, die in der Realität gar nicht einlösbar ist?

Volker Kronenberg: Klar ist, dass in den vergangenen Jahrzehnten doch ein größeres Maß an Durchlässigkeit verwirklicht wurde, dass also die Mobilität zwischen den verschiedenen Schulformen deutlich zunehmen konnte und der Zugang zum Gymnasium spürbar erleichtert wurde. Im Jahr 2010 haben - so das Statistische Bundesamt - bereits 49 Prozent, also fast die Hälfte eines Jahrgangs, die Hochschulreife erworben. Ein im Vergleich zu den 1950er und 1960er Jahren exorbitanter Anstieg. Richtig ist aber auch, wie beispielsweise eine Studie der Bertelsmann-Stiftung vom März dieses Jahres zeigt, dass die soziale Herkunft weiterhin eine entscheidende Rolle für den Bildungserfolg des Kindes spielt. So haben es Kinder von Akademikern weitaus einfacher, das Gymnasium zu besuchen und erfolgreich zu beenden als Kinder aus bildungsfernen Haushalten.

Darüber hinaus verlassen jährlich über 60.000 junge Menschen die Hauptschule ohne Abschluss, die infolgedessen nur schwer auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Auch wenn sich diese Zahlen in den letzten Jahren laut der OECD positiv entwickelt haben, steht die Politik hier massiv in der Verantwortung und Pflicht, dies noch weiter zu verbessern.

F&L: Welche Bedeutung haben Bildungsfragen für Bundes- und Landtagswahlen?

Volker Kronenberg: An dieser Stelle muss deutlich zwischen der Bundes- und der Landesebene unterschieden werden. Die Länder mussten seit der Gründung der Bundesrepublik in allen Bereichen der materiellen Politik einen immensen Kompetenzverlust zu Gunsten der Bundes verkraften, was die Staatsqualität der Länder stark unterhöhlt hat und manchen Politikwissenschaftler schon seit den 1990er Jahren mit Blick auf die Bundesrepublik von einem "verkappten Einheitsstaat" sprechen lässt.

F&L: Der Bereich der Bildungspolitik bildet dabei aber eine große Ausnahme?

Volker Kronenberg: Ja, sie ist eines der wenigen Felder geblieben, in dem sich die Länder ihre Gestaltungshoheit erhalten und - Stichworte: Hochschulrahmengesetz, Studiengebühren und Föderalismusreform - sogar ausweiten konnten. Dies hat dazu geführt, dass die Landesparteien gerade diese "Restkompetenz" zur eigenen Profilbildung und Abgrenzung bei Wahlen als mobilisierendes Thema genutzt haben und dass dieser Bereich in vielen, gerade westdeutschen Ländern außerordentlich stark ideologisiert ist bzw. - siehe NRW - war. Gesamtschule vs. Dreigliedrigkeit, Studiengebühren vs. gebührenfreies Studium oder längeres gemeinsame Lernen vs. Förderung begabter Schüler - die Konfliktlinien sind vielfältig. Im Bund konzentriert sich die Bildungspolitik dagegen eher auf Fragen universitärer Exzellenzförderung oder die berufliche Aus- und Weiterbildung. Letztere ist gerade wegen des Erfolgs des dualen Ausbildungssystems in Deutschland weit weniger Gegenstand der parteipolitischen Auseinandersetzung.

F&L: Wie hat sich die Bedeutung des Bildungsthemas in der Geschichte der Bundesrepublik gewandelt, z. B. seit "Bildung ist Bürgerrecht" (Dahrendorf, 1965)?

Volker Kronenberg: Die Ideologisierung des Themas, die noch in den 1970er Jahren bestimmend war, hat doch deutlich abgenommen. Die heftigen und teilweise hasserfüllten Debatten, die damals zum Beispiel um die Kooperative Gesamtschule geführt wurden, gehören glücklicherweise der Vergangenheit an, auch wenn in manchen Bundesländern deutliche Unterschiede geblieben sind. Sowohl Bürger als auch Politik haben ihren Frieden damit gemacht, dass die Gesamtschule heute eine feste Option in der Bildungslandschaft ist. Weder will das "bürgerliche Lager" die bestehenden Gesamtschulen abschaffen, noch stellt das "linke Lager" - wie die Realpolitik SPD- und Grüngeführter Landesregierungen in Hamburg oder Baden-Württemberg veranschaulicht - grundsätzlich die Zukunft der Gymnasien in Frage. Mit Blick auf die Hauptschule hat die normative Kraft des Faktischen zudem dazu geführt, dass selbst die Union dieser Schulform kaum mehr eine Zukunft gibt. Die Bürger haben schlicht mit den Füßen abgestimmt. Die Bedeutung des Bildungsthemas besteht in Zukunft also weit weniger in der Frage, welche Schulformen es künftig noch geben wird - hier ist der Trend eindeutig. Entscheidende Fragen sind vielmehr im Bereich der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, der Inklusion oder - gerade mit Blick auf den demographischen Wandel - der regionalen Schulplanung zu sehen. Dass Bildung ein Bürgerecht ist, steht dabei für alle Akteure in der Bildungspolitik nicht zur Debatte.

F&L: Wie erleben Sie das Thema Bildung in der gegenwärtigen Politik?

Volker Kronenberg: Besorgniserregend erscheinen vor dem Hintergrund der skizzierten Herausforderung die vielen personellen Wechsel in den Kultusministerien der Länder in letzter Zeit. Gleich vier Minister sind seit März 2012 zurückgetreten, teils aufgrund von Verwerfungen im Bereich der Inklusionspolitik, teils aber auch aufgrund von großen Konflikten mit den jeweiligen Finanzministern. Letzter Punkt zeigt nur allzu deutlich auf, wie schwierig es ist, eine gute und erfolgreiche Schul- und Bildungspolitik, mithin nötige Investitionen in diese, mit den ebenfalls notwendigen finanziellen Konsolidierungsmaßnahmen in den Ländern unter einen Hut zu bringen.

F&L: Welches wären die wichtigsten Aufgaben für die Politik?

Volker Kronenberg: Genau hier einen Ausgleich zu finden, scheint mir momentan eine der wichtigsten Aufgaben zu sein. Zudem muss in naher Zukunft die rechtliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass sich der Bund stärker in die schulpolitischen Belange der Länder einbringen kann. Nicht im Sinne einer gänzlich zentralisierten Bildungspolitik, jedoch mit Blick auf die Möglichkeiten finanzieller Fördermaßnahmen und die Einführung von gewissen vergleichbaren Mindeststandards, die die bildungspolitische Mobilität von Schülern auch zwischen den einzelnen Bundesländern erleichtern.


Über den Autor
Professor Dr. Volker Kronenberg ist Akademischer Direktor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Demokratie-, Parteien- und politische Kulturforschung.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2013

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