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Der König ist tot, es lebe der König!

Von Richard Münch

Das Jahr der Geisteswissenschaften hat 2007 an eine große, im 19. Jahrhundert verwurzelte Tradition erinnert, die es allerdings nicht mehr gibt. An die Stelle der alten Philologien ist zunehmend das florierende Unternehmen der Kulturwissenschaften und damit der Zug zur industriellen Großproduktion getreten.

Der König ist tot, es lebe der König!: Identiätswechsel Geisteswissenschaften© sachyn - stock.xchng
In der Mediengesellschaft existiert nichts, das nicht durch mediale Inszenierung auf sich aufmerksam machen kann. Diesem Zweck sollte 2007 das "Jahr der Geisteswissenschaften" dienen. Es sollte daran erinnert werden, dass die Geisteswissenschaften auch in einer von Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie beherrschten Welt ihre Daseinsberechtigung haben. Zur Verteidigung der Geisteswissenschaften wird aus traditioneller Sicht in aller Regel darauf verwiesen, dass sie einen Wert an sich hätten und anhand der ihnen eigenen Kriterien zu beurteilen seien.

Während in Großbritannien und Frankreich Sprache, Literatur und Geschichte immer schon als Lettres, Arts, Histoire und History und damit vorrangig als Traditionspflege und als Teil der Elitenbildung über die enge Bindung an den Lehrerberuf hinaus verstanden wurden, sind sie in Deutschland im 19. Jahrhundert zum Gegenstand
einer veritablen Wissenschaft aus eigenem Recht und eigener Wahrheit
und Methodik gemacht worden, die nur dadurch ihrem hohen Anspruch
genügen konnte, dass sie als reine Lehre von allen praktischen
Anforderungen ferngehalten wurde.

Die Universität und ihre Ausrichtung auf Wilhelm von Humboldts Leitlinien der Einsamkeit und Freiheit, der Einheit von Forschung und Lehre, der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden und der Bildung durch Wissenschaft war genau der richtige Ort dafür.

Das alte Regime: soziale und kognitive Schließung

Soziale Grundlage der Geisteswissenschaften war ein weitgehend in sich geschlossenes Bildungsbürgertum von Lehrern, protestantischen Pfarrern und Professoren und die umfangreiche staatliche Unterhaltung von Schulen, Universitäten, Theatern, Opernhäusern, Orchestern und Museen. Der Kulturstaat sollte nicht weniger als die Wirklichkeit der sittlichen Idee im Sinne Hegels repräsentieren. Auf dieser sozialen Grundlage konnten die Philologien als Verkörperung von Geisteswissenschaft und als spezifisch deutsches Produkt des 19. Jahrhunderts gedeihen und in Wilhelm von Diltheys Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften ihre epistemologische Begründung finden. Die Geisteswissenschaften verdankten demnach ihre einzigartige Stellung in Deutschland im 19. Jahrhundert einer homologen kognitiven und sozialen Schließung, die sie von praktischen Anforderungen befreit hat. Daraus kann zugleich abgeleitet werden, dass diese Stellung in dem Maße gefährdet ist, in dem die soziale und kognitive Schließung aufgebrochen wird. Tendenzen der Öffnung begleiten in der Tat die Entwicklung der Geisteswissenschaften von Anfang an. Die Abwehr praktischer, von instrumenteller Nützlichkeit geprägter Interessen durchzieht bis heute die Geschichte der Geisteswissenschaften in Deutschland. Immer ist indessen ihre Expansion die Ursache für solche Abwehrkämpfe und gerade nicht ihre Schrumpfung oder gar Verdrängung.

