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Der Osten will Posten

VON MARTIN MACHOWECZ

Die Professuren in Ostdeutschland sind bis heute fest in westlicher Hand. Der Generationswechsel könnte eine Chance sein, daran etwas zu ändern. Wird diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen?

Der Osten will Posten© ArTo - Fotolia.comNutzen ostdeutsche Wissenschaftler die Chance des Generationswechsels?
Es passiert immer noch, dass Menschen unangekündigt das Büro von Timo Meynhardt aufsuchen. Nur um sich einfach mal mit eigenen Augen anzugucken, was für ein prächtiges Unikat da jetzt sitzt. Einen wie Meynhardt, 44, hat es an der Handelshochschule Leipzig, der größten Wirtschaftshochschule des Ostens, seit 20 Jahren nicht gegeben. Er ist - man möchte das erst einmal gar nicht glauben - der erste und einzige Ostdeutsche, der Lehrstuhlinhaber an der HHL geworden ist. »Die HHL gilt offenbar als besonders elitäre Einrichtung, fast als eine Art West-Enklave in Leipzig«, sagt Meynhardt. »Ich werde teilweise wie ein seltenes neues Exemplar im Zoo beäugt.« Er bekomme nun E-Mails, in denen ihm gratuliert wird, weil er den Westclub HHL aufmische. Professor Meynhardt fragt sich, wie er das finden soll.

Meynhardt ist Thüringer, 1972 in Rudolstadt geboren. Aber das, dachte er, sei nicht mehr so wichtig. Er hat in Jena, Oxford und Peking studiert, in St. Gallen promoviert, in Lüneburg bekleidete er seinen ersten Lehrstuhl. Jetzt, in Leipzig, fühlt er sich erstmals wieder wirklich als Ossi: »Hier spielt es für die Leute plötzlich eine riesige Rolle, wo ich herkomme«, sagt Meynhardt. Seine Berufung ist, in gewisser Weise, hochpolitisch: Der Mauerfall ist 27 Jahre her, beinahe auf den Tag genau. Die DDR ist Geschichte, die Nachwehen der Wendezeit aber haben für den Osten Auswirkungen bis heute: Denn die Hochschulen - jene Orte, an denen die Vergangenheit bewertet und die Zukunft entworfen wird - sind fest in westlicher Hand. Nach 1989 blieben nur in den Naturwissenschaften und den technischen Fächern viele Professoren im Amt. Die Wirtschaftswissenschaften, Jura, quasi alle Geistes- und Sozialwissenschaften wurden im Osten nach 1990 fast ausnahmslos von westdeutschen Professoren gelehrt. An manchen Unis sind 80, 90 Prozent der Sozialwissenschaftler aus dem Westen berufen worden. Geisteswissenschaftlich geprägte Universitäten wie die Uni Leipzig sind im Grunde westdeutsche Anstalten. Das liegt einerseits daran, dass in den Geistes- und Sozialwissenschaften ein Großteil der Professoren der SED-Ideologie anhing. Andererseits daran, dass ein Marxismus-Leninismus-Dozent schlecht als Politikwissenschaftler weitermachen konnte, genauso wenig wie ein Professor für sozialistische Ökonomie in der Lage war, Managementkurse zu geben.

Verpasste Lösung

Schon Anfang der 1990er Jahre wollten Hochschulpolitiker Ostdeutschen den Zugang zu Professuren sichern. Die Idee: Statt fast alle Stellen an West- Wissenschaftler zu vergeben, sollten nur wichtige Lehrstühle besetzt und der Rest für Ostdeutsche freigehalten werden. Doch den Unis war die Wette auf die Zukunft zu unsicher. Der Plan wurde verworfen.
Kein Wunder, dass Wissenschaftler wie Timo Meynhardt nun für ihre Herkunft gefeiert werden. Und tatsächlich ist er ein Vorreiter: Meynhardt gehört zur ersten Generation ostdeutscher Wissenschaftler, die Verantwortung an den Universitäten und Hochschulen übernimmt, die Lehrstühle erobern kann - in der DDR aufgewachsen, in der Bundesrepublik ausgebildet. Es sind jene Ostdeutschen, die um die Wendezeit noch nicht einmal 20 Jahre alt waren. Sie sind jetzt bereit. Die Frage ist nur: Werden sie es auch schaffen? Eigentlich bringen ostdeutsche Wissenschaftler genau das mit, was gefragt ist in unsicheren Zeiten wie diesen: Umbruchserfahrung. »Als ich Abiturient war, stürzte die DDR zusammen«, erzählt Meynhardt. »Es war eine wilde Zeit, alles war möglich. Wir konnten die Verhältnisse zum Tanzen bringen.« Später arbeitete er für das Beratungsunternehmen McKinsey ausgerechnet im Bereich Change-Management. »Man schätzte dort zum Beispiel, dass ich aus eigenem Erleben wusste, was Wandel bedeutet«, sagt Meynhardt. Die Verhältnisse zum Tanzen bringen, das ist ihm eine Art Lebensmotto geworden. Es trifft sich gut für die Meynhardts der Republik, dass im Osten derzeit massenhaft Lehrstühle frei werden. Wie viele genau, weiß keiner, aber eines ist sicher: Die zahlreichen Aufbauhelfer der 1990er Jahre kommen jetzt ins Rentenalter. Wer 1992 ein junger Wissenschaftler im Westen war und nach Dresden, Greifswald oder Jena zog, um eine Professur anzutreten, der steht nun kurz vor dem Ruhestand.

