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Der Motivator - Hochschullehrer des Jahres 2014

VON MARION SCHMIDT

Hans Müller-Steinhagen hat die TU Dresden zur Exzellenzuniversität gemacht - der einzigen in den neuen Bundesländern. Wie ist ihm das gelungen?

Der Motivator - Hochschullehrer des Jahres 2014© TUD/LiebertSeit August 2010 ist Prof. Hans Müller-Steinhagen Rektor der Technischen Universität Dresden
In Dresden gibt es einen Geist. Alle reden von ihm, alle loben ihn. Er ist etwas Besonderes, sagt Hans Müller-Steinhagen, der Rektor der Technischen Universität (TU) Dresden. Der Geist schwebt in der alten Rektoratsvilla durch den Fechtraum, in dem sich früher Verbindungsstudenten geschlagen haben und heute wichtige Entscheidungen der TU ausgefochten werden. Er weht durch den Keller des Max-Planck-Instituts für Molekulare Zellbiologie und Genetik, vorbei an blau schimmernden Wassertanks mit über 30.000 Zebrafischen.

Der Spirit von Dresden ist überall dort, wo Wissenschaft gelebt wird, wo Kooperationen gedeihen, zwischen der Uni und den außeruniversitären Forschungsinstituten. Inzwischen gibt es für den Geist sogar ein Haus, es heißt Dresdenconcept und ist ein Zusammenschluss von 21 wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen. Ohne den Spirit gäbe es diese Kooperation nicht. Und ohne ihn wäre die TU Dresden auch nicht Exzellenzuniversität, die einzige in den neuen Bundesländern.

Der Geist hat viele Gesichter, er lebt in vielen Personen, aber er lebt ganz besonders in Hans Müller-Steinhagen. Der 60-jährige Ingenieur wurde vor viereinhalb Jahren zum Rektor der TUD gewählt. Seitdem hat er viel dafür getan, dass sich der Spirit in Dresden ausbreitet. Das Modell der Wissenschaftskooperation, das er mitgeschaffen hat, ist in dieser Breite und Tiefe bundesweit einzigartig - und ein Vorbild auch für andere Städte. »Ein Standort wird dann stark, wenn alle Akteure zusammenarbeiten. Das gelingt häufig wegen unterschiedlicher Interessen nicht. Dass in Dresden alle an einem Strang ziehen und sich ein gemeinsamer Pioniergeist entwickelt hat, ist maßgeblich das Ergebnis des Wirkens von Hans Müller-Steinhagen als Moderator, Motivator und Netzwerker«, sagt Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE Centrum für Hochschulentwicklung.

Hochschulmanager des Jahres 2014

Die Auszeichnung »Hochschulmanager des Jahres« wird gemeinsam von der ZEIT und dem CHE Centrum für Hochschulentwicklung vergeben. In einem mehrstufigen Verfahren wurden zunächst diejenigen Hochschulen identifiziert, die sich in den Bereichen Lehre, Forschung, Internationalisierung und Karriereförderung verbessert haben und deren Präsidenten seit mindestens 2012 im Amt sind. Die Leitungen der 44 besten Hochschulen wurden anschließend schriftlich befragt, welches Führungsverständnis und welche Maßnahmen zu den Erfolgen geführt haben. Die Entscheidung über den Preisträger hat eine sechsköpfige Jury getroffen.
Das CHE und die ZEIT zeichnen Hans Müller-Steinhagen für seine Leistungen in dieser Woche als »Hochschulmanager des Jahres 2014« aus. »Hans Müller-Steinhagen ist ein Visionär mit Bodenhaftung«, sagt Ziegele. Führungspersonen an Hochschulen und auch anderswo seien oft in Gefahr, entweder strategisch abzuheben oder sich in der Umsetzung zu verzetteln. »Er aber schafft es, die Balance zu halten, Ziele zu definieren und diese im Team mit klar verteilten Rollen gemeinsam umzusetzen.

Der Erfolg in der Exzellenzinitiative beweist, dass dieses Führungsmodell funktioniert«, so Ziegele. »Wenn er um etwas kämpft, das ihm wichtig ist, dann gibt er alles. Dann reißt er andere mit«, sagt Gunda Röstel, die Vorsitzende des Hochschulrats der TUD, ehemalige Bundessprecherin der Grünen und heute Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden. Im Alltag allerdings wirkt Hans Müller-Steinhagen auf den ersten Blick weniger mitreißend als ziemlich rastlos und diszipliniert. Er selbst bezeichnet seinen Führungsstil als »motivierend, teamorientiert, strategisch«. Kritiker würden sagen, er sei fordernd, ungeduldig und perfektionistisch. Alles trifft zu.