Die Krise: Soziale Öffnung und kognitive Schließung

Einen wirklichen Einbruch hat die soziale Grundlage der homologen kognitiven und sozialen Schließung erst mit der massiven Bildungsexpansion in den 1970er Jahren erlebt. Die Vielzahl von Universitätsneugründungen hat den Geisteswissenschaften einen historisch beispiellosen Ausbau gebracht. Mit den Studentenzahlen sind die Professorenund Mittelbaustellen innerhalb eines Jahrzehnts um ein Vielfaches gewachsen. Nach der ersten Expansion Anfang der 1970er Jahre ist die Zahl der Studenten nach der Kategorisierung des Statistischen Bundesamtes in den Sprach- und Kulturwissenschaften von 1974 bis 2005 von 76 061 auf 420 554 gestiegen, in den Ingenieurwissenschaften dagegen "nur" von 136 847 auf 326 491. Das etatmäßige Personal ist in diesem Zeitraum allerdings nur von 17 842 auf 19 899 gewachsen. Man sieht daran unmittelbar die dramatisch verschlechterte Betreuungsrelation, die zwangsläufig zur Auflösung der Gemeinschaft von Lehrenden und Studenten führen musste. Die Folge dieser Expansion war, dass die vielen neuen Studenten nicht mehr ganz überwiegend in den Lehramtsstudiengängen untergebracht werden konnten. Schnell hat sich gezeigt, dass so viele Lehrerstellen überhaupt nicht verfügbar waren. Stattdessen strömten die neuen Studenten massenhaft in die Magisterstudiengänge. Binnen weniger Jahre hat sich die Verteilung der Studierenden auf Lehramts- und Magisterstudiengänge von 80 Prozent zu 20 Prozent auf 20 Prozent zu 80 Prozent umgekehrt. Damit ist die soziale Schließung der Geisteswissenschaften beseitigt worden. Die soziale Entgrenzung stand fortan im Widerspruch zur kognitiven Schließung. Soweit dieser Widerspruch nicht durch die kognitive Öffnung aufgehoben werden konnte, musste er mit hohen Abbrecherquoten und hoher Einstiegsarbeitslosigkeit der Absolventen bezahlt werden.

Unter dem Druck der Öffnung haben Pioniere - immer unter dem Vorwurf des Verrates an ihrer Disziplin - neue Magister- oder Diplomstudiengänge wie "Literaturübersetzen", "Literaturvermittlung", "Deutsch als Fremdsprache", "Journalistik", "Interkulturelle Kommunikation" oder "Kulturmanagement" eingeführt. Die neuen, an keine disziplinäre Identität, schon gar nicht an Geisteswissenschaften im ursprünglichen Sinn erinnernden BA- und MA-Studiengänge sind keinesfalls ein Einbruch von Praxisanforderungen und Verwertungszwängen, wo es solche vorher nicht gab. Sie bringen nur eine mit der massiven Expansion der Geisteswissenschaften seit den 1970er Jahren begonnene Entwicklung zu ihrem logischen Ende.

Krisenbewältigung durch kognitive Öffnung

Die Hinwendung zu Gegenwart, Institutionen und Praxis hat die Geisteswissenschaften in Domänen der Sozialwissenschaften hinein expandieren lassen, was dementsprechend zu einer Versozialwissenschaftlichung der Geisteswissenschaften geführt hat. Das bedeutete eine erste Preisgabe ihrer kognitiven Schließung und damit auch ihres Identitätskerns. Die Kehrseite davon war ein expandierender Arbeitsmarkt für die Absolventen der Geisteswissenschaften jenseits des Lehrerberufs. Dass sich diese wachsende Klientel weniger für Goethe & Co. und mehr für Marketing, Personalmanagement und Public Relations interessierte, konnte nicht verwundern.

Man kann den in den 1980er Jahren vollzogenen Übergang zum Begriff "Kulturwissenschaften" als Ablösung der geisteswissenschaftlichen Orthodoxie durch ein neues Paradigma identifizieren. Die heterodoxen Strömungen haben die Orthodoxie aus dem Zentrum verdrängt. Dabei haben sich den Sozialwissenschaften insbesondere die aus dem angelsächsischen Sprachraum übernommenen "Cultural studies" hinzugesellt. Mit ihnen trat eine Banalisierung des Untersuchungsgegenstandes der neuen Kulturwissenschaften ein. Es war nun genauso möglich, sich mit der Punk- oder Hip Hop-Szene oder mit Management- und Verhandlungsstilen zu beschäftigen wie mit der "hohen" Literatur. Damit waren die alten Geisteswissenschaften im Gewande der neuen Kulturwissenschaften ihres sakralen Kerns beraubt. Diese Profanisierung der kultur(geistes-)wissenschaftlichen Praxis hatte zugleich den Verlust ihrer besonderen gesellschaftlichen Wertschätzung zur Folge. Von der elitären Position der wissenschaftlichen Untersuchung "heiliger" Texte und dem damit verbundenen Priesteramt sind sie auf den Boden einer Gebrauchsdisziplin herabgeholt worden, die Fertigkeiten für vergleichsweise banale Tätigkeiten vermittelt. Einmal auf dieses Gleis gesetzt, gibt es kein Halten mehr. Der Versozialwissenschaftlichung und der Banalisierung ist längst die Vernaturwissenschaftlichung gefolgt. Die Linguistik hat hier den Anfang gemacht, indem sie sich zunehmend naturwissenschaftlicher Methodik bediente. Sie hat damit der Neurolinguistik den Weg bereitet, die sich explosionsartig ausgebreitet hat. Immer mit dabei ist die Instrumentalisierung für praktische Zwecke. Die neurolinguistischen Erkenntnisse können mit Erfolg in der Sprachheilpraxis eingesetzt werden.

