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Den TÜV fürs Netz, bitte

VON THOMAS FISCHERMANN UND GÖTZ HAMANN

Eine neue Expertenkaste soll Google und andere kontrollieren: Ein Treffen mit Computerforscher Viktor Mayer-Schönberger.

Den TÜV fürs Netz, bitte© Manni - photocase.comWie viel Potenzial in den nicht ausgewerteten Datenbergen vieler Unternehmen steckt, erklärt das Buch »Big Data«
Selten beginnt die Erfolgsgeschichte eines Buches aus dem Westen in China, wie in diesem Fall. Viktor Mayer-Schönberger, Professor am Internet Institute im britischen Oxford, erzählt bei einem Stopp in Hamburg, wie es dazu kam. Und wie er versucht, seine Ideen nun in der ganzen Welt zu verbreiten.

Sein Buch big data war noch gar nicht gedruckt, da riefen hochrangige chinesische Beamte beim Verlag an, sie hätten gerne ein Vorabexemplar. Denn der Telekommunikationsminister in Peking habe das Buch bereits gelesen und sei begeistert. In big data beschreiben Viktor Mayer-Schönberger und sein Co-Autor, der Journalist Kenneth Cukier vom Economist, die ökonomischen und gesellschaftlichen Chancen, die in digitalen Datenbergen verborgen liegen; in Datenbergen, die in Unternehmen und Verwaltungen jede Sekunde wachsen, die aber bisher nur zu einem Bruchteil ausgewertet werden. »Big Data« gilt Experten als Quell neuen ökonomischen und gesellschaftlichen Wohlstands und als aktuell größter Trend in der Informationstechnologie. Große Unternehmen wie die Allianz-Versicherung und der Versandhändler Otto versuchen längst, diesen Datenschatz zu heben.

Bald nach den chinesischen Spitzenbeamten meldeten sich führende Manager der Volksrepublik, und so waren mehrere Hundert Exemplare im Umlauf, bevor Mayer-Schönberger das Buch im vergangenen Dezember überhaupt in Peking vorstellte. big data war in den folgenden Wochen das meistverkaufte Wirtschaftsbuch in China.

Der Wissenschaftler zählt auf, in welche Länder er seine Ideen als Nächstes tragen kann - und welche sich noch verschließen. Big Data wird vom 1. März an auf Englisch, Portugiesisch, Französisch, Koreanisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Japanisch, Taiwanesisch und Türkisch veröffentlicht. Auf Deutsch erscheint es nicht. Denn obwohl es nur wenige deutschsprachige Wissenschaftler gibt, die sich in der internationalen Debatte über die Zukunft von Internet und Informationstechnologie einen Namen gemacht haben wie Mayer-Schönberger, hat sich hierzulande kein großer Verlag gefunden, der sein Buch herausbringen will. Häuser aus Berlin, Hamburg und München hätten gesagt, die hiesige Öffentlichkeit lese zu wenig Bücher über Internet und Technologie, erzählt der Autor.

Das allein mag die deutsche Debatte über Computer und die technische Entwicklung noch nicht charakterisieren. Aber es sind bisher auch keine Anfragen aus dem Berliner Regierungsviertel eingegangen - weder von Regierungsbeamten noch von Spitzenpolitikern. Deutschland bleibt also vorläufig ein Reiseziel, das Mayer-Schönberger keine Pflicht auferlegt. Er denkt darüber ganz höflich nach, er wird nicht scharf, nicht laut. Aber als Wissenschaftler, der schon an vielen Orten gelebt hat, versteht er die Ignoranz der Deutschen nicht. Er stammt aus dem österreichischen Zell am See, promovierte im britischen Cambridge, habilitierte sich in Graz, war Professor an der amerikanischen Harvard Kennedy School, bis er sich schließlich in Oxford am Internet Institute niederließ.