Das lässt sich gut beobachten an einem Mittwochmorgen Anfang November in Dresden, im Rektorat der TU. Es ist in jener alten Villa untergebracht, die früher einmal ein Burschenschaftshaus war. An den Wänden hängen noch Kacheln mit singenden, saufenden und sich schlagenden Studenten. Die Kacheln stehen unter Denkmalschutz. Im ehemaligen Paukboden sitzt Hans Müller-Steinhagen mit sechs Mitarbeitern um einen Tisch und bespricht die vorgezogene Neubesetzung einer Professur. Heute wird in diesem Raum nicht mehr geschlagen, sondern gefeilscht. Es wird nicht mehr um Ehre gefochten, sondern um Geld, Personal und Quadratmeter. Es geht um die Nutzung von Laboren, Stühlen, Beamern, um Befristung, Umschichtung, Verbeamtung. Vor allem geht es um: Geld. Geld, das fehlt.

Die TU hat zwar in der letzten Runde der Exzellenzinitiative deutschlandweit die meisten Fördergelder abgeräumt, insgesamt knapp 135 Millionen, verteilt über fünf Jahre. Aber die Mittel sind zweckgebunden und befristet. Nicht alle Fächer profitieren davon. Und hinzu kommt: Sachsen gibt pro Student deutlich weniger aus als andere Bundesländer.

Hans Müller-Steinhagen lehnt sich im Stuhl zurück, legt eine Hand ans Kinn, zieht die Augenbrauen zusammen und holt Luft. Es rumort in ihm, man spürt: Die Verhandlungen um eine Viertelstelle für eine Sekretärin machen ihn ungeduldig, die Berufungssache verliert sich im Kleinklein. Er macht klar, wie wichtig die Neubesetzung des Lehrstuhls ist, und versucht, einen Kompromiss auszuloten. Dann muss er los, zum nächsten Termin. Draußen wartet schon sein Fahrer.

Es geht zum Max-Planck-Institut mit den Zebrafischen im Keller. Die TUD und das MPI sind Partner bei Dresden-concept, sie forschen gemeinsam, berufen gemeinsam Professoren, kooperieren bei der Ausbildung von Doktoranden und teilen sich teure Großgeräte. Eines dieser Geräte, ein sogenanntes Transmissionselektronenmikroskop, wird gerade im Keller des MPI in Betrieb genommen. Damit lassen sich Zellvorgänge hochaufgelöst beobachten. So ein Gerät kostet, komplett installiert, gut vier Millionen Euro. Für eine einzelne Forschungseinrichtung ist das kaum bezahlbar.

Wird das Mikroskop, wie in Dresden, von Forschern mehrerer Einrichtungen genutzt, lohnt sich die Anschaffung. Dresden-concept hat eine Technologieplattform gegründet, auf der über die Verwendung und Finanzierung solcher Geräte zwischen den Partnern verhandelt wird. »Das ist keine Beutegemeinschaft«, sagt Müller-Steinhagen, »das ist eine Win-win-Situation.«

Wenn das Kooperationsverbot kippt, könnte Dresden richtig durchstarten

Am liebsten würde er Geräte wie das Mikroskop gemeinsam finanzieren. Das aber ist wegen der aktuellen Gesetzeslage kaum möglich, weil das Geld dafür dann vom Bund und vom Land käme, und das darf nicht sein. Das sogenannte Kooperationsverbot untersagt es bislang dem Bund, Hochschulen direkt und unbefristet zu fördern. Und die außeruniversitären Forschungsinstitute wie die MPI und die Helmholtz-Institute werden mehrheitlich vom Bund finanziert. Müller-Steinhagen hofft sehr, dass im Dezember das Verbot kippt. Die Chancen stehen gut. Der Bundestag hat der Grundgesetzänderung Mitte November bereits zugestimmt.

