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Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss wird einhundert Jahre alt

Von Thomas Assheuer

Sein Denken ist aktuell wie nie. Kein anderer hat die zerstörerische Macht unserer Zivilisation so hellsichtig beschrieben wie er.

Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss wird einhundert Jahre alt© P.Imbert - Collége de FranceClaude Lévi-Strauss
Dieser Tage beginnt die Gelehrtenrepublik mit den Zurüstungen für seine Unsterblichkeit. Claude Lévi- Strauss wird einhundert Jahre alt, und die Festredner werden den Purpurglanz seines Ruhmes mehren und über ihn sagen, was zu sagen ist: Er sei der bedeutendste lebende Ethnologe und auch der bedeutendste Anthropologe, der Kronzeuge des 20. Jahrhunderts, ein überragender Intellektueller. Und natürlich ein Belletrist der Wissenschaft, der uns in unvergesslichen Büchern die "Naturvölker" nahegebracht hat.

Das alles ist richtig, und doch nur die halbe Wahrheit. Der Jubilar hat nämlich noch eine andere Entdeckung gemacht, und sie stürzt die Lobredner in Verlegenheit. Auf seinen Forschungsreisen stieß Lévi-Strauss auf eine Stammeskultur, die ihm reizbar und brandgefährlich erschien.

Sie plünderte die Natur, verwüstete ganze Landstriche, verehrte affige Götzen, massakrierte ihresgleichen und war berüchtigt für ihre historischen Gemetzel. Inzwischen hat diese exotische Stammeskultur alle Mitbewerber aus dem Feld geschlagen und beherrscht die Welt. Ihr Name lautet "Zivilisation".

Auch die zweite Botschaft, mit der Claude Lévi- Strauss in den fünfziger Jahren von sich reden machte, war eine Provokation. Der Mensch, gab er zu verstehen, sei eine "Maschine" mit "Milliarden von Nervenzellen unter dem Termitenhügel des Schädels". Im Gegensatz zum instinktgeleiteten Tier habe die Menschmaschine jedoch einen angeborenen Nachteil: Um sich im Dschungel der Tatsachen und Widersprüche zurechtzufinden, brauche sie symbolische Handreichungen und erklärende Mythen. Auf den ersten Blick sind die Mythen, die sich die Menschen seit Jahrtausenden erzählen, von verwirrender Vielfalt; tatsächlich aber, so behauptet Lévi-Strauss, folgen sie unsichtbaren Mustern und invarianten Strukturen. Fast alle Kulturen kennen die Geschichte vom geheimnisvollen Gral, und fast alle erzählen sich die Geschichte vom Sohn, der die Mutter begehrt und den Vater aus dem Weg räumen will. Oder die Geschichte von der Frau, die vom Jaguar durch den Urwald gejagt und von einer Kinderstimme gerettet wird. Die Figuren in solchen Geschichten sind austauschbar, es muss weder ein Jaguar noch ein Kind sein. Identisch jedoch sind die Strukturen, die sich unter der narrativen Oberfläche verbergen. Das aber kann nur heißen: Nicht Menschen denken sich in den Mythen, sondern Mythen denken sich in den Menschen. Und die neue Theorie, die die Strukturgesetze ans Licht brachte, hieß - Strukturalismus.

Bevor man Lévi-Strauss nun den akademisch handelsüblichen Vorwurf der "Subjektfeindlichkeit" macht, sollte man eines bedenken: Die strukturale, in den vier Bänden der Mythologica entfaltete Methode war zunächst ein unerhörter Akt der Gerechtigkeit, eine Ehrenrettung und späte Anerkennung der nichtwestlichen Kulturen. Denn wenn alle Gesellschaften denselben Strukturen "aufsitzen", wenn der verschlungene Bilderkosmos der "Primitiven" ähnlich vielschichtig ist wie der der Hochkultur, dann verliert die westliche Zivilisation auf einen Schlag ihre kulturelle Überlegenheit. "Der Reichtum und die Kühnheit in den ästhetischen Erfindungen der Melanesier, ihre Gabe, noch die dunkelsten Produkte der unbewussten Aktivität des Geistes in das soziale Leben miteinzubeziehen, bilden einen der höchsten Gipfel, die die Menschen in dieser Richtung erreicht haben." Der "Wilde" ist kein rückständiges Wesen, er ist ein gleichberechtigter Teilnehmer im Schauspiel der Menschheit, das in unvordenklicher Zeit auf diesem vom kosmischen Zufall begnadeten Planeten begann und irgendwann, von sich selbst erschöpft, an sein natürliches Ende gelangen wird.

