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Der Anti-Star - Nobelpreisträger Peter Higgs


von Ulrich Schnabel

Wie Peter Higgs durch Zufall weltbekannt wurde - und warum kaum jemand François Englert kennt, der nun mit ihm den Nobelpreis für Physik erhält.

Der Anti-Star - Nobelpreisträger Peter Higgs© fotoliaxrender - Fotolia.comDie Entdeckung des "Higgs-Teilchens" wurde mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet
Sollte eines Tages das Leben von Peter Higgs verfilmt werden, böte sich als cineastische Vorlage vielleicht Willkommen Mr. Chance an. In dieser Komödie macht ein schlichter Gärtner (Peter Sellers) durch eine Reihe kurioser Zufälle eine erstaunliche Karriere und steigt wider Willen zum gefeierten Präsidentschaftskandidaten auf. Ähnlich ergeht es Peter Higgs. Anders als Forscher wie Thomas Südhof, die über Jahre hinweg Spitzenleistungen erbringen (siehe "Fettige Bläschen"), landete Higgs nur einen wissenschaftlichen Glückstreffer in seinem Leben. Der allerdings reichte, um ihn als Namensgeber des ominösen »Higgs-Teilchens« unsterblich zu machen, und hat ihm nun den Physik-Nobelpreis eingetragen.

Es passt zu dem Antistar, dass er sich vor der Bekanntgabe der Preisträger lieber verdünnisierte. Der Erwartungsdruck war zu hoch geworden. Seit das Higgs-Teilchen vergangenes Jahr am Forschungszentrum Cern in Genf entdeckt wurde, galt der Brite als sicherer Nobelpreis-Anwärter. Das bekam ihm offensichtlich nicht gut. Der öffentlichkeitsscheue 84-Jährige kämpfte in den vergangenen Tagen mit einem heftigen Bronchitis-Anfall und stürzte schwer. »Er sah aus, als ob er überfallen worden wäre«, berichtete sein Kollege Alan Walker von der Universität Edinburgh. Deshalb sei Higgs lieber mit unbekanntem Ziel verreist, ohne ein Telefon mitzunehmen.

Der gewaltige Ruhm, der mit seinem Namen verbunden ist, war Peter Higgs ohnehin nie geheuer: Das von ihm postulierte Elementarteilchen müsse eigentlich »Brout-Englert-Higgs-Teilchen« heißen; noch korrekter müsse man vom »Anderson-Brout-Englert-Higgs-Guralnik-Hagen-Kibble-Mechanismus« reden. Denn all diese Forscher hätten jene Ideen mitentwickelt, die heute mit Higgs' Namen verknüpft sind; die belgischen Physiker François Englert und Robert Brout skizzierten sogar kurz vor Higgs den entscheidenden mathematischen Durchbruch. Folgerichtig teilen sich nun Higgs und Englert den Nobelpreis. Für Robert Brout, der vor zwei Jahren starb, kam die Ehrung dagegen zu spät. Doch selbst wenn es korrekt wäre: Brout-Englert-Higgs-Teilchen klingt einfach zu sperrig. So hat Higgs seinen Ruhm wohl nicht zuletzt der Kürze seines Namens zu verdanken.

Dabei hat er nie eine wissenschaftliche Spitzenkarriere angestrebt. In der Schule zeigte der asthmaanfällige Junge zwar ein gewisses mathematisches Talent. Doch anders als manche Mitschüler zog es ihn nicht nach Oxford oder Cambridge. Das seien in seinen Augen Orte für reiche, verwöhnte Jünglinge gewesen, erzählte er der ZEIT einmal. Er selbst ging lieber ans King's College in London, wo sich bald herausstellte, dass er zum Experimentator nur bedingt begabt war. Bei seinen Versuchen gab es mehrfach Unfälle; er beschloss, lieber Theoretiker zu werden.

Nach dem Studium schien Higgs auf das typische Schicksal des mittelmäßig begabten Akademikers zuzusteuern. Mehrere Bewerbungen um Dozentenstellen blieben erfolglos, er konnte kaum Veröffentlichungen vorweisen und war »relativ frustriert«, wie er selbst sagt. Erst 1960 begann sich das Blatt zu wenden. Nach einem Stipendium erhielt er seine erste Stelle in Edinburgh und beschäftigte sich mit der Quantenfeldtheorie, einer mathematischen Sprache zur Beschreibung subatomarer Vorgänge.

