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"Den Zufall provozieren" - Social Chemistry

VON CLAUDIA SCHIERLOH

"Wenn Wissen aus allen Ecken kommt, entwickelt sich etwas." Diese Erfahrung vermitteln alle drei Preisträger des Social-Media-Wettbewerbs der Vereinigung für Chemie und Wirtschaft. Was Social Chemistry bedeutet, berichten die Chemikerin, der angehende Wirtschaftsingenieur und die Informatikerin den Nachrichten aus der Chemie.

"Den Zufall provozieren"© photoraidz - Fotolia.comWelchen Nutzen haben soziale Medien für die Chemieindustrie?
Nachrichten aus der Chemie: Was bedeutet für Sie Social Chemistry?

Jutta Velhagen: Social Chemistry ist alles, was in der Chemie mit sozialen Aspekten zu tun hat, sei es im Vertrieb oder Marketing, im Service, in der Personalabteilung oder in der Forschung. Wo immer die Zusammenarbeit in Teams oder die Kommunikation nach außen wichtig ist, ist Social Chemistry gefragt.

Julian Valkieser: Auch wenn ich damit ein Fass aufmache - ich behaupte, dass die Chemiebranche recht konservativ ist, und da ist bei Social Media noch viel zu tun.

Nachrichten: Was wäre das zum Beispiel?

Valkieser: Um Social Chemistry zu erreichen, muss es mehr Kommunikation geben, mehr Korrespondenz. Und das geht einfach übers Internet. Unter dem Schlagwort Social Media verstehe ich: stark sein in Sachen Kommunikation.

Katrin Schuhen: Genau das macht unser Crosslinkedlab aus: Wir wollen die traditionellen Strukturen mit Innovation und Interaktion verknüpfen.

Nachrichten: Wie nutzen Chemiker Social Media?

Valkieser: Ich würde Chemiker als verschlossen bezeichnen, Maschinenbauer sind übrigens genauso: sehr überlegend, was sie preisgeben und was nicht. Deshalb ist Transparenz bei den Social-Media-Angeboten wichtig. Man kann in der Chemie nicht einfach eine Plattform eröffnen, ohne sich mit der Frage "Wem gebe ich Informationen preis" zu beschäftigen. Der Nutzer muss genau wissen, welche Gruppen sein Posting bekommen. Das ist total wichtig.

Velhagen: Ich empfinde die Chemie auch als sehr konservativ. Ich sehe ja, wie aktiv die Chemie in sozialen Kanälen wie Linked In oder Xing ist: kaum. Man trifft da meist die IT-ler, weniger die für das Geschäft Verantwortlichen. Das soziale Netzwerk kann viel intensiver genutzt werden: gewinnbringend für Kunden, Partner und die eigenen Mitarbeiter.

Schuhen: Chemiker müssen angeleitet werden, um Social Media zu nutzen. Wenn sie die Sicherheitsrisiken und -optionen kennen, wenn sie wissen, welchen IP-Standard die Plattform hat, wie derSchutz von Intellectual Property im Netzwerk verankert ist, dann sind Chemiker dabei.

Nachrichten: Sind Chemiker denn anders als andere Berufsgruppen?

Schuhen: Sie benötigen eine andere, speziellere Form der Social-Media-Verankerung im Berufsleben. Das Crosslinkedlab ist ein erster Schritt, um Chemiker bereits früh in Schule, Studium und Ausbildung zu schulen, sie zu vernetzen und Ideen zu bündeln. Chemiker sind ja durchaus schon in Facebook, Xing und LinkedIn - nur, sie fischen dort noch ein bisschen im Trüben.

Nachrichten: Ist es also Zufall, wenn ein Chemiker mal einen Fang macht? Warten Sie auf Zufälle?

Schuhen: Nein, ich warte nicht. Wir sind Macher in unserer Arbeitsgruppe. Wir haben fixe Ideen im Kopf und setzen sie um. Wir betreiben nicht nur wilde Gedankenspiele, wir sind wirklich die Macher, die versuchen, das Ganze in die Tat umzusetzen.

Velhagen: Da schließe ich mich an. Wir sind auch Macher. Das müssen wir aber auch sein, weil wir ja innovative Plattformen zur Verfügung stellen, die den Stand der Technik widerspiegeln, bei Social- wie bei Mobile-Aspekten.

Nachrichten: Warten Sie auf Zufälle, Herr Valkieser?

Valkieser: Ja, aber aktiv. Sonst hätte ich nicht beim Wettbewerb mitgemacht. Ich glaube, was auch gerade für Social Chemistry wichtig ist: Zufälle sind auch Futter für Innovationen. Wenn der Controller mit dem Chemiker zusammenkommt, dann kann da ein interessantes Gespräch entstehen. Einen solchen Zufall kann man mit Social Media provozieren.

Velhagen: Wenn man hinter die Kulissen guckt, nutzen Unternehmen Social Media intern schon unheimlich viel. Wir erleben - hoffentlich, dass die Chemie dies zeitnah aufgreift, denn durch diese enge Zusammenarbeit findet Wissenstransfer statt. Dann ist es eben kein Zufall, dann kommt Wissen aus allen Ecken, und es entwickelt sich etwas Neues.

Soziale Medien in der Chemieindustrie - die Gewinner

Noch nicht viele Chemieunternehmen nutzen soziale Medien wie Xing und Twitter. So organisierte die GDCh-Sektion Vereinigung für Chemie und Wirtschaft einen Ideenwettbewerb dazu und präsentierte die drei besten Vorschläge auf ihrer Jahreskonferenz. Den ersten Preis erhielt die Diplominformatikerin Jutta Velhagen für das Unternehmen Salesforce, in dem sie für die Chemiebranche zuständig ist. Auf den Wettbewerb aufmerksam geworden war sie durch ihren Kunden Bayer. Sie beteiligte sich, weil "Salesforce das Thema Social in der DNA hat. Alles, was wir machen an Software, an Lösungen ist im Zusammenhang mit Social-Aspekten zu sehen." Ihr Konzept "Social Customer Channels / Communities im Service = LIKE" zeige, wie Chemieunternehmen soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter in den Kundenservice einbinden und damit optimieren können. Über Social Channels lässt sich beispielsweise der telefonische Kundenservice reduzieren; Social Customer Communities stärken die Zusammenarbeit zwischen Kunde, Service- und Vertriebspartner.

Den zweiten Platz belegte der angehende Wirtschaftsingenieur Julian Valkieser, Betreiber des Blogs startupscout.tv. Er erfuhr während seines Praktikums bei Evonik von dem Wettbewerb und sieht sich als "Kommunikations- und Marketingmensch". Dabei ist Social Media ein Standardwerkzeug für ihn. Sein Ansatz "Chemistry Connect - Jedes Projekt ist wertvoll" vernetzt Wissensträger und Investoren. Dritte wurde Katrin Schuhen, Juniorprofessorin für organische und ökologische Chemie an der Universität Koblenz-Landau. Ihr Projekt "Das Social Media Lab (Elab/Crosslinkedlab)" vernetzt Lehre mit Forschung und verbindet Studenten sowie Dozenten mit Bausteinen wie der Datenbank MTED, dem Social Media Classroom, einem Online-Lexikon und einem elektronischen Laborjournal. Schuhen beteiligte sich am Wettbewerb aus "reinem Interesse an Social Media." Sie sagt: "Unser Arbeitskreis beschäftigt sich schon seit einiger Zeit damit. Als die Information über den Wettbewerb von der GDCh kam, wusste ich: Jetzt ist es Zeit, dass wir unsere Arbeit nach außen projizieren."


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Januar 2014

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