Während sich die Sonne des Rationalismus langsam verdunkelt, lässt Lévi-Strauss das Genie der schriftlosen Kulturen leuchten, den Zauber von Kult und Magie. Zu leuchten beginnen auch die als "kindlich" belächelten Zeitalter, zum Beispiel die "neolithische Revolution", die "ebenso ihren Pasteur hatte wie die anderen auch". Zu allen Zeiten "haben die Menschen geliebt, gehasst, gelitten, geforscht und gekämpft. In Wirklichkeit gibt es keine kindlichen Völker; alle sind erwachsen, auch diejenigen, die keine Chronik ihrer Kindheit verfasst haben."
Vom theoretischen "Herz" des Strukturalismus ist heute wenig übrig geblieben, und aus einer strengen Methode wurde eine possierliche Mode, die sogar ihrem Erfinder bald auf die Nerven ging. Verblasst ist auch der provokative Charme. Niemand wird sich heute mehr nonchalant über den Unterschied von Mythos und Religion hinwegsetzen oder den Eindruck erwecken, die menschliche Freiheit sei, nun ja: ein unbeträchtlicher Zwischenfall im Strukturtheater der Natur, kaum mehr als eine süße Fiktion, die man an die Gefängniswand pinselt, um die irdische Misere besser zu ertragen. Pierre Bourdieu, einst sein Bewunderer, wandte sich deshalb von Lévi-Strauss ab; Jean-Paul Sartre beschuldigte ihn der "Geschichtsvergessenheit". Ganz falsch war es nicht. Tatsächlich verwandelt Lévi-Strauss in den düsteren Passagen seines Werks die Weltgeschichte in ein Naturschauspiel, in einen Maskenzug mythischer Zeichen, der sich über den Erdball schleppt bis ans Ende aller Tage. "Naturalisierung der Verhältnisse", riefen die Studenten im Pariser Mai 1968 und lästerten: "Strukturen laufen nicht auf der Straße herum."

So aufwühlend der Streit auch war, so blieb er doch seltsam an der Oberfläche. Denn das Engagement des inzwischen berühmten Feldforschers war anderer Natur, es war viel radikaler, als die Revolutionäre sich das vorstellen konnten. Lévi- Strauss erforschte nämlich nicht nur das "wilde Denken" der "Naturvölker"; er verstand sich zugleich als ein Ethnologe der Moderne - als jemand, der sich gezwungen sieht, die "Natur" der Zivilisation zu ergründen. Denn wohin seine Reisen ihn auch führen, auf Schritt und Tritt stößt er auf die hässlichen Brandzeichen des Westens, während das "Ursprüngliche", das Unberührte und Authentische unauffindbar ist, bestenfalls dunkel und opak. "Was uns die Reisen zeigen, ist der Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben." Die Handvoll Indianer, die er noch trifft, sind Davongekommene, die ihre Ausrottung überlebt haben. Mehr und mehr wird die "Wildnis" zum Spiegel, der ihm die Wahrheit über das eigene, verwilderte Zeitalter enthüllt. "Wie der Indianer im Mythos bin auch ich so weit gelaufen, wie die Erde es zulässt, und am Ende der Welt angekommen, habe ich die Wesen und die Dinge befragt und dieselbe Enttäuschung erlebt wie er."

Der Satz stammt aus Traurige Tropen, einem hinreißend geschriebenen, im Jahr 1955 veröffentlichten "Reisebericht" aus Brasilien, der alles zugleich ist: eine romantische Elegie, ein einzigartiges Denkmal der westlichen Kultur, deren Untergang es verkündet - und ein wehmütiger Abschiedsbrief, dessen Adressat niemand anderes ist als die ganze Menschheit. Untröstlich sind die Tropen für Claude Lévi-Strauss im vielfachen Sinn. Ihr Leben lebt nicht mehr, sie sind auf Abschied gestimmt und gezeichnet von ihrem nahenden Tod. Nicht mehr lange, dann wird der majestätische Widerstand der Regenwälder gebrochen sein, und die Indianerstämme im Mato Grosso werden aussterben oder an Stadträndern vegetieren, zur Strecke gebracht von den Missionaren des Rationalismus, die mit der Fackel der Aufklärung durch den Busch rennen und seine Geheimnisse niederbrennen. "Nie wieder werden uns die Reisen, Zaubertruhen voll traumhafter Versprechen, ihre Schätze unberührt enthüllen. Eine überreizte Zivilisation stört für immer die Stille der Meere. Eine Gärung von zweifelhaftem Geruch verdirbt die Düfte der Tropen und die Frische der Lebewesen." Die "polynesischen Inseln ersticken in Beton", Barackenviertel "zerfressen Afrika".

