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Der Sachsen-Express - die TU Dresden auf dem Weg zur Elite-Uni

VON JAN-MARTIN WIARDA

Die TU Dresden hat beste Aussichten, eine Elite-Universität zu werden. Wie hat sie das geschafft?

Der Sachsen-Express - Die TU-Dresden auf dem Weg zur Elite-Uni© kryczka - iStockphoto.comIn der Nanotechnologie gehört die TU Dresden schon jetzt zur Weltspitze. Reicht es bald zur Elite-Universität?
Wenn Thomas Mikolajick erklären möchte, worüber er sich den ganzen Tag den Kopf zerbricht, kramt er einen USB-Stick hervor. Das kleine rote Ding in seiner Hand ist die Lösung. Und das Problem. Die Lösung, weil es Ingenieuren wie ihm gelingt, auf immer kleinerem Raum immer mehr Daten unterzubringen. Und das Problem, weil sie irgendwann doch am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt sein werden. »Informationen lassen sich immer nur an der Schnittstelle zweier Materialien abspeichern«, sagt Mikolajick. »Und spätestens wenn wir diese Bauelemente auf Atomgröße geschrumpft haben, lassen sich solche Übergänge nicht mehr konstruieren.« Also noch ewig hin, könnte man denken. Nein, 2020 ist es so weit, schätzt Mikolajick. Wo die herkömmliche Elektrotechnik an Grenzen stößt, fängt die Arbeit des Nanoforschers und seiner 56 Kollegen erst an: Sie sind auf der Suche nach neuen Speicherformen jenseits allen bisher Gedachten. Eine bunte Truppe hat sich da zusammengefunden: IT-Experten, Softwareentwickler, Elektroingenieure, Chemiker, Biologen. Gemeinsam bilden sie das Center for Advancing Electronics Dresden, den kommenden, so hoffen sie, Exzellenzcluster der Technischen Universität Dresden. Eine der Trumpfkarten der Sachsen, wenn im Juni zum letzten Mal Deutschlands forschungsstärkste Unis gekürt werden.

Vor allem aber ist es ein faszinierendes Forschungsabenteuer, zu dem Mikolajicks Truppe aufgebrochen ist: Sie kennen das Ziel, wissen aber nicht, welcher Weg sie hinführen wird. Weshalb sie gleich sieben davon definiert haben, einer ausgefallener als der andere. Sie wollen zum Beispiel die DNA aus Zellen herausschälen, die verschlungene Strukturen weit unterhalb der von Menschen formbaren Dimensionen bildet, mit einem Metall beschichten und so als elektronischen Baustein nutzbar machen. Es wäre ein gewaltiger Durchbruch, wenn ihnen das gelänge. Dass er in Dresden geschähe, wäre weniger sensationell. Schritt für Schritt hat sich die TU zu einer der führenden deutschen Hochschulen aufgeschwungen und gilt mittlerweile als einer der Topfavoriten im Rennen um den begehrten Status einer »Eliteuniversität«. Schon in der ersten Runde der sogenannten Exzellenzinitiative 2006 war sie die einzige ostdeutsche Uni, die zwei Förderanträge - einen für einen Exzellenzcluster, einen für eine Graduiertenschule - durchbrachte. Beim Wettstreit um die Elite-Titel scheiterten allerdings auch die Sachsen. Doch im Gegensatz zur Berliner Humboldt-Uni, deren damaliger Präsident sich in die ostdeutsche Schmollecke zurückzog, entschieden sich die Dresdner für die Flucht nach vorn: Eigentlich, so lautete ihre selbstbewusste Botschaft, sei man längst reif für den Exzellenzstatus. Wenn nur die sächsische Ministerialbürokratie mit ihren ganzen Vorschriften nicht wäre! Sprachen es - und zündeten trotzig die nächste Stufe ihres Aufstiegsprogramms.

Die Bilanz ist beeindruckend: Zwischen 2005 und 2010 haben die TU-Wissenschaftler die Summe der jährlich eingeworbenen Forschungsgelder um über 100 Millionen Euro gesteigert - ein Plus von 98 Prozent. Eine ähnliche Dynamik gab es bei den Publikationen: Ihre Zahl wuchs zwischen 2001 und 2009 um 37 Prozent; unter den führenden deutschen Technischen Universitäten ist sie damit von Platz 4 auf Platz 2 vorgerückt - hinter München, aber vor den Exzellenzuniversitäten Aachen und Karlsruhe. Bei der Zahl der Patente liegt die TU Dresden sogar an der Spitze. Statistiken, die Hans Müller-Steinhagen in letzter Zeit häufiger herunterbetet. Er hatte viel Besuch hier oben im ersten Stock des Rektoratsgebäudes: Gutachter, Politiker, Journalisten. Sie alle gilt es zu überzeugen, wenn man Elite-Uni werden will. Früher residierte in der Villa eine Studentenverbindung, die Kacheln im Treppenhaus erzählen die Geschichten fechtender Studenten mit Kappen und Trinkhumpen. Das ist die Vergangenheit. Die Zukunft wirft der Rektor mit dem Beamer an die Wand. Jede Menge beeindruckende Diagramme. Fragt man ihn, was abseits der Kennziffern das Geheimnis der Dresdner ausmacht, sagt er: »Das hat vor allem mit ein paar klugen Leuten zu tun, die schon vor Jahren die Weichen richtig gestellt haben.«

