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Der Raketen-Mann

VON UWE JEAN HEUSER

Vom Software-Unternehmer zum Hersteller von Autos und Raumschiffen: Der unglaubliche Werdegang des Elon Musk.

Der Raketen-Mann© nikonaft - 123rf.comElon Musk wollte "echte Lösungen" für die Menschheit finden, und begann Software, Raketen- und E-Autos zu entwickeln
Viele Eltern glauben, ihr Kind sei hochbegabt, und oft ist es nichts als eine vergebliche Hoffnung. Elon Musks Eltern in Südafrika konnten sich ihrer Sache sicher sein. Als kleiner Junge las er nicht nur Lexika, er wusste auch, was drinsteht. Einmal fragte Elons kleine Schwester, wie weit der Mond weg sei, und sein Bruder antwortete ihr, so eine Milliarde Kilometer. Elon, damals sechs Jahre alt, konnte das nicht stehen lassen. Es seien bloß 384.400 Kilometer, rief er aus dem Nebenzimmer.

Elon Musk wird nächste Woche 42 Jahre alt. Das ist jung, wenn man bedenkt, dass er schon zwei Internetfirmen zum Erfolg geführt und den amerikanischen Markt für Solarenergie belebt hat. Außerdem hat er den ersten weltweit beachteten reinen E-Auto-Hersteller gegründet und mit seiner Raumfahrtfirma einen neuen Standard bei der Raketentechnik gesetzt. Lange galt er als Spinner, mehrfach war er so gut wie bankrott, aber seine unternehmerische Leistung ist einzigartig. Wer also ist Elon Musk?

Erst einmal: ein Janus-Kopf. Ein Nerd, keine Frage, also einer, der ganz in seiner Technikwelt lebt, aber auch ein geschiedener Vater von fünf Söhnen und ein Lebemann. Ein Typ mit der unschuldigen Aura eines Postbeamten, aber auch einer, der in zweiter Ehe mit einer sehr jungen britischen Schauspielerin verheiratet war. Um ihm näherzukommen, muss man schon seinem Werdegang folgen - und besser noch mit ihm darüber reden.

Als er in Pretoria aufwuchs, Comics las und Computerspiele entwickelte, da herrschte in Südafrika noch die Apartheid. Kein Ort für Elon, um dort Militärdienst zu leisten. Mit seinem Bruder zog er ins Heimatland der Mutter, nach Kanada, und von da aus weiter ins gelobte Land der Technikpioniere, die USA. Elon studierte Wirtschaft und dann vor allem Physik in Philadelphia. Damals schon wollte er E-Autos für die Massen bauen und schrieb einen Business-Plan dafür.

Im Gespräch lässt sich Elon Musk manchmal Zeit mit den Antworten über sein Leben, aber nie weicht er aus. Nach dem College stand er blank da. »Ich war arm und brauchte ein Labor«, sagt er. Lakonischer hat wohl selten jemand begründet, warum er einen Platz im vielleicht besten Doktorprogramm der Welt annahm, in Stanford. Doch um ihn herum war nun das Silicon Valley, und dort brach gerade das Gründungsfieber aus. Es war 1995, »und das Internet hob ab«, sagt Musk. Er wollte nicht warten und stieg in der ersten Woche des ersten Semesters aus. »In Stanford lassen sie einen erst mal ziehen, wenn man eine unternehmerische Idee hat«, erzählt er. »Mein Professor sagte allerdings, ich würde nie mehr zurückkommen. Und am Ende hatte er recht.«

Büros waren billiger als Wohnungen, also mieteten er und sein Bruder eines und schliefen dort auch. Sie hatten einen einzigen Computer, Elon programmierte nachts, sodass der Rechner tagsüber für andere Aufgaben bereitstand. Die Idee: Software für Verlage entwickeln, die im Internet präsent sein wollten. Der Name: Zip2. Erst wollte niemand investieren, doch dann fand Musk private Geldgeber, später kamen die Profis, und nach dreieinhalb Jahren ging die Firma für gut 300 Millionen Dollar an den Computerriesen Compaq.

Musk verfolgte da längst eine andere Idee: »Bezahlen übers Internet! Man musste es nur einfach genug machen, das Geld zu transferieren.« Das Ergebnis war Paypal, das erfolgreichste Bezahlsystem für private Käufer und Verkäufer. Der Erfolg war nicht allein Musks Verdienst, aber er hatte das Unternehmen geformt und war mit fast zwölf Prozent der größte Anteilseigner, als das Online-Auktionshaus eBay es im Jahr 2002 für 1,5 Milliarden Dollar übernahm.


Seine Firmen

SpaceX

Gegründet 2002, kurz für Space Exploration Technologies. Ziel ist die Raumfahrt für jedermann. Zunächst baut die Firma hocheffiziente Raketen für den günstigen Transport ins All. 2010 gelang es erstmals, ein Raumschiff zurück zur Erde zu bringen, 2012 hat SpaceX im Rahmen eines Nasa-Programms als erste Privatfirma an die Internationale Raumstation angedockt. Die Zentrale und die Fabrik des Unternehmens liegen im Großraum Los Angeles.

