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Denken ist die Simulation gemachter Erfahrungen


Das Gespräch führte HARRO ALBRECHT

Auf welche Weise verändert unser Erleben das Gehirn? Ein Gespräch mit dem Ulmer Kognitionspsychologen Markus Kiefer.

Denken ist die Simulation gemachter Erfahrungen© V. Yakobchuk - Fotolia.com"Wenn ich das Wort »Telefon« sage, dann »klingelt« es bei Ihnen gleichsam im Kopf. Das ist eine Simulation auf der Basis Ihrer Erfahrungen mit Telefonen, welche Ihren Begriff von diesem Gegenstand herstellt."

DIE ZEIT:

Kann die Wissenschaft mit dem Begriff Erfahrung etwas anfangen?

Markus Kiefer:

Das kommt darauf an, in welchen Bereichen Sie nachsehen - und in welcher Zeit. In den Fünfzigern und Sechzigern glaubte man noch, dass Erkenntnisgewinn nur durch einen abstrakten Gedankenakt möglich ist, der uns aus der Sklaverei der niedrigen Wahrnehmungen befreit. Man stellte sich das menschliche Gehirn als eine Art Computer vor und wollte Künstliche Intelligenz nach diesem Vorbild schaffen, losgelöst von unseren Sinneswahrnehmungen. Aber seit den Neunzigern findet eine sehr starke Gegenbewegung durch die Neurowissenschaften und die Psychologie statt. Jetzt heißt es: Wissen und Denken sind und bleiben an die Anschauung, also an unsere sinnlichen Eindrücke gebunden.

ZEIT:

Wie muss man sich Erkenntnisgewinn durch Erfahrung konkret vorstellen?

Kiefer:

Man kann sich Denken vorstellen als eine Simulation von gemachten Erfahrungen, die auch unbewusst ablaufen kann - das ist der entscheidende Punkt.

ZEIT:

Das ist noch immer sehr theoretisch ...

Kiefer:

Wenn ich das Wort »Telefon« sage, dann »klingelt« es bei Ihnen gleichsam im Kopf. Das ist eine Simulation auf der Basis Ihrer Erfahrungen mit Telefonen, welche Ihren Begriff von diesem Gegenstand herstellt. Sie können über Ihre Erfahrungen bewusst nachdenken, aber in der Regel sind diese Simulationen unbewusst. Nichtsdestotrotz können wir mit neurowissenschaftlichen Methoden nachweisen, dass das Wort »Telefon« zu einer verstärkten Aktivierung in der Hörrinde Ihres Gehirnes führt.

ZEIT:

Frühere Erlebnisse prägen also die Art und Weise, wie ich neue Erfahrungen mache?

Kiefer:

Ja, unser Wissen ist plastisch und wird fortwährend modifiziert.

ZEIT:

Manche Wissenschaftler gehen so weit zu behaupten, dass Roboter oder Künstliche Intelligenzen Gefühle benötigen würden, um so etwas wie menschliche Intelligenz zu entwickeln ...

Kiefer:

Gefühle sind ganz zentral, wenn es um die Steuerung unserer Handlungen geht. Rein rational können wir Dinge beurteilen, aber ob wir die tatsächlich in Handlung umsetzen, hängt sehr stark von unseren Gefühlen ab. Und diese Gefühle sind dann wieder die Manifestation gemachter Erfahrungen mit ähnlichen Situationen, die angenehm oder unangenehm waren. Es gibt keine kalte Kognition. Um das Richtige zu tun, brauchen wir auch das richtige Gefühl dazu.

ZEIT:

Ist das zum Beispiel der Grund dafür, warum der ärztliche Rat, abzunehmen, oft nicht funktioniert?

Kiefer:

Ja, das Abnehmen muss als Belohnung und nicht als Qual verstanden werden. Dahinter steckt der Ansatz der verkörperten Kognition: Wir können keine Dinge tun, die wir uns nicht in irgendeiner Form veranschaulichen können, zu denen wir keinen sinnlichen Bezug haben.

ZEIT:

Der Psychologe Daniel Kahnemann warnt aber davor, dass Emotionen unsere Sicht auf die Welt verzerren. Hat er damit nicht recht?

