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Der falsche Maßstab

VON MARTIN SPIEWAK

Was heute als Plagiat gilt, war früher oft übliche Zitierweise. Das zeigt eine Analyse des Literaturwissenschaftlers Philipp Theisohn. Ein Gespräch darüber, warum Norbert Lammert seinen Doktortitel behalten sollte.

Der falsche Maßstab© Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim MeldeDr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, verteidigt aktuell seinen Doktortitel gegen Plagiatsvorwürfe
DIE ZEIT: Herr Professor Theisohn, stellen Sie sich vor, einer Ihrer Studenten reicht eine Dissertation ein, und Sie finden heraus, dass er eine Vielzahl der zitierten Bücher und Aufsätze nicht selbst in der Hand gehabt hat: Wie reagieren Sie darauf?

Philipp Theisohn: Der Student würde sicherlich nicht promoviert werden. Gerade als Philologe bin ich den Primärquellen verpflichtet. Deshalb verlange ich von meinen Doktoranden natürlich, dass sie alles, worüber sie schreiben, auch selbst im Original lesen.

ZEIT: Legt man diesen Maßstab an, hat Bundestagspräsident Lammert seinen Doktortitel vor 40 Jahren zu Unrecht bekommen.

Theisohn: Nein, denn die Frage ist, ob man diesen strengen Maßstab überall so anlegen darf. Ich bin der Meinung, dass man die heutigen Qualitätsstandards nicht eins zu eins auf frühere Zeiten übertragen darf.

ZEIT: Waren Plagiate früher erlaubt?

Theisohn: Sicher nicht. Aber die Einschätzung, was ein Plagiat ist beziehungsweise wie man zitiert, hängt nicht nur von der jeweiligen Fachkultur ab, sondern auch von der Zeit. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von Übernahmen von Sätzen, Absätzen oder ganzen Seiten, wie man es in der Guttenbergschen Doktorarbeit nachweisen konnte. Die waren immer verboten. Um ein solches Großplagiat geht es bei Herrn Lammert nicht. Ihm wird vielmehr vorgeworfen, er habe Argumente übernommen und Primärquellen nach Sekundärliteratur zitiert. Das scheint jedoch in bestimmten Zeiten und Fächern nicht unüblich gewesen zu sein.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf?

Theisohn: Im Rahmen eines Vortrags, den ich auf einer Tagung des Wissenschaftsrates gehalten habe, habe ich mir wahllos eine Reihe von pädagogischen Doktorarbeiten aus den Jahren 1975 bis 1982 etwas näher angeschaut. Da finden Sie solche Sekundärlektüren, wie sie Lammert jetzt zur Last gelegt werden, immer wieder: von Mischparaphrasen, in denen Reformulierung und wörtliche Zitate verschwimmen, mal ganz abgesehen. Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn das in den Sozialwissenschaften, in denen Norbert Lammert promoviert wurde, damals genauso gewesen wäre.

ZEIT: Warum nicht?

Theisohn: Eben weil das wissenschaftliche Schreiben sich verändert und viele Entscheidungen, die wissenschaftliche Normen betreffen, standortabhängig sind: Welche Bedeutung haben Quellen für einen Text? Wie oft muss ich einen Text in den Fußnoten erwähnen? Muss ich das überhaupt, wenn es um vermeintliches Allgemeingut geht? In einer der von mir angelesenen Dissertationen gibt es zum Beispiel ein dreizehnseitiges Kapitel zu Darwin, in dem dieser kein einziges Mal direkt zitiert wird. In einem Kapitel zu Auguste Comte werden dessen Positionen anhand eines Lexikonartikels wiedergegeben - und eines Funkkollegs...

ZEIT: ...also einer Radiosendung.

Theisohn: Richtig. Und in einer anderen Arbeit heißt es: »Ich halte mich bei diesen Ausführungen wesentlich an die Aufzeichnungen von XYZ.« Ob damit der folgende Satz oder Absatz gemeint war, bleibt völlig offen. Ich habe dann verglichen und festgestellt, dass es sich um eine mehrere Seiten lange Paraphrase handelt.

ZEIT: Aber ein solch schludriges Vorgehen hätte den Doktorvätern damals doch auffallen müssen?

Theisohn: Vielleicht ist es das ja, aber sie fanden es nicht wichtig. Ich wäre mir auch nicht sicher, ob ein Gutachter in den 1970ern in einem sozialwissenschaftlichen Fach zwingend davon ausging, dass der Kandidat alle zitierten Texte ganz gelesen hat. Vielleicht war ihm aus seiner eigenen wissenschaftlichen Praxis ganz bewusst, dass er nur eine Aufbereitung des Forschungsstands aus Sekundärquellen vor sich hatte. Wenn sich in einem Fach solche Standards etablieren, kann man in diesen Fächern kein wissenschaftliches Fehlverhalten entdecken.

