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Der Dreimal-täglich-Chip

Von Franziska Dräger

Nie wieder eine Tablette vergessen, dies verspricht ein implantierbares Wirkstoff depot. Was den einen entlastet, sieht der andere als Bevormundung.

Der Dreimal-täglich-Chip© sijole - photocase.de"Sollte der Chip alle Prüfungen bestehen, könnte er vielleicht bald chronisch Kranken den Luxus ermöglichen, ihre Krankheit eine Zeit lang zu vergessen."
Für seine Premiere hatte sich Robert Farra die weltgrößte Wissenschaftskonferenz ausgesucht: das Treffen der American Association for the Advance ment of Science in Vancouver. Auf dem Podium hielt er stolz etwas hoch, das von Weitem einem elektronischen Autoschlüssel ähnelte. In seiner Hand lag der Prototyp einer implantierbaren Miniapotheke, die der Arzt fernsteuern kann. »Das ist ein aufregender Moment für unser Unternehmen, für Patienten und für die Zukunft der Medizin«, sagte Farra.

Der Chef der Medizintechnikfirma Microchips meinte damit das erste erfolgreiche Experiment an Menschen, bei dem ein Medikamentendepot unter der Haut Wirkstoffe ins Blut abgab - und zwar wahlweise nach einem festen Programm oder auf ein Funksignal hin. Getestet hat die Firma ihren Chip an acht Osteoporose-Patientinnen im Alter von 65 bis 70 Jahren. Bei einer ambulanten Operation wurde ihnen auf Hüfthöhe ein Mikrochip implantiert, der elektronisch mit mikroskopisch kleinen Kammern verbunden war. In diesen Kammern lagerte der Wirkstoff Teriparatid, ein Mittel gegen Knochenschwund. Ein elektrisches Signal erhitzte jeden Tag zu einer definierten Uhrzeit die hautdünnen Platinmembranen, die die einzelnen Kammern versiegelten. Die Membran schmolz und gab eine Tagesdosis des Medikaments frei. Die Blutwerte der Patientinnen zeigten, dass der Mechanismus funktioniert und dass der Wirkstoff auch durch das feste Gewebe dringen kann, das sich wie eine innere Narbe um jedes Implantat im Körper bildet. Das Medikament war in ähnlichen Konzentrationen im Blut der Probandinnen zu finden wie bei Patienten, die das Mittel wie üblich über eine tägliche Injektion erhalten hatten.

Natürlich ist die Patientengruppe viel zu klein, um mögliche Nebenwirkungen der Anwendung auszuschließen. Erst einmal muss der Medikamenten-Chip so umfassend wie möglich auf Risiken getestet werden. Wie alle Implantate kann er prinzipiell Infektionen, Allergien oder Abstoßungsreaktionen hervorrufen. Offene Fragen sind außerdem, ob ein Kurzschluss alle seine Medikamentenkammern gleichzeitig öffnen kann, ob Handys sein Signal stören können, ob er sich mit anderen Geräten im Körper, wie Herzschrittmachern, verträgt.

Im Sommer wollen Farra und seine Kollegen deshalb die erste größere Studie starten. Sie hoffen, in fünf Jahren ein marktreifes Produkt anbieten zu können. Damit sehen die Forscher nicht nur das Ende der täglichen Spritze für viele chronisch Kranke nahen, sondern auch den Patienten an der kurzen Leine des Arztes. »Die digitale Steuerung verspricht eine hundertprozentige Therapietreue«, schwärmt Farra. Ein Arzt könne flexibel kontrollieren, wie oft und wann seine Patienten ihre Medikamente nehmen. Daniel Strech, Medizinethiker an der Universität Hannover, sieht in dieser Kontrolle durchaus Chancen für die Arzt-Patienten-Beziehung: »Aktuell wird es viele Momente geben, in denen der Arzt rätselt, ob der Patient seine Medikamente vielleicht nicht regelmäßig nimmt und sie deshalb nicht richtig wirken.« Das könne Misstrauen schüren. »Ein Chip könnte diese Situation verbessern.«

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass sich die Hälfte der Patienten nicht konsequent an die Anweisungen halten, die sie von ihrem Arzt bekommen. Sie lösen Rezepte erst gar nicht ein. Sie nehmen die Pillen nach Gutdünken oder vergessen ganz, sie einzunehmen. Experten schätzen, dass auf diese Weise im deutschen Gesundheitssystem bis zu zehn Milliarden Euro pro Jahr verschwendet werden. Der Chip verspreche enorme Einsparungen für die Kassen, sagt Robert Farra. Vielleicht würden eines Tages alle, die eine Behandlung mit teuren Medikamenten brauchen, einen solchen Chip implantiert bekommen. Wer mit Farra spricht, denkt schnell an Überwachung und an eine Zwangsmedikamentierung des Menschen, an möglichen Missbrauch. »Wenn diese Art technischer Kontrolle zur Routine in der Medizin würde, zur Grundvoraussetzung für eine medizinische Behandlung, dann hätten wir ein ethisches Problem«, sagt Daniel Strech. Selbst wenn der Chip gut funktioniere, müsse man das Recht haben, zu sagen: »Ich bin nicht der Typ dafür, ich fühl mich einfach wohler, wenn ich weniger technische Geräte um mich herum oder in mir drin habe.« Doch von solch einem orwellschen Szenario, sagt Strech, seien wir zurzeit weit entfernt.

Das wird auch deutlich, wenn man die Wächter über die Finanzen im Gesundheitswesen fragt; gerade sie sind sehr skeptisch gegenüber Robert Farras Implantationsversuchen. Ursula Marschall etwa, die Leiterin der medizinischen Abteilung von der Barmer GEK, sagt: »Der Chip ist sicher nicht die Lösung für das Problem.« Er helfe nur, das Einnehmen von Medikamenten nicht zu vergessen. »Patienten, die ihre Medikamente nicht nehmen wollen, würden sich auch keinen solchen Chip implantieren lassen.« Stefan Lange, der stellvertretende Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, sagt: »Therapietreue ist kein Selbstzweck. Sie wird nur dann für uns interessant, wenn sie dem Patienten nutzt. Wenn zum Beispiel Patienten mit hohem Blutdruck, die regelmäßiger als andere ihre Medikamente nehmen, tatsächlich auch seltener einen Herzinfarkt bekommen.« Sollte der Chip alle Prüfungen bestehen, könnte er vielleicht bald chronisch Kranken den Luxus ermöglichen, ihre Krankheit eine Zeit lang zu vergessen. Und das, ohne ihrer Gesundheit zu schaden oder Gelder der Solidargemeinschaft zu verschwenden.

Die Therapietreue von Patienten kann man aber schon jetzt mit weniger technischen Mitteln steigern. Ärzte müssen ihren Patienten noch genauer erklären, warum diese ihre Medikamente täglich nehmen sollten, obwohl die Pillen ihre Wirkung vielleicht erst nach einer Weile entfalten, die Nebenwirkungen aber ab dem ersten Tag zu spüren sind. Beipackzettel könnten wesentlich verständlicher gestaltet werden. Als Gedächtnisstütze können auch simple Uhren dienen, die ihre Träger durch Piepsen an die Tabletteneinnahme erinnern. Auch ein Besuch vom Pflegedienst hilft gegen das Vergessen. Und es geht noch schlichter: die bewährte Pillendose mit Fächern für jeden Wochentag.

Aus DIE ZEIT :: 01.03.2012

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