So wie der Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt. Er erinnert sich ganz genau, wann er in Dresden angekommen ist: »Am 6. März 1991. Damals waren noch die letzten DDR-Münzen im Umlauf.« Eine so abenteuerliche Zeit habe er noch nie erlebt, sagt Patzelt. Er, 1953 in Passau geboren, hatte sich gerade in seiner Heimatstadt habilitiert und war auf der Suche nach seiner ersten Professorenstelle. »Mein Impuls, als die Mauer gefallen war, war sofort: Ich muss in den Osten, dort tut sich Wichtiges.« Patzelt wurde in Dresden fündig, wo sein langjähriger Mentor zum Gründungsdekan der Geistes- und Sozialwissenschaften berufen worden war. Nachts saßen sie zusammen und entwickelten Aufbaupläne fürs künftige Politik-Institut, erzählt Patzelt. »Das Geld schien damals noch keine Rolle zu spielen«, sagt er, »die Vorgabe war nur: Baut die wichtigsten Institute auf! Und zwar schnell!« Die Geschichten der Aufbauhelfer, sie handeln von blockierten Telefonleitungen und Büchern, die man nicht kriegte. Und davon, wie großartig das alles dann doch war. Aus Patzelts Sicht gingen damals zwei Sorten Wissenschaftler in den Osten. »Durchaus gab es alt gewordene Privatdozenten, die im Westen lange nichts gefunden hatten, darunter auch Leute, von denen man getrost sagen konnte: Es wäre besser gewesen, wenn sie im Westen geblieben wären.« Andererseits seien es viele junge, hoffnungsvolle Leute gewesen. Um die habe man sich gerissen.

Der Arbeitsmarkt für Geistes- und Sozialwissenschaftler, sagt Patzelt, »war binnen kürzester Zeit leer gefegt«. Er habe es selbst erlebt, in Berufungskommissionen, wie sich die Listen plötzlich leerten, erst der Erstplatzierte absagte, dann der Zweitplatzierte, dann der Drittplatzierte. Die Guten hatten viele Angebote. Patzelt führte das Institut für Politikwissenschaft an der TU Dresden zu deutschlandweiter Beachtung, er ist einer der wichtigsten Erklärer von Phänomenen wie Pegida geworden. Es vergeht kein Tag ohne Radio- oder Fernsehinterview, in dem er die politische Lage einordnen soll. In den vergangenen Jahren hat er erlebt, wie die Aufbauhelfer seiner Generation langsam die Uni verlassen. Er selbst wird in zwei, drei Jahren emeritiert und freut sich über jeden Ostdeutschen, der nachrückt. Der Mauerfall? Für ihn, Patzelt, »ein unglaubliches biografisches Glück. Wie viele großartige Politikwissenschaftler kommen auf keinen grünen Zweig?« Er dagegen bekam »gleich drei Rufe fast auf dem goldenen Tablett serviert.« Dann muss er das Gespräch beenden. Er muss ans Telefon. Das Radio ruft an. Er soll die Weltlage erklären. Der Soziologe Peer Pasternack, Leiter des Instituts für Hochschulforschung an der Uni Halle-Wittenberg, sagt, dass jene, die in den kommenden Jahren ins Emeritierungsalter kämen, zu den »hoffnungsvollen Berufungen« der Nachwendezeit gehörten.

