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Der angepasste Glaube - Was macht den Erfolg einer Religion aus?

Die Fragen stellte Ulrich Schnabel

Was macht den Erfolg einer Religion aus? Ein Gespräch mit dem Religionsanthropologen Richard Sosis.

Der angepasste Glaube - Was macht den Erfolg einer Religion aus?© Amanda Rohde - iStockphoto.com
DIE ZEIT: Professor Sosis, als Religionsanthropologe erforschen Sie Faktoren, die den Erfolg religiöser Kommunen ausmachen (siehe unten). Eines Ihrer verblüffenden Ergebnisse lautet: Je strikter eine Gemeinschaft das Leben ihrer Gläubigen reglementiert, umso dauerhafter ist sie. Gilt diese Erkenntnis auch für die katholische Kirche?

RICHARD SOSIS: Man muss vorsichtig sein, unsere Modelle zu verallgemeinern. Religion ist ein sehr komplexes Phänomen, und das Feld der Religionsanthropologie ist noch jung. Aber im Großen und Ganzen würde ich Ihre Frage bejahen. Zwar kann man die katholische Kirche nicht direkt mit jenen Kommunen vergleichen, die wir in unserer Studie untersuchten. Aber auch um Mitglied der katholischen Kirche zu sein, muss man gewisse Gebote und Einschränkungen befolgen. Und eine mögliche Funktion dieser Verpflichtungen ist es, Gemeinschaftssinn und Zusammenhalt zu erzeugen.

ZEIT: Manche Religionsforscher sprechen in diesem Zusammenhang von »kostspieligen Signalen«. Was ist damit gemeint?

SOSIS: Wer sich religiösen Einschränkungen unterwirft, signalisiert anderen Gläubigen damit seine Ernsthaftigkeit und seine Bereitschaft, sich der Gruppe unterzuordnen. Er bringt also seinem Glauben und der Gruppe Opfer. Und je größer diese Opfer sind, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Gläubige sein Engagement nur vortäuscht. Das nennen wir in der Evolutionsbiologie ein »schwer zu fälschendes« oder »kostspieliges « Signal.

ZEIT: Es gibt Wissenschaftler, die auf der Basis dieser Theorie argumentieren, das 2. Vatikanische Konzil sei ein Fehler gewesen. Die damals beschlossene Liberalisierung habe den Gruppendruck gesenkt, der das Erfolgsprinzip religiöser Gemeinschaften ist. Aus dieser Perspektive wäre also ein eher konservativer Kurs angeraten.

SOSIS: Wir haben es hier mit einer Abwägung zu tun: Was gewinnt eine Kirche, wenn sie gewandelten gesellschaftlichen Überzeugungen entgegenkommt - und was verliert sie? Werden die tradierten Regeln gelockert, mag das Mitglieder halten, die sonst vielleicht abgewandert wären; aber das geht meist auf Kosten ihrer Verbindlichkeit und ihres Engagements. Und genau das beobachten wir in Nordamerika und Europa: Die Gläubigen gehen seltener zum Gottesdienst, befolgen Fastenzeiten und Gebote weniger strikt, engagieren sich weniger in der Gemeinde und so weiter.

ZEIT: Ist es aus anthropologischer Sicht nachvollziehbar, dass der Papst versucht, erzkonservative Gruppen wie die Pius-Brüderschaft zu integrieren?

SOSIS: Man muss kein Anthropologe sein, um das zu verstehen. Die Abspaltung der Pius-Gemeinschaft bedeutet eine Bedrohung für die katholische Kirche, und es ist nur zu verständlich, dass der Papst versucht, die Kirche zu einen. Es ist ja seine Aufgabe, die gemeinsame Doktrin vorzugeben und die Gemeinschaft zusammenzuhalten.

ZEIT: Um jeden Preis? Mit der Integration eines Holocaust-Leugners dürfte er der Einheit seiner Kirche doch einen Bärendienst erwiesen haben.

SOSIS: Das zeigt die Zweischneidigkeit einer hierarchischen Struktur. Einerseits hilft so eine Struktur, die Herde zusammenzuhalten. Die katholische Kirche ist eine Organisation, der etwa 1,1 Milliarden Menschen angehören, und sie hat eine einzige Person an ihrer Spitze. Das ist außergewöhnlich und mit kaum einer anderen Institution vergleichbar. Auf der anderen Seite birgt diese Struktur enorme Risiken: zum Beispiel das Risiko, dass sich viele Menschen mit dieser einen Führungsfigur nicht identifizieren können oder dass der Papst Entscheidungen trifft, für die das Gros der Gläubigen nicht bereit ist.

ZEIT: Ist der Papst denn auf die Meinung des katholischen Fußvolks überhaupt angewiesen?