Doch auch ohne neues Gesetz haben die Dresdner bereits viel erreicht mit ihrer engen Kooperation. Bislang haben sie 58 Professoren gemeinsam berufen, und sie teilen sich eine Reihe von Gebäuden und Laboren. Derzeit wird sogar ein gemeinsames Genom-Center geplant. »Wir wollen nicht alle Institutionen zusammenmischen«, sagt der TUD-Rektor, »unsere Stärke ist die Pluralität.« Doch alle haben das gleiche Ziel: Dresden zu einem weltweit führenden Wissenschaftsstandort zu machen.

Die Exzellenzinitiative wurde im Schlauchboot auf der Elbe besiegelt

Es scheint zu gelingen. Der Erfolg in der Exzellenzinitiative ist Müller-Steinhagens größter Triumph. Dabei stammt die Idee zum Zukunftskonzept »Die synergetische Universität«, der dritten Förderlinie, die mit dem inoffziellen, aber prestigeträchtigen Elite-Uni-Titel verbunden ist, gar nicht von ihm. Als Müller-Steinhagen im Sommer 2010 an die TU Dresden kam, gab es bereits eine erste Antragsskizze. Die hatte noch sein Vorgänger entworfen, in - wie könnte es anders sein - enger Kooperation mit den Chefs der außeruniversitären Forschungsinstitute.

Seit 2009 hatten sich der damalige TU-Rektor, Wieland Huttner vom MPI für Molekulare Zellbiologie und Genetik, Roland Sauerbrey vom Helmholtz-Institut in Rossendorf und Eckhard »Ecki« Beyer, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Werkstoffund Strahltechnik, jeden ersten Samstag im Monat bei Huttner im Wohnzimmer getroffen und Strategien entwickelt, wie die außeruniversitären Institute die TUD dabei unterstützen könnten, beim Exzellenzwettbewerb Elite-Uni zu werden. Im Juli 2010 stieß Hans Müller-Steinhagen dazu. Er wurde geholt, um dem Projekt nach einer gescheiterten Bewerbung zum Erfolg zu verhelfen. Eine Aufgabe, die die Landesregierung seinem Vorgänger nicht zutraute und deswegen eine Klausel im neuen Hochschulgesetz nutzte, um dessen Amtszeit nicht zu verlängern.

Es war eine große Aufgabe für Müller-Steinhagen. Er kam von außen, vom Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Stuttgart, wo er zehn Jahre lang Direktor des Instituts für Technische Thermodynamik gewesen war. Ein hoch geachteter Professor und Wissenschaftsmanager, aber in Dresden ohne Hausmacht, ohne Beziehungen, ohne Kenntnis der Personen, Strukturen, Prozesse. Dafür mit der Aussicht auf Einsparungen. Das Land Sachsen hatte kurz zuvor angekündigt, an der TU müssten bis 2016 94 Stellen gestrichen werden, weitere 150 bis 2025.

Die Bewerbung beim Exzellenzwettbewerb war schon an renommierten, traditionsreichen Unis in wohlhabenden Bundesländern mit einem lang gedienten Präsidenten nicht einfach. Wie sollte das nun jemandem gelingen, der unter diesen Umständen zwei Monate vor Abgabe des Antrags von außen geholt wurde? »Hans Müller-Steinhagen brannte dafür, er wollte das unbedingt schaffen«, sagt Ursula Schaefer, die damals Prorektorin für Lehre und in der Findungskommission für den neuen Rektor war. Er habe sich sofort nach seiner Wahl zum Rektor in die Arbeit gestürzt und alle Uni-Mitglieder auf den Wettbewerb eingeschworen. Während der Antragsphase seien die Texte für das Konzept auch nachts hin und her gegangen.

»Es war eine Riesen-Anspannung für alle«, erinnert sich Ursula Schaefer an den Sommer 2010, »und Hans Müller-Steinhagen hat sich selbst bis zuletzt ausgereizt. Wir hatten Angst, dass er zwischendurch aus Erschöpfung umkippt.« Das Arbeitspensum hält er bis heute. Morgens um fünf Uhr steht er auf, ab acht hat er Termine, bis zehn Uhr abends. Mittagspause macht er keine, holt sich höchstens eine Brezel aus der Uni-Mensa und isst sie im Gehen. Sein Terminkalender, das sagt er selbst, ist »brutal voll«.