Was in seinem Buch steht? Mayer-Schönberger beginnt, eine Geschichte zu erzählen, aber keine, in der es vordergründig um riesige Rechenzentren und unverständliche Software geht, sondern um den Paketdienst UPS. Dessen Fahrer biegen in den USA, sooft es geht, rechts ab, auch wenn sie links abbiegen müssten, um ihr Ziel zu erreichen. Sie folgen damit einer Anweisung ihrer Geschäftsleitung, und auch wenn diese Anweisung unsinnig erscheint, ist sie doch ökonomisch rational. Der Paketdienst spart damit jedes Jahr zehn Millionen Dollar. UPS hat diesen Zusammenhang mithilfe einer sogenannten Big-Data-Analyse entdeckt. Dabei führt eine spezielle Software mehrere Datensätze zusammen, in diesem Fall: Unfallstatistiken, Statistiken über den Benzinverbrauch und die Aufzeichnungen über Millionen Touren der UPS-Fahrer. So stellte sich heraus, dass die UPS-Transporter deutlich seltener in Unfälle verwickelt sind, wenn sie nicht links abbiegen und somit den Gegenverkehr kreuzen, sondern stattdessen dreimal rechts abbiegen und dann geradeaus die Straße überqueren, von der sie ansonsten links abgebogen wären.

Mayer-Schönberger und Cukier haben viele Dutzend Fälle recherchiert, in denen der ökonomische Nutzen von big data bereits sichtbar wird. Und sie belegen, dass eben nicht nur Google, Facebook und Amazon große Datenmengen beherrschen müssen und Geld damit verdienen können, sondern dass big data ein Thema in praktisch jeder Branche sein wird - und vielerorts bereits ist. Zum Wesen von big data gehört auch, dass digitale Daten keinen vorher festgelegten Nutzen haben, sondern dass die Kombination verschiedener Datensätze ganz neuen, unerwarteten Mehrwert schaffen kann.

UPS zum Beispiel zeichnet die Touren seiner Fahrer mithilfe eines Navigationssystems auf. Alle 60.000 Fahrzeuge sind mit dem gleichen System ausgestattet, es stammt von der Firma Inrix, die auch Verträge mit anderen großen Unternehmen hat. Privatleute können die Software ebenfalls nutzen. Es gibt sie sogar als kleines Programm fürs iPhone. Weil dadurch alle Nutzer des Navigationssystems automatisch ihren Standort und auch die Geschwindigkeit melden, mit der sie sich fortbewegen, kann Inrix sehr schnell und akkurat anzeigen, wo es einen Stau gibt.

DIE ZEIT: Liegt es nicht ziemlich nahe, dass Inrix aus den Nutzerdaten auch Staus ermittelt und anzeigt?

Viktor Mayer-Schönberger: Einige Dinge liegen näher, andere ferner. Nicht so erwartbar ist beispielsweise, dass sich aus den Daten von Fico, einer amerikanischen Gesellschaft, die die Kreditwürdigkeit von Schuldnern prüft, ableiten lässt, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein alter Patient zuverlässig seine Medikamente nimmt. Daraus kann man wiederum eine Prognose ableiten, wie schnell man diesen Patienten aus dem Krankenhaus entlassen kann. Gesamtgesellschaftlich führt das zu einer Senkung der Gesundheitskosten. big data erlaubt also in verschiedenen Fällen eine bessere gesellschaftliche Steuerung.

Daran schließt sich sofort eine Debatte an, welche Korrelationen man nutzen darf und welche nicht. Patienten danach zu beurteilen, ob sie stets ihre Schulden bezahlt haben, würde in Deutschland sicher kontrovers diskutiert. Prognosen über eine Genesung alter Menschen in ihrem Zuhause abzugeben und zu verwenden, die mit Daten der Schufa erstellt werden, scheint kaum vorstellbar. Und auch Mayer-Schönberger verschweigt nicht, welche politischen Herausforderungen entstehen. Im Gegenteil. Auch deshalb lobt der renommierte Experte für Informationsrecht an der Universität Harvard, Lawrence Lessig, das Buch. Nicht weniger positiv haben es die Internet-Vordenker Clay Shirky und Cory Doctorow rezensiert. Alle drei sind dafür bekannt, dass sie entschieden für Freiheit und Bürgerrechte eintreten.

