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Der Strippenzieher

VON JAN-MARTIN WIARDA

Er prägte das Bildungssystem einst wie kein Zweiter - diese Woche wäre Hellmut Becker 100 Jahre alt geworden.

Der Strippenzieher© Alexander Kuzovlev - iStockphoto.comHellmut Becker hat als erster Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung das deutsche Bildungssystem geprägt
Ende 1958 tippt der 45 Jahre alte Rechtsanwalt Hellmut Becker, wohnhaft in Kressbronn am Bodensee, einen vier Seiten langen Essay mit dem Titel Warum benötigen wir ein Institut für Recht und Soziologie der Bildung? in seine Schreibmaschine. Er verschickt ihn an ein paar Dutzend seiner besten Bekannten. »Unser zurzeit noch bestehendes Bildungssystem«, schreibt Becker, »war die Antwort auf die geistige und gesellschaftliche Situation zu Beginn des 19. Jahrhunderts. (...) Wir benötigen eine sorgfältig erwogene Umwandlung unseres Bildungssystems auf Grund wissenschaftlicher Forschungen.« Beckers Vision ist die eines Bildungssystems ohne Schranken; eine selbstverwaltete Schule, die nach den neuesten Erkenntnissen der pädagogischen Forschung ständig weiterentwickelt wird und in der statt Zucht und Ordnung Kreativität und kritischer Geist herrschen. Heute ruft der Name Hellmut Becker bei den meisten nur noch fragende Blicke hervor. Seine einstige Bedeutung, aber auch das Tempo, mit dem er in Vergessenheit geraten ist, sagen viel aus über einen Mann, der in den sechziger und siebziger Jahren als »heimlicher Bundeskultusminister« galt.

Fest steht, dass Becker das bundesdeutsche Bildungssystem für ein paar Jahre geprägt hat wie kein Zweiter. Fest steht aber auch, dass schon wenig später kaum einer mehr etwas von seinen Ideen wissen wollte. Am 17. Mai wäre Becker 100 Jahre alt geworden. Ein Jurist ohne Doktortitel, ohne einschlägige wissenschaftliche Publikation. Ein Mann, der in der deutschen Öffentlichkeit bis zu seinem Essay eigentlich nur als einer der jungen Anwälte in Erscheinung getreten ist, die 1947 im sogenannten Wilhelmstraßenprozess Nazigrößen verteidigt haben. Und doch gelingt Becker das schier Unglaubliche: Er bringt die mächtige Max-Planck-Gesellschaft dazu, ein Institut für Bildungsforschung für ihn zu gründen.

Wenn man sich vor Augen führt, wie zu jener Zeit die Machtzirkel der Bundesrepublik funktionierten, ist Beckers Erfolg jedoch nicht mehr ganz so überraschend. Becker ist der Sohn des langjährigen preußischen Kultusministers und Hochschulreformers Carl Heinrich Becker, damit hat er ein allumfassendes Netzwerk quasi mit auf den Weg bekommen. Seine Familie ist seit Langem befreundet mit dem damals wohl bekanntesten deutschen Pädagogen Georg Picht, der 1964 unter anderem im Spiegel die deutsche Bildungskatastrophe ausruft - mitten in die Gründungsphase des neuen Instituts hinein. Eine andere Familie, die mit den Beckers eng verflochten ist, sind die von Weizsäckers. Ernst von Weizsäcker, SS-Brigadeführer und bis 1943 Staatssekretär im Außenamt, war Beckers Mandant im Wilhelmstraßenprozess, sein Sohn Richard hat Becker dabei als Assistent zur Seite gestanden. Der spätere Bundespräsident wird sich während seiner gesamten politischen Karriere immer wieder für Becker und sein Institut starkmachen. Ebenso wie sein Bruder, der einflussreiche Physiker und spätere Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker, mit dem Becker während seiner Zeit als Assistent an der 1941 gegründeten Reichsuniversität Straßburg zusammenwohnte.

