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Dauerbaustelle Universität

Von Hans-Hellmut Nagel

Reformen gehören seit Jahrhunderten zur Realität der Universitäten. In den vergangenen Jahrzehnten allerdings gerieten die Universitäten in einen Reformmarathon, der kaum mehr Zeit zum Luftholen ließ. Brauchen die Universitäten wirklich die Dauerreform? Oder gibt es Alternativen?

Dauerbaustelle Universität© suze - Photocase.comAn der Struktur von deutschen Universitäten wird seit Jahrhunderten "gebaut"
Mitte der sechziger Jahre begann bereits eine öffentliche Erörterung des Zustandes sowie der Entwicklungsmöglichkeiten unseres Hochschulwesens. Warum ist es in Deutschland immer noch nicht gelungen, den 'Problemherd Universität' ruhigzustellen? In den zurückliegenden Jahrzehnten geriet die Universität zunehmend in die Kreuzsee gleich dreier mächtiger Wellenzüge:
  • Die Ausdehnung der tertiären Ausbildung auf mehr als ein Drittel eines jeden Jahrganges, wobei ein Großteil dieser Erweiterungslast der Universität aufgebürdet wurde.
  • Die Konsequenzen der berechtigten Erwartung, dass zukünftig bereits die mittlere Führungsebene europaweit zu denken und zu handeln habe, von der oberen Führungsebene ganz zu schweigen.
  • Die Globalisierungswelle erfasste auch die Universitäten, und zwar gleich mehrfach. Als Folge der wirtschaftlichen und politischen US-Dominanz wurde das amerikanische Englisch weitgehend zur lingua franca der Wissenschaft, insbesondere in den naturwissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Dies hindert die deutschsprachigen Nachwuchswissenschaftler an unseren Universitäten zunehmend daran, ihre Veröffentlichungen in ihrer Muttersprache zu verfassen - ein Nachteil, der sich selbst bei erfahrenen Wissenschaftlern auch nach Jahrzehnten dauernder Publikationspraxis immer wieder bemerkbar macht. Zusätzlich wuchs die Zahl der an deutschen wie an westeuropäischen und US-amerikanischen Universitäten arbeitenden Wissenschaftler, die mit ihren Publikationen nach Erörterung und Anerkennung streben. Darüber hinaus erweiterte sich der Kreis der zu berücksichtigenden Arbeiten noch einmal beträchtlich, weil auch Nachwuchswissenschaftler aus China und Indien begonnen haben, von ihren Heimatuniversitäten aus auf Englisch zu publizieren.

Die Bewältigung dieser miteinander wechselwirkenden Herausforderungen für unser Universitätssystem wird dadurch erschwert, dass die zuerst genannte Entwicklung einen ursprünglich wohl unerwarteten Nebeneffekt hervorrief, auf den im folgenden Abschnitt eingegangen werden soll.

Nischen-Propheten und Nischen-Krieger

Die Forderung, mindestens einem Drittel eines Jahrganges Zugang zu einer tertiären Ausbildung zu ermöglichen, ist vor allem auf zwei säkulare Entwicklungen zurückzuführen. Die Automatisierung erlaubt Effizienzsteigerungen bei Arbeitskräften, die ein deutlich höheres Entlohnungsniveau zulassen als für prinzipiell ungelernte Arbeitskräfte. Der dadurch ermöglichte Anstieg des allgemeinen Lebensstandards erhöht den Druck, jungen Menschen eine Ausbildung zu vermitteln, die ihren Einsatz in modern geführten Betrieben erlaubt. "Restarbeit" wird wegrationalisiert. Hinzu kommt der Effekt der durch technische Fortschritte sehr leistungsstark gewordenen Logistik, die die Kosten für den Versand von Zwischen- und Fertigprodukten weltweit signifikant abgesenkt hat. Damit entsteht ein zusätzlicher Anreiz, einfache Arbeiten in Länder mit billigen Arbeitskräften zu verlagern. Es bleibt uns folglich gar nichts Anderes übrig als unsere Kinder besser auszubilden, wenn deren Lebensstandard nicht unter ein für noch tolerabel gehaltenes Niveau sinken soll.

Diese unausweichlichen quantitativen Änderungen der Umstände erzwingen qualitative Änderungen der Struktur unseres tertiären (Aus-)Bildungssystems. Die folgenden Überlegungen beruhen auf einer quantitativen Abschätzung, die von wenigen vereinfachenden Annahmen ausgeht, nämlich dass die Bevölkerung der Bundesrepublik im Mittel achtzig Jahre alt wird und aus einer "Standard"-Familie bestehend aus dem Elternpaar sowie zwei Kindern aufgebaut ist. Obwohl diese Vereinfachungen auf den ersten Blick so drastisch und realitätsfern erscheinen mögen, dass der Leser versucht sein könnte, die weitere Lektüre hier bereits als irrelevant abzubrechen, werden die Ergebnisse der folgenden Überlegungen sich als weitgehend unabhängig von den angenommenen Details herausstellen.