ZEIT: Wie kann eine Gesellschaft solche Prognosen, wie Sie sie beschreiben, nutzen, ohne den Einzelnen in seiner Freiheit, auch in seinem Recht auf Irrationalität einzuschränken? Und wieso sollte es gut sein, die Zukunft eines Menschen unumstößlich aus der Vergangenheit abzuleiten?

Mayer-Schönberger: Vor allem muss geregelt sein, wie ein Betroffener eine von einem Computer errechnete Vorhersage entkräften kann. Das Extrembeispiel ist der Film Minority Report, in dem die Polizei laufend Prognosen darüber erstellt, wer möglicherweise ein Verbrechen begehen will, und diese potenziellen Kriminellen ins Gefängnis wirft. Das Gegenteil kann der Beschuldigte gar nicht beweisen. Dieses Beispiel klingt absurd, aber vergleichbare Situationen gibt es längst. Nehmen Sie eine Prognose, ob Sie einen Kredit zurückzahlen werden oder nicht. Wenn Sie ihn aufgrund dieser Prognose nicht bekommen, werden Sie das Gegenteil nie beweisen können. Hier müssen wir dafür sorgen, dass die Vorhersage transparent und widerlegbar ist, dass sie die Menschen nicht erdrückt. Das ist die große Herausforderung. Im Buch nennen wir es die Dark Side of Data.

ZEIT: Wie kann man dieser dunklen Seite begegnen?

Mayer-Schönberger: Die Gesellschaft muss politisch sicherstellen und in Gesetzen festlegen: In der Verwaltungs- und Strafgerichtsbarkeit dürfen solche Prognosen nicht verwendet werden, um über Schuld oder Unschuld zu entscheiden. Für andere wichtige Entscheidungen, also ob ein Kredit gewährt wird oder eine Operation stattfindet, muss der Algorithmus, der Risikovorhersagen berechnet, von einem Experten einsehbar sein. Die Faktoren, die in die Berechnung der Prognose einfließen, müssen transparent sein, und es muss Regeln geben, wie der Betroffene das Ergebnis widerlegen kann.

ZEIT: Woher sollen die von Ihnen geforderten Experten kommen?

Mayer-Schönberger: Wir glauben, dass sich eine eigene Kaste von Experten entwickeln wird, die Algorithmiker.

ZEIT: Wie Wirtschaftsprüfer für die Bilanz?

Mayer-Schönberger: Genau, sie müssen das Wissen über das Design von Algorithmen haben und sich dann einen spezifischen Algorithmus ansehen.

ZEIT: Sie fordern also eine Art Algorithmus-TÜV.

Mayer-Schönberger: Genau.

Sucht man nach einer Analogie, dann bietet sich das Umweltrecht an. Es gibt heute Umweltingenieure und viele andere Spezialisten, die dafür sorgen, dass Gesetze und DIN-Normen zu Umweltfragen eingehalten werden. Im Verlauf der Zeit ist so eine ganze Expertenkaste entstanden, die man sich in den Anfängen der modernen Umweltgesetzgebung, also vor etwa 40 Jahren, kaum hat vorstellen können. An diesem Freitag beginnt die Debatte um das Buch von Mayer-Schönberger und Cukier in den USA auch für eine breitere Öffentlichkeit. Das öffentlich-rechtliche Radio NPR wird es in seiner Morgenshow diskutieren, und die amerikanischen Kirkus Reviews, ein Fachblatt der Buchbranche, an dem sich viele Händler orientieren, empfahlen big data - A Revolution That Will Transform How We Live, Work, and Think. So setzt sich die Wirkungsgeschichte eines Buches, die in China begann, nun fort. In Deutschland ist big data demnächst auf Englisch lieferbar.

Aus DIE ZEIT :: 21.02.2013

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