Das geerbte Netzwerk baut Becker zügig aus, um seine ehemaligen Mitschüler an der prominenten Internatsschule Salem und an dem nicht weniger exklusiven Berliner Arndt-Gymnasium und um alle anderen, die ihm und seiner Sache irgendwie nützlich sein konnten: den Max-Planck-Präsidenten Adolf Butenandt zum Beispiel, den sozialdemokratischen Spitzenpolitiker Carlo Schmid, die FDP-Bildungspolitikerin Hildegard Hamm-Brücher, die Soziologen Max Horkheimer und Jürgen Habermas, die spätere ZEIT-Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff und den ersten US-Botschafter in der Bundesrepublik, James B. Conant.

Hilfreich ist auch Beckers Hang zur Strippenzieherei: Dass er als Ort für das neue Institut das gerade eingemauerte West-Berlin vorschlägt, dem man zu der Zeit kaum etwas verwehren mag, gehört ebenso zu seinen Winkelzügen wie das geschickt gestreute Gerücht, wenn Max-Planck nicht wolle, stehe die Thyssen-Stiftung als Trägerin des Instituts bereit. 1963 nimmt das neu gegründete Institut seine Arbeit auf und entwickelt sich binnen weniger Jahre zur führenden wissenschaftlichen Einrichtung auf diesem Feld. Das heute so omnipräsente Wort »Bildungsforschung« haben sich der Institutsdirektor Becker und sein Gründungsteam überhaupt erst ausgedacht. Becker entwickelt schnell ein Händchen dafür, neben den großen Namen auch die vielversprechendsten Nachwuchswissenschaftler einer ganzen Generation an sein junges Institut zu locken. Und während seine Leute mit in Deutschland noch nie erprobten empirischen Methoden experimentieren, während sie bis heute gültige Ansätze der Schulforschung begründen und sich erstmals an systematische Untersuchungen des Hochschul- und Ausbildungswesens heranwagen, beginnt der heimliche Bundeskultusminister Hof zu halten. Das Privathaus Becker wird ein Mittelpunkt der kleinen West-Berliner Intellektuellenszene, Becker parliert und sinniert und netzwerkt sich durch die bundesdeutsche Politik.

Eine Stimme für die Bildungsforschung

Hellmut Becker

wurde vor 100 Jahren, am 17. Mai 1913, als Sohn des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker geboren. Im Russlandfeldzug wurde er verwundet. Nach dem Krieg bastelte er zunächst an seiner juristischen Karriere. 1956 wurde er Präsident des Volkshochschulverbands und 1963 erster Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. 1981 emeritierte er, blieb aber bis zu seinem Tod 1993 einer der meistzitierten und einflussreichsten Bildungsforscher. Viel wichtiger als seine eigene wissenschaftliche Leistung - das befinden sogar seine Freunde - ist aber, dass er anderen die Forschung ermöglicht und der Forschung eine Stimme gegeben hat.

Das Institut

wurde 1963 gegründet. Anfangs war das Institut für Bildungsforschung der Max-Planck-Gesellschaft nur assoziiert - die Wissenschaftsorganisation fremdelte mit den Sozialwissenschaftlern. Doch schnell entwickelte sich das Berliner Institut zur führenden Denkfabrik in Bildungsfragen. Ob Wolfgang Edelstein, Karl Ulrich Mayer, Gerd Gigerenzer, Paul Baltes, Jutta Allmendinger oder der Pisa-Papst Jürgen Baumert: In den vergangenen 50 Jahren haben viele prominente Wissenschaftler dort geforscht. Zurzeit spielen Entscheidungsforschung und Entwicklungspsychologie eine zentrale Rolle.
Mit 50 Jahren Abstand scheint es so, als sei Becker der richtige Mann zur richtigen Zeit gewesen. Die Bundesrepublik giert bis tief in die bürgerlichen Eliten hinein nach einem gesellschaftlichen Neuanfang, einem sozialen Aufbruch, der dem wirtschaftlichen Wiederaufstieg folgen soll. Und Becker gehört zu jenen, die die Deutschen mit den Visionen versorgen, die sie sich so sehr wünschen. Statt obrigkeitlichmuffiger Politik eine Herrschaft weltoffener Sachlichkeit: Das ist das Angebot, das Becker und seine Mitstreiter der Gesellschaft machen. Ein Verständnis, das die Wissenschaft zur Beraterin der Politik macht. Oder, wie Becker es schon in seinem Essay 1958 formuliert: »Diese Forschungen nehmen den Politikern keine Entscheidungen ab, aber sie machen sie ihnen möglich.«

