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Den Tumor im Visier - Radiologen gegen Krebs


VON JAN SCHWEITZER

Mit neuen Methoden wollen Radiologen Krebs bekämpfen. In Mannheim werden diese erprobt.

Den Tumor im Visier© RapidEye - iStockphoto.comRadiologen bekämpfen Tumore mithilfe der Technik neuer Computertomografen
Bis vor ein paar Tagen war das Versprechen auf eine bessere Zukunft noch eine Baustelle. In einem alten Nebengebäude der Universitätsmedizin Mannheim bohrten Handwerker in Blaumännern, Ärzte in weißen Kitteln übten für den Ernstfall. Es sollte alles gut vorbereitet sein für den großen Tag, an dem ein ganz besonderes Hightechgerät vorgestellt würde; ein Apparat, in den viele Menschen viel Hoffnung setzen.

Seit diesem Donnerstag ist die Baustelle Vergangenheit, und die Öffentlichkeit darf Somatom Force bestaunen, einen neuen Computertomografen (CT). Aufsehen erregt das Gerät nicht gerade: Beiges Metall schwingt sich zu einem etwa mannshohen Bogen; eine Liege ist davor angebracht, die man in den Bogen hineinschieben kann; oben prangt der Schriftzug »Siemens« - wie ein Scanner eben aussieht.

Doch Stefan Schönberg, der Direktor des Instituts für Klinische Radiologie und Nuklearmedizin, ist so voll ansteckender Begeisterung für den CT, seinen CT, dass man sich am liebsten mal eben auf die Liege legen und scannen lassen möchte - wenn das nicht mit potenziell schädlicher Strahlung verbunden wäre. Scannen, das ist das Fachwort für untersuchen, oder besser: durchleuchten. Denn CT arbeiten mit Röntgenstrahlen, die den Körper durchdringen, Abbilder seines Inneren werden dann auf Bildschirme projiziert. Die Fotos aus dem Innersten des Körpers ermöglichen es zum Beispiel, Krebs aufzuspüren. »In einer Gesamtbevölkerung mit einer sehr komplexen Alters- und Krankheitsstruktur ist dieser neue CT-Scanner der Problemlöser für jede radiologische Fragestellung bei praktisch allen Patienten.« Das ist so ein Satz von Schönberg. Man möchte ihn gerne glauben.

Und es spricht auch einiges dafür, dass man es kann. Doch wichtiger ist etwas anderes: Vielleicht taugt die spezielle Konstellation aus akademischen Forschern und großem Hersteller als Vorbild, zumindest als Hoffnungsschimmer für die Zukunft einer Zunft, die es momentan manchmal schwer hat. Die Technik des neuen CT erlaubt schon jetzt einen Blick darauf, wie die Zukunft aussehen könnte. Das Gerät sei schneller als seine älteren Konkurrenten, es komme mit deutlich geringerer Strahlendosis aus und mit weniger Kontrastmittel für die Patienten, sagen der Hersteller Siemens und die Radiologen in Mannheim.

Diese einzigartige Kombination erlaube Untersuchungen und auch Therapien, die bislang so nicht möglich gewesen seien, und schone gleichzeitig die Patienten. Um die Euphorie ein wenig zu bremsen: Bis jetzt haben die Radiologen in Mannheim erst etwa 80 Patienten mit dem Gerät durchleuchtet. »Im Moment haben wir bei unseren Untersuchungen nur Erfahrungswerte, die sich bislang aber in Operationen immer als zutreffend erwiesen haben. Doch natürlich müssen wir das noch in Studien belegen«, sagt auch Thomas Henzler, Oberarzt an der Klinik, der das CT mit entwickelt hat.

Besonders stolz sind die Mannheimer Ärzte auf die Möglichkeit, Krebsherde zu entdecken. In der Leber etwa sei das in dieser Form vorher nicht möglich gewesen, sagt Henzler, man habe mit dem neuen Gerät die Möglichkeit, Metastasen besser zu identifizieren. Den Tumor zu entdecken ist nur der erste Schritt. Schon lange wollen Radiologen Krankheiten wie Krebs nicht nur diagnostizieren, sondern auch therapieren. Am besten ganz gezielt. Die Mannheimer benutzen dafür verschiedene Verfahren, etwa die sogenannte Thermoablation. Die ist nichts anderes als eine Art Verbrutzeln mittels einer Sonde, die die Ärzte unter Sichtkontrolle im CT direkt in einer Metastase platzieren und dann erhitzen. Die Methode funktioniert so gut, dass nur der bösartige Tumor zerstört wird und nicht das gesunde Gewebe, das direkt daneben liegt. Die grundlegende Technik hinter dieser sogenannten interventionellen Radiologie in der Tumortherapie ist nicht neu. Schon seit Jahren kämpfen Radiologen auf diese Weise gegen Krebs. Sie verbrutzeln, verkochen, zerschießen, verstrahlen Geschwulste, vergiften sie oder schneiden ihnen die Blutzufuhr ab, und das alles ganz gezielt an Ort und Stelle. Das können ursprüngliche Krebsherde (Primärtumoren) sein, die in der Lunge zu wachsen begannen oder in der Niere. Es können aber auch Metastasen von solchen Tumoren sein, etwa von einem Brustkrebs, die sich in der Leber ausgebreitet haben.

