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Der Tenure Track bietet nur wenige Gewissheiten


Von CATHY TROWER

An den Universitäten der Vereinigten Staaten ist der Tenure Track seit Jahrzehnten fest etabliert und das große Ziel der meisten Nachwuchswissenschaftler. Wie ist die gegenwärtige Situation angesichts vieler finanzieller Kürzungen an den Hochschulen in den USA? Fragen an eine Hochschulforscherin der Harvard-University.

Der Tenure Track bietet nur wenige Gewissheiten© Forschung & LehreCathy Trower, Senior Research Associate der Harvard-Universität, gibt Antworten zum Thema Tenure Track
Forschung & Lehre: Der Tenure Track ist für die Mehrheit der Nachwuchswissenschaftler nach wie vor oberstes Ziel. Professoren in Lebenszeitstellung oder mit Tenure Track-Option scheinen an den Universitäten des Landes jedoch klar zu einer Minderheit zu werden. Worin sind die Gründe für diese Entwicklung zu suchen?

Cathy Trower: Es gibt zwei Hauptgründe. Erstens stellen die Universitäten zunehmend Mitarbeiter außerhalb des Tenure Track-Systems ein, weil sie diese Möglichkeit haben. In vielen Bereichen gibt es ein Überangebot an Kandidaten mit Doktortitel, die eine wissenschaftliche Position anstreben. Einrichtungen nutzen die Möglichkeit, hervorragend qualifizierte Mitarbeiter einstellen zu können, ohne Zusagen auf Lebenszeitstellungen in wissenschaftlichen Bereichen mit unbekannter Zukunft geben zu müssen. Zweitens stehen viele Nachwuchswissenschaftler der Tenure Track-Option zwiespältig gegenüber. Sie wissen zwar um die Vorteile einer sicheren Stelle und den Status von Professoren mit Lebenszeitstellung, aber sie wissen auch, dass sich die Welt verändert hat. Wenn sie in Zusammenarbeit mit hervorragenden Doktoranden interessante universitäre Spitzenforschung betreiben möchten, steht ihnen eine Vielzahl an Vollzeitstellen ohne Tenure Track-Option offen. Meine eigene Forschungsarbeit hat gezeigt, dass insbesondere Frauen bereit sind, für eine höhere Lebensqualität Positionen ohne Tenure Track-Option anzunehmen.

F&L: Positionen auf Lebenszeit hatten ursprünglich den Zweck, Professoren akademische Freiheit zu geben. Denken Sie, dass der Rückgang solcher Positionen an den Universitäten diese Freiheit und auch die Qualität von Forschung und Lehre gefährdet?

Cathy Trower: Ich persönlich bin nicht der Meinung, dass die wissenschaftliche Freiheit gefährdet ist oder die Qualität von Forschung und Lehre leidet. Ich bin der Ansicht, dass jeder Lehrende über wissenschaftliche Freiheit verfügen sollte, nicht nur Professoren auf Lebenszeit. Wissenschaftliche Freiheit kann nicht nur durch eine Lebenszeitstellung geschützt werden, sondern auch durch vertragliche Vereinbarungen, und dies geschieht auch. Meiner Ansicht nach haben die Qualität von Forschung und Lehre wenig mit wissenschaftlicher Freiheit oder Lebenszeitpositionen zu tun. Es gibt mehr als genug Beispiele für Spitzenforscher und großartige Dozenten, die ohne Tenure Track hervorragende Arbeit leisten. Denken Sie beispielsweise nur einmal an die Mitarbeiter in Kliniken medizinischer Fakultäten.

F&L: Es ist nicht einfach, eine Tenure Track-Position zu erringen, eine Stellung auf Lebenszeit zu erreichen ist noch schwieriger. Warum ist das so?

Cathy Trower: Hauptsächlich aus den bereits genannten Gründen - es werden weniger Tenure Track-Positionen ausgeschrieben, da Institutionen teilweise auf einem Käufermarkt agieren. In vielen Fachgebieten besteht ein Überangebot an promovierten Kandidaten. Die Situation ist also einerseits den Marktkräften geschuldet. Andererseits haben sich die Art der wissenschaftlichen Tätigkeit und die Erwartungen an Mitarbeiter mit den technologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten verändert. Lebenszeitpositionen scheinen so etwas wie ein Relikt aus alten Zeiten zu sein. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte das Konzept sicherlich seine Berechtigung. Heute besitzt es nicht mehr dieselbe Relevanz.

F&L: Ist es für Frauen schwieriger, eine Lebenszeitposition zu erlangen?

Cathy Trower: Trotz der Aufmerksamkeit, die der Gleichstellung in der Hochschulbildung seit Neuerem gezollt wird, ist es für Frauen nach wie vor schwierig, Lebenszeitpositionen zu erlangen oder aufzusteigen. Ursachen sind die Organisationsstruktur, Aspekte der Work-Life-Balance, unbewusste Vorurteile und Stereotypen über Geschlechterrollen, insbesondere in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Die Daten belegen ganz klar, dass Frauen mit geringerer Wahrscheinlichkeit Lebenszeitpositionen erlangen und auf Vollzeitstellen aufsteigen, insbesondere an Forschungsuniversitäten und in MINT-Fächern. Auf jeder Stufe des Weges zur Lebenszeitstellung und Professur scheiden Frauen aus: von der Promotion zu Tenure Track-Positionen, vom Juniorprofessor zum außerordentlichen Professor und vom außerordentlichen Professor zum Professor. Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Situation teilweise Vorurteilen und Hindernissen und teilweise den Entscheidungen geschuldet ist, die Frauen zu ihrer Lebensführung und Lebensqualität treffen, insbesondere, wenn sie Kinder haben möchten.

F&L: Ein Ziel Ihrer Studie ist die Verbesserung der Arbeitssituation in der Wissenschaft. Was ist wesentlich, um eine Fakultät oder Universität zu einer besseren Arbeitsstätte zu machen?

Cathy Trower: Zwei Dinge: eine gute Leitung und Engagement. Leitende Mitarbeiter müssen sich eingehend mit den Faktoren befassen, die die Zufriedenheit am Arbeitsplatz und die Mitarbeiterproduktivität beeinflussen. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Mitarbeitern die folgenden Punkte wichtig sind:
1. Unterstützung (Ressourcen, Personal) für Spitzenforschung und Spitzenlehre,
2. familienfreundliche Maßnahmen und Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
3. Klarheit der Verfahren zur Erlangung von Vollzeit- und Aufstiegspositionen,
4. Kultur der Kollegialität am Institut und
5. Betreuung und Kooperation. Wertschätzung, Respekt und Anerkennung von Mitarbeiterleistungen werden ebenfalls positiv bewertet.

F&L: Welchen Rat können Sie Nachwuchswissenschaftlern für eine erfolgreiche Universitätslaufbahn geben? Gibt es eine goldene Regel?

Cathy Trower: Der Tenure Track bietet nur wenige Gewissheiten, aber Personen, die eine solche Position erlangen, helfen sich selbst und anderen bewusst und systematisch, indem sie Rat und Unterstützung suchen, selbstbewusst auftreten, ohne selbstbezogen zu sein, und sich am Institut unentbehrlich machen.

Übersetzt von Delta International GmbH.


Über die Autorin
Cathy Trower ist Senior Research Associate der Graduate School of Education and Research und Direktorin der Collaborative on Academic Careers in Higher Education (COACHE) an der Harvard Graduate School of Education. Zum Thema liegt von ihr das Buch vor "Success on the Tenure Track: Five Keys to Faculty Satisfaction" (Johns Hopkins University Press, 2012).

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2013

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