Kiefer:

Nicht unbedingt. Die Erfahrung, die wir machen, spiegelt letztendlich unsere mehr oder minder erfolgreiche Interaktion mit der Welt wider. Je erfolgreicher wir in dieser Hinsicht sind, desto besser und zutreffender ist eben auch das Wissen, das wir uns über die Welt angeeignet haben.

ZEIT:

Was können wir tun, um in diesem Sinne möglichst »brauchbare« Erfahrungen zu sammeln?

Kiefer:

Wir brauchen erst einmal eine vernünftige Datenbasis. Dass heißt, wir müssen unsere Simulationsmaschine mit konkreten Erfahrungen und Wissen füttern. Einfacher gesagt: Wir müssen Fakten und manuelle Fertigkeiten lernen. Darauf können wir aufbauen, dieses alles umändern und effizienter nutzen, um neuartige Probleme zu lösen.

ZEIT:

Was geschieht, wenn sich in diesen Prozess eine Fehlannahme einschleicht? Viele Menschen glauben zum Beispiel, dass Homöopathie ihre Krankheit geheilt hat. Die vermeintlichen Heilungserfolge gehen aber auf das Konto von Placeboeffekten oder Zufall. Kann einem ein halbwegs plausibles Erklärungsmuster den Blick auf die wahren Zusammenhänge verstellen?

Kiefer:

Das ist eben keine Erfahrung durch eigene Sinne, sondern Hörensagen. Die Menschen haben gehört, dass etwas wirkt, und sind deshalb nur allzu gern bereit, diese Wirkung auch an sich zu entdecken. Viele falsche Überzeugungen kommen dadurch zustande, dass die nötige erfahrungsbasierte Korrektur fehlt. Das aber macht die empirische Wissenschaft: Man gibt eben nicht dogmatische Ansichten von Autoritäten wieder, sondern versucht, Erfahrungen systematisch zu bestätigen - oder zu widerlegen.

ZEIT:

Am Ende dieses Prozesses steht dann systematisch abgesichertes Wissen. Aber wir machen Erfahrungen, die diesem Wissen mitunter widersprechen. Wie entscheiden wir dann?

Kiefer:

Wenn Entscheidungen getroffen werden, beruhen diese immer auf einer Interaktion von abstraktem Wissen und Erfahrung.

ZEIT:

Dass kann sehr frustrierend sein. Der ältere Kollege verweist auf seine jahrzehntelange Erfahrung und lässt den jüngeren mit seinem statistisch wohlbegründeten Vorschlag abblitzen.

Kiefer:

Unser kognitives System neigt nun einmal zur internen Konsistenz. Das heißt, wenn wir bestimmte Erfahrungen gemacht haben, dann wird die neue Information erst einmal in das bewährte Konzept eingebaut. Erst wenn sehr massive Diskrepanzen auftreten, ist man bereit, von althergebrachten Positionen abzuweichen.

ZEIT:

Das klingt nach Starrsinn ...

Kiefer:

Ein gewisses Beharren ist sinnvoll. Eine einzelne Beobachtung könnte ja nur Zufall gewesen sein.

ZEIT:

Wenn Erfahrung uns konservativ macht, wie kann man dann noch etwas grundsätzlich Neues entdecken?

Kiefer:

Wenn ich tagtäglich immer dieselben Erfahrungen mache, ist es nicht verwunderlich, wenn meine Simulationsmaschine immer im selben Zustand verharrt. Aber ich kann gezielt neue Situationen aufsuchen, die mein vorhandenes Wissen infrage stellen.

ZEIT:

... um Flexibilität zu trainieren?

Kiefer:

Genau. Man weiß mittlerweile, dass neue Erfahrungen das Belohnungssystem in unseren Gehirnen anstacheln. Ich könnte zum Beispiel in neue Länder reisen und mich neuen Herausforderungen stellen. Nur die selbst gemachte Erfahrung hat die Unmittelbarkeit, die unser Gehirn sofort versteht.





Aus DIE ZEIT :: 03.05.2012

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