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Der Kosmos als Mandarine

von MAX RAUNER

Welch ein Dilemma: Die Theorien der Physiker werden bestätigt.

Der Kosmos als Mandarine© Davidus - Fotolia.comDie Physiker von Plank und Cern konnten zwei Standardmodelle physikalischer Theorien bestätigen
In der vergangenen Woche haben sie doppelt gefeiert: die Teilchenphysiker am Cern ihren Drei-Millionen-Dollar-Preis für die Entdeckung des Higgs-Teilchens. Tags darauf präsentierten Astrophysiker superexakte Messwerte zur Entstehung des Universums, aufgenommen mit dem europäischen Satelliten Planck. Die Ergebnisse von Planck und Cern passen hervorragend zu den Standardmodellen der Theoretiker. Das ist das Problem.

Seit je versuchen Naturforscher, die komplexe Welt mit immer umfassenderen Theorien zu beschreiben. Im 19. Jahrhundert verschmolzen Magnetismus und Elektrizität zum Elektromagnetismus. Im 20. Jahrhundert wurde Newtons Gravitationsgesetz von Einsteins Relativitätstheorie geschluckt. Heute sind noch zwei Theorien übrig: die Quantentheorie fürs Kleine, wie Atome und Elementarteilchen, die Relativitätstheorie fürs Große, also Sterne und Weltall. Beide zur »Theorie für alles« zu vereinen ist nun das Ziel - die Weltformel. Der Planck-Satellit maß Großes: das Echo des Urknalls, anhand von Mikrowellenstrahlung aus dem All. Deren winzige, räumliche Frequenzunterschiede bestätigen, dass das Universum kurz nach dem Urknall nicht ganz gleichförmig war. In Regionen mit mehr Energie und Materie bildeten sich später Gaswolken, Sterne und schließlich Galaxien. Die Planck-Daten korrigieren dieses Weltbild kaum: Das Alter des Universums wird jetzt mit 13,82 statt 13,74 Milliarden Jahren veranschlagt. Doch insgesamt bestätigen sie die naturwissenschaftliche Schöpfungsgeschichte.

Ganz ähnlich die Harmonie am Cern: Das Standardmodell der Teilchenphysik sagte die Existenz von 30 Elementarteilchen voraus, darunter Proton und Elektron. Eines nach dem anderen wurde im Laufe der Jahre entdeckt, mit dem Higgs-Teilchen ist die letzte Lücke gefüllt. Was will man mehr? Die Perfektion ist in Wahrheit fatal. Denn beide Standardmodelle - das der Teilchenphysik wie auch jenes der Kosmologie - haben erhebliche Schönheitsfehler. Letzteres kann nicht erklären, welche mysteriöse Energie den Kosmos auseinandertreibt. Die Teilchenphysiker dagegen verstehen den Ursprung der Schwerkraft nicht. Deswegen sind die Welterklärer stets ein bisschen masochistisch: Sie hoffen, dass ihr Weltgebäude zusammenbricht, um es noch perfekter aufzubauen.

Denn die größten Fortschritte machte die Physik in tiefen Krisen. So entstanden das kopernikanische Weltbild, die Quantenphysik, die Relativitätstheorie. Phasen normaler Wissenschaft wurden unterbrochen von Revolutionen, ein neues Paradigma fegte das alte hinweg. Dumm nur, dass gerade kein revolutionärer Feger in Sicht ist. Der Hochstimmung in der fast perfekten Physikwelt müsste eine Art Börsencrash folgen, der das ganze System implodieren lässt. Hoffnung schürt da eine kleine Unstimmigkeit in den Daten der Planck-Mission. Es scheint, als sei das Universum nicht ganz kugelsymmetrisch. Es ähnelt mehr einer Mandarine als einer Billardkugel. Vielleicht zündet das ja noch eine kosmische Bombe.

Aus DIE ZEIT :: 27.03.2013

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