Aus der ersten Annahme folgt im ebenfalls unterstellten Gleichgewichtszustand, dass pro Jahr jeweils ein achtzigstel der Bevölkerung geboren wird und stirbt, d.h. ein Jahrgang umfasst (1/80)x100=1,25 Prozent der Bevölkerung. Die zweite Annahme erlaubt es, von einem Wahlberechtigten für jedes Kind eines Jahrganges auszugehen. Wird für 40 Prozent eines Jahrganges eine tertiäre Ausbildung ins Auge gefasst, beginnt spätestens bei 40 Prozent der Kinder im neunten Lebensjahr der zugeordnete Wahlberechtigte sich Gedanken über den passenden Weg dorthin zu machen, d.h. 1,25x0,4=0,5 Prozent der Wahlberechtigten beginnen neu, sich mit den Randbedingungen einer tertiären Ausbildung gedanklich auseinanderzusetzen. Dies möge anhalten, bis das betreffene Kind etwa 23 Jahre alt ist und dem ersten Abschluss seiner tertiären Ausbildung entgegensieht. Damit beschäftigen sich 0,5x15=7,5 Prozent der Wahlberechtigten mit den Bedingungen für eine tertiäre Ausbildung. Hinzu kommen diejenigen Kinder, die das achtzehnte Lebensjahr vollendet und dadurch selber die Wahlberechtigung erworben haben.

Dies sind weitere 0,5x(23-18)=2,5 Prozent der Wahlberechtigten. In der Summe sind demnach in jedem Jahr 7,5+2,5=10 Prozent der Wahlberechtigten existentiell an den Bedingungen für eine tertiäre Ausbildung interessiert. Um den vereinfachenden Annahmen Rechnung zu tragen, werde im Folgenden von ca. 7-13 Prozent der Wahlberechtigten ausgegangen, die sich in jedem Jahr mit der Entwicklung auf dem Sektor der tertiären Ausbildung intensiver befassen. Dieser Prozentsatz mag auf den ersten Blick niedrig erscheinen. Man sollte aber bedenken, dass es sich dabei um ein Wählerpotential handelt, das im Hinblick auf seine Größe vergleichbar ist demjenigen einer der drei kleineren Parteien, die sich mit einer für sie charakteristischen dominierenden Grundaussage um Sitze in unseren Parlamenten bemühen (Liberale, Umweltorientierte und Sozialisten).

Das Potential der an einer tertiären Ausbildung existentiell Interessierten muss folglich ernst genommen werden. Es ist zwar zu gering, um die Spitzenpolitiker der Großparteien hauptberuflich zu binden wie bei der Sozial-, der Gesundheits- und der Renten-Politik. Aber es bildet ein Biotop für zwei neue, symbiotisch existierende Spezies. Der Nischen-Prophet verkündet die aus einer Selbsterleuchtung gewonnene Einsicht über das, was in der thematischen Nische als Wahrheit zu gelten hat. Der Nischen-Krieger sorgt anschließend im Grabenkampf der Tagespolitik dafür, dass diese Wahrheit als Sollvorgabe für alle Bürger in Gesetze gegossen wird. Infolge dieses unerwarteten Nebeneffektes der Ausdehnung der tertiären Ausbildung auf ca. 40 Prozent eines Jahrganges schlägt die Tagespolitik voll auf unser universitäres System durch, und zwar mit einer Zeitskala von ein bis drei Jahren: zusätzlich zur Wahlperiode von Landesparlamenten beeinflusst auch die Wahlperiode des Bundestages durch die finanzielle Verkoppelung von Bundes- und Landespolitik die Randbedingungen des tertiären Ausbildungssystems. Das wäre nicht zwangsläufig problematisch, wenn die Konsequenzen einer legislativen oder haushaltsrechtlichen Maßnahme innerhalb von Wochen oder zumindest Monaten für die betroffenen Wahlberechtigten erkennbar würden. So rasch, wie Politiker Bedingungen ändern, kann aber das Universitätssystem gar nicht reagieren.