Wenn er an die Vorbereitung des Exzellenzantrags denkt, erinnert er sich lieber daran, wie er in der Zeit mit Wieland Huttner im Schlauchboot auf der Elbe und einer Flasche Single Malt Whiskey an Bord das Zukunftskonzept der TU weiterentwickelt hat. Der Einsatz, zu Wasser und an Land, hat sich gelohnt: Es ist ihm gelungen, innerhalb weniger Wochen die Universität hinter sich zu bringen, alle bei dem Exzellenzprozess mitzunehmen und diesen schließlich zu einem Erfolg zu führen. »Er hat die Fähigkeit, sich und andere unglaublich zu begeistern«, sagt Schaefer. »Ich sehe es als sehr starke Führungsleistung, dass er die Uni in extrem kurzer Zeit erfolgreich durch den Exzellenzwettbewerb geführt hat«, sagt Gunda Röstel.

Für eine ostdeutsche Uni wie die TU Dresden war es kein einfacher Weg in die Exzellenzliga. Nach 1989 musste sich die TUD komplett neu erfinden. Fast die Hälfte des Personals wurde entlassen, es mussten neue Strukturen geschaffen und neue Wissenschaftler für den Osten gewonnen werden. Der Standort Dresden profitierte davon, dass die sächsische Landesregierung mit viel Geld den Neuaufbau der Uni finanzierte und ein wirtschafts- und wissenschaftsfreundliches Umfeld schuf. In den neunziger Jahren siedelten sich zahlreiche Forschungsinstitute in und um Dresden an.

Und anders als an Standorten in Westdeutschland, wo sich vielerorts Unis und außeruniversitäre Forschungsinstitute immer noch wahlweise neidisch oder hochmütig beäugen, hat man in Dresden den Umbruch genutzt, um von Anfang an näher zusammenzurücken und zu kooperieren, statt zu konkurrieren. Und so sind Synergien entstanden zwischen Menschen und Institutionen, zum gegenseitigen Vorteil. »Der Spirit von Dresden ist etwas, das ich so in anderen deutschen Universitätsstädten nicht erlebt habe: eine ungeheuer große Bereitschaft zur Zusammenarbeit über Fach- und Institutsgrenzen hinweg, ein enormer Pioniergeist, eine permanente Aufbruchstimmung«, sagt Wieland Huttner.

Damit gelingt es Dresden, internationale Spitzenforscher anzulocken. Etwa den Biophysiker Jochen Guck, der mit einer hoch dotierten Humboldt-Professur von der englischen Elite-Uni Cambridge an die Elbe wechselte. Oder Eugene W. Myers. Der weltweit führende Bioinformatiker hat ganz wesentlich an der Entzifferung des Humangenoms mitgewirkt. Jetzt forscht er am Dresdner Zentrum für Systembiologie. Exzellenz zieht Exzellenz an.

Allerdings weiß Hans Müller-Steinhagen auch, dass es 25 Jahre nach der Wende noch immer schwer ist, ausländische Wissenschaftler in den Osten Deutschlands zu holen. »Wer in Amerika Dresden googelt, erfährt mehr über Kriegszerstörung und Nazis als über Forschung.« Er selbst wurde vor viereinhalb Jahren, als er von Stuttgart nach Sachsen wechselte, von Kollegen ungläubig gefragt, ob er wirklich in den Osten gehen wolle, da sei es doch trostlos.

Hans Müller-Steinhagen ist in seinem Leben schon 19-mal umgezogen, er hat lange in Neuseeland und England gelebt und gearbeitet. Noch heute trägt er gern die weinrote Krawatte mit dem Wappen der Royal Academy of Engineering, die ihm Prinz Philip, der Ehemann der Queen, höchstpersönlich überreicht hat. Doch nirgends, sagt er, sei er so herzlich aufgenommen worden wie in Dresden.

Im Elbflorenz, wie sich die Stadt gern nennt, kooperieren nicht nur Institutionen, sondern vor allem Menschen. Die »Boygroup« aus Müller-Steinhagen, Huttner, Sauerbrey und Beyer spielt zusammen Golf, fährt gemeinsam Ski, man trifft sich in der Semperoper, im Stadion von Dynamo Dresden oder im Rotary Club Goldener Reiter. Das klingt nach Wissenschaftsklüngel. Aber wie immer man auch dazu steht: Über persönliche Beziehungen ist ein Umfeld entstanden, in dem Wissenschaft mit Leidenschaft gemacht wird und Exzellenz gedeiht. Hans Müller-Steinhagen ist ein wichtiger Teil davon.


Die Autorin dieses Beitrags war Mitglied der Jury

Aus DIE ZEIT :: 20.11.2014

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