»In den letzten Jahren«, sagt Pasternack, »sind dagegen viele Westdeutsche in Rente gegangen, für die der Mauerfall einst eine unverhoffte Chance gewesen ist. Die mit Ende 40, Anfang 50 ihre erste Professur ergattert haben - im Osten.« Es sei fast unmöglich, in Zahlen zu erfassen, wie viele Tausend westdeutsche Wissenschaftler nach 1990 in den Osten kamen. Empirisch untersucht habe das nie jemand im größeren Stil. »Ich würde die These wagen: weil es so genau lieber niemand wissen wollte.« Der Generationswechsel ist daher auch eine Chance. Nicht nur für die Bewerber aus dem Osten, sondern ganz generell für die Qualität an den Hochschulen. Davon ist zumindest Beate Schücking überzeugt. Wenn die Leipziger Uni-Rektorin über das langsame Verschwinden der Aufbauhelfer räsoniert, dann wirkt sie nicht besonders traurig. Im Gegenteil. Ohne den Generationswechsel der vergangenen Jahre, sagt Schücking, »hätten wir es zum Beispiel nicht geschafft, den Anteil der Professorinnen innerhalb weniger Jahre von 17 auf 25 Prozent zu erhöhen«. Und der Anteil ostdeutscher Lehrstuhlinhaber erhöhe sich ihrem Gefühl nach ebenfalls stetig: »Unter denen, die wir neu für Leipzig gewinnen, sind in den vergangenen Jahren viele Rückkehrer gewesen.« Menschen, die aus der Region stammten, nach 1990 in den Westen gegangen seien und nun zurückwollten. Zahlen erhebt auch ihre Uni nicht. Doch Schücking glaubt, dass die Berufungskommissionen es gerne sehen, wenn sich junge Ostdeutsche auf die frei werdenden Professorenstellen bewerben. Ostdeutsche würden jedenfalls in den Berufungsverfahren nicht diskriminiert. Leider, das hört man aus vielen Hochschulen, würden sich immer noch zu wenige von ihnen bewerben.

Überlassen die Ostler dem Westen also diesmal freiwillig das Feld? Und wenn ja, wieso? Raj Kollmorgen hat da eine Vermutung. Der 53-Jährige, der unter dem Sakko ganz lässig einen Pulli trägt, stammt selbst aus dem Osten. Der Professor lehrt an der Hochschule Zittau-Görlitz und erforscht in seiner Arbeit auch die ostdeutsche Transformationsgesellschaft. Kollmorgen ist überzeugt davon, dass es noch eine ganze Weile dauern wird, bis Ossis in großer Zahl die geistes- und sozialwissenschaftlichen Lehrstühle erobert haben: »Bei aller Euphorie über den ostdeutschen Aufbruch hat sich der Anteil der Ostdeutschen an der Professorenschaft in den vergangenen Jahren nur marginal erhöht. Und ich sehe auch nicht, dass er sich jetzt rasant erhöhen wird.« Es gebe kaum Statistiken darüber, er selbst hat vor wenigen Jahren eine Erhebung für sein eigenes Fachgebiet durchgeführt. Nur knapp vier Prozent der Soziologie-Professoren an den deutschen Unis stammten damals aus dem Osten.

»Bis heute liegt die Zahl bei weniger als fünf Prozent«, sagt Kollmorgen. Um die 17 Prozent müssten es eigentlich sein - so hoch ist der Bevölkerungsanteil der neuen Länder an der Bundesrepublik. Mit einer systematischen Diskriminierung in den Berufungsverfahren lasse sich das nicht erklären, glaubt Kollmorgen. »Ich glaube, es hat eher etwas damit zu tun, dass Ostdeutsche vielfach die Risiken einer akademischen Karriere scheuen.« Die ostdeutsche Gesellschaft habe gerade erst Sicherheit gefunden, die wolle man auch behalten, sagt Kollmorgen: »Eine Karriere als Hochschullehrer ist aber ein Wagnis.« Der junge Leipziger HHL-Professor Timo Meynhardt sieht das auch so. Und er hat noch eine andere Vermutung. »Meine Erfahrung ist, dass die Gleichaltrigen aus dem Westen am wenigsten mit uns umgehen können«, sagt er. »Denn oft fällt es ihnen schwer, zu akzeptieren, dass da gerade einer aus dem vermeintlichen Dunkeldeutschland an ihnen vorbeizieht.« Vielleicht müssten sich manche Westdeutsche erst noch damit anfreunden, dass da aus dem Osten gerade ein paar junge Wissenschaftler nach den Sternen und den Jobs greifen.

Aus DIE ZEIT :: 10.11. 2016