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Der Fluch der Fußnoten

VON ULRICH SCHNABEL

Warum der Plagiatsvorwurf gegen Norbert Lammert fragwürdig ist.

Der Fluch der Fußnoten© Marco2811 - Fotolia.comDer Plagiatsvorwurf gegen Norbert Lammert ist durchaus fragwürdig
Muss das sein?, fragt man sich. Muss man wirklich über jede noch so kleine Verfehlung in oft jahrzehntealten Doktorarbeiten von Politikern diskutieren? In dieser Woche trifft der Aufklärungsfuror Norbert Lammert (CDU), den Präsidenten des Deutschen Bundestages. Ausgerechnet er, der als redlich und vertrauenerweckend gilt, von Freund und Feind geschätzt wird. Er soll, so die Vorwürfe im Blog lammertplag, in seiner Dissertation aus dem Jahr 1975 unsauber gearbeitet haben. Auf Bitten von Lammert hat die Ruhr-Universität Bochum nun eine Prüfung der Arbeit eingeleitet. Muss das sein? Ja, das muss sein!

Aufklärung durch die Universität ist unumgänglich - obwohl die bislang bekannt gewordenen Vorwürfe eher marginal scheinen. Anders als dem Großplagiator Karl-Theodor zu Guttenberg, der seitenweise aus fremden Arbeiten abschrieb, werden Lammert Petitessen vorgeworfen. Er soll Literaturangaben von anderen Autoren ungeprüft übernommen und so getan haben, als hätte er die Originale gelesen - was vermutlich nicht immer der Fall war.

Das ist unzulässig. Aber solche kleinen Sünden finden sich in vielen alten Doktorarbeiten. Wollte man sie alle ahnden, müsste man ganze Papierberge prüfen und flächendeckend Titel entziehen - nicht nur Politikern, sondern auch Otto Normaldoktor.

Da gilt es, fair abzuwägen. Schon im Fall von Ex-Bildungsministerin Annette Schavan konnte man darüber streiten, ob ihre Fehler schwerwiegend genug waren, um ihre Dissertation und damit auch ihre Lebensleistung in Misskredit zu ziehen. Bei Lammert scheint dies noch fraglicher. Die Universität Bochum muss daher dreierlei tun: Zum Ersten dafür sorgen, dass die Prüfung deutlich schneller vonstatten geht als bei Annette Schavan, die rund neun Monate lang auf das Urteil ihrer Hochschule warten musste; zum Zweiten sollte sich die Universität nicht zu fein sein, externen Rat einzuholen; zum Dritten sollte klar werden, dass es auch eine Toleranzgrenze für Fehler gibt, vor allem wenn sie jahrzehntelang zurückliegen und für die Wissenschaft bedeutungslos sind. Sonst geraten vor lauter Fußnoten die wahren Probleme der wissenschaftlichen Qualitätssicherung in der Gegenwart aus dem Blick.

Aus DIE ZEIT :: 01.08.2013

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