Becker bringt seine Ideen auch als stellvertretender Vorsitzender des 1965 gegründeten Bildungsrats, einer Art Pendant des immer noch existierenden Wissenschaftsrats, unters Volk. Außerdem als Diskussionsleiter der Bergedorfer Gespräche, die in den sechziger Jahren zu einem Kulminationspunkt der Bildungsreform wurden. Und zeitweise veröffentlichte er fast monatlich seine Essays in der ZEIT.

Ein typischer visionärer Artikel von ihm aus der ZEIT vom 24. Oktober 1969 schaut ins Jahr 2004: »Wir müßten also jetzt wissen, wie die Umwelt des Menschen, sein Beruf, seine Lebensweise im Jahre 2004 aussehen, wenn wir im Jahre 1970 eine angemessene Schule entwickeln wollen. Natürlich können wir das nicht wissen. Deshalb sind wir gezwungen, unsere Lernziele weniger detailliert zu fixieren, das Bildungswesen offener zu gestalten und die Fähigkeit, Neues zu lernen, zum wichtigsten Lernziel zu machen. Die Vermittlung eines festen Bildungskanons, wie er der Schule von gestern eigen war, würde den Menschen in der Zeit der ständigen Beschleunigung des gesellschaftlichen Wandels und der Explosion des Wissens in seinem Wirken praktisch blockieren.«

Dass solche Sätze konservative Pädagogen verärgern mussten, liegt auf der Hand. Umso mehr, weil zu den Antworten, die Becker und sein Institut anboten, die Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem gehörte. Die gerade erst befriedete, über 40 Jahre lang tobende Auseinandersetzung um die Gesamtschule hat im Institut für Bildungsforschung mit ihren Anfang genommen. Hellmut Becker gehörte zu den Stars der Reformpädagogikszene. Behält man dies im Hinterkopf, versteht man, warum das Institut im Verlauf der siebziger Jahre immer stärker unter politischen Druck geriet: Es sei ein Hort linksradikalen Gedankenguts, ereiferten sich rechte Politiker. Der Netzwerker Becker, der selbst eher der FDP nahestand, musste immer mehr Zeit am Telefon mit den Mächtigen verbringen und Briefe an die richtigen Adressen schreiben, um sein Institut aus der Schusslinie zu bringen. Währenddessen ebbte die Bildungsreformbegeisterung der Bundesdeutschen allmählich ab. Was die Reformer wollten, seien doch »antiautoritäre Phantastereien«, hieß es plötzlich. Die Wortmeldungen aus dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurden seltener. 1981 ging Becker in Pension. Sein Institut schien aus der Zeit gefallen, wurde als Schließungskandidat gehandelt - und schaffte am Ende doch den Neuanfang.

Becker selbst blieb bis zu seinem Tod 1993 und darüber hinaus eine Lichtgestalt der Bildungsreformer. Erst in den vergangenen zehn Jahren kam es zu Brüchen in seinem makellosen Erscheinungsbild. So hatte Becker sein Leben lang verschwiegen, dass er selbst Mitglied der NSDAP gewesen war. Und im Missbrauchsskandal um die Odenwaldschule wurde ihm posthum vorgeworfen, er habe von den pädophilen Neigungen des nicht mit ihm verwandten Gerold Becker gewusst und ihm dennoch zum Schulleiterposten verholfen.

Wahr ist aber auch: Die viel beschworene empirische Wende der Bildungspolitik, die Ende der neunziger Jahre das Bildungssystem erfasst hat und in den international vergleichenden Schulleistungsstudien Pisa, Timss & Co. gipfelte, hatte eine ihrer wichtigsten Wurzeln Jahrzehnte zuvor: in dem vierseitigen Aufsatz eines Kressbronner Rechtsanwalts.

Aus DIE ZEIT :: 16.05.2013

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