Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Der Chefmechanist

Von Stefanie Schramm

Mike Lamont hält den Genfer Teilchenbeschleuniger in Schwung, mit dem das Higgs nachgewiesen wurde.

Der Chefmechanist© Julian Herzog - http://commons.wikimedia.org/Mit seinem 27 km langen Ringtunnel ist der LHC der größte Beschleuniger der Welt
Es ist Frühling, einige Monate vor der großen Entdeckung. Im äußersten Westen der Schweiz springt Mike Lamont in seinen knallgelben, winzigen Citroen, startet und tritt aufs Gas. Lamont brettert ins schweizerische Örtchen Meyrin, zum Eingang der größten unterirdischen Rennbahn der Welt: des Teilchenbeschleunigers LHC am Cern bei Genf. Er bremst hart, holpert mit seinem 70-PS-Gefährt auf den Grasstreifen neben dem vollen Parkplatz, steigt aus. Am rechten vorderen Kotflügel hat eine Kollision Spuren hinterlassen.

Lamont ist der Chefmechaniker der größten Maschine überhaupt, der Leiter der Operations Group des Large Hadron Collider (LHC). Er ist dafür verantwortlich, 30 Trillionen Teilchen, die gleichzeitig mit nahezu Lichtgeschwindigkeit durch den 27 Kilometer langen Ringtunnel rasen, auf Kurs zu halten, mikrometergenau. »Grace under pressure« sei das Geheimnis seines Jobs, sagt der Engländer - Anmut unter Druck. So hat Ernest Hemingway einmal die wichtigste Charaktereigenschaft seiner Protagonisten beschrieben. Wie ein Hemingway-Held wirkt der 52-jährige Physiker nicht gerade: Nickelbrille, Kurzhaarschnitt, schmale Schultern.

Der Druck steigt. Die Wissenschaftler am Cern wollen endlich das Higgs-Boson aufspüren. Das Partikel, von manchen zum »Teilchen Gottes« verklärt, ist der einzige Baustein im Standardmodell der modernen Physik, der noch nicht gefunden wurde. Das Higgs-Boson soll erklären, woher Elementarteilchen das haben, was Physiker »Ruhemasse« nennen. Um es nachzuweisen, brauchen die Experimentalphysiker die Protonen, die Lamont und seine Maschinenmannschaft in den Beschleunigerring schießen und zusammenstoßen lassen. Die Spuren dieser Kollisionen zeichnen die Forscher mit haushohen Detektoren auf. Womöglich führen einige davon zum Higgs. Lamont wäre es recht: »Die sollen das Ding endlich erledigen, verdammt noch mal!«

Der Eingang zur Untergrundrennbahn wird streng kontrolliert: persönlicher Chip, Iris-Scan. Die Sicherheitsschleuse lässt die Besucherin nicht passieren. »Mist, das System ist neu. Ich hab beim Antrag was falsch gemacht«, sagt Lamont. Schnell plant der Cheforganisator eine Alternative. Benedetto Gorini, Koordinator des Atlas-Detektors, lädt die Besucher in seinen Kontrollraum. »Hier war ich auch noch nicht«, sagt Lamont. Normalerweise telefonieren die beiden, wenn Gorini etwas am Teilchenstrahl auszusetzen hat oder der Detektor muckt. »Wir brauchen dieses Jahr mehr Luminosität«, fordert der Koordinator. Luminosität, das ist die Teilchendichte. Mehr Teilchen bedeuten mehr Kollisionen und mehr Daten - und eine schnellere Antwort auf die Higgs-Frage.

Wie das zu bewerkstelligen ist, will Lamonts Team am Nachmittag im Cern Control Center, dem CCC, diskutieren. Das liegt in Prevessin auf der französischen Seite der Grenze. In seinem gelben Kleinstwagen prescht der oberste Mechaniker zum zweiten Standort des Cern. Ähnlich wie die Teilchen, die sie im Kreis jagen, müssen die Physiker ständig zwischen der Schweiz und Frankreich hin- und herflitzen, zwischen den beiden Hauptstandorten, den vier Detektoren, den acht Zugangspunkten zum Protonenparcours.