Ein uneitler Satz für einen Rektor, der sich in kurzer Zeit den Ruf eines versierten Hochschulmanagers erarbeitet hat - der 58 Jahre alte Maschinenbauingenieure ist erst seit August 2010 im Amt. Für einen, der die von seinem Vorgänger Hermann Kokenge eingeleitete Modernisierung geschickt weiterführt - mit einem Ausmaß an Diplomatie, das sogar die verbliebenen Exzellenzgegner weitgehend ins Boot geholt hat. Womöglich aber sind es eben Sätze wie diese, die mehr über den Erfolg der Dresdner verraten, als all die komplizierten Konzepte, die sie natürlich auch entworfen haben, es je könnten. »Wir haben einen kooperativen Geist«, sagt Roland Sauerbrey. »Keiner zieht den anderen über den Tisch, wir verfolgen unsere Ziele gemeinsam.« Sauerbrey ist Wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz-Zentrums Dresden-Rossendorf, eines Komplexes aus DDR-Betonwürfeln und modernen Glasbauten mitten im Wald. Zwischen Forschungszentrum und TU liegen 20 Kilometer und eine trödelige Busverbindung. Doch im Kopf von Sauerbrey sind sie sich ganz nahe. Der 59-jährige Physiker ist einer der klugen Leute, die Müller-Steinhagen meint. Als Dresden all die neu gekürten westdeutschen Elite-Unis an sich vorbeiziehen sah, haben sie sich zusammengesetzt und analysiert, warum die bekamen, was ihnen versagt blieb. Das Ergebnis: »Die haben ihre Zusammenarbeit mit der außeruniversitären Forschung als etwas ganz Neues verkauft.«

Das hat die Runde gewurmt, pflegen sie hier doch schon seit vielen Jahren das, was sie anderswo erst mühsam, dafür aber mit viel Tamtam aufbauen mussten: ein gut funktionierendes wissenschaftliches Netzwerk von vier Fraunhofer-, drei Max-Planck- und drei Leibniz-Instituten, einem Helmholtz-Zentrum, zwei Museen, der Landesbibliothek und der TU. Aber eben ein inoffizielles. Diese Erkenntnis der damaligen Runde aus Institutsdirektoren und Uni-Rektor Kokenge war die Geburtsstunde dessen, was heute als »Dresden Concept« das Rückgrat der Dresdner Exzellenzbewerbung bildet. »Man darf eben nicht nur gut sein, man muss es auch zeigen«, sagt Sauerbrey.

Womöglich ist das der Kern der Exzellenzinitiative und die Lektion, die die Ostdeutschen erst lernen mussten. Und wie sie sie gelernt haben. Das gilt für die stets zur Schau getragene Harmonie, die immer an der Grenze des Glaubwürdigen kratzt, und für die professionelle Art, wie sie mittlerweile ihre Forschung präsentieren. Da erfahren Besucher dann, dass Dresden nicht nur in Sachen Nanotechnologie zur Weltspitze zählt, sondern auch, dass sie in Rossendorf das weltweit zweitstärkste gepulste Magnetfeld erzeugen können. Womöglich führt man sie in eine Montagehalle und zeigt ihnen den Riesentrichter, mit dem Helmholtz-Forscher den Stahlguss revolutionieren wollen. Oder die Besucher bekommen Kittel und Strahlenmessgerät umgehängt und finden sich im Institut für Radiopharmazie wieder. Hinter einer dicken Metalltür beginnt das Reich von Ralf Bergmann. Der kleine Mann mit den getönten Brillengläsern begrüßt seine Gäste gern mit einem eigenartigen Superlativ. »Sie sehen hier die größte Tier-Tomografen-Dichte der Welt.« Die meterhohen Geräte haben in der Mitte eine nur zentimetergroße Öffnung samt Miniliege aus rostfreiem Stahl. Hier legen sie Mäuse darauf und schieben sie in den Scanner. Bergmann betont, dass seine Mäuse ganz besondere sind. Erstens haben sie keine Haare. Zweitens kaum ein Immunsystem, weshalb sie hinter Glas leben müssen. Weil sie ihnen nämlich drittens nur so einen Tumor aus menschlichem Gewebe einpflanzen können, ohne dass ihn ihr Körper abstößt. Sie spritzen den Mäusen radioaktive Substanzen, die den Krebs auf den Bildschirmen der Positronen-Emissions-Tomografen als helle Punkte sichtbar machen. Oder nukleare Arzneimittel, die die Tumoren oder Metastasen eines Tages erst aufspüren und dann mit einer hohen Strahlendosis direkt vor Ort vernichten können sollen. Bis es so weit ist, werden sie aber noch viele Mäuse in die Geräte schieben. Immerhin würden die einen »putzmunteren Eindruck« nach dem Scan machen, versichert Bergmann.