ZEIT: Aber Lammert übernimmt auch die Fehler anderer Autoren und zitiert Bücher, die es gar nicht gibt.

Theisohn: Auch das ist mir bei meiner Durchsicht der Dissertationen öfters begegnet. Da gibt es Falschschreibungen von Büchern oder Wissenschaftlern, die von einem Buch ins nächste wandern. Aber das belegt nur die These, dass so etwas damals Struktur hatte. Selbst das Buch, das Lammert zitiert und das es angeblich nicht gibt, findet sich noch bei anderen Autoren, wie ich festgestellt habe.

ZEIT: Aber es gab schon damals sehr strenge Leitfäden für die Autoren von Doktorarbeiten.

Theisohn: Das stimmt. Die Regel, dass man fremdes geistiges Eigentum nicht als das eigene ausgeben darf, galt immer. Die Frage ist doch aber eher, wie dieses »saubere Zitieren« in der Praxis aussah. Ob ich etwas als eine Paraphrase ansehe oder nicht, ob es da keinerlei Wortidentitäten geben darf, und wenn doch, wie viele - das steht in solchen Leitfäden nicht drin. Die Leute studieren zudem keine Leitfäden, sondern schauen, wie der Prof schreibt und zitiert oder die Fachkollegen. Das ist der eigentliche Maßstab, und der verändert sich gewaltig über die Jahre.

ZEIT: War das denn damals zumindest einheitlich?

Theisohn: Nein. Es gab, wie ich bei meiner Analyse festgestellt habe, in der Pädagogik, aber nicht nur dort, schon damals Arbeiten mit sogenannter amerikanischer Zitationstechnik...

ZEIT: Was heißt das?

Theisohn: Mitte der siebziger Jahre verschwindet in einer Reihe von Arbeiten die deutsche Fußnote. Die steht nämlich plötzlich im Ruch, Ausdruck eines autoritären Denkens zu sein. Stattdessen packt man den Verweis jetzt in Klammern in den Fließtext, oft mit dem Wort »vergleiche«. Offen lässt man dabei gelegentlich, ob nur ein Gedanke oder ein fast wörtliches Zitat übernommen wird.

ZEIT: Nun ist die Doktorarbeit von Herrn Lammert auch inhaltlich recht dünn: ohne Anhang gerade einmal 120 Seiten, auf denen er über seine heimatliche CDU schreibt. Verdient eine solche Arbeit den Doktortitel?

Theisohn: Ich kann mir kein Urteil anmaßen, weil ich die ganze Arbeit nicht gelesen habe. Grundsätzlich meine ich jedoch, dass eine gewisse Distanz zum Forschungsgegenstand dazugehört. Politiker sollten nicht über die eigene Partei promovieren. Zumal in solchen Fällen der Verdacht naheliegt, dass Dissertationen zweckentfremdet werden, um in der entsprechenden Partei Kontakte zu knüpfen. Beispiele dafür gab es in der deutschen Geschichte ja schon.

ZEIT: Ärgern Sie solche schmalen Dissertationen?

Theisohn: Sie würden mich ärgern, wenn sie in meinem Fach geschrieben würden. Doch auch hier darf man nicht geschichtsblind sein. Früher waren solche schmalen Arbeiten durchaus gängig. Heute kann sich kein Nachwuchswissenschaftler eine solche Arbeit leisten, schon weil die Konkurrenzsituation eine andere ist.

ZEIT: Wie sollen die Universitäten mit älteren Arbeiten im Verdachtsfall umgehen?

Theisohn: Wenn es sich nicht um einen klaren Fall handelt, sondern um einen Grenzbereich, dann sollten die Prüfer die Arbeit in jedem Fall in ihren fachhistorischen Kontext einordnen. Ich würde deshalb immer eine Reihe von Arbeiten aus der Zeit stichpunktartig mitprüfen und schauen: Was war damals Standard?

ZEIT: Im Fall Schavan ist das nicht passiert.

Theisohn: Das hat mich auch sehr verwundert.

ZEIT: Aus Ihrer bisherigen Kenntnis der Vorwürfe gegen Bundestagspräsident Lammert: Muss die Universität ihm seinen Doktortitel aberkennen?

Theisohn: Ich glaube nicht, dass sich diese Frage stellen wird, dafür sind die bisherigen Befunde zu dünn. Wenn man aber damit anfangen wollte, sämtliche Dissertationen nach Paraphrasierungen und Sekundärlektüren zu durchforsten, dann hätten die Universitäten viel zu tun.

Aus DIE ZEIT :: 01.08.2013

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