Schließlich ist es den neuen Kulturwissenschaften gelungen, auch in zunehmendem Maße an den Fördertöpfen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zu partizipieren und durch die Volkswagenstiftung sowie die Fritz Thyssen- Stiftung ihr Forschungspotential massiv auszubauen. Von 1972 bis 2006 ist das Jahresfördervolumen der DFG für die Geistes- und Sozialwissenschaften von 39 auf 201 Mio. Euro gestiegen, für die Ingenieurwissenschaften von 46 auf 308 Mio. Euro. Der Anteil liegt heute bei etwa 15 Prozent der DFGFördermittel. Auch die Exzellenzinitiative hat den "Geisteswissenschaften" mit den Sozialwissenschaften einen Anteil von annähernd 17,5 Prozent an der Förderung, d.h. an die 350 Millionen von zwei Milliarden Euro verschafft. Die Graduiertenschulen (1 Mio. Euro p.a.), Exzellenzcluster (6,5 Mio. Euro p.a.) und schließlich auch noch "Zukunftskonzepte" der Exzellenzinitiative haben der "geisteswissenschaftlichen" Großforschung noch eine neue Dimension hinzugefügt. Dabei ist ein Zug hin zu praktischer Nützlichkeit bis hin zur Zusammenarbeit mit Organisationen der gesellschaftlichen Praxis - z.B. in der Entwicklungshilfe - unverkennbar.

Das neue Regime: Kulturwissenschaft als industrielle Großproduktion

"Geisteswissenschaftliche" Forschung in solchen Formaten hat nichts mehr mit traditionellem Gelehrtentum oder penibler Philologie in langjährigen Editionsprojekten zu tun. Auf dem Wege der Expansion unterwirft sie sich den Gesetzmäßigkeiten des verselbständigten Forschungsmanagements. Im interdisziplinären Verbund geht leicht das Maß für klar geschnittene Fragestellungen, Forschungsprogramme und Methoden verloren. Gelehrte werden zu Managern, die hauptsächlich damit beschäftigt sind, für die Anschlussbeschäftigung ihrer Mitarbeiter zu sorgen. Doktoranden arbeiten in großen Promotionsfabriken, Projektmitarbeiter in Großforschungszentren unter dem Diktat eines koordinierten Forschungsprogramms Detailprobleme ab, mit denen sie sich nur als Sachbearbeiter, aber nicht als zukünftige Gelehrte qualifizieren können.

Eine weitere Folge ist die systematische Überforschung eines Untersuchungsgegenstandes, bei der in aller Regel Fragestellungen so breit ausgewalzt werden, dass Lähmung statt Förderung der Forschung schon in das Format eingebaut ist. In den Geisteswissenschaften gab es keine positiven Skaleneffekte von Großforschungsanlagen wie in der industriellen Massenproduktion. In den Kulturwissenschaften wird das jetzt so erwartet, weil das Geld dafür vorhanden ist. Ob das wirklich der Fall ist, wird vielfach bezweifelt. Auch sie sind darauf angewiesen, dass an vielen Standorten selbständig geforscht wird, um sich so aus einem breiter gestreuten Diskurs von Forschern mit eigenem Gewicht ständig erneuern zu können. Große Forschungszentren wirken dieser breiten Streuung des Diskurses systematisch entgegen.

Nein, die Geisteswissenschaften sind nicht von Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft verdrängt worden. Sie sind vielmehr Opfer ihres eigenen Erfolges geworden. Aus traditioneller Sicht könnte das 2007 gefeierte Jahr der Geisteswissenschaften als "Begräbnis erster Klasse" bezeichnet werden. Aus der Sicht der Modernisierer heißt es aber: "Der König ist tot, es lebe der König!"

Richard Münch
Richard Münch ist Professor für Soziologie an der Otto-Friedrich- Universität Bamberg. Im vergangenen Jahr hat er das viel diskutierte Buch "Die akademische Elite. Zur sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Exzellenz" (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2007) veröffentlicht.

Aus Forschung und Lehre :: April 2008

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