Die Welt hat ohne den Menschen begonnen. Und wird auch so enden

Das ist die endlose, herzzerreißende, nie kitschige Melodie der Traurigen Tropen, eines Requiems auf die westliche Kultur, die "große Schöpferin all der Wunder, an denen wir uns erfreuen" - eine Kultur, der es nicht gelungen sei, "diese Wunder ohne ihre Kehrseiten hervorzubringen". Wie armselig sei ihr Mythos vom ewigen Fortschritt, das traumlose Recycling der eigenen Leere - und wie viel Erinnerung wohne den Ritualen der "Wilden" inne, die ihre Vergangenheit am Leben erhielten und in jedem Baum ihren Vorfahren begegneten. Der Westen habe kein Gespür dafür, dass sein Hochmut provinziell, seine Vernunft imperial und sein Wohlstand hohl seien. "Wir begreifen nicht, dass Prinzipien, die für unsere Entfaltung fruchtbar gewesen sind, von andern nicht so hoch verehrt werden, als dass sie veranlasst würden, sie für den eigenen Gebrauch zu übernehmen."

Es ist nicht so, als seien die Wilden für Lévi-Strauss die besseren Menschen. Auch sie haben schwere Sünden begangen, vor allem die Azteken mit ihrem "manischen Durst nach Blut und Folter". Doch im Wettbewerb der Weltzerstörung belegten die westlichen Gesellschaften, egal ob Kapitalismus oder Kommunismus, nun einmal den ersten Platz - was die Rituale der Grausamkeit angehe, die Summe der Massaker und Scheußlichkeiten, müsse man sie mit den Azteken vergleichen. Die Art und Weise wiederum, wie archaische Kulturen mit dem sozialen Regelbruch umgehen, nötigt ihm große Ehrfurcht ab. Der Westen sperre seine Verbrecher zu Tausenden hinter Gitter und lasse sie bei lebendigem Leib verfaulen - selbst Menschenfresser verhielten sich humaner. "Den meisten Gesellschaften, die wir primitiv nennen, würde diese Sitte tiefe Abscheu einflößen; sie würde uns in ihren Augen mit derselben Barbarei behaften, die wir ihnen anzulasten versuchen."
Auch die westliche Wirtschaftsweise erscheint ihm seltsam exotisch. Sie sagt "Alles, was du tust - es muss sich lohnen". Sie ist verhext vom Voodoo-Zauber des Wachstums und vernarrt in die geistlose Akkumulation von Gütern und Kapital. Ihr Wesen sei der Exzess, die zwanghafte "Steigerung von Energie". Ihre Hexenmeister belohnten Leidenschaften, die archaische Kulturen zutiefst verachten, vor allem Maßlosigkeit und Gier. Und die "Primitiven"? Sie leben im Ausgleich mit der Schöpfung, sie wollen Gabe und Gegengabe.

Traurig sind die Tropen schließlich, weil sie dem Reisenden die Ahnung zur Gewissheit machen, dass die Zivilisation das Band mit der Natur zerschnitten und sich auf immer dem Kreislauf von Werden und Vergehen, Geburt und Tod entfremdet hat. Nur ein Philosoph habe das Unheil kommen sehen, nämlich Jean-Jacques Rousseau, "unser Lehrer, unser Bruder, dem wir nichts als Undankbarkeit erwiesen haben". Ihn trägt Lévi- Strauss auf Händen durch sein Werk, ihm liegt er zu Füßen, denn Rousseau habe es gewusst: Es wäre für die Menschheit besser gewesen, sie hätte die Mitte gehalten zwischen der "Trägheit des primitiven Zustandes" und der "ungestümen Aktivität unserer Eigenliebe". Nun "ist es zu spät", die überhitzte Zivilisation kann ihre natürlichen Grundlagen nicht erhalten und wird verschwinden wie jene "prähistorischen Riesentiere", deren Ausdehnung mit den "inneren Mechanismen ihrer Existenz" unvereinbar waren. Was kommt, sei Stillstand und Entropie. Erfolgreich arbeitet der Mensch an der "Auflösung der ursprünglichen Ordnung", er jagt "organisierte Materie in einen Zustand der Trägheit" und "zerstört Milliarden von Strukturen, um sie in einen Zustand zu versetzen, in dem sie sich nicht mehr integrieren lassen". Gibt es einen Trost im Herzen der Finsternis? Es gibt ihn. "Die Welt hat ohne den Menschen begonnen, und sie wird auch ohne ihn enden."