Der Beschleuniger

Das Kernforschungszentrum Cern bei Genf ist die größte Physikerkolonie der Welt: 2400 Wissenschaftler sind dort angestellt, 10 000 Forscher aus aller Welt arbeiten zeitweise als Gäste am aufwendigsten Forschungsprojekt aller Zeiten. Der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) soll helfen, die letzten Fragen der Physik zu beantworten: Wie fing das Universum an? Woraus besteht es? Was hält es zusammen? Für die Wartung und Steuerung der weltgrößten Maschine sind etwa einhundert Maschinenphysiker, Ingenieure und Techniker zuständig. Der Bau des Beschleunigers hat rund drei Milliarden Euro gekostet, ohne die Teilchen-Detektoren. Der Betrieb des Cern kostet etwa eine Milliarde Euro im Jahr. Deutschland zahlt ein Fünftel davon.
Bei der Besprechung im CCC dreht sich alles um Beta. Das ist die Amplitudenfunktion, eine der Stellschrauben für die Luminosität. Sinkt Beta, wird der Teilchenstrahl dünner, die Luminosität steigt. Die Maschinenphysiker überlegen, in welchen Schritten sie Beta reduzieren sollen. Lamont lehnt sich zurück, kratzt sich am Kopf, klickt mit seinem Kuli. Er sagt wenig. Als die Forscher sich auf einen Plan geeinigt haben, verschwindet der Chef, er will noch eine Präsentation für die nächste Konferenz vorbereiten.

»Ich hoffe, Sie mögen Meetings«, hatte Lamont schon vor dem Treffen gesagt. Bis zu zehn davon hat er jede Woche. »Ich muss alles zusammenhalten, das ist mein Job.« Nach der Konferenz geht er kurz im Kontrollraum vorbei. Vor den Monitoren hocken die diensthabenden Ingenieure, sie fahren den LHC gerade nach der Winterpause wieder hoch. »Na, benimmt sich die Maschine anständig?« Auf einem Regal stehen Champagnerflaschen, die haben sie geleert, als der Beschleuniger nach dem großen Crash wieder anlief. Nur neun Tage nach dem Start im September 2008 hatte sich einer der supraleitenden Magneten wegen einer fehlerhaften Stromverbindung überhitzt, sechs Tonnen des kühlenden Heliums waren ausgetreten. Erst mehr als ein Jahr später konnte der LHC wieder durchstarten. Da knallten die Korken.

Seit 23 Jahren arbeitet der Engländer am Cern, zehn davon mit dem LHC. Früher war er selbst Teilchenphysiker, dann wurde er zu einem der gefragtesten Experten für die Maschinen, mit denen er und seine Kollegen in die Partikelwelt blickten. »Ich bin da so reingerutscht«, sagt er. Manchmal vermisse er die Physik. »Ich würde mich gern mal wieder auf eine Sache konzentrieren. Jetzt mache ich extremes Multitasking.« Und unter den Physikern gebe es eine Hierarchie: »Ganz oben stehen die Theoretiker, dann kommen die Experimentalphysiker und dann wir, die Maschinenleute.«