Zur inhärenten Zeitskala

Das universitäre System lässt sich strukturell bedingt wesentlich langsamer verändern als die bisherige politische Praxis stillschweigend voraussetzte. Um demnach politisch gewollte Änderungen kompatibel werden zu lassen mit den Anpassungsfähigkeiten des universitären Systems, sollte die dafür relevante Zeitskala bekannt sein. Die folgenden Überlegungen dienen dazu, diese Zeitskala quantitativ einzugrenzen. Das universitäre System zur Gewinnung und Vermittlung rational verteidigbarer Einsichten ("Wissen") kann sich mit einer Geschwindigkeit an neue Erkenntnise und Randbedingungen anpassen, die durch seine Arbeitsweise bedingt ist. Im deutschsprachigen universitären Raum lässt sich diese Zeitskala durch den Zeitbedarf dreier Phasen bei der (Re-)Generation des für die Formulierung und Weitergabe des aktuellen Wissensstandes maßgebenden Lehrkörpers abschätzen. In einer ersten ca. fünfjährigen Phase bis zum Diplom (althochdeutsch für 'Bachelor plus Master') macht sich der angehende Hochschullehrer mit den Grundbegriffen und Methoden einer Disziplin vertraut. Daran schließt eine zweite - ebenfalls als rund fünfjährig angesetzte - Promotionsphase an, in der der angehende Hochschullehrer den Wissensstand der von ihm gewählten Disziplin punktuell erweitert durch seine Dissertation.


Auch wenn die Habilitation inzwischen zu einem politisch inkorrekten Begriff mutiert sein mag, bleibt die dieser Phase zu Grunde liegende Einsicht weiterhin relevant: im Anschluss an die Promotion sollte der angehende Hochschullehrer vier bis fünf Jahre Erfahrungen gesammelt haben, bevor man ihm die selbständige Konzeption und Durchführung einer Einführungsveranstaltung für Studienanfänger überträgt. Die Auswahl und Präsentation der grundlegenden Begriffe einer Disziplin sowie ihres wechselseitigen Zusammenhanges ist und bleibt eine Herausforderung. Die akademische Lehre umfasst ja nicht nur die reine Vermittlung von als statisch zu betrachtendem Wissen, sondern erfordert als Vorbereitung die Sammlung alles für eine Disziplin aktuell relevanten Wissens, dessen Sichtung und Ordnung, die Prüfung auf innere Konsistenz und Kompatibilität mit der aktuell verfügbaren Erfahrung sowie endlich die gerade für Anfänger verständliche und sie fesselnde Präsentation der getroffenen Auswahl. Durch diese pausenlose Zerlegung, Durchdringung, Überprüfung und Neukomposition des Wissens bewahrt eine Disziplin ihre Substanz und entwickelt sich gleichzeitig weiter. Die eigene Forschung befähigt einen Wissenschaftler dazu, publizierte Einsichten anderer Wissenschaftler angemessen zu berücksichtigen.

Diese Kärrnerarbeit zahlloser Wissenschaftler ist der Preis für den Verzicht auf die gläubige Übernahme als absolut gültig erklärter Wahrheiten. Die vorangehende Argumentation legt nahe, dass grundlegende Weiterentwicklungen eines universitären Systems Zeiträume von vier bis fünf normalen Legislaturperioden überspannen. Erst nach dem Ablauf einer solchen Zeitspanne beginnt deutlich zu werden, ob eine Änderung kompatibel mit der Struktur des universitären Systems ist und das erwartete Ergebnis zeitigt. Wird das universitäre System aus tagespolitischen Gründen zu sehr viel kurzfristiger umzusetzenden Änderungen gezwungen, gerät es ins Torkeln. Das ist aber genau der Zustand, in dem die Nischen- Propheten und Nischen-Krieger ihre Chance sehen, sich durch Anpreisung und Erzwingung von Hauruck-Lösungen zu profilieren - womit wir wieder bei der Ausgangsfrage angelangt sind.

Ein Therapie-Vorschlag

Die skizzierte Diagnose legt es nahe, dem universitären System Zeit zu gewähren, sich auf Änderungen so einzustellen, dass die Auswirkungen einer gewünschten oder verordneten Änderung angemessen beurteilt werden können. Das läuft auf eine Selbstbindung des Gesetzgebers hinaus: im Anschluss an eine wohlbedachte Modifikation der Randbedingungen, unter denen eine Universität arbeiten soll, wird ihr eine Ausreifungsgarantie von fünfzehn bis zwanzig Jahren gewährt, um auch die erst längerfristig erkennbar werdenden Auswirkungen beurteilen zu können. Dann können sich Studierende, Lehrende und Forschende darauf einstellen.

Es erscheint plausibel, dass eine solche Garantie eines Landes-Parlamentes verfassungsähnlichen Rang genießen muss. Wie anders lässt sich sonst verhindern, dass mit jedem Wechsel der Regierungskoalition prinzipiell die Randbedingungen neu bestimmt werden? Dem tagespolitischen Praktiker mag dieser Vorschlag unrealistisch bis absurd erscheinen. Ohne grundlegende Eingriffe in die bisherige Vorgehensweise werden wir aber aus dem aktuell beobachtbaren circulus vitiosus nicht herausfinden, da es sich dabei um eine Frage der Stabilität der Universitätsstruktur handelt. Dabei können mehrere Überlegungen einen Ausweg in der angedeuteten Richtung als durchaus begehbar erkennen lassen.

Zunächst einmal kann mit Experimentier- oder Einzelfall-Klauseln begonnen werden. Die Gründung des Karlsruher Instituts für Technologie als Verschmelzung einer seit bald zweihundert Jahren existierenden Technischen Landes-Universität mit einer seit ebenfalls über ein halbes Jahrhundert existierenden Großforschungseinrichtung des Bundes zeigt doch, dass in Deutschland die Bereitschaft zur Erprobung neuer Ideen vorhanden ist. Zu fragen bleibt, ob der lange Atem vorhanden ist, der bis zur Beurteilbarkeit dieses Experimentes unabdingbar erscheint. Vorteilhaft ist auch die föderale Struktur der Bundesrepublik, die es nicht als zwingend erscheinen lässt, alle Universitäten sofort über den gleichen Kamm zu scheren. Die Integration der neuen Bundesländer lässt doch deutlich werden, dass Ungleiches auch ungleich behandelt werden muss, wenn in einer sehr schwierigen Situation Abhilfe geschaffen werden soll.


Die in den letzten Jahren sich herauskristallisierenden Ansätze zur Erweiterung der Autonomie von Universitäten bietet zusätzliche Möglichkeiten zur gedanklichen Bewältigung des oben angedeuteten - radikal erscheinenden - Lösungsvorschlages. Dabei ist zu bedenken, dass die Freiheit der Lernenden, Lehrenden und Forschenden nicht wesentlich eingeschränkt wird: ihnen bleibt weiterhin unbenommen, von dem seit Jahrhunderten existierenden und wahrgenommenen Recht auf Wechsel an eine andere Universität Gebrauch zu machen. Eine kompetente Universitätsleitung wird die dadurch entstehenden Signale schon richtig zu deuten wissen: Generationen von Führungskräften in Wirtschaft, Lehre und Forschung soll eine Universität hervorbringen, nur ihre eigenen Geschäfte soll sie nicht angemessen bewältigen können?

Abschluss-Überlegung

Die hier vorgetragenen Überlegungen haben bewusst auf eine lupenreine Unterscheidung zwischen Bildung und Ausbildung verzichtet, und - damit zusammenhängend - zwischen tertiärer Ausbildung und Studium an einer Universität. Bildung wächst nur in Freiheit und Muße. Die anhaltende Achterbahnfahrt universitärer Reformen unterdrückt entsprechende Freiräume für Lehrende und Lernende, zumindest engt sie sie in unzumutbarer Weise ein. Gemäß der Maxime "First things first" muss nunmehr zunächst unser universitäres System erkennbar und nachhaltig stabilisiert werden. Erst dann wird man beginnen können, mit Aussicht auf Erfolg das Äquivalent zur früheren Bildung neu unter der Bedingung zu denken, dass vierzig Prozent eines Jahrganges zumindest eine Chance erhalten, den persönlichkeitsbildenden Reiz dieser Herausforderung kennenzulernen.

Nahezu ununterbrochen verweisen Politiker und Journalisten die deutschen Universitäten auf die Universitäten Oxford und Cambridge in England sowie insbesondere auf die sogenannten "Ivy League" Universitäten in den USA als Vorbilder. Wer erwähnt dabei das Maß an Autonomie, das diese Institutionen wahrnehmen können - nicht zuletzt auf Grund ihrer teilweise in Jahrhunderten gewachsenen privaten Vermögen? Ist es ein Zufall, dass die Paradebeispiele für "Leuchtturm-Universitäten" in Ländern liegen, deren Gesellschaften seit nunmehr rund zwei Jahrhunderten nicht mehr durch Naturkatastrophen, Revolutionen oder Besetzungen grundlegend, z.T. sogar mehrfach, durcheinandergeschüttelt worden sind?

Gilt für Spitzen-Universitäten nicht auch eine Einsicht, die Afrikaner so formulieren: das Gras wächst nicht schneller, wenn man dauernd daran zieht? Deutschlands Universitäten benötigen nicht noch eine Reform, sondern Freiheit, Augenmaß und Geduld.


Über den Autor
Professor Hans-Hellmut Nagel lehrte ab 1971 Informatik an den Universitäten Hamburg und Karlsruhe. Er widmet sich der Bildfolgenauswertung, insbes. der algorithmischen Erzeugung natrülich-sprachlicher Beschreibungen von (Verkehrs-)Videos.


Aus Forschung und Lehre :: Mai 2010

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