Der Traum vom buddhistischen Leben und den Meditationen des Weisen

Mit der Reise in die Fremde "verfremdet" sich die Zivilisation zu einer wild gewordenen Stammeskultur, die alles mit ihren Wundmalen überzieht oder mit ihren patterns durchdringt. Seit dem Kolonialismus, "dieser Todsünde", verachte der Westen das Unberührte, und "er wird erst Ruhe geben, wenn der Regenbogen der menschlichen Kulturen endlich im Abgrund unserer Wut versunken sein wird". Ein letztes Mal öffnet der amazonische Urwald ihm die Augen für die Tragödie der westlichen Kultur, für die Epidemien der Unvernunft: Sie wollte Freiheit, doch sie erstickt an Unfreiheit - wie ein Sklave ihrer eigenen Lebensform liegt sie in den Ketten der Sachzwänge, und daran gemessen war das Leben der Wilden von paradiesischer Freiheit. Oder in einer grandiosen Formulierung: Die Moderne stopft die "klaffenden Risse in der Mauer der Notwendigkeit" zu - um ihr "Werk in demselben Augenblick zu vollenden", da sie ihr "Gefängnis zuschließt".

Gewiss, das war die Kulturkritik der fünfziger Jahre, der pessimistische Zauber einer Weltverdüsterungsprosa, die sich die Zukunft nur als Verfall vorstellen konnte, als betonierte Tristesse, als Grau in Grau sinnloser Progression und sinnloser Uniformität, kurz: als "abstrakte Menschheit", die "nach Agfacolor lechzt" und alles Lebendige in den Warenkreislauf einspeist. Im Gegenzug träumt der Ethnologe von einer anderen, einer "buddhistischen" Moderne, in der sich der "Unterschied zwischen dem Sinn und dem Fehlen von Sinn" verflüchtigt und die erfüllt ist von den "Meditationen des Weisen am Fuß des Baums".

Das ist sein schönster, sein menschenfreundlichster Widerspruch. Lévi-Strauss "exotisiert" die Zivilisation und beschreibt sie von ihrem Ende her - und genau dadurch wird sie ihm wieder vertraut und gewinnt sein Wohlwollen zurück. Mit dieser Denkbewegung beschließt der Ethnologe ein intellektuelles Abenteuer, für das ein großes Wort gerade groß genug ist: die Selbstreflexion der Moderne, den abenteuerlichen Versuch, das Ganze als Ganzes zu denken. Alles ist verloren, heißt es nun, "doch nichts ist verspielt. Wir können alles von vorn anfangen."

Eine andere Welt werde es nicht mehr geben, und darum bestehe die Aufgabe des Menschen darin, sich gegen den Verfall zu wehren und den Traum von einer "brüderlichen Menschheit" ins Werk zu setzen. Schon für diesen Satz darf man den Hundertjährigen rühmen.


Wildes Denken
Claude Lévi-Strauss wird am 28. November 1908 als Sohn französischjüdischer Eltern in Brüssel geboren. Er studiert Jura und Philosophie in Paris, unterrichtet als Gymnasiallehrer und wird 1935 Professor für Soziologie an der Universität Sao Paulo. In diese Zeit fallen ausgedehnte Forschungsreisen nach Zentralbrasilien. 1939 wird er in die französische Armee einberufen und flüchtet 1941 in die USA. Nach seiner Rückkehr lehrt Lévi-Strauss Sozialanthropologie am Collège de France. Seine Werke sind auf Deutsch im Suhrkamp Verlag erschienen. Thomas Reinhardt hat für den Junius Verlag eine vorzügliche Monografie geschrieben.

Aus DIE ZEIT :: 20.11.2008

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