Tesla

Gegründet 2003. Die nach dem serbisch-stämmigen Erfinder Nicola Tesla benannte Firma aus dem Silicon Valley baut reine Elektroautos. Das erste Modell war 2008 ein Roadster mit extremer Beschleunigung, seit 2012 gibt es in den USA die erste Limousine namens Model S, die bald auch in Deutschland zu haben sein soll. Zu Teslas Financiers und Kunden zählen die Google-Gründer Sergej Brin und Larry Page, in den Wirren der Weltfinanzkrise kaufte sich Daimler ein, später auch Toyota.

Solar City

Gegründet 2006. Elon Musk ist der Aufsichtsratschef und Ideengeber der Energie-Firma im Süden von San Francisco. Sie bietet ihren Kunden die technische Ausstattung für solaren Strom und die Versorgung mit diesem an. Der Kunde muss nicht vorab in die Anlage investieren, sondern kauft die ganze Dienstleistung. Solar City baut auch die Ladestellen für Tesla-Autos, die vor allem in Kalifornien stehen.
Nicht schlecht für ein Unternehmerleben, selbst im Silicon Valley, aber Elon Musk wollte ja eigentlich Autos und Raketen bauen. Wie kommt er auf seine Ideen? Als Physiker sucht er immer nach den grundlegenden Wahrheiten bei einem Problem und fragt dann: »Wie kann ich es am besten lösen?« Möglichst schlicht, das ist sein großes Ziel. Etwas, das er mit dem Apple-Gründer Steve Jobs gemeinsam hat. Den Vergleich akzeptiert er und wirkt nicht geschmeichelt. Niemand sollte Elon Musk für bescheiden halten.

Aber was treibt ihn an? Er erzählt, wie er als Kind Schopenhauer und andere Philosophen las, die ihn furchtbar traurig machten. »Mit 12 oder 13 hatte ich eine richtige Krise und sah keinen Sinn in der Welt. Dann dachte ich, die Menschheit braucht echte Lösungen.«

Beim Verkauf von Paypal war Musk 29 Jahre alt. Jetzt hatte er nicht bloß Ideen, sondern auch Kapital - das er sofort nutzte, um seine Raketenschmiede und das E-Auto-Unternehmen zu gründen. Und obwohl es kaum zu glauben ist, ging das Erste deutlich leichter als das Zweite. Billiger und verlässlicher fliegen als die Konkurrenz, so hieß das Prinzip von SpaceX. Musk entwickelte mit seinen Leuten neue Raketen und später ein Raumschiff für den Transport von Material und Menschen. Ganze sieben Jahre dauerte es, bis die mittlerweile profitable Firma den ersten Satelliten im All absetzte - und keine neun Jahre, bis es gelang, eine eigene Raumkapsel in den Orbit und dann wieder zurück zur Erde zu fliegen.

»Eine Frage der Effizienz und Einfachheit«, sagt der Chef kühl, um dann doch kurz von der »genialen Technologie, vielleicht der fortschrittlichsten auf der Welt«, zu schwärmen. Nicht viele widersprechen ihm da, am wenigsten die Nasa, für die SpaceX jetzt als Nachfolger des Space Shuttle zur internationalen Raumstation ISS fliegt. An Raketenpatente glaubt Musk nicht, er will einfach den Russen und Chinesen immer ein Stück voraus sein. Daher produziert er auch relativ teuer in Kalifornien und nicht etwa in China.

»Wenn die Chinesen unsere Technologie bekommen, dann werfen sie uns aus dem Markt. Wir müssen vorsichtig sein«, sagt er. Also weitererfinden: Auf Musks Gesicht zeigte sich ein echtes Jungenlächeln, als er dieses Jahr auf der Technologie-Konferenz TED auftrat und sein neuester Coup gezeigt wurde: eine Trägerrakete, die nach dem Start nicht einfach abgesprengt wird, sondern im Ganzen senkrecht wieder auf der Erde aufsetzt - wie in den Comics, die er als Junge las.

Bald will er reichen Privatpersonen Raumflüge anbieten, aber am Ende sollen billige Marsflüge für Jedermann stehen. Wenn die Menschheit überleben wolle, könne sie sich nicht auf einen Planeten beschränken, meint der gelernte Physiker. Entweder multiplanetar oder gar nicht, so sieht er unsere Zukunft. Somit ist er wieder am Ausgang seiner Pläne. Am Anfang stand nämlich die Idee eines Treibhauses auf dem Mars - damit Menschen dort leben könnten.