Die Nebenwirkungen und Komplikationsraten dieser Therapiemethode seien gering und die Fortschritte rasant, sagt Christiane Kuhl, Direktorin der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie an der Universitätsklinik Aachen. Das Verfahren ist eigentlich das, wovon momentan immer gern geredet wird: eine individuelle Therapie. »Interventionelle Radiologie ist stets das Gegenteil vom Gießkannenprinzip: Die Therapie erfolgt buchstäblich punktuell, genau in den Grenzen eines Tumors«, sagt Kuhl.

Doch eines haben die Radiologen bislang nicht geschafft: die nötige Aufmerksamkeit und Anerkennung für ihre Verfahren zu bekommen. Denn noch bestimmen vor allem die klassischen Onkologen, wie Krebspatienten behandelt werden: häufig durch Chemotherapien oder mit modernen und sehr teuren Antikörpern. Für Radiologen sei es oftmals schwer, eine führende Rolle in der Krebstherapie eines Patienten zu bekommen, »weil die Radiologie oft nur als ein ergänzender Fachbereich gesehen wird und nicht als ein zentraler, therapierender«, sagt Kuhl.

Woran aber liegt diese Geringschätzung, wenn tatsächlich stimmt, was die Radiologen behaupten: Die Methode der interventionellen Radiologie in der Krebsbehandlung sei schonend und wirksam zugleich? Ein Grund sei, sagt Kuhl, dass es methodisch schwer sei, die Erfolge in größeren Studien nach den Kriterien der sogenannten evidenzbasierten Medizin nachzuweisen. »Wir können für die meisten Eingriffe nur 'anekdotische' Fallberichte liefern oder eine Evidenz aus nicht randomisierten, prospektiven Studien, und die wird - zu Recht! - nicht anerkannt.«

Sie will damit sagen: Behandlungen von Einzelfällen, auch wenn sie noch so erfolgreich sind, haben keine so hohe Aussagekraft wie eine gute Studie, die sorgfältig geplant wurde.

Dass die Radiologen Ergebnisse liefern, die sich statistisch oft nur dürftig untermauern lassen, liegt auch an einem weiteren Problem: Sie haben es schwer, aufwendige Studien finanziert zu bekommen. »Die von uns angebotenen Therapien müssen von der pharmazeutischen Industrie nicht gesponsert werden. Die Pharmaunternehmen würden radiologische Behandlungen sogar als Konkurrenz zu ihren Produkten auffassen«, sagt Kuhl. Die Onkologie sei ein umkämpfter Markt, »der von den Pharmafirmen dominiert wird, die Chemotherapeutika herstellen«.

Wenn die Radiologin darüber spricht, merkt man ihre Enttäuschung: Da hat man etwas, was vielen Patienten wirklich helfen könnte, aber keiner glaubt einem so richtig, kann einem auch nicht glauben, weil gut belegte Beweise fehlen. Die Kooperation (an der auch noch das Bundesministerium für Bildung und Forschung beteiligt ist) zwischen den Mannheimer Medizinern um Stefan Schönberg und dem Hersteller Siemens zeigt, dass es auch anders gehen kann. Natürlich hat Siemens vor allem ein Interesse daran, neue Geräte zusammen mit kompetenten Partnern wie den Mannheimer Radiologen zu entwickeln, um diese dann verkaufen zu können. Aber das Engagement der Firma soll nicht mit der Vorstellung des neuen Geräts enden, sagt Matthias Krämer von Siemens: Man sei eine langjährige Verpflichtung eingegangen, und »die Erstellung klinischer Studien ist ein Bestandteil der Partnerschaft«.

Das klingt so, als könnten Radiologen hier endlich finanziell gut ausgestattet und vernünftig forschen. Und am Ende Ergebnisse vorweisen, die dann den leidenden Patienten Hoffnung machen. Auf längeres Leben, weniger Leiden.

Aus DIE ZEIT :: 14.11.2013

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