Wirklich unwohl scheint sich Lamont in dieser Rolle nicht zu fühlen. Er drängt nicht nach vorn, das überlässt er anderen. Wie beim Fußball. Er hat lange in der Cern-Mannschaft gespielt. »Da waren viele Italiener, die waren natürlich die Stürmer«, erzählt er. »Mich haben sie ins Tor gestellt.« Da hat er den Kasten sauber gehalten. Es wird Zeit für die Teilchenrennbahn. Lamont steigt wieder in sein Auto. Auf dem Weg zum Tunneleingang überholt ihn ein Kollege, im BMW. »Rrrmmm«, macht Lamont und ruckelt auf seinem Sitz vor und zurück, als wenn er so noch ein paar PS herausholen könnte. Wie kam das eigentlich mit diesen Kollisionsspuren vorn rechts? Der Beschleunigerspezialist biegt schwungvoll auf das Cern-Gelände in Meyrin ein. »Da habe ich zurückgesetzt und ...« Er bremst scharf. Die Schranke saust herunter. Kurz bevor sie die Windschutzscheibe erreicht, stoppt der Wagen. »Puh, jetzt war ich unaufmerksam!« Nach der Beinahekollision rollt Lamont langsam auf den Parkplatz.

Diesmal macht das Sicherheitssystem keine Probleme. Mit dem Fahrstuhl geht es hundert Meter in die Tiefe. Der Chefmechaniker ist nicht mehr oft hier unten, meist sitzt er vor dem Computer oder an Konferenztischen. Das Schrauben übernehmen andere. Durch den Tunnel zieht sich die blau lackierte Röhre, in der in wenigen Wochen wieder Protonen im Kreis flitzen werden, 11 000 Mal pro Sekunde. 1500 lastwagengroße, auf Weltraum temperatur gekühlte Magnete halten sie in der Spur. Versagt nur einer, schießt der Teilchenstrahl aus der Bahn. Dann müssen Lamonts Leute versuchen, ihn auf einen Graphitblock zu lenken. »Es kann so viel schiefgehen, und es geht auch viel schief«, sagt der Physiker, während er an der Röhre entlangläuft. »Der LHC ist wie ein schwieriger Teenager.« Um ein solches Projekt anzupacken, müsse man ein wenig ahnungslos sein. »Wenn man genau wüsste, was auf einen zukommt, würde man es lassen.«

Wenn die Teilchenschleuder sicher hochgefahren ist, lässt der Druck auf Lamont ein bisschen nach. Für das Sammeln und Analysieren der Daten sind die Physikerteams der verschiedenen Detektoren zuständig. Spannend dürfte es Anfang Juli auf der Konferenz für Hochenergiephysik in Australien werden, meint er. »Da wollen wir ein fundiertes Update in Sachen Higgs liefern«, sagt Lamont. Dass aus dem Update eine Sensation werden wird, ahnt der Chefmechaniker nicht, dass ihn die Wirklichkeit überholen wird.

Im vergangenen Jahr hatten die Experimentalphysiker erste Hinweise auf das Higgs-Boson entdeckt, bis Ende 2012 wollten sie den Beweis antreten. Doch bereits vergangene Woche verkündeten sie die Entdeckung - mit kleiner Restunsicherheit. »Dass es so schnell gehen würde, haben wir nicht erwartet«, sagt Lamont jetzt. Dabei war es gerade die von ihm optimierte Luminosität, die mehr Kollisionen ermöglichte, mehr Daten und die schnellere Entdeckung. Nun gut, schränkt er ein, noch sei nicht sicher, ob sie das Higgs-Boson gefunden hätten oder ein Higgs-Boson. Hat seine Maschine reibungslos funktioniert? »Ja, fantastisch, absolut großartig.«

Aber selbst wenn das neue Teilchen seine letzten Geheimnisse preisgegeben hat, wird Lamont nicht arbeitslos werden. Die nächsten Experimente sind bereits geplant. »Nach Weihnachten werden wir Protonen mit Bleiatomen zusammenprallen lassen«, sagt er. Diesmal geht es um das Quark-Gluon-Plasma, den Urstoff, der nur für einen flüchtigen Moment nach dem Urknall existierte.

Die Physiker mögen noch über die Bedeutung ihrer Entdeckung streiten. Der Chefmechaniker freut sich schon auf die Rückkehr in seine Maschine. »Es gibt noch viel zu klempnern.«


Aus DIE ZEIT :: 12.07.2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote