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Denkblockade Östrogen

VON INGE KUTTER

Multitasking gilt als typisch weibliche Fähigkeit. Zu Recht?

Denkblockade Östrogen© olly - Fotolia.comIn der Frage, ob Frauen oder Männer besser Multitasken, spielt das Hormon Östrogen eine entscheidende Rolle
Männer kommen vom Mars und können nicht zuhören. Multitasken können sie noch weniger. Im einen Arm das Baby zu wiegen, mit der freien Hand die Suppe zu rühren und dabei kluges Zeug in das Smartphone zu sprechen, das virtuos zwischen Schulter und Ohr balanciert wird - solche komplexen Fähigkeiten werden hauptsächlich dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben.

Für Forscher ist diese Annahme geradezu eine Steilvorlage. Eine Reihe von Psychologen hat sich in letzter Zeit dem Unterschied zwischen Männern und Frauen beim gleichzeitigen Erledigen von Dingen gewidmet, um einen Schiedsspruch im Konkurrenzkampf der Geschlechter fällen zu können.

Eigentlich - das ist inzwischen Konsens - gibt es Multitasking gar nicht. Vielmehr wechselt das Gehirn zwischen verschiedenen Tätigkeiten. Dabei kann es sich maximal auf zwei gleichzeitig konzentrieren. Wer neben dem Kochen und Telefonieren auch noch das Baby beruhigen will, wird möglicherweise die Suppe versalzen, oder das Schäkern mit dem Kleinen reduziert die Aufmerksamkeit für das Gespräch. Wenn man sich um Verschiedenes parallel kümmert, leiden die einzelnen Aufgaben darunter, denn das Gehirn ist zusätzlich mit dem Hin- und Herschalten beschäftigt. Dadurch braucht man auch mehr Zeit, als wenn man die Dinge nacheinander erledigt. Sind Frauen aber vielleicht schneller, machen sie weniger Fehler dabei?

Das britische Team um den Psychologen Gijsbert Stoet von der University of Glasgow ließ je 120 Männer und Frauen gegeneinander antreten (BMC Psychology). Bei einem Experiment am Computer sollten sie zwei Typen von Aufgaben lösen. Entweder mussten sie angeben, ob ein Quadrat oder eine Raute gezeigt wurde, oder sie mussten die Kreise zählen, die sich im Inneren der Form befanden. Da beide Aufgabentypen willkürlich aufeinander folgten, war schnelles Umdenken gefragt. Dafür brauchten die Frauen tatsächlich weniger Zeit als die männlichen Testpersonen.

Anders fiel das Ergebnis von Experiment zwei aus. Dabei mussten die Probanden einen versteckten Schlüsselbund finden, einfache Rechenaufgaben lösen und Restaurants auf einer Karte entdecken. Nebenbei klingelte das Telefon - wer den Hörer abnahm, musste Wissensfragen beantworten. Das Ganze innerhalb von acht Minuten. Bei diesem Test schnitten beide Geschlechter gleich gut ab. Können Männer also ebenfalls das Baby neben dem Telefonat bespaßen, ohne dass dabei das Essen anbrennt?

Womöglich sogar besser als Frauen. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls der Stockholmer Psychologieprofessor Timo Mäntylä (Psychological Science). Seine komplizierte Aufgabenstellung verlangte von männlichen und weiblichen Testpersonen, die Ziffernfolgen dreier Zähler im Auge zu behalten wie auch eine Liste von Vornamen, die über einen Bildschirm rauschte. Beim Erscheinen vorgegebener Ziffernkombinationen und Namen mussten die Probanden auf einen Knopf drücken.

Die meisten Fehler machten die Frauen, deren Menstruationszyklus sich gerade in der Phase des Eisprungs befand. Mäntyläs Erklärung dazu: Multitasking erfordere einerseits die Fähigkeit, sich Ziele zu merken, andererseits räumliches Vorstellungsvermögen, um einen mentalen Ablaufplan zu erstellen. Letzteres werde durch einen hohen Östrogenspiegel eingeschränkt.

Dass Venustöchter schlechter einparken können, ist hinlänglich bekannt. Muss ihnen nun also die Gabe des Multitaskings abgesprochen werden? Dem entgegen stehen Studien, die allzu plausibel belegen, dass die Fähigkeit, räumlich zu denken, lediglich auf Übung beruht. Mit dem Multitasking soll es sich übrigens ganz ähnlich verhalten.

Aus DIE ZEIT :: 07.11.2013

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