SOSIS: Was mich bei der Erforschung von Religionen fasziniert, ist zu sehen, wie dynamisch das Wechselspiel zwischen Religionsführern und Gläubigen ist. Es gibt nicht nur die Einbahnstraße der von oben verordneten Doktrinen, viele Einflüsse gehen auch von der Basis aus. Erfolgreiche Religionen sind stets dadurch gekennzeichnet, dass ihre Führungsspitze nicht einfach blind dekretiert, sondern im Einklang mit der Bereitschaft ihrer Mitglieder handelt. Das ist eine delikate Spannung. Auch die katholische Kirche muss durch dieses Spannungsfeld navigieren. Angesichts der Diversität der verschiedenen katholischen Gemeinden in aller Herren Länder scheint das eine fast unmögliche Aufgabe zu sein. Es ist ziemlich bemerkenswert, wie das bisher funktionierte.

ZEIT: Ihre eigene Religion, das Judentum, kommt ohne so eine hierarchische Struktur aus. Dort wird nicht dekretiert, sondern disputiert. Und dennoch überdauert das Judentum seit über 2000 Jahren. Ist das ein erfolgreiches Gegenmodell?

SOSIS: Ja und nein. Das Judentum mag erfolgreich überlebt haben. Aber schauen Sie sich die Mitgliederzahlen an! Weltweit gehören nur rund 0,2 Prozent der Menschheit dem jüdischen Glauben an. Zur katholischen Kirche gehört dagegen ein Sechstel der Weltbevölkerung. Und vom evolutionären Standpunkt aus ist die Größe einer Organisation das entscheidende Erfolgskriterium.

ZEIT: Wenn wir, nur mal als Gedankenspiel, die Situation der katholischen Kirche aus Sicht der Evolutionsbiologie interpretieren. Wird so verständlich, warum Papst Benedikt XVI. die lateinische Messe wieder einführte, warum er das Karfreitagsgebet wieder etablierte, in dem für die Bekehrung der Juden gebetet wird, und warum er den Schulterschluss mit den Traditionalisten sucht? Könnte man sagen, dass er die Regeln wieder strikter und die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche »kostspieliger« und damit wertvoller machen will?

SOSIS: Es kann schon sein, dass die von Ihnen skizzierte Strategie Erfolg hat. Auch das Reformjudentum hat zunächst viele Rituale verworfen, bis man erkannte, dass ohne Rituale einer Gemeinde die Struktur und die Bindung fehlen, und es vor einigen Jahren wieder eine Rückkehr zu alten Gepflogenheiten gab. Aber die »kostspieligen Signale« funktionieren nur, wenn ihr Preis angemessen ist und akzeptiert wird.


ZEIT: In Ihrer Studie zur Langlebigkeit religiöser Kommunen spielt das Gebot des Zölibats eine wichtige Rolle. Profitiert die katholische Kirche von diesem »kostspieligen Signal«?

SOSIS: In der Tat ist das Zölibat ein extrem guter Indikator für die Hingabe an eine Gruppe. Und das zölibatäre Leben einer Priesterschaft lässt sich als starkes Signal interpretieren, das bei den Massen Vertrauen erzeugt. Wer so ein Opfer bringt und seine Möglichkeit zur Reproduktion aufgibt, dem kann man zutrauen, dass er sich den Werten der Kirche verpflichtet und seine Entscheidungen selbstlos trifft. Es könnte allerdings sein, dass das Zölibat heute seine Signalfunktion verloren hat. Nach den Missbrauchsskandalen, die insbesondere die katholische Kirche in Amerika erschütterten, könnte sich die Meinung vieler Gläubiger gewandelt haben. Sie nehmen den zölibatär lebenden Priestern ihre moralische Haltung nicht mehr ab, sehen das Zölibat vielleicht sogar als Gefahr an.

ZEIT: Wenn sich das Umfeld ändert, wandelt sich auch der Wert der »kostspieligen Signale«. Auf welche Faktoren kann man sich dann noch verlassen? Was sichert den Erfolg einer Religion?

SOSIS: In einem Wort - Anpassungsvermögen. Schauen Sie sich die Geschichte an. Das Judentum, die katholische Kirche, jede langlebige Religion - sie alle haben sich gewandelt, und sie müssen es weiterhin tun. Allerdings ist es das Kennzeichen eines erfolgreichen Wandels, dass die Gläubigen ihn gar nicht wahrnehmen. Es gehört ja gerade zum Wesensmerkmal der Religionen, dass sie dem Zeitgeist gegenüber veränderungsresistent erscheinen. Wer eine Religion erfolgreich modernisieren will, beruft sich am besten auf die alten Texte und erzeugt den Eindruck, im Sinne der Tradition zu handeln. Wird eine Veränderung als Neuerung wahrgenommen - etwa die Einführung eines völlig neuen Rituals - stößt das oft auf großen Widerstand. Religionen sind dann erfolgreich, wenn sie sich stets ihrer Umgebung anpassen; aber sie müssen das auf eine Art und Weise tun, die für die Gläubigen selbst nicht wahrnehmbar ist.

Aus DIE ZEIT :: 12.02.2009

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