Sein Institut gehört zum von TU, Helmholtz und Uni-Klinik gemeinsam betriebenen Nationalen Zentrum für Strahlenforschung in der Onkologie (Onco-Ray), einem weiteren zentralen Projekt für die Dresdner Exzellenzbewerbung. Die Fortschritte, die sie hier auf dem Gebiet der sogenannten Radiodiagnostika und Radiotherapeutika erreichen, sind beachtlich. Das Gleiche gilt für die neue Generation von Laserbeschleunigern für die Strahlentherapie, an denen sie tüfteln: Mithilfe neuer Magneten wollen sie die Führung der Protonenstrahlen verbessern. Die Reise durch die Dresdner Spitzenforschung ließe sich beliebig fortsetzen, doch würde dadurch die entscheidende Frage nicht beantwortet: Warum hier? Warum jetzt? - Womöglich, weil zu dem erstaunlichen Teamgeist der Dresdner etwas Zweites hinzugekommen ist: Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hat nicht nur sein Gesicht für die TU-Plakatkampagne zur Verfügung gestellt und Lobeshymnen gesungen, sondern auch finanzielle Garantien abgegeben, von denen andere Bewerber-Unis nur träumen können. Was umso paradoxer erscheint angesichts der Kürzungsorgie, mit der Tillich ansonsten die Schulen und Hochschulen seines Landes inklusive TU überzieht und die sogar seinen eigenen Kultusminister zum Rücktritt bewegt hat. Tillich, so scheint es, ist dabei, in Sachen Bildung alles auf eine Karte zu setzen. Und die heißt Exzellenzinitiative.

Für den Rektor Müller-Steinhagen bedeutet das allerdings eine Zwickmühle. Einerseits muss er sich gut stellen mit Tillich, damit dessen Unterstützung bei der Exzellenzinitiative anhält. Andererseits muss er ihm ab und zu Contra geben, damit sie an der Uni zufrieden sind. Das Erstaunliche ist: Irgendwie bekommt er das hin. Etwa Anfang des Jahres, als der Rektor angesichts einer Unterfinanzierung von 50 Millionen Euro erst mit der Einstellung von Studiengängen und mit neuen Zugangsbeschränkungen drohte, um nur Stunden später zurückzurudern. Natürlich sei die TU trotzdem »hervorragend aufgestellt«, manche seiner Formulierungen hätten wohl zu Missverständnissen geführt. Was anderswo als Herumlavieren ausgelegt würde, wird Müller-Steinhagen in Dresden sogar von vielen Studenten hoch angerechnet. Natürlich werde man gegen die Sparpläne der Regierung auf die Straße gehen, sagt die studentische Senatorin Jana Krautz, »aber das hat doch nichts mit der Strategie unseres Rektors in der Exzellenzinitiative zu tun«. Der sei ehrlich um das Wohl der Uni bemüht. Und ihr Kollege Sebastian Hübner äußert sich fast schon dialektisch: »Auch wenn ich persönlich nicht viel von diesem Wettbewerb der Universitäten halte, solange es ihn gibt, sollten wir mitmachen, und da bin ich froh, dass wir eine so schlagkräftige Truppe in der Hochschulleitung haben.«

Da ist sie wieder, diese sächsische Mischung aus Pragmatismus, Teamgeist und Diplomatie. Als neulich doch ein paar Zornige die Rektoratsvilla stürmten und ein Transparent vom Balkon hängten, kamen nicht Polizisten, sondern andere Studenten und redeten beschwichtigend auf sie ein. Das sei ja wohl nicht die richtige Form des Protests. Woraufhin die Aktivisten ihr Transparent noch am selben Abend einpackten. Müller-Steinhagen hat dann übrigens bis kurz vor Mitternacht mit den verhinderten Besetzern diskutiert. Man sagt, danach habe er wieder ein paar Fans mehr gehabt.

Aus DIE ZEIT :: 12.04.2012

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