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Denker wird Manager

VON FRIEDERIKE LÜBKE

Geisteswissenschaftler hätten Unternehmen einiges zu bieten. Nur wissen sie das oft selbst nicht.

Denker wird Manager© .marqs - photocase.deGeisteswissenschaftler können gut Probleme in der Tiefe beleuchten
Wer mit Dirk Rothenbücher sprechen will, muss mit Kalifornien skypen. Dort arbeitet er in Palo Alto, dem Herzen der IT-Industrie. In einem Karrierenetzwerk führt er die sperrige Berufsbezeichnung Head of Marketing and Business Development bei dem Unternehmen Quantiacs, er leitet also das Marketing. Dirk Rothenbücher, 39, Philosoph und Journalist, ist Manager geworden. Damit ist er eine Ausnahme: Nur rund vierzig Prozent der Absolventen der Geisteswissenschaften ist es überhaupt wichtig, in einer Leitungsposition zu arbeiten. Bei den Wirtschaftswissenschaften hingegen sind es rund 65 Prozent. Das ergab die neue Absolventenstudie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, die der ZEIT exklusiv vorliegt. »Aber auch in für sie typischen Branchen wie dem Verlagswesen sind Leitungsaufgaben oft durch andere besetzt«, sagt Kolja Briedis, einer der Autoren der Studie. Management ist nur für BWLer, so scheint es.

Andreas Eimer hat in 18 Jahren Karriereberatung viele Trends kommen und gehen sehen. Doch eines, sagt der Leiter des Career Service der Uni Münster, sei beständig geblieben: »Geisteswissenschaftler haben einen individualisierten Zugang zu einem Arbeitsmarkt, der nicht homogen, sondern stark fragmentiert ist.« Bei der Stellensuche können sie sich nicht an ihren Kommilitonen orientieren. Und einen Königsweg gibt es auch nicht. Damit stehen sie im Gegensatz zu Medizinern, die auf ein bestimmtes Berufsbild hin studieren, oder Ingenieuren, für die viele Stellen ausgeschrieben sind. Dirk Rothenbücher hat sein eigener Werdegang überrascht. Er mochte seine Studienfächer Philosophie und Journalismus. Nach dem Master schrieb er seine Doktorarbeit in analytischer Philosophie, parallel arbeitete er als Journalist beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Erst nach und nach merkte er, dass es ihm mehr Spaß machte, eine Veranstaltung zu organisieren und zu bewerben und Kampagnen aufzubauen. »Mir war klar, dass das neben dem Journalismus nicht klappt«, sagt er. Er entschied sich, noch einen MBA zu machen, und schrieb sich an der Mannheim Business School ein. Etwa fünf bis zehn Prozent der Studenten dort sind Geisteswissenschaftler. Wie viele Geisteswissenschaftler insgesamt an deutschen Business Schools eingeschrieben sind, ist nicht bekannt. Man kann nur Stichproben nehmen: An der HHL Leipzig Graduate School of Management etwa sind es im Vollzeit-MBA-Programm circa 20 Prozent. An beiden Schulen sind die Zahlen nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren recht konstant.

Schwierig ist für Geisteswissenschaftler vor allem der Einstieg

Mit dem Stoff sei er zurechtgekommen, sogar mit Mathe, sagt Rothenbücher. »Ich habe gutes Feedback bekommen. Meine Denkweise sei anders, und das sei bereichernd.« Ähnliches berichtet Kerstin Alfes, Professorin für Organisation und Personalmanagement an der ESCP Europe Berlin. »Geisteswissenschaftler sind sehr gut darin, Sachzusammenhänge zu analysieren.«, sagt sie. »Im Vergleich zu BWLern stellen sie Kosten-Nutzen-Aspekte weniger stark in den Vordergrund.« Wenn eine Gruppe etwa eine Fallstudie bearbeitet, gibt sich der BWLer häufig mit einer nicht idealen Lösung zufrieden, wenn er auf diese Weise Zeit einsparen kann. Der Historiker hinterfragt stärker und verfolgt eher einen ganzheitlichen Ansatz. Dadurch braucht er zwar länger, kommt aber auch auf ungewöhnlichere Wege und Lösungen. Ein Problem in der Tiefe beleuchten, schwierige Sachverhalte einfach ausdrücken, Schnittstellen besetzen - alles Fähigkeiten, die auch im Management gut ankommen. Dass Dirk Rothenbücher gut argumentieren kann, führt er auf sein Philosophiestudium zurück. Mit den Kontakten aus der Business School fand er einen Job in Amerika, der Heimat seiner Frau, bei einem Start-up für Algorithmen. Jetzt baut er Partnerschaften mit Universitäten auf und stellt Kontakte zu anderen Firmen her.

Schwierig ist für Geisteswissenschaftler vor allem der Einstieg. Aber auch da kann man die Weichen schon in Richtung Management stellen. Etwa indem man darauf achtet, welche Firmen für Quereinsteiger offen sind und ob sie ihr Führungspersonal im Unternehmen aufbauen oder ob sie genug Kapazitäten für Schulungen haben. Die Deutsche Bahn etwa stellt gezielt Geisteswissenschaftler ein. Auch bei McKinsey sind acht Prozent der Berater Geisteswissenschaftler, knapp die Hälfte hat einen nicht wirtschaftswissenschaftlichen Studienhintergrund. Wer dann noch Management-Kompetenzen braucht, kann diese an Business Schools erwerben oder bei Weiterbildungen von Hochschulen, der Industrie- und Handelskammer oder den Volkshochschulen. Alle Experten raten dazu, nach Bedarf zu wählen. »Ich sehe keinen Grund, jetzt einen BWL-Kurs zu belegen, wenn man in zehn Jahren ins Management will«, sagt Andreas Eimer. Auch Dirk Rothenbücher möchte sein Philosophiestudium nicht missen. Obwohl er ein bisschen nachdenken muss, bevor er sagt: »Es ist ein Umweg, aber die Philosophie hat mir so viel gegeben.«

Aus DIE ZEIT :: 09.06.2016