Das Feld galt als altmodisch und überholt, einflussreiche Physiker erklärten öffentlich, die Theorie sei nicht mehr zukunftsweisend. Für Higgs war die Geringschätzung ein Glück: Er hatte kaum Konkurrenz zu fürchten. An einem Wochenende im Juli 1964 entdeckte Higgs schließlich, dass man mithilfe der Quantenfeldtheorie ein mathematisches Problem lösen konnte, das die Zunft schon lange beschäftigte. Seine erste Arbeit dazu wurde veröffentlicht, die zweite jedoch von der Zeitschrift Physical Review Letters abgelehnt - zu unverständlich und abseitig erschien das Ganze dem Fachredakteur.

Verärgert schickte Higgs seine Arbeit einem anderen Journal, diesmal »gewürzt« durch einen Schlussabsatz. Erst darin zog er die revolutionäre Konsequenz aus seinen mathematischen Formeln: dass es nämlich ein bis dahin unbekanntes physikalisches Feld geben müsse, das allen anderen Elementarteilchen ihre Masse verleihe - heute bekannt als »Higgs-Feld«.

Es dauerte einige Zeit, bis die Fachwelt die Tragweite dieses Gedankens erkannte. Doch dann wurde Higgs ans ruhmreiche Institute for Advanced Studies in Princeton eingeladen, um dort seine Thesen den führenden Köpfen jener Zeit vorzustellen. Der Nobody aus Schottland fühlte sich, als hätte der Himmel persönlich angerufen. Er flog nach New York, setzte sich ins Auto - und wurde, als der Wegweiser »Princeton« erschien, von Panik überflutet. Zitternd musste er erst einmal am Straßenrand halten und sich beruhigen.

Doch der Vortrag gelang, und bald erkannten auch andere, dass Higgs einen Durchbruch erzielt hatte. Bei der Ausarbeitung des sogenannten Higgs-Mechanismus spielte er selbst allerdings nur noch eine Statistenrolle. Scharfsinnigere Physiker wie die späteren Nobelpreisträger Steven Weinberg, Sheldon Glashow oder Martinus Veltman erweiterten seine Grundidee zu einer physikalischen Theorie, aus der sich nachprüfbare Voraussagen ableiten ließen. Higgs versuchte vergeblich mitzuhalten. Er vernachlässigte seine Ehe, fuhr auf Konferenzen statt in den Familienurlaub und saß bei der Geburt seines ersten Kindes in der Bibliothek. Am Ende reichte seine Frau die Scheidung ein, was Higgs völlig aus der Bahn warf.

Ironischerweise begannen gerade zu jener Zeit die Physiker erstmals vom »Higgs-Mechanismus« zu reden. »Du bist berühmt!«, rief ein Freund 1972 ins Telefon, als er auf einer Konferenz in den USA hörte, wie ständig Higgs' Name fiel. Als dieser seine Scheidung überwunden hatte und mit Mitte 40 einen neuen Anlauf als Theoretiker nehmen wollte, musste er erkennen, dass es bereits zu spät war. Jüngere Physiker waren mit ganz neuen Ideen auf den Plan getreten, Higgs hatte den Anschluss verloren.

Er zog sich mehr und mehr zurück und überließ anderen die populäre Beschreibung seiner Theorie. Am bekanntesten wurde die »quasipolitische Erklärung« des Physikers David Miller, der den komplizierten Higgs-Mechanismus mit einer Cocktailparty unter Politikern verglich: Zu Anfang sind die Anwesenden gleichmäßig verteilt, doch sobald der Premierminister den Raum betritt, zieht er andere Politiker stark an und sammelt sie haufenartig um sich herum. Bewegt er sich durch den Raum, wenden sich ihm ständig neue Zuhörer zu, während andere die Menschentraube verlassen. So erhält der Premierminister ein größeres Gewicht - auf ähnliche Weise erzeugt das hypothetische Higgs-Feld die Masse der Elementarteilchen. Higgs selbst mag solche Veranschaulichungen nicht, weil sie physikalisch natürlich nicht wirklich korrekt sind. Aber er gibt auch zu: »Ich würde nicht wagen, mich an dem Wettbewerb um die plastischste Erklärung zu beteiligen, weil ich bestimmt verlieren würde.«

Die Nachricht vom Nobelpreis hat er daher sicher mit sehr gemischten Gefühlen aufgenommen. Denn damit kommt auch die Verpflichtung zu öffentlichen Auftritten auf ihn zu, die er doch so sehr scheut. Andere Wissenschaftler träumen ihr Leben lang von diesem Schritt ins Rampenlicht - Peter Higgs dürfte vor allem froh sein, wenn der Rummel wieder vorbei ist.

DIE ZEIT :: 10.10.2013

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