Mit dem eigenen Düsenflugzeug über Nevada donnern - »ein riesiger Spaß«

Computer? Autos? Raketen? Ist Elon Musk ein großes Kind - oder ist er wirklich ein Helfer der Menschheit? Jedenfalls ein Mann, der kein Risiko scheut. Begeistert erzählt er von seinem russisch-tschechischen Kampfjet namens L-39, mit dem er früher im Tiefflug über Nevada hinwegdonnerte und Freunde in deren Düsenflugzeugen verfolgte - wie in Star Wars. »Das war ein riesiger Spaß«, sagt er. »Aber wenn ein Arbeiter bei der Herstellung eine bestimmte Schraube nicht hart genug angezogen hätte, hätte ich da keine Überlebenschance gehabt.«

Und wenn Tesla, die Autofirma, 2008 und 2009 nicht zweimal Glück gehabt hätte, wäre der wagemutige Mann heute pleite. Er hatte sich zwar Verlustgrenzen gesetzt, aber als die erreicht waren, wollte er die Firma partout nicht aufgeben, auch wenn er gerade Vater von Zwillingen und dann noch mal von Drillingen geworden war. »Ich dachte, reich kann ich zu einem anderen Zeitpunkt werden«, sagt er. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, am Weihnachtsabend 2008, bekam er eine neue Finanzierungsrunde zustande. 2009 hätte auch das nichts genützt, wäre der deutsche Daimler-Konzern nicht mit rund 50 Millionen Dollar eingestiegen.

Fast alle großen Unternehmer sind durch solche Phasen gegangen, aber kaum einer hat nebenbei noch Raketen gebaut. Tesla musste sein, um dem Wahnsinn mit dem Öl zu entkommen, findet Musk, der Physiker. »Benzinmotoren sind absolut lächerlich. Manchmal fallen sie aus. Wenn nicht, dann pusten sie übles Zeug in die Luft und sind laut. Dabei verschwenden sie enorm viel Energie. Und warum das alles? Nur wegen der größeren Reichweite. Das Problem mussten wir lösen.«

Angetrieben werden Musks Autos von Tausenden kleiner Handy-Batterien. Die sind für ihn die Energiebank, deren Inhalt man optimal nutzen muss. Also schaltet die Software sie nur dann ein, wenn ihre Energie wirklich gebraucht wird. Der Luftwiderstand muss gering sein, das Gewicht ebenso. Lange bevor BMW sein künftiges E-Auto mit Karbon konstruierte, bestand Musk schon auf dem Werkstoff.

Und doch lief es nicht rund bei Tesla. Zulieferer verlangten für die Einzelteile horrende Preise, weil sie nicht glauben wollten, dass die Stückzahlen in die Höhe schnellen würden. Auch das Experiment, zur Ablösung von Musk einen Geschäftsführer von außen zu holen, schlug fehl. Dann kam endlich das erste Modell auf den Markt, und wieder wollte Musk abtreten und sich den Raketen widmen. Doch dann musste er dem neuen Investor Daimler versprechen, selbst Chef zu bleiben.

Also führt er zwei Unternehmen. »Psychisch gesund ist das nicht«, sagt er. Eine ehemalige Mitarbeiterin von Tesla berichtet, dass es mit Musk chaotisch gewesen sei. Oft war er nicht da, dann musste alles ganz schnell gehen. »Stimmt schon«, sagt Musk nach einiger Überlegung, »aber das kann man im Moment nicht ändern.«

Wutanfälle seien selten, behauptet er, »nur einmal im Jahr, früher öfter«. Aber immer noch frustriert es den Mann mit der 80-Stunden-Woche, der jedes Detail kennt, wenn etwas nicht funktioniert. Er will, dass die Mitarbeiter sich für seine Vision reinhängen - und ihm die Meinung sagen, wenn er mal falschliegt. Seine Ansprüche an die Menschen sind genauso gewaltig wie seine Ideen.

Wo steht er heute? In diesem Jahr schrieb Tesla den ersten Quartalsgewinn, die neue, teure Limousine mit einer Reichweite von bis zu 500 Kilometern hat sich schon 10.000 Mal verkauft. Das geplante dritte Modell, ein Mittelklasse-Auto, werde viel mehr Leute erreichen, sagt Musk. »Das ist die Vision: günstige E-Autos für viele Menschen.«

Dass die Konzerne behaupteten, E-Autos seien nur für Kurzstrecken, regt ihn auf. Er ist angetreten, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Immerhin kaufen Daimler und Toyota bei Tesla allerhand Komponenten ein. Und in Kalifornien stehen die ersten »Supertankstellen«, an denen Tesla-Autos in 30 Minuten nachtanken können. Gebaut werden sie von Musks dritter Firma, einem Unternehmen für Solarenergie. Dort leitet ein Cousin das Geschäft.

Flüge zum Mars, E-Autos für jedermann - und welches Problem will er noch lösen? »Jetzt gar keines«, sagt er, sonst würde er wahnsinnig. Aber langfristig, nun ja, ein senkrechtstartendes Überschallflugzeug könnte man gebrauchen. Und: »Energieerzeugung durch Fusion«. Er hofft, dass andere diesen Menschheitstraum erfüllen. »Aber wenn nicht, dann versuche ich es irgendwann vielleicht. Das Problem wäre den Aufwand wert.«

Aus DIE ZEIT :: 20.06.2013

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